Wort-Reich – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 29 Jul 2021 09:41:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Lackmustest https://www.tiefgang.net/lackmustest/ Fri, 30 Jul 2021 22:37:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8248 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Ich habe mir ein Gedanken-Experiment überlegt.

Zum Versuchsaufbau gehören unterschiedliche Interessengruppen. Um sie auseinanderhalten zu können, färbe ich sie: z. B. schwarz, weiß, rot, grün, gelb, blau, braun… Mist, jede einzelne wird schon mit etwas assoziiert, symbolisiert eine Hautfarbe oder politische Position. Das Experiment soll allerdings einen neutralen Ausgangspunkt haben. Pink und die Farbe Lila scheiden auch aus. Hm. Ich dachte, ich suche mal schnell willkürlich etwas aus und fertig ist der Lack!
Dann nehme ich jetzt halt gestreifte und karierte Strukturen und bringe noch einen entscheidenden Vorteil ins Spiel kommen: Macht. Wir dürfen gespannt sein, was passiert. Die Privilegierten halten ihre Stellung ab sofort für ihr gutes Recht und freuen sich über ihre Vorteile. Dass die andere Gruppe benachteiligt ist, nun ja… das ist halt so, deren Problem. Die einen sind also zufrieden, die anderen sauer.
Versuchsweise lasse ich nun eine weitere Gruppe auf der Bildfläche erscheinen: die Gesprenkelten – und die Rollen werden neu verteilt. Großer Aufschrei bei den bisherigen „Gewinnern“! Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Das ist unfair, gegen die Natur und gehört verboten!
Was passiert, wenn Petrischalen vertauscht werden?
Liegt Machterhalt in des Menschen Natur? Oder kann das überwunden werden? Ich blicke auf die Frage der Sozialisation und träufele ein wenig Gemeinsinn ins Gedankengut. Bin gespannt, ob und wie sich daraus ein neues Verständnis von Würde entwickelt.

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Spieglein https://www.tiefgang.net/spieglein/ Fri, 16 Jul 2021 22:54:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8216 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Obwohl ich ein großer Fan von Reflexionen bin, habe ich ein eher zerrüttetes Verhältnis zu Spiegeln.

Zu solchen, die mir nicht schmeicheln, also fast allen. Am schlimmsten sind die in den Umkleidekabinen der Damenunterwäsche bei Karstadt in Harburg, wo sonst? Leserinnen können das vielleicht aus eigener Erfahrung bestätigen, männliche Begleiter als Augenzeugen, wenn ihre Frau, Mutter, Schwester, Freundin oder Geliebte kreidebleicher nach der Anprobe wieder auftaucht.

Dort ist das Licht nicht einfach nur unvorteilhaft, nein: Es ist voll fies. Grausam anzusehen, was sich dort als eigen Fleisch und Blut darstellt. Solche Beleuchtungskörper gehören verboten! Welche Verkaufsstrategie sich dahinter verbergen mag, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht macht es sich bezahlt, damit Kundinnen unbesehen kaufen, statt anzuprobieren, um sich den Frust zu ersparen.
Im Urlaub machte ich die niederschmetternde Erfahrung, dass es solche Spiegelbilder auch woanders gibt. Ich war irritiert. Ist das schon wieder ein Stresstest? Gab es davon in den letzten Monaten noch nicht genug?? Der Spiegel antwortet nicht. Vielleicht denkt er sich seinen Teil. Reden ist Silber, Schweigen ist sicherer. Denn ein Spiegel lebt gefährlich, besonders wenn er ehrlich seine Meinung sagt.

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Schlangenstudium https://www.tiefgang.net/schlangenstudium/ Fri, 09 Jul 2021 22:34:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8190 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Schlangen gab es schon immer, also bereits in vorcoronaler Zeit. Besonders lebhaft sind mir diejenigen vor Damentoiletten und an Supermarktkassen im Gedächtnis geblieben.

Es ging allerdings kein Weg daran vorbei: Sie mussten mit der Zeit gehen, mit dem Ergebnis einer evolutionären Schlangenverlängerung. Immerhin ist jetzt das Risiko gesunken, dass man von hinten mit einem Einkaufswagen angeschoben wird; Markierungen sei Dank!
Solange die Zeichen noch auf Abstand stehen, bietet sich vielerorts die Gelegenheit, das menschliche Sozialverhalten zu studieren, praktischerweise am Feldversuch teilzunehmen und andere sowie sich selbst zu beobachten.
Erstens kann Schlangestehen die Kommunikation fördern, denn kreuzen sich selbige, sind Nachfragen sinnvoll: „Sind Sie das Ende der Schlachterschlange oder stehen Sie beim Bäcker an?“
Zweitens kann es zur kategorischen Erfassung einzelner Stereotypen beitragen. Die vermutete Mehrheit sieht meistens nichtssagend aus. Das sind augenscheinlich diejenigen, die alles stillschweigend erdulden. Ob es sich dabei um stoische Gelassenheit handelt oder im Gegensatz zum äußeren Schein innerlich brodelt, ist schwer zu beurteilen. Man kann in die Menschen nun mal nicht hineinsehen, und aus z. T. vermummter Mimik lässt sich auch nur ansatzweise etwas ablesen.
Vielleicht verfluchen sie gedanklich gerade all jene, die vor ihnen dran sind. Doch sie sind diszipliniert genug, die Flüche für sich zu behalten. Andere sind dagegen sichtlich oder hörbar genervt. Ungehalten darüber, dass welche das Gleiche wollen wie sie. Einige mögen sich sorgen, dass alles alle ist, wenn sie endlich selber am Ziel ankommen und recken ihre Köpfe, um sich mit Blicken weiter vorne zu platzieren.
Es gibt allerdings auch seltene Exemplare. Beispielsweise beobachtete ich einmal eine Geistersteherin, die links aus der Reihe tanzte – und dann denjenigen permanent im Weg stand, die verrichteter Dinge wieder gehen wollten. Das irritierte stets nur den Gegenverkehr, der sich an der Frau vorbeischlängeln musste, sie selber blieb konsequent bei ihrer verqueren Einstellung.
Eine andere Frau bemühte sich um anschauliche Gemütsruhe, indem sie die Yogahaltung „Der Baum“ einzunehmen versuchte: ein Bein angewinkelt und abgestützt am Standbein. Eine denkwürdige Demonstration auf der Suche nach innerem und äußerem Gleichgewicht – leider nur mit mäßigem Erfolg.
Zeitvertreiber gibt es häufiger als vorgenannte Ausnahmen. Zeitvertreiber widmen sich gerne ihrem Smartphone, um die Wartezeit zu verkürzen, verlieren bisweilen den Anschluss, weil sie zu vertieft sind, um zu bemerken, dass es längst weitergeht.
Dann gibt es noch die Renitenten, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, wo und wie sie sich anzustellen haben, und natürlich das Pendant dazu: Diensteifrige Aufsichtspersonen, die diejenigen anpampen, die nicht vorschriftsmäßig anstehen.
Und ich, wo stehe ich? Natürlich dazwischen, leider ohne Stühle, denn es ist ja eine An-Steh-Schlange und kein Wartezimmer. Ich habe ein bisschen was von allen: schwanke wackelig zwischen den unterschiedlichen Haltungen und Gemütszuständen, mal verärgert, mal nachsichtig, mal amüsiert.
Ich denke mich als Bindeglied ohne Haftung in einer Menschenkette, wo jede*r für sich selber steht. Gibt es kein höheres Ziel? Doch, vielleicht: Wenn Geduld eine Tugend ist, lohnt es sich möglicherweise, das über jeden Zweifel erhabene Schlangestehen zu kultivieren und gnädig miteinander umzugehen.
Aus der Not eine Tugend zu machen, war schon immer ein schlauer Rat. Da ist noch viel Luft nach hinten.

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Zum Auswachsen https://www.tiefgang.net/zum-auswachsen/ Fri, 02 Jul 2021 22:56:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8155 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Technisch betrachtet stecke ich noch in den Kinderschuhen, ca. Gr. 27,5.

Die Digitalisierung treibt mich noch zum Wahnsinn – oder weiteren Einsichten. Ich sage mir schon seit langer Zeit, dass noch keine Meister vom Himmel gefallen sind. Alles braucht Übung. Wenn es doch nur nicht so anstrengend wäre… und zum Verzweifeln… und zum… Mäusemelken, kleinteilig-friemelig. Aber Kapitulation? Niemals! Aufgeben ist keine Option. Neustart hingegen schon. Reset. Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ein Neustart die Probleme in Luft auflöste. Einfach mal alles runterfahren, tief durchatmen und dann sein Glück nochmal versuchen. Wunder gibt es immer wieder.
Manchmal hilft es auch, kleinbeizugeben, sprich: weniger erreichen zu wollen und stattdessen mit dem Machbaren zufriedenzugeben. Ist natürlich keine leichte Übung, die eigenen hohen Ansprüche hinunter-, statt sich in unliebsame Gefühle hineinzuschrauben… z. B. in tiefen Groll, weil ich der Technik nicht Herr bin – oder Frau. Ich biete dann tapfer der emotionalen Verschwörungstheorie die Stirn, dass das Problem nur existierte, um mir das Leben schwer zu machen!
Weil ich vermutlich nicht die Einzige bin, die mit Hard- und/oder Software zu kämpfen hat, mache ich mir jetzt einmal die Mühe die Vor- und Nachteile abzuwägen, die für bzw. gegen ein digitales Format sprechen und nehme als Beispiel die SuedLese 2021, die dieses Jahr Premiere hatte. Das Ganze stelle ich mir als Schlagabtausch vor.
Pro: Online-Lesungen haben den Vorteil einer größeren Reichweite.
Contra: Theoretisch ja. Praktisch ist das Scheitern scheinbar schon vorprogrammiert. Man kommt nicht rein oder fliegt wieder raus, hat keinen Ton, kein Bild, eine ohrenbetäubende Rückkopplung…
Pro: Vor Ort kommt aber auch nicht jede*r rein, z. B. Rollstuhlfahrer*innen wegen Stufen.
Contra: Es kann ebenfalls frustrierend sein, sich online ausgeschlossen zu fühlen oder benachteiligt, weil die Verbindung schlecht ist.
Pro: Schon, trotzdem hinkt der Vergleich! Denn beim nächsten Date kann schon alles besser laufen. Eine Mobilitätseinschränkung ist dagegen eine Hürde, die sich durch Üben nicht überwinden lässt.
Contra: Und der Überdruss, was ist damit? Viele sitzen ja berufsbedingt schon viel am PC, während der Pandemie noch dazu reichlich im Homeoffice. Da hat man doch keine Lust, sich sowas auch noch in der Freizeit.anzutun.
Pro: Das ist doch etwas völlig anderes, sowohl inhaltlich als auch atmosphärisch. Außerdem haben Menschen fast dauernd ein Handy in der Hand und stecken ihre Nase freiwillig ins Internet. So abschreckend scheint die digitale Welt also vom Prinzip her nicht zu sein.
Contra: Aber…
Pro: Und im Ernstfall ist ein Zoom-Meeting besser als nichts. Man sieht sich: Kollegen, Freunde
und Familie – und das ohne Maske!
Contra: Man selber sieht aber generell voll schlimm aus! Ich erschrecke mich immer, wenn ich mich sehe.
Pro: Dann guck´ halt nicht dich an, sondern die anderen! Außerdem hast du die Option, dein Bild auszublenden. Wobei es natürlich gerade darum geht, sich wenigstens virtuell zu treffen, also annähernd wie im richtigen Leben zu begegnen: sicht- und hörbar.
Contra: Apropos hörbar. Es gibt auch Schüchterne, die sich scheuen, etwas zu sagen. Dann kann so ein peinliches Schweigen entstehen, wenn alle schweigen.
Pro: Das kann vor Ort auch passieren, dass sich keiner traut, das Wort zu ergreifen. Bei Online-Lesungen kannst du deine Fragen oder Anmerkungen auch in den Chat schreiben. Das ist doch ein niedrigschwelliges Angebot, um sich zu beteiligen.
Contra: … Mir gehen langsam die Argumente aus.
Pro: Tooor! 1:0 für mich!
Contra: Aber Online ist einfach kein Ersatz für eine Live-Lesung.
Pro: Nö, aber durchaus eine sinnvolle Ergänzung.
Contra: Naja, so gesehen… könnten alle was davon haben.
Pro: Genau, analog & digital zu paaren könnte im Ergebnis zu einer win-win-Situation führen.
Das lasse ich jetzt mal so im virtuellen Raum stehen.

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Lange Leitung https://www.tiefgang.net/lange-leitung/ Fri, 11 Jun 2021 22:57:30 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8010 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Kennt jemand Aron? Welch biblischer Name für einen digitalen Assistenten.

Drum will ich nun Zeugnis ablegen von meiner Zeit in einer ewigen Warteschleife, um zu einer Sprechstundenhilfe durchgestellt zu werden. Zunächst hörte ich mir die obligatorische Begrüßung vom Band an und durfte wählen zwischen Option 1 und 2, hätte mein Anliegen doch nur dazu gepasst. Andernfalls sollte ich zur Anmeldung weitergeleitet werden. „Bitte warten Sie, um mit einem Mitarbeiter zu sprechen. Danke für Ihre Geduld.“ Ich war schon öfter in der Praxis gewesen, sah immer nur Frauen in der Anmeldung, aber egal.

Es folgte Musik, sogar ganz angenehme. Dann die Ansage: „Sie sind zurzeit Anrufer Nr. 2. Bitte warten Sie, um mit einem Mitarbeiter zu sprechen. Danke für Ihre Geduld.“ Die Musik erklang, 10 Sekunden lang, wurde unterbrochen von derselben Ansage, ich hörte weiter 10 Sekunden Musik, dann wieder die Ansage und so weiter und so fort. Ich verharrte geduldig als Anrufer Nr. 2 in der Leitung.

Nach grob geschätzten 20 Wiederholungen wechselte das Programm. „Ihr Anruf ist nun der nächste in der Warteschleife und wird zum nächsten freien Mitarbeiter durchgestellt. Danke für Ihre Geduld.“ Es folgte andere Musik bei gleicher Taktung. Ansage – Musik – Ansage – Musik… Doch jetzt – Achtung! Aufgepasst! Überraschung! – „Leider kann Ihr Anruf aktuell nicht zeitnah entgegengenommen werden. Wir leiten Sie an unseren digitalen Assistenten Aron weiter.“ Ich dachte, Aron gehöre längst der Vergangenheit an, doch ich dachte falsch und legte auf. Und versuchte es erneut. Begrüßung, Auswahlverfahren, Warteschleife zur Anmeldung, wieder Anrufer Nr. 2, höre Jazz und 20-mal dasselbe, natürlich abwechselnd, bevor ich in der Warteschleife aufrücke, einem Klavier lausche und ein ums andere Mal den Dank für meine Geduld entgegennehme – um schließlich bei dem einvernehmlichen Bedauern anzukommen. Assistent Aron will sich um mich kümmern, aber ich will mir partout nicht von ihm helfen lassen. So schnell gebe ich nämlich nicht auf! Und heißt es nicht, aller guten Dinge wären drei? Frisch gewählt ist… eine Zumutung. Ich habe ein Dé·jà-vu. Bin Nr. 2, aber mir wächst inzwischen ein Damenbart. Lange Geschichte, abruptes Ende. Ich gab schließlich doch auf.

Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig.

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Idiotie https://www.tiefgang.net/idiotie/ Fri, 04 Jun 2021 22:56:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7986 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Vor kurzem stieß ich auf eine Überschrift, H. P. Baxxter (Hans Peter Geerdes von der Band Scooter) fände Gendern zum Kotzen. Das wäre Idiotensprache.

Super-coole Ansage für einen wie ihn, der sich dumm und dämlich daran verdient „Hyper! Hyper!“ in ein Mikro zu brüllen. Aus Sicht meiner Ohren ist das zum… Weghören. Aber gut, die Geschmäcker sind verschieden.

Die einfache Sprache gibt mir erneut zu denken. Sie erreicht Menschen emotional deutlich schneller als die politisch korrekte. Es ist so viel mühsamer, im gesellschaftlichen Kontext mit- oder gar umzudenken. Das erfordert Konzentration – jedenfalls solange, bis es zur Gewohnheit geworden, sprich: in Fleisch und Blut und vor allem ins Gehirn übergegangen ist.

Ich finde es vollkommen nachvollziehbar, dass sich jede*r so äußern können möchte, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist. Vielleicht wäre das wirklich die Lösung! Macht doch, was ihr wollt! Die einen wie früher, die anderen mit Sternchen, wieder andere bevorzugen vielleicht ausschließlich die weibliche Form, und: man kann beim Sprechen und Schreiben die Artikel sogar ganz weglassen! Oder ganz innovativ das neutrale, englische THE verwenden, eingedeutscht: TEE, weil die Aussprache von TH ungeübten Zungen schwerfällt.

Wäre es nicht ein Zeichen von Diversität, wenn man alles zuließe und akzeptierte, selbst ein Bewerbungsschreiben mit der Anrede „Ey, Digga“? Ich bin mir nicht sicher, wie ernst ich meinen Gedanken nehmen soll. Tatsächlich ist ja etwas dran, dass eine Doktrin a la George Orwells „Neusprech“ nicht schmeckt und sogar sauer aufstößt, und Verbote etwas von einem Maulkorb haben. Wenn jede*r sagt, was und wie er oder sie denkt, weiß man wenigstens, woran man ist, und kann sich über Inhalte austauschen. Das hat doch was. Einen Hauch von Wahrhaftigkeit

 

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Screenshot https://www.tiefgang.net/screenshot/ Fri, 21 May 2021 22:29:48 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7930 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Ich war schon immer kamerascheu, aber nun gewöhne ich mich wohl oder übel daran, optisch mit mir selbst konfrontiert zu werden, ZOOM sei Dank.

Seit geraumer Weile verbringe ich wie so viele andere auch noch mehr Zeit vor dem Bildschirm. Ob im Büro oder Homeoffice, bei der Arbeit oder in meiner Freizeit. Manches ist ein Muss, anderes mache ich freiwillig. Onlinekonzerte und Fortbildung beispielsweise. Es kann ja nicht schaden, aus der Not eine Tugend zu machen.

Online-Formate der Begegnung waren Neuland, aber nach anfänglichen Schwierigkeiten komme ich auf den Geschmack, weil ich Möglichkeiten entdecke in dem digitalen Schnickschnack. Anfangs sind die Hürden hoch, steht man doch wie ein Ochs vorm Berg. Aber so ist das im Leben: Man macht so vieles zum ersten Mal und hat es dann mit etwas Übung irgendwann drauf. Laufen und lesen beispielsweise. Anfangs stammelt oder taumelt man noch rum – oder stürzt eben online ab. So groß ist der Unterschied im Prinzip nicht. Learning by doing. Zur Belohnung eröffnen sich dann neue Möglichkeiten.

Und wie nebenbei komme ich darauf, dass nur ich selbst mich an meinen Anblick gewöhnen muss, die anderen waren damit schon länger vertraut. Und bisher hat noch niemand wegen meines Aussehens den Kontakt zu mir abgebrochen. Eine schöne Lektion für meine Eitelkeit.

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Bashtag https://www.tiefgang.net/bashtag/ Fri, 07 May 2021 22:26:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7878 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Ich wünsche mir eine Deeskalations-Kampagne, denn allzu oft schrillen meine Alarmglocken, wenn es brodelt und der Pöbel das Wort an sich reißt. #Skandal, #Provokation und #Bashing sind an der Tagesordnung.

In einem Buch mit dem Titel „Das Alphabet des Denkens“ erfuhr ich, dass Schimpfwörter im wahrsten Sinne des Wortes Kraftausdrücke sind und direkt mit emotionalen Reaktionen verknüpft. Sie ziehen zudem blitzartig unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Gemüter erhitzen sich halt ganz gerne, sonst ließen sich Schlagzeilen nicht so gut verkaufen. Ob im privaten Kämmerlein oder im Pulk auf der Straße, viele Menschen schrauben sich extrem in ihre Empörung über dieses und jenes hinein, sind per se selbst gerecht in ihrem abfälligen Urteil über die anderen. Besonders in Zeiten mit komplexen Fragen, werden die Antworten einfach mal schnell mit der heißen Nadel gestrickt. Ich warte auf den Tag, an dem Schimpfworte und Beleidigungen nicht mehr nur auf Social Media im Überfluss kursieren, sondern auch alle anderen Kanäle fluten. Es gibt ja bereits Sendungen im Fernsehen, deren Dialoge sehr authentisch klingen…

Ich vermute, es gibt eine Wechselwirkung zwischen Sprachgebrauch und Geisteshaltung. Verflucht und zugenäht! Bedeutet das, man kann den Menschenverstand besiegen, indem man ihn einschüchtert und durch Verrohung zum Schweigen bringt? Wäre der gute Geist dann eines Tages vom Aussterben bedroht? Hoffentlich nie und nimmer!

Kürzlich las ich ein Buch über Mahatma Gandhi. Von diesem kleinen Mann mit einer überdimensionalen Haltung können wir viel lernen. Sein Thema ist immer noch und immer wieder hochaktuell. Er stand für eine konsequente Gewaltlosigkeit und Respekt vor dem Gegenüber.

Das fängt mit der gewählten Sprache an. Ich jedenfalls möchte mich nicht davon provozieren und dazu hinreißen lassen, so zurückzurufen, wie es in den Wald hineinschallt. Denn wie Gandhi meinte: „Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein.“

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Nickerchen https://www.tiefgang.net/nickerchen/ Sat, 17 Apr 2021 14:17:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7829 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Wenn es darum geht, meine Gedanken in Worte zu fassen, weiß ich leider gerade gar nicht, wo ich anfangen oder aufhören soll.

Selbstredend beschäftigt mich die aktuelle Lage und gleichzeitig hängt mir das Thema zum Hals heraus. Ich bestreike sogar schon eine Weile die Tagesschau. Eines Abends war es soweit: Ich verlor die Lust an den neuesten Meldungen, weil sie mich oft krötig machen. Abgesehen von sterilen Zahlen und Fakten und dem ewigen Ringen Lockdown vs. Lockerungen, bekomme ich von manchen Meldungen einen richtig dicken Hals, z. B. die Selbstbereicherung schwarzer Schafe oder die Vorzugsbehandlung größerer Unternehmen oder vom Sport, wo Mannschaften

herumreisen, sich austoben, und jubelnd übereinander herfallen dürfen – und nebenbei spitzenmäßig verdienen. Es gab Momente, wo ich dachte: Hand- oder Fußballer müsste man sein!

Ich kann Berichte über Befürworter*innen, Kritiker*innen und Querdenker*innen nicht mehr sehen und hören. Diese Viertelstunde schenke ich mir. Und nutze sie, um mich zu entspannen. Das eigentliche Thema scheint mir sowieso ein übergeordnetes zu sein. Unterm Strich mag nämlich eine Angst vor Kontrollverlust als gemeinsamer Nenner stehen.

Gesundheit, Grundrechte, ein gutes und möglichst sorgloses Leben – das steht uns doch zu! Der Zweck soll mal wieder die Mittel heiligen. Ich sehe kindische, bockige Uneinsichtigkeit oder erwachsenes, großes Kopfschütteln angesichts des dummen Dilemmas, in dem wir uns befinden. Wie zur Bekräftigung nicke ich bei diesem Gedanken eine Weile weise vor mich hin und sage Ja zu der Ausgangslage, die zwar mies sein mag, sich aber mit etwas gutem Willen in absehbarer Zeit verbessern kann. Ich gedulde mich noch ein wenig und gebe die Hoffnung nicht auf. Es lebe das Leben! Und wenn ich sterbe, bin ich tot. Die Welt wird´s überleben.

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Ansteckungsgefahr https://www.tiefgang.net/ansteckungsgefahr-2/ Fri, 09 Apr 2021 22:04:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7804 [...]]]> Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Erleichtert denke ich: Zum Glück hat ES mich noch nicht erwischt.

Bisher habe ich mich weder mit dem Virus infiziert noch von der ganzen Feindseligkeit anstecken lassen. Ich finde die Situation zwar sehr anstrengend und empfinde Unmut angesichts der Tatsache, wie lange sich der Notstand schon hinzieht. Seit über einem Jahr hangeln wir uns von Woche zu Woche, im Ohr die Endlosschleife der Durchhalteparolen und schnaufen entnervt in unsere Masken. Jedenfalls diejenigen, die bereit sind, eine zu tragen, die sich nicht verarscht fühlen oder den Politiker*innen die Schuld geben, dass dieses Virus unser Leben auf den Kopf gestellt hat.

Die Gegner der Corona-Maßnahmen sprechen mir vermutlich meine Kernkompetenz ab. Demnach wäre ich gar keine Denkerin, sondern ein Schlafschaf. Träume ich etwa nur davon, einen eigenen Kopf zum Denken zu haben, der in Wirklichkeit längst abgeschraubt wurde?

Ich habe mich diesbezüglich testen lassen. Mehrmaliges Zwicken beweist: Nein, ich träume nicht. Ich fühle mich allerdings müde angesichts dieser heftigen, und zum Teil unterirdischen Verbalattacken der einen gegen die anderen.

Können wir nicht einfach davon ausgehen, dass wir alle voll gestresst sind? Und uns etwas Mühe geben, nicht auch noch aufeinander herumzuhacken? Wir müssen keine Stoiker werden, die alles mit größter Gelassenheit hinnehmen, aber Bürgerkrieg in den Köpfen ist auch keine Lösung.

Zu Ostern dachte ich: Das Gelbe vom Ei liegt vermutlich wie immer irgendwo in der goldenen Mitte. Wir sollten uns auf die Suche danach machen.

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