Kerstin Brockmann https://www.tiefgang.net Tue, 18 Aug 2020 12:36:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 „Finger weg!“ https://www.tiefgang.net/finger-weg/ Fri, 21 Aug 2020 22:39:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7166 [...]]]> Aus einem Zitat eine ganze Geschichte zu entwickeln war eine Aufgabe in der Harburger Schreibwerkstatt. Hier lesen Sie eines der Ergebnisse …

Die Harburger Autorin Ute Holst ist seit Jahren Mitglied in der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ unter der Leitung von Kerstin Brockmann. Kürzlich gab die Leiterin ein Zitat vor (in diesem Falle von „Die Küchenuhr“, von Wolfgang Borchert), aus der nachfolgend die Schreibwerkstatt-Teilnehmenden eine eigene Geschichte entwickeln sollten.  Hier die Geschichte von Ute Holst …

Finger weg

von Ute Holst 

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, dass er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, war er in der Hand trug. 

Lisa drückte sich eng an ihren großen Bruder heran. Sie hatten sich in der Skateranlage ausgetobt und wollten sich nur einen Moment ausruhen bevor sie sich auf den Heimweg machten. Lisa war heilfroh, dass Ben zwischen ihr und dem Fremden saß. Der Mann war ihr unheimlich, sein Aussehen und seine Bewegungen passten nicht zueinander. Außerdem sprach der Unbekannte kein Wort. Er sah abwechselnd auf die Geschwister und auf seine geöffnete rechte Hand. Die linke verbarg er in der Tasche seiner von Flecken übersäten Hose. Sein Hemd war weit geöffnet und gab den Blick auf rote Flecken auf seinem Oberkörper frei, seine Schuhe waren verschlissen und verstaubt.

Verstohlen zupfte Lisa an Bens Pullover, sie wollte ihn zum Gehen auffordern, aber Ben starrte gebannt auf die Handfläche seines Sitznachbarn. „Was ist das?“, hörte sie ihren Bruder verwundert fragen. „Was könnte das denn sein?“, bekam er zur Antwort. Ben zuckte mit den Schultern: „Ich habe keine Ahnung was das sein könnte“, fragend sah er abwechselnd der Person neben sich ins Gesicht und auf das kleine Päckchen in der Hand des Fremden. Der Mann rückte bis auf die Kante der Bank vor und wandte sich an Lisa: „Was glaubst du, worum es sich handelt?“ Als Lisa keine Antwort gab und ängstlich den Blick abwandte, fragte er erneut: „Hast du denn gar keine Idee?“ Lisa räusperte sich verlegen und sprach mit leiser Stimme: „Sieht aus wie Liebesperlen, diese kleinen Bonbons aus Zucker.“

Der Unbekannte hob die Augenbrauen und sah die Geschwister mit großen Augen an: „Liebesperlen, so, so! Wie alt seid ihr?“ Lisa fühlte sich veralbert, was bezweckte dieser Mensch mit seiner komischen Fragerei, wollte er sich auf ihre Kosten lustig machen? „Ich bin vierzehn und meine Schwester ist zwölf“, flüsterte Ben zögerlich. Unbeeindruckt schaute der Fremdling von einem zum anderen und eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Lisa wurde immer unruhiger und rutschte neben ihrem Bruder hin und her. Sie zwickte Ben unauffällig in den Arm und als sie aufstehen wollten, um sich aus dieser merkwürdigen Situation zu befreien, sah der Mann sie bekümmert an und beschwor sie mit fester Stimme: „Bitte bleibt noch einen Moment. Ich kann verstehen, dass ihr Angst vor mir habt, aber ich werde euch nichts tun.“

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und stieß einen lauten Seufzer aus. „Als ich so alt war wie ihr, habe ich auch geglaubt, dass es sich bei diesen Kugeln um Süßigkeiten aus gefärbtem Traubenzucker handelt.“ Mit verzerrtem Gesicht schloss er seine Hand und ballte sie zur Faust. „Sie wurden mir geschenkt als ich noch ein unerfahrener Jugendlicher war.“ Verstohlen wischte er sich die Tränen vom Gesicht. „Ich war damals ziemlich auf mich allein gestellt, meine Eltern hatten keine Zeit für mich und Freunde hatte ich nicht.“ Er schluchzte leise und rieb sich die Stirn bevor er fortfuhr: „Immer, wenn ich diese Dinger genommen hatte, glaubte ich mich besser zu fühlen und stärker zu sein. Schließlich geriet ich sogar in Panik, wenn ich keine dieser Pillen mehr hatte. Doch der Typ, der sie mir anfangs geschenkt hatte, wollte plötzlich Geld dafür haben.“

Er machte eine Pause und schlug sich mit der Faust auf sein rechtes Knie: „Schon bald reichte mein Taschengeld nicht und auch meine Ersparnisse waren schnell ausgegeben.“ Nervös rieb er sich das Kinn: „Schließlich habe ich das Geld genommen, von dem ich eigentlich Lebensmittel einkaufen sollte.“ Heftig schüttelte der Unbekannte den Kopf und seine zerzausten Haare fielen ihm ins Gesicht. „Es dauerte nicht lange, bis meine Alten es bemerkt haben und es gab riesigen Ärger.“ Verlegen scharrte er mit den Füßen im Sand und schaute in die verängstigten Gesichter von Lisa und Ben. Lisa hielt den Arm ihres Bruders fest umklammert und ihren Blick gesenkt, sie wollte nur weg von hier. Bens Gesicht war kreidebleich, er brachte keinen Ton heraus, nickte nur ab und zu mit dem Kopf.

„Meine Eltern haben mich solange bearbeitet, bis ich mit der Sprache herausgerückt bin, wofür ich das Geld genommen habe“, erklärte der Mann stockend. Sein Gesicht in der rechten Hand verbergend sprach er weiter: „Sie haben sich wahnsinnig aufgeregt und mich sofort ins Krankenhaus gebracht.“ Wieder liefen ihm Tränen übers Gesicht, „Was dann kam war eine schreckliche Tortur. Ich musste einen Entzug machen.“ Ben riss die Augen auf und stotterte: „Dann waren es Drogen, und keine harmlosen Süßigkeiten?“

Ben musste sich anstrengen, um die Antwort zu verstehen; denn sie kam nur sehr leise und war kaum zu vernehmen: „Du hast es erfasst, mein Junge, ich bin das Opfer von Rauschgift geworden, mein Leben ist verpfuscht!“ Mit traurigen Augen sah er die Geschwister an: „Bis heute wissen die Ärzte nicht um welche Wirkstoffe es sich gehandelt hat. Fest steht aber, dass mein Körper durch das Gift zerstört worden ist.“ Er stöhnte laut auf und fuhr kurze Zeit später mit zitternder Stimme fort: „Ständig leide ich unter starken Schmerzen, aber niemand kann mir helfen und keiner weiß wie lange ich noch zu leben habe.“ „Aber was ist mit dem Kerl, der dir die Drogen gegeben hat?“, erkundigte sich Lisa erschrocken. „Der ist spurlos verschwunden, vielleicht ist er sogar selbst an einer Überdosis gestorben, keiner weiß es.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht erhob sich der Fremde von der Bank und sah Lisa und Ben lange traurig an: „Nehmt euch ein Beispiel an meiner Geschichte, lasst die Finger von Sachen, die ihr nicht kennt und, die fremde Menschen euch schenken wollen.“ Mit einer energischen Handbewegung und den warnenden Worten: „Dies sind in der Tat Liebesperlen, aber sie sehen den echten Drogen verblüffend ähnlich!“, warf er die bunten Perlen in den Abfalleimer und ging mit gesenktem Kopf davon.

Schweigend nahm Ben seine jüngere Schwester an die Hand und beide gingen in Gedanken versunken zurück nach Hause.

 

Weiterführend siehe auch ´Tiefgang`: Ute Holst – Schatten der Vergangenheit

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Mitten in der Nacht https://www.tiefgang.net/mitten-in-der-nacht/ Fri, 05 Jun 2020 22:11:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6972 [...]]]> Nacht. Hotel. Ein lautes Geräusch. Die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Die Harburger Autorin Ute Holst (siehe auch ´Tiefgang`: Ute Holst – Schatten der Vergangenheit) https://www.tiefgang.net/ute-holst-schatten-der-vergangenheit/

ist seit Jahren Mitglied in der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ unter der Leitung von Kerstin Brockmann. Wegen der Corona Pandemie trifft man sich zur Zeit nicht persönlich, aber es gibt in diesen Tagen eben dann eine virtuelle Schreibwerkstatt. Dort hatte Kerstin Brockmann am 12. Mai ein Thema vorgegeben, für dessen Bearbeitung die Werkstattteilnehmenden  10 – 12 Minuten Zeit hatten.

Die Aufgabe am 12. Mai lautete:

Situation :

Lara übernachtet mit Martin im Hotel. In der Nacht schrecken die beiden plötzlich hoch, weil sie ein lautes Geräusch hören.

Zeit für die Bearbeitung: 10 – 12 Minuten

Mitten in der Nacht

von Ute Holst

Lara schreckt hoch und reißt ihrem Mann die Bettdecke weg: „was war das? Hast Du das auch gehört?“ „Ja, das klang wirklich komisch, ich werde mal den Portier anrufen“, Martin wälzt sich schwerfällig aus dem Bett. „Nun beeil dich, ich habe Angst“, Lara verkriecht sich unter ihrer Decke und zieht das Kopfkissen übers Gesicht. „Das blöde Telefon funktioniert nicht“, Martin haut auf die Tasten und rauft sich die Haare. „Dann musst du eben mal auf dem Flur nachsehen“, Lara zittert am ganzen Körper, „vielleicht haben das ja auch andere Gäste gehört. Das Hotel soll doch ausgebucht sein.“ „Na, du hast ja Nerven“, Martin holt den Bademantel aus dem Schrank, „meinst du etwa, ich habe keine Angst?“ Langsam zieht er sich die Socken an, „was machst du denn solange“, Laras Stimme klingt weinerlich. „Dann geh du doch, wenn es dir nicht schnell genug geht“, verärgert dreht Martin sich zum Bett und reißt seiner Frau die Decke weg. „Sag mal, spinnst du?“, empört zerrt Lara an der Zudecke und blickt ihren Mann wütend an. Endlich geht er mit schlurfenden Schritten zur Tür: „und was ist, wenn mir da draußen einer auflauert?“ Vorsichtig entriegelt er die Zimmertür und öffnet sie einen Spalt.

Er entdeckt einen ungepflegt wirkenden Mann, der in der offenen Tür langsam in sich zusammensinkt. Eine starke Alkoholfahne weht Martin entgegen und erregt seinen Ekel. Martin will die Tür zuknallen und ein lauter Schmerzensschrei ertönt. Der fremde Mann hatte sich am Türrahmen festgeklammert und Martin hatte ihm bei dem Versuch die Tür zu schließen die Finger geklemmt. Erschrocken öffnet Martin die Zimmertür erneut und der Fremde erhebt sich blitzartig und torkelt hinein. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit schiebt sich der fremde Mann an Martin vorbei und nimmt Kurs auf das Bett. Lara beobachtet mit weit aufgerissenen Augen das Geschehen und stößt einen lauten Schrei aus. Entsetzt sieht sie, wie der Betrunkene mit einem schmierigen Grinsen und mit weit ausgebreiteten Armen und den Worten „Mein Schnuckel, da bist du ja“, auf sie zuwankt. Dabei springt sein Bademantel auf und Lara entdeckt unter seinem dicken Bauch einen winzigen Slip mit Leopardenmuster. Hysterisch schreit sie: „Martin, wo bist du, warum hilfst du mir denn nicht?“ Hastig springt sie auf der anderen Seite aus dem Doppelbett und entkommt so in letzter Sekunde dem Eindringling. Ein Kopfkissen schützend vor sich haltend drückt Lara sich eng an die Wand. Mit gerötetem Gesicht, glasigen Augen und wild vom Kopf abstehenden Haaren streckt der Fremde seine dicken Wurstfinger nach Lara aus.

Mit viel Mühe versucht Martin den Lüstling zu überwältigen. Der setzt sich heftig zur Wehr und versucht Martin zu schlagen. Sein hoher Alkoholpegel sorgt jedoch dafür, dass dieser Versuch misslingt und Martin gewinnt schließlich doch die Oberhand. Er dreht ihm die Arme auf den Rücken und fordert Lara auf, seine Hände mit ihrer Strumpfhose zusammen zu binden. Dann stützt er den wütend pöbelnden Besucher und gemeinsam stolpern sie hinaus auf den Gang. Einige der anderen Zimmertüren stehen offen und Menschen in Nachtwäsche oder in Laken gehüllt beobachten interessiert das Geschehen. Manche haben ein schadenfrohes Grinsen auf dem Gesicht, andere blicken beschämt zu Boden, um Martins Blick nicht begegnen zu müssen. Unter dem Getuschel und Gekicher der Zuschauer steuert Martin mit seinem Begleiter auf das Ende des Flurs zu, wo eine pummelige Frau im Negligee ihnen zornig entgegenblickt. Die Augen zu Schlitzen verengt, die Hände in die Hüften gestemmt und barfuß brüllt sie Martin entgegen: „Den Kerl können sie behalten, junger Mann, den will ich nicht mehr!“ Triumphierend schaut sie zu den sich amüsierenden Menschen, die sich noch immer im Gang aufhalten und nickt ihnen zu: „Mit so einem lüsternen Trunkenbold will ich nichts mehr zu tun haben.“

Martin lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken, er lehnt den Fremden an die Wand und überlässt ihn seiner keifenden Partnerin. So schnell er kann geht er zurück in Richtung seines Zimmers und nickt den anderen Gästen freundlich zu, die mit hoch gerecktem Daumen ihre Bewunderung für ihn ausdrücken. Aus der Entfernung hört er wie der Betrunkene lallend sagt: „Aber Schatz, nun sei doch nicht so. Du weißt doch, dass ich nur dich liebe.“ Als Martin sein Zimmer erreicht, stellt er verzweifelt fest, dass die Tür von innen verriegelt ist. „Liebling, ich bin’s, bitte lass mich rein.“ Er hört wie der Schlüssel umgedreht wird und Lara öffnet vorsichtig die Tür einen Spalt breit. Erleichtert schlüpft Martin hinein, und schiebt zur Sicherheit noch einen schweren Sessel vor die wieder abgeschlossene Tür. Mit dem Ärmel seines Bademantels wischt er sich die Schweißperlen von der Stirn. Dabei löst sich der Gürtel und Lara erkennt zu ihrer großen Freude, dass ihr Mann die Boxershorts trägt, die sie ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Die Shorts ist aus rotem Satin und hat als Dekor eine Abbildung von Snoopy. Begeistert streicht sie über den weichen Stoff und spürt wie Snoopy auf der Stelle reagiert. Verliebt lächelt sie ihren Mann an und drückt sich zärtlich an ihn. Martin versteht die Einladung sofort und erwidert Laras Zärtlichkeiten.

Mitten in der Nacht nimmt so der schreckliche Alptraum doch noch ein glückliches Ende.

 

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Die Tür ist zu https://www.tiefgang.net/die-tuer-ist-zu/ Tue, 19 May 2020 22:17:28 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6919 [...]]]> Wie fühlt es sich an, plötzlich allein zu Hause zu sitzen, ohne Schule, ohne Freunde und Handballtraining? Davon erzählt die berührende Geschichte von Jona Thrän, der damit auf dem vierten Platz des Schreibwettbewerbs für Harburger Schüler gelandet ist.

„Das Motto ‚Die Tür‘ hat durch die coronabedingten Schulschließungen für viele Kids eine ganz neue, aktuelle Bedeutung bekommen“, sagt Kerstin Brockmann, Leiterin der Heimfelder Schreibwerkstatt. „Der Text von Jona ist ein wahres Zeitdokument, das unseren völlig veränderten Alltag sehr anschaulich aus der Perspektive eines Fünftklässlers schildert.“ Hier können Sie Jonas beeindruckende Geschichte lesen.

Die Tür

von Jona Thrän

(5. Klasse, Friedrich-Ebert-Gymnasium)

Ich sitze bei uns zu Hause im Flur und schaue auf unsere Haustür. Diese Tür ist schon seit vielen Tagen zu. Zum ersten Mal denke ich über diese Tür nach. Wie schön war es, als sie noch offen war. Ich bin jeden Tag durch diese Tür gegangen zur Schule, habe mich mit meinen Freunden draußen gegenüber auf dem Schulhof zum Fußball getroffen und bin zum Handball, dem tollsten Hobby der Welt, gefahren. In den Ferien sind wir zu meinem Freund nach New York geflogen. Es war eine völlig andere Welt. Jetzt breitet sich das Coronavirus aus und verändert meine Welt. Jetzt ist die Tür leider zu.

In den letzten Tagen ist mehr passiert als sonst in vielen Monaten. Kaum waren wir aus dem Urlaub zurück, gingen alle Türen für Menschen aus Risikogebieten zu. Noch in den Ferien wurde meine Schule geschlossen, alle Schulen. Ich habe verstanden, dass die Ausbreitung des Virus so schnell wie möglich gestoppt werden muss. Ich darf kaum noch rausgehen. Ab und zu spiele ich mit meiner Schwester im Garten Badminton. Andere dürfen wir nicht treffen. Ich vermisse meine Freunde.

Am Anfang fand ich die Schließung der Schule großartig. Jetzt muss ich den ganzen Tag allein lernen. Ich finde es entspannend, aber auch sehr einsam. Niemand kann mir helfen. Das schlimmste ist, dass kurz nach der Schule auch die Tür zu meiner Handballmannschaft geschlossen wurde. Sie haben die Punktspielsaison vorzeitig beendet und das Training einfach abgesagt. Ich bin traurig und es nervt mich, dass ich jetzt kaum Sport treiben kann.

Meine Mutter bringt vom Einkaufen ganz andere Sachen mit, als ich mir gewünscht habe. Sie erzählt, dass viele Regale leer sind. Wir probieren neue Sachen aus. Zumindest haben wir genug leckere Dinge im Kühlschrank. Ich denke darüber nach, was wir machen, wenn unser Toilettenpapier alle ist.

Es sollte mir eigentlich Angst machen. Aber Angst macht alles nur noch schlimmer. Wenn ich zu Hause hinter meiner Tür bleibe, stecke ich mich vielleicht nicht an. Ich kann das alles nicht ändern, vieles verstehe ich auch gar nicht richtig.

Wie gern würde ich meine Oma und meinen Opa besuchen, aber sie haben Angst und wollen uns nicht sehen. Und jetzt ist da ja auch noch diese geschlossene Tür. Meine Uroma hat auch so eine Tür, um sie mache ich mir große Sorgen. Meine Uroma liegt seit einer Woche im Krankenhaus. Niemand darf zu ihr. Sie ist immer allein und ich habe Angst, dass sie stirbt. Überall geschlossene Türen wie meine.

Wie schön war es, einfach durch diese Tür zu gehen. Oft habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Mal habe ich die Tür wütend zugeschlagen, weil ich schon wieder den Müll rausbringen musste. Manchmal war ich in Eile, weil ich mit dem Bus zum Handball wollte. Auch mit Freude bin ich durch die Tür gegangen, wenn ich mich mit Freunden getroffen habe. Ich vermisse die Zeit, in der diese Tür offen war.

Ich sitze immer noch im Flur und leider hat sich nichts verändert. Ich wünsche mir, dass meine Tür bald wieder aufgeht, unsere Haustür und all die anderen geschlossenen Türen. Hoffentlich wird dann alles so sein wie vorher. Ich kann es mir nur wünschen. Sonst kann ich nichts machen, außer zu Hause zu bleiben.

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Tom von Borstel – Die Tür https://www.tiefgang.net/tom-von-borstel-die-tuer/ Tue, 12 May 2020 22:56:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6897 [...]]]> Tom von Borstel ist Preisträger des diesjährigen Schülerschreibwettbewerbs. Hier sein „Meisterstück“.

„Die Tür“: So lautete das Motto des Schülerschreibwettbewerbs, den die Heimfelder Schreibwerkstatt unter der Leitung von Kerstin Brockmann veranstaltet hat. Eingegangen sind 45 beeindruckende Geschichten, die von einer fachkundigen Jury beurteilt wurden. Nun stehen die Sieger fest! Den ersten Platz in der Kategorie der Viertklässler hat der zehnjährige Tom von Borstel aus der Schule Marmstorf belegt. Was er Tolles hinter der Tür auf Opas Dachboden entdeckt und warum er trotzdem lieber wieder zurück möchte, können Sie hier in seinem spannenden Text selbst nachlesen.

Die Tür

von Tom von Borstel

Als ich an einem Sonntagmorgen bei meinem Opa auf den Dachboden geklettert bin, um mal wieder mein Lieblingsspiel „Backgammon“ zu holen, habe ich in einer Ecke eine Tür entdeckt, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Neugierig bin ich zu der Tür hingegangen, um sie zu öffnen, aber sie ging nicht auf. Ich rüttelte an der Tür, aber sie war fest verschlossen. Enttäuscht wollte ich schon wieder gehen, da entdeckte ich, dass ein verrosteter, grauer Schlüssel oben auf der Tür lag. Ich sprang ein paar Mal hoch, um den Schlüssel runterzuholen. Erst beim siebten Sprung habe ich den Schlüssel mit dem rechten Zeigefinger erwischt und er fiel direkt vor meine Füße. Ich nahm den Schlüssel und steckte ihn in das Schloss. Der Schlüssel passte und ich schloss vorsichtig die Tür auf. Langsam öffnete ich die Tür.

Ein grelles Licht schien mir ins Gesicht. Ich kniff erschrocken die Augen zusammen und öffnete sie langsam wieder. Nun blickte ich von der Seite auf eine Stadt, die nur ein paar hundert Meter entfernt vor mir lag. Ich sah einen Eisladen mit einem Springbrunnen davor und daneben einen kleinen Park. Langsam und neugierig ging ich über die große Wiese zum Park mit dem Eisladen.

Als ich am Laden vorbeikam, sprach mich der Verkäufer an, ob ich eine Kugel Eis möchte. Ich sagte: „Ja, gerne. Aber ich habe kein Geld dabei.“ Da sagte der Eisverkäufer freundlich: „Du brauchst nichts zu bezahlen. Welche Sorte möchtest du?“ Ich antwortete: „Das ist ja nett von Ihnen. Ich hätte gerne eine Kugel Waldfrucht. Vielen Dank.“ Er gab mir die Kugel Eis. Ich bedankte mich noch einmal und ging weiter in den Park.

Ich sah fröhliche Kinder, die zusammen spielten. Nachdem ich den Kindern ein wenig beim Spielen zu geguckt hatte, bemerkte ich, dass im Park kein Müll herumlag. Noch nicht mal Zigarettenstummel.

Auf einmal kam ein kleiner, nett aussehender Junge zu mir. Er war ungefähr in meinem Alter. Er fragte wie ich heiße. Ich antwortete „Ich heiße Tom“ und fragte ihn wie er heißt. Er hieß Timm.

Ich fragte Timm: „Wo bin ich hier?“. Timm sagte: „Du bist im Land ohne Probleme!“ „Wie, ohne Probleme?“ fragte ich erstaunt. Timm erklärte mir, dass es hier in seiner Welt keinen Krieg und keine Umweltverschmutzung und keine umweltschädlichen Autos gibt.  „Cool!“, sagte ich. „Finde ich auch cool!“, erwiderte Timm. „Seit wann gibt es die Welt und wie bist du hierhergekommen?“, fragte ich weiter. „Das weiß keiner so genau, seit wann es diese Welt hier gibt. Ich bin durch eine Kellertür gegangen und bin mit meiner Familie dann hierher gezogen, weil wir es hier schöner fanden“, antwortete er.

Ich dachte, dass ich hier auch gern wohnen würde, aber irgendwie finde ich es zu Hause schöner. Ich fragte weiter: „Kannst du wieder zurück in die alte Welt?“ „Nein. Wenn man länger als 24 Stunden hier bleibt, verschwindet die Tür automatisch und man kann nicht wieder zurück. Aber ich will auf gar keinen Fall wieder zurück, weil es in meinem alten Land Krieg gab“, erklärte Timm mir.

Timm erzählte mir noch viel über diese Welt ohne Probleme. Zum Beispiel, dass es hier nur eine Sprache gibt und alle die hierherkommen, sprechen die gleiche Sprache. Oder dass hier alle Kinder zur Schule gehen können, auch die Kinder, die aus einem Krieg kommen, so wie er, oder eine andere Religion haben. Gut fand ich auch, dass es kein Geld gibt, denn jeder arbeitet für jeden. Jetzt verstand ich auch, warum ich beim Eisladen nicht bezahlen musste.

Ich erklärte Timm, dass ich nun zurück zu meinem Opa muss. „Aber ich komme dich nächste Woche Sonntag wieder besuchen. Es war schön dich kennengelernt zu haben“, sagte ich zu ihm. Er antwortete: „Ich fand es auch schön, dich kennengelernt zu haben. Wir können uns ja nächste Woche am Eisladen treffen.“

Ich lief zurück über die Wiese und rief noch ein letztes Mal: „Tschüss, Timm.“ Dann öffnete ich die Tür und schon war ich wieder auf dem Dachboden.

Ich war glücklich und zufrieden, dass ich einen neuen Freund hatte, der in einer richtig coolen Welt wohnte, und ich freute mich ihn nächste Woche wiederzusehen.

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Swantje Bernhagen – Tochter und Mutter https://www.tiefgang.net/swantje-bernhagen-tochter-und-mutter/ Mon, 20 Apr 2020 08:00:54 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6785 [...]]]> von Swantje Bernhagen

Jedesmal, wenn ich mich verabschiedet habe, sieht sie mir nach, wie ich den langen Flur entlanggehe, rechts und links Türen ihrer Altersgenossen. Ich drehe mich alle paar Schritte um und winke ihr zu, sehe sie in ihrer Tür stehen, auch winkend. Sehr klein steht sie da und obwohl ich froh bin, zu gehen, befällt mich immer auch das Gefühl der Schuld, sie dort allein zu lassen.

Meine Mutter ist fast 91 und lebt seit 3 Jahren, dem Tod meines Vaters, in einer Seniorenanlage in meiner Nähe. Eine schwere Zeit war das, noch nie im Leben hatte meine Mutter alleine gelebt und nun musste sie Haus und Freunde und alles Bekannte hinter sich lassen, in einer Zeit der großen Trauer um den Verlust ihres Ehemanns. Gerade hatte sie sich eingelebt und wieder Freude am Leben, starb meine sehr viel jüngere Schwester an plötzlicher schwerer Krankheit. Ich habe allen Grund, nachsichtig mit ihr zu sein und ihr das Leben zu erleichtern – die Trauer um ihre Tochter, die vor ihr gestorben ist, ist allgegenwärtig.

Allerdings: auch mir fehlen mein Vater und meine Schwester…aber ich habe ja meine Familie, meinen Ehemann und Kinder und Enkel. Und ich bin die Tochter.

Gesundheitlich geht es meiner Mutter gut, sie hat Mühe mit ihrem Rücken und ihre Statur wird von Jahr zu Jahr gebeugter und kleiner – ihrem Elan tut das keinen Abbruch. In ihrer kleinen Wohnung ist sie immer beschäftigt. Gerne fertigt sie to do Listen an: Gardinen waschen, Eckschrank säubern, Bett beziehen, etwas in den Keller bringen oder holen, Überweisungen erledigen usw. .

Diese Listen sind nicht etwa für sie selbst – nein, sie erwarten mich bei meinen regelmäßigen wöchentlichen Besuchen. Manchmal empfinde ich sie als Auftragslisten, besonders an Tagen, an denen ich eigentlich noch viele eigene Termine habe. An entspannten Tagen nehme ich sie hin, als Möglichkeit zu helfen und als Merkstütze meiner Mutter. Betten beziehen … nun, das ist ja auch in 10 Minuten erledigt … denke ich. Ich bin naiv. Zuerst wird – jedesmal! – die Matratze gewendet: Kopf -und Fußteil, oben und unten. Dann werden zwei Laken aufgezogen, die Kopfkissen in die Hüllen gestopft und die Bettdecke bezogen UND DANN wird in jede Ecke mit einer großen Sicherheitsnadel das Inlett mit dem Bezug zusammengesteckt, damit nichts verrutscht … aber das darf ich nicht machen, weil das auf ganz besondere Art gemacht werden muss, wozu ich offensichtlich nicht in der Lage bin. Sie klettert dazu auf ihr Bett und kniend werden dann ungefähr 10 kleine Kissen und eine zusammengerollte Wolldecke in mir nicht erkennbarer festgelegten Reihenfolge in den kleinen Zwischenraum von Matratze und Wand gestopft. „Warum machst du das eigentlich?“ „Weil etwas dazwischen runterfallen könnte“, meint sie, was einleuchtend ist, denn das könnte sie bestimmt

nicht wieder herausfischen. Aber: „Was hast du denn im Bett, was das sein könnte?“ Ich weiß, dass meine Mutter weder im Bett liest, noch Kaffee trinkt oder telefoniert. Also was sollte das sein? Verblüffung: es könnten die drei kleinen Bilder von der Wand fallen und zwischen Bett und Wand verschwinden…Voila! Meine Mutter besitzt ein Hörgerät und hat zu diesem Hörgerät keine unproblematische Beziehung. Entgegen dem Rat des Akustikers, das Gerät jeden Tag zu tragen, schont sie es. Alle Vergleiche mit zum Beispiel einer Brille, die man auch jeden Tag tragen müsse, damit sich das Gehirn daran gewöhnt, wischt sie beiseite. Sie ist der Überzeugung, dass es doch nichts zu hören gäbe, allein in ihrem Zimmer. Und so dröhnt das Radio wie in meinen besten Jugendzeiten, sie hört kein Telefon, kein Klingeln oder Vogelgezwitscher… „Das Hörgerät trägt hier keiner“, trumpft sie auf, wenn ich mich beschwere, dass ich schreien muss, um mich verständlich zu machen.

Vier Damen ohne Hörgeräte beim Mittagessen! Meine Mutter sitzt auf einem dicken Polsterkissen, damit sie auf den Teller gucken kann. An ihr Trinkglas reicht sie kaum heran. Die anderen Frauen sind stämmig und nehmen jede auf ihrer Seite des kleinen quadratischen Tisches den ganzen Platz ein. Ihre Stimmen sind kräftig und gewohnt, gehört zu werden. „Das Essen ist ja wieder mal total versalzen“. „Welcher Tag ist heute, Freitag?“ „Freitag gibt es Fisch“. „Mein Mann ist zur See gefahren, auf einem Tanker“. „Waren Sie gestern mit bei der Ausfahrt?“ „Wie? Was haben Sie gesagt? Sie müssen lauter sprechen!“ „Meine Tochter kommt Morgen wieder.“

Von Computern hält meine Mutter nicht besonders viel. „Ach wie gut, dass du da bist! Wenn ich Fotos aus dem Mailprogramm öffne, dann kann ich sie nicht vergrößern….“ Und dann verschwanden mein Vater und ich in seinem Zimmer und probierten aus. „Nun lasst doch mal den blöden Computer“, steckte meine Mutter nach kurzer Zeit ihren Kopf herein, nicht nur einmal. Nicht ganz uneigennützig und damit sie ihn besser verstehen könnte, schaffte mein Vater für sie einen eigenen PC an und meine Mutter begann immerhin, selbst Mails zu schreiben. Sie strotzen vor Fehlern. Was sie doch bei ihren Enkeln scharf angemahnt hatte in ihren Briefen – vernünftige Rechtschreibung – ist völlig verloren gegangen. Oft weiß sie nicht mehr, wie man ein neues Dokument öffnet und drückt wahllos irgendwelche Tasten. Manchmal geht dann eine Sache, dafür sind andere Mails gelöscht, verschwunden oder mehrfach an dieselbe Person geschickt. Sie schimpft auf ihr Gerät, das ja auch veraltet sei … und wir? Wir scheuen uns, ein anderes zu besorgen, denn kleine Veränderungen bringen sie in dieser Sache komplett durcheinander. Auch mit dem Drucker lebt sie auf Kriegsfuß: zu Weihnachten druckte sie 50 Blätter mit großer Weihnachtspyramide aus … die Patrone hielt zu ihrem Ärger nur einen Tag … und manchmal ruft sie ärgerlich an, der Scanner gehe nicht … ja, weil er nicht angeschaltet wurde.

Trotzdem wollen wir sie besser teilhaben lassen am medialen Familienleben. Die Enkel befinden, dass ein Tablet mit Whats App das Mittel der Wahl sei. Die vielen Fotos und Videos der Enkel und Urenkel werden ihr sicher gefallen. Ich übernehme das Überbringen der frohen Botschaft und gleichzeitige Vertraut- Machen mit dieser Idee. „Ach, so ein Wischding“, sagt sie, „nein, das will ich nicht“. „Das heißt Smartphone“, erkläre ich – wieso nennt sie eigentlich stur die Geräte nie beim richtigen Namen? Ich erkläre also, dass der Telefonempfang an ihrem Wohnort gleich Null ist, die Schrift auf einem Smartphone selbst für mich viel zu klein sei … „Aber du brauchst doch jetzt deinen Laptop nicht mehr, seit du nicht mehr arbeitest …“, wirft sie da ein, inmitten meines langatmigen Vortrags. Ich fühle mich wie ein Luftballon, dem die Luft entweicht und denke: nicht viel reden, machen! Wir bereiten das Tablet vor und gut! Aber nun soll meine Mutter den W-LAN Code und ihre Handynummer und die Handynummer ihrer Freundin heraussuchen – zurzeit ist der direkte Kontakt wegen Corona ja unterbunden und alles soll fix und fertig sein, sodass das Tablet mit Anleitung übergeben werden kann. Zweimal ruft sie mich an, um zu fragen, ob sie ALLE Telefonnummern aufschreiben soll… und sie tut mir Leid; ich sehe sie vor mir mit ihrem kleinen Telefonbüchlein, voller Adressen, auch durchgestrichene sind dabei, wie sie sich an die Arbeit machen will. Außer der Familie hat nur eine Person aus ihrem Bekanntenkreis ein Smartphone, es ist EINE Nummer, die sie abschreiben muss, was verlange ich von ihr, was sie gar nicht verstehen kann? Mein Mitleid verwandelt sich in Scham, wenn sie allerdings rigoros von „der Putze“ spricht, wenn sie von oben herab zu verstehen gibt, dass sie etwas Besonderes ist. Mein Vater war Mitglied der Rotarier „ Was, Frauen dürfen nicht Mitglied sein? Und da gehst du etwa hin?“ Er war angesehen, ausgezeichnet mit Ehrennadeln. Sie war jemand, seine Frau, die selbstverständlich Hochachtung einfordert. In der Seniorenresidenz ist sie nun Frau XY, keiner weiß von Rotary und Nadeln, Urteile muss sie nun selbst fällen, ohne einen Kompass, sie weiß nicht, wer zur „Gesellschaft“ gehört. Sie war ein Leben lang Ehefrau ohne eigene Meinung, Frau an der Seite, ohne Eigenständigkeit, ohne Beruf! Aber sie fügt sich ein. Sie passt sich an. Sie wird zum Kaffeetrinken eingeladen und geht, nach langen Überlegungen, ob sie den Kontakt wagen kann, hin. Der Tisch ist mit gutem Geschirr (ob sie den Teller umgedreht hat und auf den Stempel geguckt hat?), auf altem, bestickten Leinentischtuch gedeckt. Sie erzählt mir davon mit Begeisterung und es wird deutlich, dass jene Frau an

Bedeutung gewonnen hat. So ordnet sie nicht lange danach an „Ich brauch` von dem Blumengeschirr (von dem sie für fünf Personen Gedecke da hat … aber im Zimmer höchstens für drei Personen Platz) unbedingt drei mehr! Und wo ist eigentlich die Leinentischdecke mit Stickerei am Rand? Ich kann ja hier niemanden einladen, hier benutzt man die alten Schätze.“ Ich erfülle die Rückführung der Dinge, die ihr offensichtlich jetzt wichtig sind. Und ich hadere damit, dass sie nicht einfach einlädt, egal welches Geschirr sie hat und welche Tischdecke, ich hadere damit, dass sie alles, was sie tut, misst an dem, was sie meint, tun zu sollen. Ich hätte so gerne eine selbstbewusste Mutter!

Sie kleidet sich nun anders: alle in der Seniorenresidenz haben wattierte Jacken und so gibt sie keine Ruhe, bis ich mit ihr eine entsprechende Jacke einkaufe. Sie nennt sie „meine Uniform“ und ich kann über ihren Humor lächeln. Auch uralter Schmuck muss herausgesucht werden, weil „man“ das „hier“ trägt. Ja, sie ist angekommen. Mit Verwunderung und Hochachtung berichtet sie vom Besuch eines ihrer Enkelsöhne, gerade Vater geworden, zusammen mit seinem Bruder und dem Baby. „Aber sie haben doch eine lange Fahrt, das Baby muss doch auch mal gewickelt werden“, überlegt sie allen Ernstes. Um dann später entzückt und überrascht zu schwärmen: „Denk mal, sie haben die Kleine gewickelt und gefüttert und sie war so zufrieden! Die beiden Jungs! Dass sie so etwas können!“, und sie verlor sich endlosen in Erzählungen über diesen historischen Besuch. Die Enkeltöchter, die Berufe und Kinder haben … geschenkt. Beruf, klar, gute Ausbildung ist wichtig, aber dann bleibt Frau zuhause. Ohne Applaus. Punkt. Und um mir klarzumachen, wie maßlos ich meine Familie vernachlässige, konnte sie mich harmlos fragen, ob ich schon Weihnachtskekse ausgestochen habe …. inmitten meines Stöhnens über Prüfungen, Konferenzen und Zeitmangel.

Wir haben auch entspannte Tage, an denen wir zusammensitzen und Kaffee trinken und die Gespräche dahinplätschern. “Ach, es ist gut, dass du nicht mehr arbeitest, das ist ja auch nichts, du hast ja genug mit der Familie zu tun“, kann sie dann in meine Entspannung hinein seufzen. Ich kenne das nun schon so lange, doch immer wieder falle ich darauf rein und muss dem inneren Zwang nachgeben zu widersprechen und zu betonen, dass ich meine Arbeit mochte und nun, nach 6 Kindern und bald 10 Enkeln und ihr (das denke ich nur)glücklich bin, Zeit für mich zu haben, für meine Angelegenheiten – ja, auch für Familie, aber eben nicht nur. Da hört sie weg, Frau ist Frau und die ist eben von ihrem Ursprung Mutter und Tochter. Vielleicht ist es nur eine Feststellung, wenn sie sagt: „Hier (in die Seniorenanlage) kommen immer die Töchter und kümmern sich. Die Söhne wohnen ja auch weit weg und haben zu tun.“ Wie auch ihr Sohn, mein Bruder. Aber für mich klingt es wie ein Auftrag und Provokation und – trotz aller Liebe zu meiner Mutter – wie eine Tür, die ins Schloss fällt.

 

(Swantje Bernhagen ist Mitglied in der Schreibwerkstatt von Kerstin Brockmann bei „Alles wird schön“, Heimfeld)

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3. SuedLese überzeugt mit Vielfalt https://www.tiefgang.net/3-suedlese-ueberzeugt-mit-vielfalt/ Fri, 09 Mar 2018 23:04:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3256 [...]]]> Zum dritten Mal bereits finden im Hamburger Süden Literaturtage ´SuedLese` statt. Im ´Tiefgang` stellen wir Ihnen ab heute vorab etliche Bücher und Autor*innen vor.

Die Initiative SuedKultur mit über 40 Kulturinstitutionen des Süderelbe-Bereichs würdigt seit drei Jahren die literarische Arbeit südlich der Elbe und nennt sie konsequent ´SuedLese`. Dieses Jahr bestimmt sie den ganzen Monat April vor.

Das Programm ist regelrecht ein Spiegel der Zeit: Der Auftakt zum 1. April wird scherzhaft mit einer Lesung von Texten von Hans Scheibner im Literaturcafé Striepensaal in Neuwiedenthal gemacht. Passend zur Osterzeit stellt der Schauspieler Hartmut Lange in der St. Johannis-Kirche in der Bremer Straße die Frage, ob Jesus oder Judas für uns starb. Grundlage dafür ist das Monodrama „Judas“ der flämischen Autorin Lot Vekeman (6. Apr., 20h).

In Harburgs Irish Pub „The Old Dubliner“ liest der Harburger Autor Christoph Rommel über Sex, Drogen und andere Abgründe, will aber beim Bier vor allem Hoffnung geben (10. Apr.).

Unter den Stars der SuedLese findet sich der durch die TV-Sendung „Extra 3“ bekannte Auslandsreporter Dennis Gastmann (12. Apr., Bücherhalle Harburg), aber auch der zur Zeit viel gelobte Johann Scheerer, der als Sohn von Philipp Reemtsma dessen Entführung 1996 aus Teenager-Sicht bravourös schildert (24. Apr., Buchhandlg. am Sand). Und auch die gehbehinderte Laura Gehlhaar ist bundesweit als Inklusionsverfechterin bekannt und liest am 20. April aus ihrem neuesten Buch „Kann man da noch was machen?“ (Treffpunkt Hölertwiete).

Aber auch aktuelle Themen wie Migration und Flucht sind vertreten – passenderweise im Café Refugio. Dort liest am 19.4. der einst aus Sri Lanka geflohene und mittlerweile erfolgreiche deutsche Klinikarzt Umes Arunagirinathan aus seinem Buch „Der fremde Deutsche“ und ebendort lesen am 27.4. die Brüder Thaer und Thamer Imad aus ihren Erinnerungen „Von Tod zu Tod“.

Die SuedLese ist aber vor allem eine Würdigung der lokalen Literaturarbeit. „Es ist faszinierend, wie viele publizierende Schreiberlinge weitestgehend  unentdeckt hier leben und arbeiten“, so Mit-Organisator Heiko Langanke. Denn viele der Schreibenden und Lesenden entstammen direkt der Nachbarschaft. So die Agitatoren der Harburger Schreibwerkstatt wie Heide-Marie Preuß oder Kerstin Brockmann, die auch einen Schreibwettbewerb für den Nachwuchs ausschrieb und am 22. April im Kulturverein „Alles wird schön“ unter den mehr als 40 Einsendungen verleihen wird. Oder die Macher des Harburger Szene-Magazins „heigh“, die sich und den „Poetomaten“ im neuen Kreativort „Kulturwohnzimmer“ im Gloria-Tunnel vorstellen werden (13. / 14. Apr.). Die türkischstämmige Harburgerin Kadriye Bakşi wird aus ihren Kinderbüchern auf Deutsch aber auch türkisch vorlesen (13. Apr.) und die erfolgreiche Harburger Buchautorin Birgit Storm stellt ihren druckfrisch erschienen 3. Krimi „ „Alte Schuld und neues Leid“ erstmals im Rahmen der SuedLese vor.

All das und noch viel mehr an mehr als 20 verschiedenen Orten der Literatur im Süden der Stadt. Ob in Neugraben, Neuwiedenthal, Moorburg, Heimfeld, Harburg-City oder –Hafen, Rönneburg oder Wilhelmsburg – ob in der klassischen  Buchhandlung, an der Universität, in der Kneipe oder Restaurant, im Museum oder Tunnel – es wird gelesen, was das Zeug hält!

Weit über 40 lesende Akteure sind zugange und machen den Hamburger Süden einen ganzen Monat lang zum Literaturfest.

Möglich wird all das vor allem durch Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien, der Alfred Toepfer-Stiftung FVS und auch der Stadtentwicklungsgesellschaft Steg.

Das komplette Programmheft steht auch hier zum download bereit.

Die Initiative SuedKultur ist ein lockerer und ungeförderter Zusammenschluss von über 40 verschiedenen Kulturinstitutionen des Hamburger Südens. Sie besteht seit nunmehr 10 Jahren, stärkt die Wahrnehmung der Süderelbe-Kultur durch das Terminportal www.sued-kultur.de, seit acht Jahren mit einer jährlichen SuedKultur Music-Night (dieses Jahr am 20. Okt.) und eben den nunmehr dritten Literaturtagen SuedLese.

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Schreibwettbewerb für Harburgs Schulen https://www.tiefgang.net/schreibwettbewerb-fuer-harburgs-schulen/ Fri, 26 Jan 2018 23:32:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2894 [...]]]> Auf den Füller, fertig, los! Anlässlich der Suedlesetage veranstaltet die Schreibwerkstatt des Kulturvereins ´Alles wird schön` einen Literaturwettbewerb für Harburger Schülerinnen und Schüler.

Die besten Geschichten werden von einer fachkundigen Jury ausgewählt und im Rahmen einer festlichen Preisverleihung mit tollen Schmökern belohnt, die von der Buchhandlung am Sand gespendet werden.

Das Thema des Wettbewerbs lautet „Kunterbunt“. „Dieses Motto regt Sechsjährige genauso an wie junge Erwachsene“, sagt Redakteurin und Autorin Kerstin Brockmann, die seit 2004 die Schreibwerkstatt leitet und den Wettbewerb initiiert hat. „Die Kids können Einhörner, auf denen sie ins Regenbogenland reiten, ebenso assoziieren wie die verführerische Gummibärchentüte des Tischnachbarn, die Multikultibevölkerung Harburgs oder Schwulen- und Lesben-Ehen. Ich bin sehr gespannt, was den Mädchen und Jungen zu diesem Begriff so alles einfällt.“ Bewertet werden die Beiträge nicht nur von Kerstin Brockmann, sondern auch von drei weiteren erfolgreichen Autoren der Schreibwerkstatt, zu denen unter anderem die ehemalige Schulleiterin Heide-Marie Preuß gehört, die selbst gerade unter den Top Ten eines bundesweiten Literaturwettbewerbs der katholischen Kirche gelandet ist. Die Preise werden in drei Altersgruppen vergeben: an Grundschüler, Kinder bis zur 10. Klasse und Oberstufenschüler.

Der Text sollte maximal fünf DIN A4-Seiten lang sein. Bitte unbedingt Name, Anschrift, Klassenstufe und Telefonnummer darauf vermerken! Die Siegerehrung findet am Sonntag, den 22. April, im Kulturverein Alles wird schön e. V. statt. Bewerbungsschluss ist am Mittwoch, den 28. Februar 2018. Einsendungen bitte bevorzugt an schreibwerkstattswettbewerb@web.de oder per Post an Alles wird schön, Kennwort: Kunterbunt, Friedrich-Naumann-Str. 27 in 21075 Hamburg.

 

 

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JUBILÄUMsJAHResRÜCKBLICK https://www.tiefgang.net/jubilaeumsjahresrueckblick/ Fri, 12 Jan 2018 23:16:32 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2852 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Ich habe mal nachgerechnet und komme auf etwa ein Jahr, das ich jetzt auf dem Buckel habe. Als Kolumnistin. In Wahrheit bin ich natürlich etwas älter, aber nicht unbedingt weiser.

Philo-Sophie ist mein Alter Ego, meine bessere Hälfte. Sie besitzt die Fähigkeit zur Reflexion und hat Humor. Diese beiden Eigenschaften machen gut und gerne gemeinsame Sache.

Es ist allerdings nicht nur mein eigener Verdienst, das ich hier stehe und zu lesen bin. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, denjenigen zu danken, die mir eines meiner Lebenswerke ermöglichten.

Mein erster Dank gilt Klaus von Hollen. Er kommentierte mehrmals meine Texte, die ich in der Schreibwerkstatt vorlas, in der ihm eigenen, unverblümten Art mit den knappen Worten: Schreib´ Kolumnen.

Dann danke ich der ehrenamtlichen Leiterin der Schreibwerkstatt Kerstin Brockmann, die mir eines Tages den entscheidenden Tipp gab, indem sie mich auf das Online Feuilleton TIEFGANG aufmerksam machte.

An dieser Stelle muss ich mir selbst dazu gratulieren, dass ich Kontakt aufnahm und mich als Kolumnistin bewarb. Der Tag, an dem ich dort meine geistige Heimat fand, zählt zu den Highlights meines Lebens. Es verhalf meinem Denken und weiteren Wirken zum Durchbruch.

Und last not least bin ich natürlich Heiko Langanke und der Suedkultur sehr verbunden, weil mir hier der Raum geboten wird, in dem ich mich ausbreiten kann. Ein selbstgemachtes Plätzchen ganz nach meinem Geschmack. Mit Tiefgang und interessanten Themen.

Schließlich bin ich dankbar für potentielle Leser, auch wenn es keinen Beweis für deren Existenz gibt. Fanpost habe ich jedenfalls noch keine bekommen, aber vielleicht liegt das an dem Umstand, dass ich undercover schreibe.

Auf jeden Fall hege ich die Hoffnung, man möge mich mögen. Ob es mir gelingt, andere Menschen anzusprechen und anzuregen, bleibt am Ende offen. Eine Kolumne mit open end.

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Ein Standpunkt, der bewegt https://www.tiefgang.net/ein-standpunkt-der-bewegt/ Fri, 15 Dec 2017 23:57:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2711 [...]]]> Sie hat immer schon von ihrer Tochter und sich erzählt. Nun hat sie es auch aufgeschrieben und fiel gleich einem literarischen Projekt auf. Ein Interview.

Autorin Heide-Marie Preuß nennt sich Mary, weil dies auf etlichen Auslandsreisen der einfachere Weg war, sich vorzustellen. Sie ist pensionierte Schulleiterin und besucht regelmäßig die Schreibwerkstatt unter der Leitung von Kerstin Brockmann. Von ihr erfuhr Mary von einer Ausschreibung, die ihr Interesse weckte.

Die Katholische Kirche Wiesbaden hatte dieses Jahr ein Projekt angestoßen: „Hier stehe ich!“ – Standpunkte, die bewegen – Aus Sprache – Aus Tausch – Aus Bilden“. Es ging bei dem Projekt um aktuelle Kunst und Literatur. Das vorgegebene Thema WORTE AUS DER ZUMUTUNG GOTTES sollte zum 500. Jahrestag des Beginns der Reformation eine lebendige Debatte mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache eröffnen. Ihre Geschichte mit dem Titel „In diesem Jahr werden wir hundert“ wurde unter mehr als 220 Einsendungen von der Jury ausgewählt, um in einer Anthologie veröffentlicht zu werden, die im Eigenverlag der katholischen Erwachsenenbildung Wiesbaden erschien.

Ich kenne und schätze Marys Schreibstil und möchte die Gelegenheit nutzen, um sie dem Umfeld von SuedKultur vorzustellen und ihre Werke zu empfehlen. Sie verknüpft persönliches Erleben mit den großen Themen des Lebens. Ihre Erzählungen sind besinnlich, nachdenklich und berührend.

Tiefgang (TG): Liebe Mary, erst einmal gratuliere ich dir zu deinem Erfolg! Man sieht dir an, wie stolz du bist, dass deine Geschichte es schaffte, die Jury zu überzeugen. Warst du sehr überrascht?

Mary: Zwischen dem Abgabetermin und der Nachricht, dass meine Geschichte zur Veröffentlichung ausgewählt wurde, lagen Wochen – gefühlt sogar Monate; Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht und plötzlich kam die Mail und meine Freude war riesengroß.

TG: Was war dein Beweggrund, an der Ausschreibung der Katholischen Kirche teilzunehmen? Bist du sehr religiös? Oder war es der Titel, der dich ansprach?

Mary: Ich bin getauft, konfirmiert und meine Kinder sind es auch. Mit zunehmendem Alter denke ich über so vieles anders, auch über den Glauben. Bin ich „religiös“? Da müsste ich wohl noch einige Schritte gehen. Es war der Titel „Worte aus der Zumutung Gottes“, der mir nachgegangen ist und mit dem ich zunächst, als Kerstin ihn vorgelesen hat, überhaupt nichts anfangen konnte. Ausgeschrieben wurde der Wettbewerb von der Katholischen Erwachsenen Bildung Wiesbaden zum Reformationsjahr 2017 „Hier stehe ich!…- Standpunkte, die bewegen“, aktuelle Kunst und Literatur.

TG: Warst du dir gleich sicher, welche Geschichte du erzählen willst?

Mary: Ja, meine,  das heißt: unsere!

TG: Die Geschichte „In diesem Jahr werden wir hundert“ ist nicht frei erfunden, sondern autobiografisch. Du schreibst sehr offen und authentisch über dein Kind, das anders ist als andere und dich vor manche Herausforderung stellte.

Mary: Wenn ich wildfremden Menschen auf Reisen oder wo auch immer, von mir und meiner Tochter erzählt habe, bekam ich als Antwort: Das müssen Sie unbedingt einmal aufschreiben! Meine Tochter war und ist ein sehr hübsches Mädchen. Wir haben in den ersten drei Jahren ihre Behinderung nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Als sich ihre Sprache nicht wie bei anderen Kindern entwickelte, war ich noch jahrelang der Meinung, ich würde es hinkriegen mit ihr, mit dem Sprechen. Ich hatte ja Erfahrung, wie man auf Kinder eingeht, die sich nicht altersgemäß entwickeln, und Nichtvorhandenes hervor kitzeln kann. Außerdem war ich zu der Zeit Lehrerin in einer Integrationsklasse und kannte mich mit speziellen Therapien gut aus.

TG: Wie erging es dir beim Schreiben? Welche Erinnerungen, Gedanken und Gefühle wurden dabei ausgelöst?

„Mary“ Preuß (Foto: S. Alphonso)

Mary: Es geht mir glaube ich nicht viel anders, als anderen Müttern auch, die Bilder sind im Kopf gespeichert. Ich habe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, meine Tochter ist behindert, Ich wollte eigentlich sagen, wenn man sich die Zeit nimmt, ist alles sehr präsent und ein Film spult sich ab, über meinen Sohn könnte ich auch schreiben, das war aber nicht das Thema.

TG: Gab es neue Aspekte, die du dir erst durch den Schreibprozess erschlossen hast?

Mary: Das Schönste war das Gefühl, dass wir beide, meine Tochter und ich, es so gut miteinander hingekriegt haben und ich am Ende sehr viel von ihr gelernt habe.

TG: Könntest du dir vorstellen, ein ganzes Buch zu verfassen und darin eure Geschichte aufzuschreiben?

Mary: Ich war durch die Nachricht so in Schwung, dass ich tatsächlich ein Buch über uns geschrieben habe. Ich habe es auch bereits einem Verlag angeboten und eine Absage erhalten: „Wir haben schon ein Buch über eine Behinderte.“ Die Antwort spiegelt für mich den Umgang mit Inklusion, letztendlich will keiner so gerne etwas damit zu tun haben, schade!

TG: Dies war schon dein zweiter Erfolg. Eine Geschichte von dir wurde zuvor schon in eine Anthologie aufgenommen. Was war das für ein Thema?

Mary: Das waren die Wilhelmsburger Geschichten, herausgegeben von der Edmund Siemens Stiftung. Ganz liebevoll gestaltet, mein Schreibanfang und eine wunderbare Erfahrung.

TG: Soviel zu Schreibwettbewerben, Ruhm und Ehre und. Doch was bedeutet dir persönlich das Schreiben? Was ist dein Hauptbeweggrund?

Mary: Ich habe meine Berufsjahre jetzt hinter mir, gestalte mein Leben neu, bin vor allem im Winter mit dem Rucksack in Asien unterwegs, flaniere und schreibe, das ist jetzt mein Leben, das macht mir Spaß.

TG: Und mich bewegen deine Geschichten. Vor allem, wenn du sie selber liest. Ich freue mich auf weitere Werke! Vielen Dank für dieses Interview!

Epilog: Ich kann nur empfehlen, Augen und Ohren offen zu halten, wo und wann die Autorin zu hören sein wird. Mit etwas Glück wird man sie im Programmheft der SuedLese 2018 finden.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso.)

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„Alles wird schön“ https://www.tiefgang.net/alles-wird-schoen/ Fri, 01 Dec 2017 23:09:48 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2561 [...]]]> In Heimfeld fanden sich 1992 einige Kunst- und Kulturinteressierte zusammen und legten den Grundstein eines kreativen Idylls. Grund zum Feiern.

Seit 25 Jahren ist auf knapp 50 Quadratmetern in der Heimfelder Friedrich-Naumann-Str. 27 ein der Kunst- und Kulturverein mit vielfältigen Angeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aktiv und hatte sich selbst das Ziel zum Namen gemacht: „Alles wird schön“ (kurz ´aws`). Seither ist er ganz wesentlich an der kulturellen Entwicklung des Stadtteils Heimfeld und des Bezirks Harburg beteiligt. Der Verein gehört dem Dachverband Stadtkultur Hamburg an und wird seit 1994 sogar institutionell gefördert. Wenn auch in äußerst knappem Maße.

Die Schwerpunkte des Vereins liegen in der Förderung und Vermittlung von Kunst, Kultur und Teilhabe, so ist auf der Website zu lesen. „Wir unterstützen Menschen bei der Planung von Projekten und bieten Beratung an. Unsere Vereinsräume stehen grundsätzlich für jeden offen“, so „Vereins-Obermeier“ Jürgen Havlik. Und die Angebote von „Alles wird schön“ sind überwiegend künstlerisch-kreativer Art und derweil zu relevanten Projekten gewachsen.

Am 16.Dezember 1992 gründete sich die Interessengemeinschaft mit der inhaltlichen Ausrichtung der Kunst- und Kulturförderung und die Angebote und Aktivitäten erstrecken sich von Kursen und Workshops über Kinderatelier, Schreibwerkstatt, Ausstellungen, Veranstaltungen bis hin zur Realisation von Projekten. 

„Platz ist in der kleinsten Hütte“

Neben zahlreichen Angeboten – Lesungen, Theater- und Musik Workshops und Projekten etc. – entstanden Formate, wie das Kinderatelier, die Schreibwerkstatt und der erste aber hamburgweit legendär gewordene Poetry -Slam „Heimfeld ist Reimfeld“. „Aufgrund der Raumgröße der Vereinsräume, bleibt häufig nichts anderes übrig als zunehmend „Open Air“ Veranstaltungen durchzuführen, Leerstände zu bespielen oder andere Räumlichkeiten zu nutzen, was durchaus sehr aufwendig sein kann, aber auch als Hinweis verstanden werden kann, dass mehr Raum, auch mehr Angebot bzw. Möglichkeiten bieten kann, für Kunst, Kultur und Teilhabe“, so „Mr. Aws“ Jürgen Havlik.

Kunst der Kinder.

„Wir sind auf vielen Ebenen der Kunst und Kultur aktiv, z,B. als Mitgründer und Unterstützer von „SuedKultur“. Wir organisierten drei Jahre den jährlich ausgeschriebenen Harburger Jugendkulturpreis. Unsere Ausstellungen bilden ein breites Spektrum aktueller Kunst ab. Wir arbeiten an einem Kunst- und Künstleraustauschprojekt mit Künstler*Innen aus Kolumbien zusammen. Hinzugekommen sind Projekte mit Migrant*Innen, sowie Improvisationstheater und die aus der Schreibwerkstatt hervorgegangene Initiative und Gründung des „awsLiteratur“ -Verlages. Und wir haben auch in Zukunft vor, künstlerisch, kreativ zu arbeiten und gleichermaßen anspruchsvoll, niedrigschwellige und auch elitäre Veranstaltungen, Workshops und Projekte zu realisieren.“

Aktuelle Projekte

 „Culture dialogue“ etwa ist eine Gruppe von Künstlerinnen, Künstlern und Kulturinteressierten, die mit dem Kunst- und Kulturverein „Alles wird schön“ e.V. in Heimfeld gerade zusammenarbeitet. Gemeinsam realisiert sie ein Kunstprojekt mit Geflüchteten, in dem die Beteiligten mehr von ihrer Kultur kennenlernen und gespannt in einen Dialog treten, aus dem sich dann künstlerische Prozesse ergeben.

Kreative Kommunikation

„Da Sprache nicht das einzige Verständigungsmittel zwischen den Kulturen ist, wollen wir die Möglichkeiten der Kunst als Ausdrucksform und Begegnung wählen, z.B. Malerei, Fotografie, Video, Musik, Tanz etc. Wir können in diesem Projekt von- und miteinander Lernen. Zum Abschluss wird es eine Ausstellung / Aufführung der Arbeiten und Dokumentation des gemeinsamen Projektes geben. Material wird von uns gestellt. Frauen und Männer sind herzlich willkommen mitzumachen. Es entstehen euch dabei keinerlei Kosten oder Verpflichtungen“, liest man auf der website.

Die Schreibwerkstatt Harburg im aws findet unter der Leitung der Journalistin Kerstin Brockmann – alle 14 Tage am Dienstag um 19 Uhr –  statt. Wer Interesse am Schreiben hat, ist herzlich willkommen – auch ohne Anmeldung.
www.schreibwerkstatt-harburg.de

Daraus wiederum ist nun AWS-Literatur entstanden. Der neue vereinseigene Verlag von Alles wird schön e.V.. Autor Wilfried Abels und sein Team bringen Bücher aller Art heraus, hauptsächlich von Leuten im Vereinsumfeld. Wer einen Roman, Kurzgeschichten oder ein Sachbuch herausbringen oder vielleicht Bilder und Kunstwerke katalogisieren will, kann dies hier – i.d.R. kostenfrei – tun. www.aws-literatur.de

Der „Trommeltreff“ ist jeden Mittwoch um 19 Uhr eine feste Institution geworden. Wer Lust auf Trommeln, Cajonspielen und Lernen hat, der sollte sich anmelden oder einfach vorbeikommen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich und kosten tut es auch nichts. Instrumente sind vorhanden.

Trommeln auf der Cajun

Und auch Kinderatelier unter Anleitung der bekannten Künstlerin Andrea Rausch gibt es. Jeweils am Donnerstag von 15-15.55 Uhr für Kinder von 4-6 Jahren und von 16-17 Uhr für Kinder von 7-10 Jahren. Die Teilnahme ist kostenlos ! Malen, basteln mit allen verfügbaren Materialien, Tonarbeiten u.v.m. malrausch-Website

Und nun wird gefeiert – mit einem bunten Programm, das urtypisch für die Schönheit des Südens ist.

25 Jahre Alles wird schön e.V. am Freitag, 15. Dez. 2017 ab 15 Uhr.

Um 15 Uhr wird eine Vertretung des Bezirksamts Harburg einige Grußworte sprechen und dann  Jürgen Havlik einen Ausblick von „Alles wird schön e.V.“ in die Zukunft wagen. Parallel ist eine Ausstellungsretrospektive und auch eine im Kinderatelier zu sehen. Ein Imbiss und Getränke stehen bereit. Um 17 Uhr dann Pflanzenmusik als KlangCollage von Künstler Harald Finke und Jürgen Havlik, 19 Uhr RÖMERROK – ein Duo um Anne Römer (Gesang) und Viktoria Rok (Klavier). Um 20 Uhr spielt das Chad Popple Trio um Bernd Reincke (Saxophon), Jan  Gospodinow (Trompete) und Chad Popple (Schlagzeug) Free Jazz. Und ab 21 Uhr gibt es DJs, Party und Tanz… Open end und Eintritt frei.

Ort des Geschehens: Alles wird schön e.V. Kunst und Kultur, Friedrich-Naumann-Str. 27, 21075 Hamburg, Tel.: 040 / 7666 049, Mail:  info(at)alleswirdschoen.de, alles-wird-schoen-e-v.deBürozeiten: Di. – Fr. 14 – 18 Uhr oder nach Vereinbarung

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