Kurzgeschichte von der Harburger Autorin Ute Holst

Mitten in der Nacht

Foto: ddzphoto / Pixabay

Nacht. Hotel. Ein lautes Geräusch. Die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Die Harburger Autorin Ute Holst (siehe auch ´Tiefgang`: Ute Holst – Schatten der Vergangenheit) https://www.tiefgang.net/ute-holst-schatten-der-vergangenheit/

ist seit Jahren Mitglied in der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ unter der Leitung von Kerstin Brockmann. Wegen der Corona Pandemie trifft man sich zur Zeit nicht persönlich, aber es gibt in diesen Tagen eben dann eine virtuelle Schreibwerkstatt. Dort hatte Kerstin Brockmann am 12. Mai ein Thema vorgegeben, für dessen Bearbeitung die Werkstattteilnehmenden  10 – 12 Minuten Zeit hatten.

Die Aufgabe am 12. Mai lautete:

Situation :

Lara übernachtet mit Martin im Hotel. In der Nacht schrecken die beiden plötzlich hoch, weil sie ein lautes Geräusch hören.

Zeit für die Bearbeitung: 10 – 12 Minuten

Mitten in der Nacht

von Ute Holst

Lara schreckt hoch und reißt ihrem Mann die Bettdecke weg: „was war das? Hast Du das auch gehört?“ „Ja, das klang wirklich komisch, ich werde mal den Portier anrufen“, Martin wälzt sich schwerfällig aus dem Bett. „Nun beeil dich, ich habe Angst“, Lara verkriecht sich unter ihrer Decke und zieht das Kopfkissen übers Gesicht. „Das blöde Telefon funktioniert nicht“, Martin haut auf die Tasten und rauft sich die Haare. „Dann musst du eben mal auf dem Flur nachsehen“, Lara zittert am ganzen Körper, „vielleicht haben das ja auch andere Gäste gehört. Das Hotel soll doch ausgebucht sein.“ „Na, du hast ja Nerven“, Martin holt den Bademantel aus dem Schrank, „meinst du etwa, ich habe keine Angst?“ Langsam zieht er sich die Socken an, „was machst du denn solange“, Laras Stimme klingt weinerlich. „Dann geh du doch, wenn es dir nicht schnell genug geht“, verärgert dreht Martin sich zum Bett und reißt seiner Frau die Decke weg. „Sag mal, spinnst du?“, empört zerrt Lara an der Zudecke und blickt ihren Mann wütend an. Endlich geht er mit schlurfenden Schritten zur Tür: „und was ist, wenn mir da draußen einer auflauert?“ Vorsichtig entriegelt er die Zimmertür und öffnet sie einen Spalt.

Er entdeckt einen ungepflegt wirkenden Mann, der in der offenen Tür langsam in sich zusammensinkt. Eine starke Alkoholfahne weht Martin entgegen und erregt seinen Ekel. Martin will die Tür zuknallen und ein lauter Schmerzensschrei ertönt. Der fremde Mann hatte sich am Türrahmen festgeklammert und Martin hatte ihm bei dem Versuch die Tür zu schließen die Finger geklemmt. Erschrocken öffnet Martin die Zimmertür erneut und der Fremde erhebt sich blitzartig und torkelt hinein. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit schiebt sich der fremde Mann an Martin vorbei und nimmt Kurs auf das Bett. Lara beobachtet mit weit aufgerissenen Augen das Geschehen und stößt einen lauten Schrei aus. Entsetzt sieht sie, wie der Betrunkene mit einem schmierigen Grinsen und mit weit ausgebreiteten Armen und den Worten „Mein Schnuckel, da bist du ja“, auf sie zuwankt. Dabei springt sein Bademantel auf und Lara entdeckt unter seinem dicken Bauch einen winzigen Slip mit Leopardenmuster. Hysterisch schreit sie: „Martin, wo bist du, warum hilfst du mir denn nicht?“ Hastig springt sie auf der anderen Seite aus dem Doppelbett und entkommt so in letzter Sekunde dem Eindringling. Ein Kopfkissen schützend vor sich haltend drückt Lara sich eng an die Wand. Mit gerötetem Gesicht, glasigen Augen und wild vom Kopf abstehenden Haaren streckt der Fremde seine dicken Wurstfinger nach Lara aus.

Mit viel Mühe versucht Martin den Lüstling zu überwältigen. Der setzt sich heftig zur Wehr und versucht Martin zu schlagen. Sein hoher Alkoholpegel sorgt jedoch dafür, dass dieser Versuch misslingt und Martin gewinnt schließlich doch die Oberhand. Er dreht ihm die Arme auf den Rücken und fordert Lara auf, seine Hände mit ihrer Strumpfhose zusammen zu binden. Dann stützt er den wütend pöbelnden Besucher und gemeinsam stolpern sie hinaus auf den Gang. Einige der anderen Zimmertüren stehen offen und Menschen in Nachtwäsche oder in Laken gehüllt beobachten interessiert das Geschehen. Manche haben ein schadenfrohes Grinsen auf dem Gesicht, andere blicken beschämt zu Boden, um Martins Blick nicht begegnen zu müssen. Unter dem Getuschel und Gekicher der Zuschauer steuert Martin mit seinem Begleiter auf das Ende des Flurs zu, wo eine pummelige Frau im Negligee ihnen zornig entgegenblickt. Die Augen zu Schlitzen verengt, die Hände in die Hüften gestemmt und barfuß brüllt sie Martin entgegen: „Den Kerl können sie behalten, junger Mann, den will ich nicht mehr!“ Triumphierend schaut sie zu den sich amüsierenden Menschen, die sich noch immer im Gang aufhalten und nickt ihnen zu: „Mit so einem lüsternen Trunkenbold will ich nichts mehr zu tun haben.“

Martin lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken, er lehnt den Fremden an die Wand und überlässt ihn seiner keifenden Partnerin. So schnell er kann geht er zurück in Richtung seines Zimmers und nickt den anderen Gästen freundlich zu, die mit hoch gerecktem Daumen ihre Bewunderung für ihn ausdrücken. Aus der Entfernung hört er wie der Betrunkene lallend sagt: „Aber Schatz, nun sei doch nicht so. Du weißt doch, dass ich nur dich liebe.“ Als Martin sein Zimmer erreicht, stellt er verzweifelt fest, dass die Tür von innen verriegelt ist. „Liebling, ich bin’s, bitte lass mich rein.“ Er hört wie der Schlüssel umgedreht wird und Lara öffnet vorsichtig die Tür einen Spalt breit. Erleichtert schlüpft Martin hinein, und schiebt zur Sicherheit noch einen schweren Sessel vor die wieder abgeschlossene Tür. Mit dem Ärmel seines Bademantels wischt er sich die Schweißperlen von der Stirn. Dabei löst sich der Gürtel und Lara erkennt zu ihrer großen Freude, dass ihr Mann die Boxershorts trägt, die sie ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Die Shorts ist aus rotem Satin und hat als Dekor eine Abbildung von Snoopy. Begeistert streicht sie über den weichen Stoff und spürt wie Snoopy auf der Stelle reagiert. Verliebt lächelt sie ihren Mann an und drückt sich zärtlich an ihn. Martin versteht die Einladung sofort und erwidert Laras Zärtlichkeiten.

Mitten in der Nacht nimmt so der schreckliche Alptraum doch noch ein glückliches Ende.

 

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