Klaus Möller – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 02 Feb 2022 12:00:43 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Hans Leipelt zum Gedenken https://www.tiefgang.net/8737-2/ Fri, 28 Jan 2022 23:52:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8737 [...]]]> Vor genau 77 Jahren – am 29. Januar 1945 – wurde der Harburger Widerstandskämpfer Hans Leipelt im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Klaus Möller von der Initiative Gedenken in Harburg erinnert.

Von Klaus Möller

Hans Leipelt (18.7.1921 – 29.1.1945) stammte aus einer zum evangelischen Glauben konverierten jüdischen Familie. Seine Schwester Maria (13.12. 1925– 5.9.2008) war vier Jahre jünger als ihr Bruder. Die beiden Kinder verbrachten eine glückliche Kindheit und Jugend auf der Veddel und in den damals noch preußischen Orten Heimfeld, Rönneburg und Wilhelmsburg. In den Ferien reisten sie oft zu ihren Großeltern mütterlicherseits, die in Wien lebten.

Diese Verwandtenbesuche kamen allerdings im März 1938 zum Erliegen, als Otto Baron sich nach der Besetzung Österreichs durch die deut-sche Wehrmacht unmittelbar nach einem Gestapoverhör das Leben nahm und seine Eltern Hals über Kopf in die tschechoslowakische Kleinstadt Cerná Horá flüchteten. Dort starb Arnold Baron wenige Wochen später, während seine Frau nach der Besetzung auch dieses europäischen Staates durch deutsche Truppen im März 1939 abermals ihre Koffer packte und in der Familie ihrer Tochter Katharina Leipelt in HH-Wilhelmsburg Zuflucht fand. Im Sommer 1942 wurde Hermine Baron im Alter von 75 Jahren von Hamburg in das Getto Theresienstadt deportiert, wo ihr Leben ein halbes Jahr später endete.

Im gleichen Jahr starb Hans Leipelts Vater Konrad, der als technischer Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke, einem kriegswichtigen Unternehmen, unter ständig wachsendem Leistungsdruck stand. Zwei Jahre zuvor hatte er noch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinem Sohn eine Studienerlaubnis zu verschaffen, nachdem er als „Halbjude“ unehrenhaft aus der Wehrmacht, in deren Reihen er 1939 in Polen und 1940 im Westen gekämpft hatte, entlassen worden war.

Diese Verwandtenbesuche kamen allerdings im März 1938 zum Erliegen, als Otto Baron sich nach der Besetzung Österreichs durch die deut-sche Wehrmacht unmittelbar nach einem Gestapo-verhör das Leben nahm und seine Eltern Hals über Kopf in die tschechoslowakische Kleinstadt Cerná Horá flüchteten. Dort starb Arnold Baron wenige Wochen später, während seine Frau nach der Besetzung auch dieses europäischen Staates durch deutsche Truppen im März 1939 abermals ihre Koffer packte und in der Familie ihrer Tochter Katharina Leipelt in HH-Wilhelmsburg Zuflucht fand. Im Sommer 1942 wurde Hermine Baron im Alter von 75 Jah-ren von Hamburg in das Getto Theresienstadt deportiert, wo ihr Leben ein halbes Jahr später endete.

Im gleichen Jahr starb Hans Leipelts Vater Konrad, der als technischer Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke, einem kriegswichtigen Unternehmen, unter ständig wachsendem Leistungsdruck stand. Zwei Jahre zuvor hatte er noch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinem Sohn eine Studienerlaubnis zu verschaffen, nachdem er als „Halbjude“ unehrenhaft aus der Wehrmacht, in deren Reihen er 1939 in Polen und 1940 im Westen gekämpft hatte, entlassen worden war.

Hans Leipelt hatte im Herbst 1940 zunächst in Hamburg ein Chemiestudium begonnen, mit dem nach einem Jahr jedoch wieder Schluss war. Andere Universitäten verwehrten ihm auch den Zugang. Er konnte es vor Glück kaum fassen, als der Nobelpreisträger Prof. Heinrich Wieland (4.6.1877 – 5.8.1957), der Leiter des chemischen Instituts der Münchener Universität, sich über alle geltenden Zulassungsbestimmungen hinwegsetzte und ihm eine Möglichkeit bot, sein Studium bei ihm fortzusetzen.

Hier in München fand er im Februar 1943 das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“, das zum Widerstand gegen das NS-Regime aufrief, in seiner Post. Zusammen mit seiner Freundin Marie-Luise Jahn schrieb er es auf einer Reiseschreibmaschine mehrfach ab. Bald schloss sich auch seine Schwester Maria dieser Aktion an. Die Durchschläge reichten sie an gute Freunde in München und Hamburg weiter, wobei sie zugleich um eine Geld-spende für Klara Huber baten. Ihr Mann Professor Kurt Huber, der zum Kern der „Weißen Rose“ gehörte, war unmittelbar nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und ihres Freundes Christoph Probst ebenfalls verhaftet und zugleich fristlos und unter Verlust aller Versorgungsrechte, die ihm als Beamten zustanden, aus dem Hochschuldienst entlassen worden. Seine Frau wusste nicht, woher sie das Geld nehmen sollte, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer zwei minderjährigen Kinder zu bestreiten.

Im Oktober 1943 wurde Hans Leipelt in diesem Zusammenhang in München verhaftet. Seine Schwester ereilte dieses Schicksal einen Monat später. Im Dezember 1943 wurde dann auch seine Mutter Dr. Katharina Leipelt verhaftet. Sie beging unmittelbar nach ihrer Einweisung in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in ihrer Zelle Selbstmord.

Hans und Maria Leipelt mussten lange auf ihren Prozess warten. Am 13. Oktober 1944 wurde Hans Leipelt vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofes in der bayrischen Kreisstadt Donauwörth zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde drei Monate später – am 29. Januar 1945 – im Gefängnis München Stadelheim vollstreckt.

Seine Schwester Maria wurde am 14. April 1945 von amerikanischen Truppen aus dem Frauengefängnis in Bayreuth befreit, bevor der Volksgerichtshof eine Woche später den Prozess gegen sie und andere Angeklagte in Hamburg eröffnet hätte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie in die USA, wo sie zunächst ihre Schullaufbahn beendete und anschließend Biochemie studierte. Danach lehrte sie als Dozentin an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technology. Sie war mit dem Physiker William Bade verheiratet. 1958 kam ihr Sohn Christopher Bade zur Welt. Als Maria Bade, geb. Leipelt, im September 2008 im Alter von 83 Jahren in Concord (Massachusetts) starb, konnte sie auf ein bewegtes Leben zurückblicken.

Ihr Bruder Hans Leipelt ist im öffentlichen Bewusstsein der Nachwelt als Weggefährte der Männer und Frauen der „Weißen Rose“ bis heute unvergessen.

Weiterführend: www.gedenken-in-harburg.de

 

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Bundesverdienstkreuz für Klaus Möller https://www.tiefgang.net/bundesverdienstkreuz-fuer-klaus-moeller/ Fri, 19 Apr 2019 22:45:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5166 [...]]]> Der Harburger Klaus Möller engagiert sich seit Jahren gegen das Vergessen des Nazi-Terrors. Nun wurde ihm zu Ehren Hamburger Rathaus gefeiert.

Die gute Nachricht kam per Post: In einem Schreiben teilte die Hamburger Senatskanzlei Klaus Möller (83) mit, dass ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen werde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterschrieb die entsprechende Urkunde bereits im Dezember. Bei einer Feierstunde im Hamburger Rathaus nahm Möller nun Urkunde und Verdienstkreuz aus der Hand von Schulsenator Ties Rabe entgegen: Außergewöhnliche Auszeichnung eines Mannes, der seit Jahrzehnten wie kaum ein anderer in Harburg unermüdlich im Einsatz ist wider das Vergessen der nationalsozialistischen Gräueltaten.

Dass sich Klaus Möller für Geschichte interessiert, kommt nicht von ungefähr: 38 Jahre hat er Englisch und eben Geschichte unterrichtet. Zuletzt, und bis zu seiner Pensionierung 1999, lange Zeit als stellvertretender Leiter des Heisenberg-Gymnasiums. Damals wie heute speiste er seine Motivation aus dieser Überzeugung: „Wer die Geschichte kennt, weiß, wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht wiederholt.“ Ein Ansatz, den auch der Senator in seiner Ansprache hervorhob: „Sie haben mit Beharrlichkeit und viel Fingerspitzengefühl dafür gesorgt, dass sich auch junge Menschen mit den Geschichten der Opfer, ihrem Leben und ihrem Leiden auseinandergesetzt haben.“

Bertini-Preis für neun Dokumentationen

Als Lehrer und später auch als treibende Kraft bei der „Initiative Gedenken in Harburg“, die im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feierte und der er fast von Anfang an angehört, hat er immer wieder Schüler bei ihren Projektarbeiten begleitet und unterstützt. Mit großem Erfolg: Zehn dieser Dokumentationen gingen ins Rennen um den Bertini-Preis, neun wurden tatsächlich mit dem Preis ausgezeichnet: „Das ist unter Hamburger Lehrkräften absoluter Rekord“, sagte Rabe.

Der Bertini-Preis wird jedes Jahr an Schüler vergeben, die sich in besonderer Weise für mehr Toleranz und gegen das Vergessen von Unrecht und Unmensch-lichkeit während der Nazi-Zeit einsetzen. Der Bertini-Preis e. V. war es auch, der Möller für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat. An sich hätte er es in Hannover entgegennehmen sollen. Denn Möller lebt mit seiner Frau Irmtraut (75) seit 50 Jahren in Rosengarten. Doch Hamburg konnte sich durchsetzen: Weil Möller mit seinem Engagement hier so sehr verwurzelt ist, kam es zur Feierstunde im Hamburger Rathaus.

An der nahmen auch ehemalige Schüler, Lehrer sowie Mitstreiter von „Gedenken in Harburg“, dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Landeszentrale für politische Bildung, der Hamburger Stolperstein-Initiative und des Bertini-Preis e. V. teil. Alles Menschen, „ohne die meine jahrelange Arbeit Stückwerk geblieben wäre“, sagt Möller. So aber ergibt sich ein komplexes Bild: Möller veröffentliche zahlreiche Kurzbiografien von Opfern des Nationalsozialismus. Er sorgte mit dafür, dass die Idee des Kölner Künstlers Gunter Demnig, mit Stolpersteinen an die Opfer des Nazi-Terrors zu erinnern, vor 15 Jahren auch in Harburg umgesetzt wurde. Aktuell bringt es der Bezirk auf 231 Steine.

Möller organisierte Putzaktionen und mehr als 100 Rundgänge. Zudem sorgte seine Harburger Initiative dafür, dass mehr als 100 Zeitzeugen Harburg einen Besuch abstatteten. Was Möller dabei stets besonders beeindruckt und nachhaltig bewegt, ist der direkte Austausch zwischen diesen Holocaust-Überlebenden und Schülern. Klaus Möller ist überzeugt: „Ein Gespräch mit einem Zeitzeugen bringt so viel wie fünf Stunden Geschichtsunterricht.“

Möller selbst merkt noch an: „Über die unerwartet vielen Glückwünsche zu meiner Ehrung durch den Bundespräsdidenten habe ich mich ungemein gefreut, ohne dabei zu vergessen, dass Unzählige von Euch zu dieser eindrucksvollen Bilanz einer lebendigen Erinnerungsarbeit im Bezirk Harburg in erheblichem Maße beigetragen haben. Für diese Mitwirkung bin ich überaus dankbar. Ich hoffe, dass das Engagement gegen das Vergessen auch in Zukunft viel Positives bewirkt, und wünsche allen ein frohes Osterfest.“

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Die Todesfabrik https://www.tiefgang.net/die-todesfabrik/ Fri, 17 Nov 2017 23:28:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2540 [...]]]> Von Harburg zog sie in die Niederlande, doch auch dort wüteten die Nationalsozialisten: Bertha Themans.

Bertha Seckel kam am 31. Jan. 1859 in Harburg und als Tochter des jüdischen Rohlederhändlers Joseph Seckel und seiner Ehefrau zur Welt. Kurz nach dem Beitritt des Königreiches Hannover zum Deutschen Zollverein, der die Industrialisierung ihrer Geburtsstadt explosionsartig beschleunigte. Die Neue Straße, in der die junge Familie in dieser Zeit wohnte, verlief auch damals schon parallel zur Schlossstraße (heute: Harburger Schlossstraße), die das alte Zentrum Harburgs um die ehemalige Zitadelle und den Hafen mit den neuen Ansiedlungen um den Sand verband und die Richtung der weiteren Stadtentwicklung aufzeigte. Hier ragte der Kirchturm der Dreifaltigkeitskirche, der Hauptkirche der Stadt, in den Himmel, und hier reihte sich ein Geschäft an das andere. Auch das Leben auf der Straße spiegelte die zentrale Bedeutung dieser wichtigen Zufahrt zum Kaufhaus im Harburger Hafen wider.

Umzug in die Niederlande

Bertha Seckel verzog nach ihrer Heirat 1890 in die Niederlande, wo sie mit ihrem Ehemann Salomon Themans in Amelo eine Familie gründete. Ihr Ehemann starb 30 Jahre später. Über Bertha Themans Leben nach seinem Tod wissen wir ebenso wenig wie über die Jahre davor. Dass die Besetzung der neutralen Niederlande durch deutsche Truppen im Mai 1940 mit tiefgreifenden Veränderungen ihres Lebens verbunden war, ist nicht weiter verwunderlich.

Nach der Entlassung aller jüdischen Beamten und Angestellten aus dem öffentlichen Dienst mussten alle Juden, die in den Niederlanden lebten, sich registrieren lassen. Schlag auf Schlag folgten weitere antijüdische Anordnungen. Im April 1942 wurden alle Juden in den Niederlanden dazu aufgefordert, ihre Kleidung mit dem Gelben Stern zu kennzeichnen, und bald darauf verließen die ersten Deportationszüge das Land in Richtung Osten.

Sammellager Westerbork

Bertha Themans musste sich am 18. Mai 1943 von ihrer Enkelin Bertha Rika de Vries-Suskind, die sie aufgenommen hatte, verabschieden, und im Sammellager Westerbork melden. Eine Woche später wurde sie von dort nach Sobibor im „Generalgouvernement“ deportiert.

An dieser entlegenen Gegend hatten die nationalsozialistischen Besatzer Anfang 1942 ein riesiges Vernichtungslager errichtet, das im Sommer 1942 seiner Bestimmung übergeben wurde. Gleich nach der Ankunft der Züge wurden die Neuankömmlinge in die Gepäckbaracken geführt, wo ihnen ihre Koffer und Rucksäcke abgenommen wurden; dann mussten sie sich entkleiden und den Gang in die als Duschräume getarnten Gaskammern antreten.

Todesfabrik Sobibor

In 15 Monaten wurden mehr als 150.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in dieser „Todesfabrik“ von ca. 30 SS-Leuten und 120 – zumeist ukrainischen – Hilfskräften ermordet. Die Gebeine der Ermordeten wurden anschließend in Gruben verscharrt, auf denen bald Kiefern den Boden bedeckten, um alle Spuren dieses Verbrechens zu verwischen. Bertha Themans war 83 Jahre alt, als ihr Leben in Sobibor ausgelöscht wurde.

(Stand: November 2016)

© Klaus Möller

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Jürgen Sielemann, Paul Flamme (Hrsg.), Hamburg 1995; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv (Hrsg.), Koblenz 2006; Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Bezirksamt Harburg (Hrsg.), Hamburg 2003; Herinnerungscentrum Kamp Westerbork; Helms-Museum, Harburger Adressbücher; Jules Schelvis, Vernichtungslager Sobibor, Münster/Hamburg 2003

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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Tod kurz vor Kriegsende https://www.tiefgang.net/tod-kurz-vor-kriegsende/ Fri, 06 Oct 2017 22:28:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2226 [...]]]> Sie kam aus gutem Haus, heiratete einen Staatsrat und hätte nicht nur ihre Kindheit glücklich verbringen können. Aber sie war Jüdin.

Alice Weilová, geb. Kaufmanová, wurde am am 6. Juli 1902 in Kostelec tnad Orlicí (Adlerkosteletz) geboren. Die böhmische Stadt, in der Alice Kaufmanová kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Tochter ihrer jüdischen Eltern Arnold Kaufman und Irene Kaufmanová geboren wurde, gehörte vor dem Ersten Weltkrieg noch zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Dass diese Monarchie ein Vielvölkerstaat war, spiegelte sich auch in der Familie Kaufman wider, Arnold Kaufman war Ungar, seine Frau Österreicherin und seine Tochter Tschechin.

Alice Kaufmanovás Vater war zusammen mit seinem Bruder Inhaber einer kleinen, aber sehr erfolgreichen Fabrik für Damenschuhe. Ihre Eltern wohnten in einer stattlichen Villa, die auch entsprechend eingerichtet war. Hier am Rande des Adlergebirges verbrachte das Mädchen eine glückliche Kindheit, an die sie sich später immer wieder gern erinnerte. 1924 starb ihr Vater, ein schmerzhafter Verlust für alle.

Sie heiratet einen Staatsrat

1925 heiratete Alice Kaufmanová im Alter von 23 Jahren den Sohn eines jüdischen Staatsrates im tschechoslowakischen Verkehrsministerium Oskar Weil. Er war zwei Jahre älter als sie und Beamter im Dienst der tschechoslowakischen Eisenbahngesellschaft. Die beiden Jungvermählten bezogen eine bescheidene Wohnung in der tschechoslowakischen Hauptstadt, wo 1927 ihre Tochter Eva zur Welt kam und anschließend ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Obwohl in der Wohnung nicht viel Platz war, fand ihr Vater noch eine Ecke für seinen Bücherschrank und ihre Mutter noch eine Lücke für ihr Klavier.

Jüdische Religion spielte kaum eine Rolle

Die jüdische Religion spielte im Leben der Familie Weil keine besondere Rolle. Sie feierte sowohl die jüdischen als auch die christlichen Feste, und zu ihrem Freundeskreis gehörten Juden und Nicht-Juden. Auch Eva Weilová fühlte sich in ihrer Klasse in keiner Weise weder von den Lehrerinnen und Lehrern noch von den Mitschülerinnen und Mitschülern ausgegrenzt.

Die heile Welt zerbrach, als Truppen der deutschen Wehrmacht am 15. März 1939 in Prag einmarschierten. Mit der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ begann die Verfolgung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung. Es dauerte nicht lange, bis alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner aufgefordert wurden, sich registrieren zu lassen. Ebenso schnell wurden alle Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Dienst entlassen, wovon auch Oskar Weil nicht verschont blieb. Kurzfristig fand er in einem Reisebüro eine neue Anstellung, und als er auch diesen Arbeitsplatz verlor, wurde die Not der Familie immer größer. Die Gelegenheitsarbeiten, mit denen er die Tätigkeit der Jüdischen Gemeinde in zunehmendem Maße unterstützte, konnten nichts daran ändern.

Stolperstein v. Alice Weilowa (Foto: Hinnerk11)

Auch Eva Weilová war von den judenfeindlichen Anordnungen der Besatzer betroffen. Im Sommer 1940 wurde ihr – wie allen anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen – der weitere Besuch einer öffentlichen Schule untersagt. Dieses Verbot versperrte ihr nicht nur den Weg zur Bildung, sondern erschwerte ihr auch den unbekümmerten Zugang zu gleichaltrigen Kindern. Doch sie hatte das große Glück, dass viele Klassenkameradinnen und auch eine Lehrerin weiterhin zu ihr hielten und sich – trotz zunehmender Gefahr – nicht zurückzogen. Sie trafen sich auch unter erschwerten Umständen mit ihr und schreckten nicht vor dem Risiko zurück, sie zu gemeinsamen Theater- und Konzertbesuchen einzuladen, bei denen alle Beteiligten viel riskierten. Dass eine Lehrerin zu denen zählte, die sich unerschrocken über alle Kontaktverbote hinwegsetzten, wussten Eva – und vor allem ihre Mutter – ganz besonders zu schätzen.

Der gelbe Stern

In schneller Folge wurden weitere Gesetze und Verordnungen verkündet, die die Existenzgrundlagen der jüdischen Bevölkerung in Böhmen und Mähren in zunehmendem Maße zerstörten. Die Zahl der Berufsverbote erhöhte sich, und die Lebensmittelzuteilungen wurden in immer kürzeren Abständen reduziert. Viele jüdische Mieter mussten ihre Wohnungen verlassen und in kleinere Wohnungen, die sich in jüdischem Besitz befanden, umziehen. Außerdem wurden nach und nach nicht nur alle Radiogeräte und Telefonapparate, sondern auch Plattenspieler und Pelzmäntel beschlagnahmt. Theater- und Kinobesuche waren bald ebenso wenig erlaubt wie der Aufenthalt in Restaurants und Schwimmbädern. Ab 1. September 1941 galt für alle Jüdinnen und Juden, die im Protektorat lebten, die Kennzeichnungspflicht mit dem `Gelben Stern´.

Trennung von Kind und Eltern

Einen Monat später begannen die Deportationen nach Lodz und Theresienstadt. Am 6. März 1943 mussten auch Oskar Weil sowie Alice und Eva Weilová ihre Wohnung in Prag verlassen und einen Zug besteigen, der sie zunächst nach Bauschowitz (Bohusovice) brachte. Anschließend legten sie – beladen mit jeweils 50 kg Gepäck – einen ca. 3 km langen Fußmarsch ins Getto Theresienstadt zurück. An diesem Ort kamen Oskar Weil und seine Frau mit ihrer Tochter in zwei getrennten Kasernen unter. Nach einiger Zeit zog Eva Weilová in das Mädchenheim des Gettos.  Sie kam mit den widrigen Gegebenheiten dieses Ortes besser zurecht als ihre Eltern. Vor allem ihre Mutter fand sich mit den veränderten Lebensumständen – und speziell der Auflösung der Familie – nur schwer ab. Unter der räumlichen Trennung von Mann und Tochter und dem nicht weniger schmerzhaften Verlust jeglicher Privatsphäre sowie der quälenden Ungewissheit über die Zukunft litt sie noch mehr als unter dem ständigen Hunger.

Auschwitz-Birkenau

Das Getto Theresienstadt war nicht zuletzt auch für Oskar Weil und Alice und Eva Weilová – wie für viele andere – nur eine Zwischenstation. Die Transporte in die Vernichtungslager im Osten gehörten zum Alltag dieses Ortes.
Am 18. Dezember 1943 mussten auch sie sich einem Transport in den Osten anschließen, ohne zu wissen, wohin die Reise ging. Doch schon die Umstände des Transports in völlig überfüllten Viehwagen, in denen die Menschen so dicht zusammengedrängt waren, dass sie einander auf die Füße traten und in denen es kein Wasser und keine Latrinen gab, ließen nichts Gutes ahnen. Als die Türen der Güterwagen zwei Tage später aufgerissen wurden, erfuhren sie, dass sie sich in Auschwitz-Birkenau befanden.

Nr. 73.671

Nach ihrer Ankunft wurden sie zusammen mit 1.137 Männern und Jungen, die die Nummern 169.969 bis 171.105 erhielten, sowie 1.336 Frauen und Mädchen, die mit den Nummern 72.435 bis 73.700 gekennzeichnet wurden, in das Theresienstädter Familienlager des Lagerabschnitts B II geführt. Hier war Alice Weilová ab sofort nur noch Häftling Nr. 73.671 und Eva Weilova nur noch Häftling Nr. 73.672.

Dieses Sonderlager war ein gigantisches Täuschungsmanöver, mit dem die nationalsozialistischen Machthaber allen Spekulationen über die wahre Funktion des Lagers Auschwitz-Birkenau, die in der internationalen Öffentlichkeit im Umlauf waren, entgegentreten wollten. Die Neuankömmlinge wurden bei ihrer Ankunft keiner Selektion unterzogen. Stattdessen wurden sie am nächsten Morgen in die „Sauna“ geführt, wo sie sich ausziehen und alles abgeben mussten. Nach dem Duschen bekamen sie neue Wäsche, die eher einer Lumpensammlung glich. Anschließend belegten sie, getrennt nach Geschlecht, unterschiedliche Baracken, die aber nicht weit voneinander entfernt waren. Sie schliefen auf Strohsäcken in dreistöckigen Pritschen, die sich oft mehr als drei Personen teilen mussten. Im Unterschied zu den anderen Insassen des Lagers zogen sie nicht täglich zur Arbeit aus. Nur hin und wieder mussten sie vor Ort sinnlos Steine von einer Stelle zur anderen tragen und dann wieder zurückbringen und bei Wind und Wetter zu oft stundenlangen Appellen antreten, die vor allem die älteren Menschen zermürbten.

Doch schon bald erkannten sie, was sich in Auschwitz-Birkenau tatsächlich abspielte. Spätestens am 9. März 1944, als 3.791 jüdische Häftlinge des Theresienstädter Familienlagers in den Krematorien II und III ermordet wurden, wurde ihnen ihre Situation bewusst.
Am 2. Juli 1944 mussten alle noch im Theresienstädter Familienlager verbliebenen Männer zwischen 16 und 50 Jahren sowie alle Frauen zwischen 16 bis 40 Jahren zu einer Selektion antreten. In deren Verlauf suchte der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele 2.000 Frauen und 1.000 Männer aus, die er für noch arbeitsfähig hielt und die demnächst außerhalb der Lagers zum Arbeitseinsatz kommen sollten. Zu diesen Häftlingen zählten Oskar Weil und Alice und Eva Weilová. Die anderen Insassen des Theresienstädter Familienlagers wurden bald danach in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau getrieben.

Zug nach Veddel

Nachdem monatelang nur vollbesetzte Züge aus Mittel- und Westeuropa im Lager Auschwitz angekommen waren, dürfte die Nachricht, dass vollgepackte Züge Auschwitz-Birkenau neuerdings auch in umgekehrter Richtung verließen, zunächst wie ein Märchen geklungen haben. Oskar Weil gelangte im Juli 1944 mit einem Transport in das Nebenlager Schwarzheide in Brandenburg, einer Außenstelle des KZ Sachsenhausen, und Alice und Eva Weilová verließen Auschwitz mit einem Transport, der für das Frauenlager Dessauer Ufer, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, im Hamburger Stadtteil Veddel bestimmt war. Hier kamen die jüdischen Frauen und Mädchen in einem freigeräumten Lagerhaus unter. In einem großen Saal standen Doppelstockbetten, in denen sie schliefen, und Tische und Bänke, an denen sie aßen und tranken. Auch Waschgelegenheiten und eine Toilette fehlten nicht. Ihre Arbeitsplätze lagen im Hamburger Hafen. Gearbeitet wurde an sechs Tagen der Woche.

KZ-Außenlager Neugraben

Zwei Monate später wurden sie von dort zusammen mit 498 Frauen in das KZ-Außenlager Neugraben am Falkenbergsweg im Hamburger Süden verlegt. Im Umfeld des Lagers kamen die Frauen beim Bau von Behelfsheimen, beim Ausheben eines Panzergrabens, bei der Trümmerbeseitigung und beim Schneeschieben zum Einsatz. Als sie im Februar 1945 erneut verlegt wurden, war Alice Weilovás Körper inzwischen so geschwächt, dass er den starken physischen und psychischen Belastungen des Lagerdaseins nicht mehr gewachsen war. Kurz vor der Räumung des KZ-Außenlagers Tiefstack und dem Abtransport ihrer Tochter und der anderen Häftlingsfrauen in das als Auffanglager dienende KZ Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide schloss Alice Weilová für immer die Augen. Vergebens hatte ihre Tochter an ihrem Totenbett versucht, ihr Trost und Kraft zu spenden.

Die Tochter Eva Weilová wurde zehn Tage später an dieser letzten und furchtbarsten Station ihrer Lagerodyssee – zwischen Bergen von Leichen – von britischen Truppen befreit. Im November 1945 kehrte sie nach einem längeren Genesungsaufenthalt in Schweden in ihre Heimatstadt Prag zurück. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Vater erfüllte sich nicht. Stattdessen musste sie eines Tages die traurige Nachricht vernehmen, dass er den Todesmarsch der Häftlinge im Zuge der Räumung des KZ-Außenlagers Schwarzheide in den letzten Kriegstagen nicht überlebt hatte.

Zu den Menschen aus Eva Weilovás Familie, die den Holocaust nicht überlebten, zählen nicht nur ihre Eltern, sondern auch nahezu alle anderen Verwandten. Bei ihrer Rückkehr nach Prag gab es nur ein Wiedersehen mit einer Großmutter und einer Tante.

© Klaus Möller

Quellen: Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt. Theresienstädter Gedenkbuch; KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Interview mit Eva Keulemansova, geb. Weilova, vom 5.5.2011; Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989; Alfred Gottwald, Diana Schulle, Die `Judendeportationen´ aus dem Deutschen Reich 1941–1945, Wiesbaden 2005, Karl-Heinz Schultz, Das KZ-Außenlager Neugraben, in: Jürgen Ellermeyer, Klaus Richter, Dirk Stegmann (Hrsg.), Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Hamburg-Harburg 1988, S. 493ff; Hans Ellger, Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007 Karl-Heinz Schultz, Das Barackenlager am Falkenbergsweg 1936–1976. Entstehung – Nutzung – Ende, in: Peter de Knegt, Olinka. Eine Freundschaft, die im Krieg begann, Hamburg 2012.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort: google/maps

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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„Vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt“ https://www.tiefgang.net/vollkommen-verwirrt-sehr-leicht-gereizt/ Fri, 29 Sep 2017 22:19:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2223 [...]]]> Sie wollte Schneiderin werden. Dann aber kamen epileptische Anfälle. Statt Hilfe kamen die Nazis. Das war ihr Verderben …

Helene Jakobsen wurde am 22. Februar 1893 in Harburg geboren. Sie war das dritte Kind ihrer Eltern Peter (geb. 15. Sept. 1853) und Magdalene Jakobsen, geb. Lehmkuhl (geb. 7. Dez. 1862). Nach der Schule absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin. Diesen Beruf konnte sie aber nur kurzfristig ausüben, weil sie seit ihrem 16. Lebensjahr unter epileptischen Anfällen litt.

Während die junge Harburgerin in den 1920er Jahren nur in großen Abständen über epileptische Anfälle zu klagen hatte, traten sie nach dem plötzlichen Tod ihres schwerkriegsbeschädigten Bruders Paul am 13. Oktober 1931 häufiger und heftiger auf. Die Medikamente, die die behandelnden Ärzte einsetzten, erwiesen sich als nur kurzzeitig erfolgreich. Die psychischen Beeinträchtigungen waren so groß, dass Helene Jakobsen am 21. November 1931 in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ eingewiesen werden musste. Dort „besserte sich“ ihr Zustand langsam. Nach zehn Monaten glaubten die Ärzte, sie in das „Pflegeheim Huckfeld“ bei Emmelndorf im Landkreis Harburg entlassen zu können. Doch nach einer Zwangssterilisation und einer weiteren Unterleibsoperation traten die alten Symptome erneut auf. Die epileptischen Anfälle häuften sich wieder, und die Zeichen geistiger Verwirrung waren nicht zu übersehen.

Helene Jakobsen, 1934 © Evangelische Stiftung Alsterdorf

Am 31. August 1935 wurde Helene Jakobsen ein zweites Mal in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ verlegt. Nach einem Schlaganfall nahmen die epileptischen Krämpfe und die Phasen psychischer Störungen abermals zu. Eineinhalb Jahre später wurde die Patientin zur weiteren Behandlung und Pflege in die damaligen Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Die Eintragungen in ihre Patientenakte vermitteln ein schwankendes Bild ihrer weiteren Entwicklung. An einigen Tage wurde sie als ordentlich und freundlich beschrieben, als Frau, die „Interesse an ihrer Umgebung“ zeigte und „sich über die Natur freute“; an anderen Tagen gurteten die Pfleger sie im Bett an, weil sie „wirr“ redend im Schlafsaal umherlief und mit Gegenständen warf.

In seinem Gutachten für die Hamburger Sozialverwaltung stellte der leitende Oberarzt Gerhard Kreyenberg im November 1938 fest: „In der Körperpflege ist sie [Helene Jakobsen] selbständig. Sie wird mit Handreichungen beschäftigt, ist fleißig und ordentlich. In der freien Zeit ist sie leicht zu leiten. Sie hat häufig langandauernde Dämmerzustände, in denen sie strengster Beaufsichtigung bedarf. Weiterer Anstaltsaufenthalt ist erforderlich.“

Mit dem letzten großen Abtransport von 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten gelangte Helene Jakobsen am 16. August 1943 in die „Landes- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof“ in Wien. Die Wiener Ärzte stellten durchweg negative Diagnosen für sie. Schon bei der ersten Eintragung in ihre Krankenakte hieß es: „Patientin … [nach] einem typischen epileptischen Anfall … vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt … und sehr grob. Auf Fragen antwortet sie nach langer Latenz langsam und unbeholfen, erweist sich als stark dement.“

Am „Steinhof“ regierte der Tod. 196 der Alsterdorfer Patientinnen waren Ende 1945 nicht mehr am Leben. Das Sterben geschah systematisch: durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und Nahrungsentzug. Helene Jakobsens Leben endete am 17. Juli 1944.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Evangelischen Stiftung Alsterdorf; Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Krankenakte Helene Jakobsens (V192); Wunder u. a., Kein Halten., 2. Auflage.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)
Standort: google/maps

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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Zwei dünne Schnitten zum Essen https://www.tiefgang.net/zwei-duenne-schnitten-zum-essen/ Sat, 26 Aug 2017 06:01:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1912 [...]]]> Sie war ein lebhaftes Arbeiterkind, das als Teenie epileptische Anfälle bekam. Statt ihr zu helfen, gaben ihr die Nationalsozialisten den Rest.

Marie Przywarra wurde am 23. Sept. 1898 als uneheliches Kind der Arbeiterin Charlotte Przywarra in Harburg an der Elbe geboren. Ihre Mutter wohnte im Zentrum der seinerzeit noch preußischen Stadt. Einer der Wohnsitze war definitiv aber der Große Schippsee 15. Später wechselte sie ihre Anschrift mehrfach. Auf diese Weise lernte Marie Przywarra nicht nur Harburg, sondern auch die ländliche Umgebung der Stadt kennen. In den ersten Lebensjahren entwickelte sich das kleine Mädchen offenbar so wie andere Kinder. Sie war in guter körperlicher Verfassung, in der Schule gab es keine Probleme, obwohl sie seit 1909 bei einer Pflegefamilie in Adolphsheide in Fallingbostel aufwuchs. Hier war sie in den Augen ihrer Mitmenschen ein „lebhaftes, heiter gestimmtes und gutmütiges Mädchen”.

Epileptische Insulte

Zur tragischen Wende in ihrem Leben führten epileptische Krampfanfälle, die erstmals Pfingsten 1911 auftraten. Sie waren so heftig und häufig, dass das Mädchen vom Schulbesuch ausgeschlossen und in das Kreiskrankenhaus Walsrode eingeliefert wurde. Weil die anschließende Therapie nach vier Wochen nicht den gewünschten Erfolg zeitigte, plädierte der Leiter des Kreiskrankenhauses am 21. August 1911 für die Aufnahme des Mädchens in eine Anstalt. Knapp drei Wochen später wurde Marie Przywarra Patientin des „Asyls zur Pflege Epileptischer in Rotenburg i. Hann.“. Hier diagnostizierten die Ärzte „epileptische Insulte und Aequivalente”.

Diese Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in der Kreisstadt a. d. Wümme entwickelte sich nach 1900 zu einem der bedeutendsten Zentren im Dienste der Armen- und Krankenfürsorge in Norddeutschland. Die Kranken wurden von Schwestern betreut, die vorher in einem von Elise Averdieck gegründeten Diakonissenhaus in Hamburg gearbeitet hatten. Sie teilten sich die Arbeit anfangs mit Diakonen des Stephanstifts und später mit Brüdern des Lutherstifts.

„Immer heiter gestimmt“

Eine Betreuerin von Marie Przywarra hielt nach vier Wochen in der Krankenakte fest, dass diese in der Zeit drei Krampfanfälle gehabt hatte. Unter demselben Datum trug sie die Bemerkung ein: „Zeigt ein lebhaftes Wesen, ist immer heiter gestimmt, oftmals etwas vorlaut, besucht die Anstaltsschule mit Erfolg“. Sie half sogar den Kindern, die zum „Beschäftigungsunterricht“ gingen. Auch auf der Station packte sie in ihrer Freizeit mit an. Nach Abschluss ihrer Schulausbildung arbeitete sie auf dem Landhof und in der Flickstube. An diesem Bild änderte sich in den ersten Jahren wenig.

Zu nützlicher Beschäftigung unfähig

Leichte, aber wichtige Veränderungen wurden nach ihrem 21. Geburtstag erkennbar. Die Akten hielten fest, dass sie körperlich und geistig langsam abbaute. Ihre Arbeitskraft reichte nur noch für einen halben Tag. Sie wurde zusehends vergesslich und ließ sich „immer öfter gehen“. Diese Entwicklung kam in den nächsten Jahren nicht mehr zum Stillstand, sondern der Zustand verschlechterte sich langsam, aber unaufhaltsam von Jahr zu Jahr. Die negativen Signale häuften sich. Im Januar 1939 hatte Marie Przywarra „fast jede Nacht einen oder mehrere Krampfanfälle, auch öfter am Tage“. Außerdem – so ein Bericht – wirke sie „sehr stumpf und träge“. Sie helfe beim Kartoffelschälen und sei „sonst zu nützlicher Beschäftigung unfähig“. Darüber hinaus erfordere sie hohen Pflegeaufwand, da sie unrein sei und einnässe. Außerdem stellten die Betreuerinnen fest, dass es nach dem frühen Tod ihrer leiblichen Mutter, bei der sie noch einmal einen längeren Urlaub verbringen konnte, offenbar keine Angehörigen mehr gab, die sich hin und wieder nach ihr erkundigten.

„Aktion T4“

Mit diesem Befund war Marie Przywarra extrem bedroht, als die Berliner Zentrale der „Aktion T4“ bereits in den ersten Kriegswochen mit den Planungen und Vorbereitungen zur massenhaften Tötung angeblich unheilbar kranker Männer, Frauen und Kinder unter dem Stichwort „Euthanasie“ begann. Zu diesem Zweck wurden in sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich Gaskammern installiert, in denen die „Aussortierten“ kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Unter den Opfern waren in erster Linie Kranke, die als nicht mehr arbeitsfähig galten, in hohem Maße pflegebedürftig waren und kaum noch – oder gar keinen – Kontakt zu Angehörigen hatten. Am 5. August 1941 wurde Marie Przywarra zu­sammen mit 69 anderen Patientinnen der Rotenburger Anstalten in die Zwischenanstalt Weilmünster in Hessen verlegt, wo Todgeweihte die letzten Tage oder Wochen bis zu ihrer Ermordung verbrachten. Als die Gasmorde wenig später offiziell eingestellt wurden, befanden sich die Rotenburger Patientinnen noch in der Landesheilanstalt Weilmünster. Doch das bedeutete keineswegs ihre Rettung. Das Mordprogramm lief in anderer Form weiter.

Durch Kohlenmonoxidgas „desinfiziert“

Marie Przywarra verbrachte die folgenden drei Jahre in diesem Krankenhaus, bevor sie in die nahe gelegene „Landesheilanstalt Hadamar“ in der Provinz Hessen-Nassau weiterverlegt wurde. Hinter den Mauern dieser Anstalt waren von Januar 1941 bis September 1941 insgesamt 10.072 Menschen durch Kohlenmonoxidgas „desinfiziert“ worden, wie es in der verschleiernden Sprache der Mörder hieß. Nach der Einstellung der Gasmorde waren die Vernichtungsanlagen zwar wieder abgebaut worden, aber das Töten ging weiter, nun auf den jeweiligen Stationen. Hier entschieden Ärzte und Pfleger über Leben und Tod. Der Oberarzt Adolf Wahl­mann bestimmte jeweils nach der täglichen Visite und einem kurzen Blick in die Patientenakte, wer nicht mehr weiterleben durfte. Die zuständigen Stationsschwestern und Krankenpfleger hatten dann den Opfern die verordneten Medikamente zu verabreichen.

Dünne Suppe, ohne Fett und Mehl

Die „Landesheilanstalt Hadamar“ hatte in diesen Jahren einen extrem hohen Verbrauch an Luminal, Veronal, Morphium-Skopolamin und Choral-Hydrat zu verzeichnen. Hauptverantwortlich für die Tötun­gen war allerdings Alfons Klein als Leiter der Anstalt. Ihm war es wichtig, dass immer wieder Betten für neue Patientinnen und Patienten frei wurden. Die vorsätzliche Mangelernährung mit ihren Folgen trug ihrerseits zu dem massenhaften Sterben bei. Der Bericht einer überlebenden Patientin lässt daran kaum Zweifel: „Das Essen bestand morgens aus zwei dünnen Schnitten, mittags einer dünnen Suppe, ohne Fett und Mehl mit schwimmenden Kartoffelschalen, abends wieder eine Wassersuppe. … Dass bei dieser Ernährung eine schnelle Abmagerung eintreten musste, ist wohl erklärlich.“

Die Toten wurden anfangs noch auf dem städtischen Friedhof bestattet. Ab September 1942 nutzte die Anstalt ein Grundstück auf dem Berg hinter dem Hauptgebäude als neuen Friedhof. Von nun an mussten die Särge nicht mehr durch die Stadt transportiert werden, sondern konnten unauffälliger auf dem Anstaltsgelände bestattet werden. Hier konnten dann auch problemlos Massengräber für die Ermordeten ausgehoben werden.

Sterbeurkunde verschweigt Todesursache

Von 1942 bis 1945 wurden 4.817 Menschen nach Hadamar transportiert. Von diesen Patientinnen und Patienten starben in diesem Zeitraum nicht weniger als 4.422. Allein schon diese hohe Opferzahl lässt die These, dass diese Menschen eines natürlichen Todes starben, mehr als zweifelhaft erscheinen. Die Angaben auf ihren Sterbeurkunden verschweigen in der Regel die wahre Todesursache. Jeder Argwohn der Angehörigen sollte im Keim erstickt werden.

Zu den vielen Toten dieser Jahre zählt auch Marie Przywarra. Sie starb am 24. August 1944 – nur wenige Tage nach ihrer Überführung in diese NS-„Euthanasie“-Anstalt. Als Todesursache wurden „Epilepsie, Daueranfälle und Herzschwäche“ in ihre Ster­­beurkunde eingetragen.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Rotenburger Werke der Inneren Mission; Archiv der Rotenburger Werke der Inneren Mission, Akte Nr. 135, 196; Rotenburger Werke (Hrsg.), Zuflucht; Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hrsg.), „Verlegt nach Hadamar“, 3. Auflage; Schriftliche Mitteilung Christina Vanjas vom 30.5.2011; Sander, Landesheilanstalt.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort:  googlemaps

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Man nahm ihr das Vieh, dann das Leben https://www.tiefgang.net/man-nahm-ihr-das-vieh-dann-das-leben/ Sat, 29 Jul 2017 05:45:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1687 [...]]]> Sie wohnte als Witwe in der Rathausstraße 22 (heute Harburger Rathausstraße 45), hatte drei Kinder und handelte mit Vieh. Erst nahm man ihr den Handel, dann die Heimat, dann das Leben.

Johanna Bachenheimer kam 1869 als Tochter des jüdischen Viehhändlers Heinemann Bachenheimer und seiner Ehefrau Hindel kurz nach der preußischen Annexion Kurhessens zur Welt. In ihrem Geburtsort Rauischholzhausen waren 1861 insgesamt 78 (11,9%) der 645 Einwohner dieses Ortes jüdischen Glaubens. Sie waren eine relativ geschlossene Gruppe innerhalb der Dorfbevölkerung.

Ab 1869 galt auch für sie wie in den anderen Landesteilen Preußens die bürgerliche Gleichstellung aller in diesem Königreich lebenden Menschen, doch änderte sich vorerst nur wenig am gesellschaftlichen Gefüge des Ortes. Die Unterschiede in der Berufsstruktur blieben weiterhin noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts bestehen. Während sich die christliche Bevölkerung vorwiegend handwerklich und als Aushilfen bei der Arbeit auf den wenigen selbständigen Bauernhöfen betätigte, lebte die jüdische Bevölkerung vor allem vom selbständigen Handel.

Ihre Kenntnisse waren gefragt

Eine ganz besondere Rolle spielte dabei der Viehhandel, der vorwiegend nicht nur in Rauischholzhausen, sondern auch im umliegenden Landkreis Kirchhain von jüdischen Händlern ausgeübt wurde. Hier wurde auch im 20. Jahrhundert noch teilweise Jiddisch gesprochen. Viehhandel war auch in anderen Gegenden des Deutschen Reiches ein bevorzugtes Gewerbe für Juden. Sie verfügten oft aufgrund ihrer strengen rituellen Schlachtvorschriften über Spezialkenntnisse bei der Qualitätsprüfung und Begutachtung des Viehs und überblickten aufgrund ihrer traditionellen und familiären Beziehungen den überregionalen Handelsverkehr für Schlacht- und Nutztiere besonders gut. Sie gewährten den Bauern nicht selten Kredit und zahlten in der Regel bar auf die Hand, was viele Kunden sehr zu schätzen wussten. Die Vieh- und Pferdehändler Rauischholzhausens hatten ihren festen Kundenstamm in vielen umliegenden Dörfern, die sie regelmäßig, meist mit kleinen Pferdewagen besuchten. In Marburg und Gießen waren die nächstgelegenen Pferdemärkte, in Kirchhain der nächste Viehmarkt.

Erschwerte Integration

Die jüdische Gemeinde des Dorfes war streng orthodox geprägt, was nicht zuletzt ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft erschwerte. Die religiösen Speisevorschriften hatten für die jüdischen Familien absolute Gültigkeit, und die religiösen Feiertage waren ihnen in jeder Hinsicht heilig. Die jüdischen Kinder gingen beispielsweise samstags nicht zur Schule. Die unterschiedlichen religiösen Riten und Gebräuche stellten sicherlich eine gewisse Hürde dar und könnten eine Erklärung dafür sein, dass die Beziehungen zur nichtjüdischen Bevölkerung weitgehend auf nachbarschaftliche Kontakte und Handelsgeschäfte beschränkt blieben; Eheschließungen mit Christern kamen nicht vor, tiefe Freundschaften blieben eher die Ausnahme.

Die Böckel-Bewegung

In den 1880er Jahren wurde die Provinz Hessen-Nassau und hier vornehmlich der Landkreis Kirchhain zur Hochburg der radikal antisemitischen Bauernbewegung um den Marburger Hilfsbibliothekar, Publizisten und Volksliedforscher Otto Böckel. Dieser gab sich in diesen Jahren des Umbruchs der kleinbäuerlichen Lebenswelt als Hüter der „deutschen Volkskultur“ aus, die von „jüdischen Parasiten“ bedroht sei. Als antisemitischer Agitator zog er durch die hessischen Dörfer und fand vor allem unter Kleinbauern begeisterte Anhänger. 1887 wurde Böckel im Wahlkreis Marburg-Kirchhain-Frankenberg-Vöhl mit 56,6% der Stimmen in den Reichstag gewählt, dem er über 15 Jahre angehörte. 1890 gründete er die Antisemitische Volkspartei, die sich drei Jahre später in Deutsche Reformpartei umbenannte. Es kam zur Errichtung „judenfreier“ Viehmärkte, landwirtschaftlicher Kooperativen und antisemitischer Rechtsberatungs- und Rechtsschutzbüros. Die im Mitteldeutschen Bauernverein organisierte ländliche Bauernschaft feierte Böckel als „zweiten Martin Luther“.

Die Böckel-Bewegung zeitigte für die meisten im Landkreis Kirchhain tätigen jüdischen Händler starke ökonomische Folgen und verursachte eine erhebliche Landflucht jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner. Auch in Rauischholzhausen verringerte sich die jüdische Bevölkerung zwischen 1861 und 1905 um 26 Personen, mithin um 33%.

Gute Aussichten in Harburg

Zu den Menschen, die den Ort verließen, gehörte auch Johanna Bachenheimer. Auf der Suche nach einer besseren Heimat fand sie mit ihrem Mann, Adolf Horwitz (geb. 2. Dez. 1868), ein neues Zuhause in der preußischen Kreisstadt Harburg an der Elbe. Ihr Ehepartner stammte ebenfalls aus einem jüdischen Elternhaus im benachbarten Lüneburg und war offenbar guter Hoffnung, im Harburger Umland günstige Voraussetzungen für den Aufbau und Ausbau einer beruflichen Existenz als Viehhändler in der Tradition seiner Familie gefunden zu haben. Das junge Ehepaar wohnte um die Jahrhundertwende so zunächst in der (Harburger) Rathausstraße. Link zur Karte: googlemap

Dort kamen auch ihre Kinder Gertrud (geb. 10. Dez. 1898), Kurt (geb. 28. Jun 1900) und Elfriede Horwitz (geb. 29. Aug. 1904) zur Welt.

Als Adolf Horwitz im April 1915 im Alter von 47 Jahren starb und auf dem jüdischen Friedhof in Harburg beigesetzt wurde, führte seine Witwe den Betrieb weiter. Dabei bewies sie offenbar viel Geschick im Umgang mit dem Kundenstamm ihres Mannes. Jahrelang konnte sie sich nach dem Ersten Weltkrieg auf einem auch in dieser Branche hart umkämpften Markt gegen ihre männliche, jüdische und nichtjüdische Konkurrenz behaupten. Erst nach 1933 geriet sie in wirtschaftliche Probleme. Die Nationalsozialisten bekämpften den jüdischen Viehhandel von Anfang an mit besonderer Schärfe und verboten ihn schließlich ganz durch eine Verordnung vom 25. Januar 1937.

Deportation nach Theresienstadt

Danach zog Johanna Horwitz nach Flacht in Hessen. Am 27. September 1942 gehörte sie zu den 1288 vorwiegend alten Personen, die in einem Großtransport von Mainz in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden.

Das Lager war in dieser Zeit heillos überfüllt. Im September 1942 lebten mehr als 58.000 Menschen in dieser einstigen Garnisonsstadt, in der vor dem Zweiten Weltkrieg nur 7.000 Einwohner gezählt worden waren. Diese Überfüllung hatte katastrophale Folgen für die Unterbringung, die Verpflegung und die medizinische Versorgung aller Lagerbewohnerinnen und -bewohner. Sie mussten froh sein, wenn sie überhaupt irgendwo einen Schlafplatz fanden und wenigstens einmal am Tag eine warme Wassersuppe ergatterten. Der Krankenstand stieg von Tag zu Tag, und die Ärzte waren angesichts der mangelhaften medizinischen Ausstattung nicht in der Lage, dies zu ändern. Den unmenschlichen Lebensbedingungen waren die alten Menschen am allerwenigsten gewachsen. Sie erkrankten am häufigsten an permanentem Durchfall, Tuberkulose und Bauchtyphus und stellten den größten Anteil der Menschen, die an diesen Krankheiten im Ghetto Theresienstadt starben.

Von den 1.288 Menschen, die Mainz am 27. September 1942 in Richtung Theresienstadt verlassen hatten, waren am Ende des Zweiten Weltkriegs nur noch 89 am Leben. Johanna Horwitz war nicht darunter. Sie starb am 9. April 1944 im Alter von 75 Jahren.

Stand: November 2016
© Klaus Möller, www.gedenken-in-harburg.de

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

weiterführender Link: stolpersteine-hamburg.de

 

 

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Betonwürfel gegen das Vergessen https://www.tiefgang.net/betonwuerfel-gegen-das-vergessen/ Sat, 01 Jul 2017 06:57:07 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1530 [...]]]> Es war wohl ein `Kuss der Muse´, der den Künstler Gunter Demnig vor 22 Jahren dazu animierte, in aller Stille in Köln den ersten STOLPERSTEIN für ein Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. Dass diese unspektakuläre Einzelaktion inzwischen zu einer Volksbewegung geworden ist, ahnte damals wohl niemand.

Ein Beitrag von Klaus Möller

Europaweit erinnern inzwischen über 61.000 Stolpersteine – darunter 207 in Harburg – an Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die 10cm x 10cm x 10cm großen Betonwürfel tragen Inschriften mit den Namen, den Lebensdaten und den Todesorten der Ermordeten und liegen vor den Gebäuden, in denen sie einst wohnten oder arbeiteten.

An dem Bau dieses weltweit größten dezentralen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus sind inzwischen ganze Heerscharen von Förderern und Freunden des Projekts aktiv – und weitgehend ehrenamtlich – beteiligt. Während die einen in endloser Reihenfolge – auch im Bezirk Harburg – mit ihren Spenden die Herstellung und Verlegung dieser Bausteine finanzieren, erforschen die anderen auf unterschiedlichen Wegen in unzähligen Groß- oder Kleingruppen – wie die Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ – in engem Kontakt mit dem Kölner Künstler die Namen, die einstigen Wohn-adressen und das jeweilige Schicksal der Menschen, denen die Nationalsozialisten ihr Leben nahmen.

Auf diese Weise trägt die `Initiative Gedenken in Harburg´ tatkräftig zur Verankerung dieses speziellen Erinnerungsprojekts vor Ort bei. [Ein Großteil ihrer Forschungsergebnisse ist nachlesbar in dem Buch `Barbara Günther, Margret Markert, Hans-Joachim Meyer, Klaus Möller, Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg – Biographische Spurensuche, Landeszentrale für politische Bildung, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.), Hamburg 2012]

Die ersten Stolpersteine: 1995 in der Kölner Bobstraße 1 (Foto: Demnig)

Darüber hinaus lädt die `Initiative Gedenken in Harburg´ in regelmäßigen Abständen zu öffentlichen Rundgängen zu Gedenkorten mit Stolpersteinen für Opfer des Nationalsozialismus im Bezirk Harburg und zu öffentlichen Gedenk- und Informationsveranstaltungen anlässlich der Einweihung neuer Stolpersteine – mitunter auch im Beisein von Angehörigen – im Hamburger Süden ein, auf denen weitere Einzelheiten des Projekts zur Sprache kommen.

Auch das Online-Feuilleton Tiefgang von SuedKultur möchte jetzt nicht länger abseits stehen und mit der Veröffentlichung einer Serie von Biographien Harburger Opfer des Nationalsozialismus dazu beitragen, dass diese Toten nicht in Vergessenheit geraten und ihre Mahnung zur Wachsamkeit gerade auch in Zeiten immer stärkerer fremdenfeindlicher Hetze und zunehmender gesellschaftlicher Isolierung Andersdenkender nicht ungehört verhallt.

Darüber hinaus wird es auch nicht an Hinweisen auf die anderen Veranstaltungen der  `Initiative Gedenken in Harburg´ fehlen, mit denen sie versucht, die NS-Vergangenheit vor Ort aufzuarbeiten, – ob im Rahmen der jährlichen HARBURGER GEDENKTAGE oder im Zuge ihrer weiteren Erforschung der Geschichte der Lager am Falkenbergsweg in HH-Neugraben in der NS-Zeit oder im Verlaufe ihrer nach wie vor intensiven Suche nach immer noch unentdeckten Spuren des Widerstands der `Weißen Rose´ gegen das NS-Regime auch im Hamburger Süden.

30. Jun. 2017, Klaus Möller

Initiative Gedenken in Harburg, Ev.-Luth.Kirchenkreis Hamburg-Ost,

Hölertwiete 5, 21073 Hamburg, gedenken-in-harburg.de

 

 

 

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Von der Weltoffenheit in den Freitod https://www.tiefgang.net/von-der-weltoffenheit-in-den-freitod/ Sat, 03 Jun 2017 07:00:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1232 [...]]]> Sie stammte aus einer anerkannten, bürgerlichen Familie, die es zu etwas gebracht hatte. Ihr Glaube war protestantisch. Ihr Verhängnis der Hass auf Juden.
Katharina Leipelt war die Tochter von Hermine Baron. Diese war evangelischen Glaubens. Durch die 10. Verordnung zum Reichsbürgergesetz aber wurde sie im Juli 1939 ohne ihr Zutun Mitglied der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Und dies obwohl sie sich schon seit langem von der Glaubensgemeinschaft, der ihre jüdischen Eltern einst angehört hatten, abgewandt hatte. Nach nationalsozialistischer Rechtsauffassung aber war sie gleichwohl „Volljüdin“. Ihr Geburtsort ˇCerná Hora bei Brünn in Mähren lag im 19. Jahrhundert im Kaiserreich Österreich-Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte dies sich mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik. In diesem Teil der damaligen Donaumonarchie verbrachte Hermine Baron ihre Kindheit und Jugend. Dort blieb sie auch in den ersten Jahren ihrer Ehe mit Arnold Baron, der ebenfalls aus einem jüdischen Elternhaus stammte.

Geboren in Brünn bei Mähren

Ihre beiden Kinder Katharina (geb. 28.05.1892) und ihr älterer Bruder Otto (geb. 13.11.1888) kamen hier zur Welt und wurden ebenfalls evangelisch getauft. Später zog die Familie in die Kaiserstadt Wien. Dort studierten die Geschwister nach ihrem Abitur und wurden in ihren jeweiligen Fachbereichen promoviert. Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete Otto Baron die evangelisch-reformierte Wienerin Margarethe Nenutil, während seine Schwester Katharina dem katholischen Dipl. Ing. Konrad Leipelt (geb. 15.5.1886) aus Neiße a. d. Oder ihr Jawort gab. Am 28.7.1921 freute sich das Ehepaar über die Geburt seines Sohnes Hans in Wien und vier Jahre später, am 13.12.1925, über die der Tochter Maria in Hamburg-Eppendorf, denn die Familie war inzwischen an die Elbe gezogen.

Konrad Leipelt hatte hier zunächst bei der Norddeutschen Affinerie (heute: Aurubis) auf der Veddel eine interessante Aufgabe gefunden, bevor er später Technischer Direktor der Zinnwerke Wilhelmsburg wurde. Nachdem die Familie einige Male ihre Adresse gewechselt hatte, zogen die Leipelts 1932 in das Dorf Rönneburg am südöstlichen Stadtrand Harburgs. Hier bewohnten sie in der Vogteistraße 23 eine prachtvolle Villa mit einem parkähnlichen Garten. Die vornehme Inneneinrichtung dieses Hauses und der großbürgerliche Lebensstil der Familie entsprachen der Herkunft Katharina Leipelts. Freunde und Nachbarn waren fasziniert von ihrem weltoffenen Wesen und ihrer liebenswerten Art.

Groß geworden in Rönneburg

Beide Kinder besuchten die Rönneburger Dorfschule. Hans Leipelt setzte seine Schullaufbahn dann auf der Harburger Oberschule für Jungen (heute: Friedrich-Ebert-Gymnasium) und später auf der Wilhelmsburger Oberschule (heute: Stadtteilschule Wilhelmsburg) fort, wo er am 19. März 1938 sein Abitur bestand. Auch seine Schwester ging in diesem Gebäude einige Jahre zur Schule, denn die Familie hatte inzwischen ein eigenes Haus in der Kirchenallee 20 (heute: Mannesallee 20) in Wilhelmsburg bezogen.

Die Mutter erzog die Kinder protestantisch. Hans Leipelt wurde am 7. April 1935 von Superintendent Johann Feltrup in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Harburg konfirmiert, seine Schwester Maria am 3. März 1940 von Pastor Karl Tribian in der evangelischen Emmauskirche in Wilhelmsburg. In dieser Gemeinde war sie auch Mitglied des Kirchenchores.

Protestantisch und weltoffen

Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 griffen tief in das Leben der Familie ein. Obwohl Katharina Leipelt wie ihre Eltern evangelisch getauft war, galt sie nach nationalsozialistischer Lesart als Jüdin, da ihre Eltern gebürtige Juden waren. Ihre Kinder Hans und Maria waren demnach „Halbjuden“ bzw. „jüdische Mischlinge 1. Grades“, und ihre Ehe mit dem „Arier“ Konrad Leipelt wurde als „Mischehe“ eingestuft: Sie bot ihr zunächst noch einen gewissen Schutz.

Wie groß die Bedrohung war, dürfte sie spätestens beim Suizid ihres Bruders Otto am 15. April 1938 – kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Wien – erkannt haben. Er hatte sich nach einem Gestapoverhör das Leben genommen und seine Frau und die 15-jährige Tochter Christine mittellos zurückgelassen. Katharina Leipelt nahm bald danach ihre Nichte bei sich auf und holte ein Jahr später auch ihre 73-jährige, inzwischen verwitwete, Mutter Hermine Baron nach Harburg. Sie hoffte, dass ihre Mutter hier weniger gefährdet sei als in der Tschechoslowakei, wohin sie nach dem Freitod ihres Sohnes aus Wien geflohen war, ohne zu ahnen, dass Hitler auch dieses Land im März 1939 seinem Herrschaftsbereich einverleiben würde.

Gleich nach dem Abitur absolvierte Hans Leipelt seinen Arbeitsdienst am Westwall, anschließend meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Als Infanterist nahm er zunächst am Polen- und ein halbes Jahr später am Frankreichfeldzug teil. Im Juni 1940 wurde er für seinen militärischen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Bald nach dem Abschluss des Waffenstillstands mit Frankreich wurde er im August 1940 als „Halbjude“ unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen. Dank seines einflussreichen Vaters konnte er im Winter 1940/41 in Hamburg ein Chemiestudium beginnen, das er ein Jahr später wieder hätte beenden müssen, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, seine Studien am Chemischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München unter der Leitung des bekannten Nobelpreisträgers Prof. Heinrich Wieland fortsetzen zu dürfen. Hier studierte auch Marie-Luise Jahn aus Sandlack bei Bartenstein in Ostpreußen (heute: Polen), der er sich bald eng verbunden fühlte.

Im Sommer 1942 kam es zu weiteren dramatischen Veränderungen im Leben der Familie Leipelt. Aufgrund eines neuen Erlasses des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 2. Juli 1942 musste Maria Leipelt als „jüdischer Mischling 1. Grades“ die Oberstufe der staatlichen Elise-Averdieck-Schule verlassen, die sie inzwischen besuchte, um dort ihr Abitur zu erwerben.

„Evakuierungsbefehl“ für die Mutter

Bald darauf erhielt Hermine Baron den „Evakuierungsbefehl“ für ihre „Umsiedlung“ ins „Altersgetto“ Theresienstadt am 19. Juli 1942. Am Vorabend des Abtransports sagte sie ihrer Wiener Schwiegertochter in einem Abschiedsbrief Lebewohl.
Es waren die letzten Zeilen Hermine Barons, die die Familie von ihr erhielt. Der Großtransport VI/2, der sie nach Theresienstadt brachte, zählte 771 Personen aus Hamburg und aus anderen Orten Norddeutschlands. Unter ihnen waren vorwiegend Juden mit ihren Familien, die über 65 Jahre alt waren und nicht in einer Mischehe lebten, sowie gebrechliche, hochdekorierte und prominente Juden mit ihren Ehefrauen und Kindern unter 14 Jahren.

Nur wenige überlebten das unbeschreibliche Leid, das nun folgte. Hermine Baron gehörte nicht zu ihnen. Sie verbrachte noch sechs Monate in diesem „Wartesaal des Todes“, bevor sie am 22. Januar 1943 für immer die Augen schloss, ohne dass die Familie je davon erfuhr.

Freunde der Familie berichteten später, dass Hans Leipelt und der Rest der Familie unsäglich unter dieser schmerzlichen Trennung und unter der anschließenden Ungewissheit gelitten hätten. Nicht zuletzt Hans Leipelt sei viel verschlossener und noch nachdenklicher geworden. Kaum hatte die Familie wieder etwas Tritt gefasst, da wurde sie erneut durch eine Hiobsbotschaft aus der Bahn geworfen. Am 23. September 1942 erlag Konrad Leipelt völlig unerwartet während einer Kur in Bad Kissingen einem tödlichen Herzschlag, der die Hinterbliebenen in tiefe Trauer und Verzweiflung stürzte. Dieser Tod bedeutete für seine Frau und ihre beiden Kinder nicht nur den Verlust des Ehemannes bzw. Vaters, sondern auch das drohende Ende vieler Ausnahmeregelungen, die für Juden, die in einer Mischehe lebten, und ihre Kinder galten. Katharina Leipelt erhielt wenig später die Aufforderung, sich zur Zwangsarbeit bei einer Futtermittelfirma in der Moorburger Straße in Harburg zu melden.

Der Freiraum der Uni München

Innerlich aufgewühlt und zutiefst empört, kehrte Hans Leipelt nach den Semesterferien im Herbst 1942 an das Chemische Institut der Münchener Universität zurück. Immer mehr wusste er die aufgeschlossene Atmosphäre zu schätzen, die hier herrschte und den Studierenden bei entsprechender Vorsicht viel Freiraum für regimekritische Gespräche ließ. Das hatten die jungen Akademikerinnen und Akademiker vor allem der mutigen Haltung Prof. Heinrich Wielands zu verdanken. Er duldete keine ideologische Einflussnahme und riskierte viel, als er sich entschloss, die geltenden Vorschriften zu ignorieren, indem er Hans Leipelt und zahlreichen anderen so genannten Halbjuden, die als „wissenschaftliche Gäste“ des Instituts geführt wurden, die Fortführung ihres Studiums ermöglichte.

In diesem positiven Umfeld wuchs auch die Freundschaft Hans Leipelts mit Marie-Luise Jahn, die seine Vorliebe für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur teilte. Ihre Diskussionen beschränkten sich aber nicht nur auf kulturelle Themen. Immer wieder ging es dabei auch um politische Fragen. Sehr deutlich spürte Hans Leipelts Freundin in diesen Gesprächen „seine große Verletztheit aufgrund der Demütigungen und Diskriminierungen durch die nationalsozialistische Rassenpolitik. Diese Ausgrenzung traf ihn tief, und seine Stimmung schwankte ständig zwischen ohnmächtiger Wut und Aggressivität gegenüber der menschenverachtenden Ideologie und Politik des Nazi-Regimes.“

Das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“

Im Februar 1943 fand Hans Leipelt eines Morgens ein an die Münchener Studentenschaft gerichtetes Flug­blatt (6. Flugblatt der „Weißen Rose“) in seiner Post. Er nahm es mit ins Labor und zeigte es Marie-Luise Jahn. Sie erinnert sich nach 60 Jahren noch sehr gut an diesen Augenblick: „Gemeinsam lasen wir das Flugblatt und waren erstaunt darüber, dass da jemand den Mut gehabt hatte, auszusprechen, was wir auch dachten, aber nie zu schreiben gewagt hätten. Wir waren beeindruckt.“ Beide wussten nicht, wer für den Inhalt verantwortlich war. Erst nachdem die Geschwister Scholl und Christoph Probst am 18. Februar 1943 verhaftet und vier Tage später vom 1. Senat des Volksgerichtshofes unter dem Vorsitz Roland Freislers zum Tode verurteilt worden waren, erfuhren sie, wer diesen Aufruf zum Widerstand verbreitet hatte.

„Wir müssen weitermachen!“

Ihre Reaktion beschrieb Marie-Luise Jahn im Nachhinein: „Wir besaßen das Flugblatt, aber die, die es geschrieben hatten, waren von den Nazis hingerichtet worden. Wer sollte jetzt den Menschen die Augen öffnen? Wer sollte jetzt die Wahrheit sagen über das verbrecherische Regime? Die, die es gewagt hatten, waren nicht mehr am Leben. Aber wir hatten das Flugblatt. Was sollten wir tun? Wir wussten es. Ganz spontan entschlossen wir uns: Wir müssen weitermachen. An die Gefahr dachten wir nicht.“

Gesagt, getan. Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn schrieben das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“ mehrfach mit einer Reiseschreibmaschine ab und versahen alle Abschriften mit dem Zusatz „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“, bevor sie diesen Aufruf an gute Bekannte weiterreichten. Außerdem begannen sie unter ihren Freunden Geld für Clara Huber zu sammeln. Ihr Mann, Prof. Kurt Huber, hatte das letzte Flugblatt der Gruppe um Hans Scholl und Alexander Schmorell verfasst und war inzwischen ebenfalls festgenommen worden. Die Münchener Universität hatte ihn daraufhin sofort entlassen und ihm zugleich alle Pensionsansprüche aberkannt.

Als Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn in den Osterferien 1943 nach Hamburg fuhren, hatten sie u. a. das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“ in ihrem Gepäck. Auch unter Hans Leipelts Hamburger Freunden kam es zu lebhaften Diskussionen über den Appell und konkrete Möglichkeiten, ihn/sie durch eigene Initiativen aktiv zu unterstützen. Mehrere Hamburger Weggefährten schlossen sich der Hilfsaktion für die Familie Huber an.

Im Oktober 1943 wurden Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn aufgrund einer Denunziation verhaftet. Es folgten weitere Festnahmen unter ihren Freunden in Hamburg und München, denen auch Katharina Leipelt und ihre Tochter nicht entgingen. Maria Leipelt wurde am 9. November 1943 von der Gestapo abgeholt, ihre Mutter vier Wochen später am 7. Dezember 1943. Beide Frauen wurden in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel überstellt.

keine Chance auf gerichtliches Verfahren

Als „Jüdin“ hatte Katharina Leipelt keine Chance auf ein gerichtliches Verfahren. Bereits im Herbst 1942 hatte Heinrich Himmler angeordnet, alle deutschen Gefängnisse und Zuchthäuser von Juden zu „reinigen“ und sie in das Vernichtungslager Auschwitz zu verlegen. Angesichts dieser aussichtslosen Lage nahm Katharina Leipelt sich am 9. Dezember 1943 in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel das Leben. Ihr Hausstand wurde danach öffentlich versteigert und erbrachte einen Erlös von 13214,70 RM zugunsten des Reiches.

Die Anklage gegen Hans Leipelt, Marie-Luise Jahn und sieben weitere Münchner Freunde lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen“. Der Prozess vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofs fand am 13. Oktober 1944 in Donauwörth statt. Hans Leipelt wurde zum Tode verurteilt und Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus, nachdem ihr Freund in der Verhandlung kurz zuvor alle Schuld auf sich genommen hatte, um sie auf diese Weise zu entlasten.

In den folgenden Monaten gelangte Hans Leipelt in langen Gesprächen mit dem evangelischen Gefängnisgeistlichen Karl Alt zu einem entschiedenen Christentum. In den Abschiedsbriefen an seine Schwester Maria und an seine Freundin Marie-Luise Jahn, die beide den Zweiten Weltkrieg überlebten, ist dieser innere Wandel deutlich zu erkennen:

„Hans K. Leipelt Gef. – B – Nr. 1947 München, den 29. Januar 1945, Stadelheimerstr. 12

Liebes Schwesterchen, gerade im Moment, sozusagen, habe ich eine Karte (bzw. einen Brief) an Dich losgelassen, die ersten an die Adresse in Cottbus, die ich erst in der letzten Woche erfuhr – und heute findet meine Hinrichtung statt. Ich weiß, was Dir diese Nachricht – wenn Du sie unter den jetzigen Verkehrsumständen und bei der gegenwärtigen Kriegslage überhaupt erhältst – für großen Schmerz bereiten wird. Sie lässt Dich die völlige Hilflosigkeit und Verlassenheit Deiner gegenwärtigen Lage umso stärker empfinden, da Dir nun der letzte Dir wirklich nahestehende Mensch genommen wird, der – wenn auch jetzt ebenso hilflos wie Du – Dir doch nach dem Kriege jede Hilfe hätte zuteil werden lassen, die in seiner Macht gestanden hätte, der versucht hätte, durch ein Leben voll unaufhörlicher Liebe und nach Möglichkeit einen Teil dessen wieder gut zu machen, was Du durch ihn und um seinetwillen hast er­dulden müssen. Und doch, Liebes, bleibst Du nicht allein zurück. Abgesehen davon, dass ich gute Menschen weiß, die nach dem Kriege ihr Möglichstes tun werden, Dich zu finden und Deine Existenz zu sichern, bleibst Du in der Hand Gottes zurück, in der ich Dich getrost lasse – hält er uns doch alle in seiner Hand, schützt und erhält uns, und wo er uns diesen Schutz, diese Erhaltung zu versagen scheint, muss uns doch auch das, und gerade das, zum Besten dienen. Dieses Zutrauen zu ihm dürfen, ja müssen wir haben, auch wenn wir seine Wege einmal nicht verstehen und vielleicht sogar hart finden. Ich bitte Dich, und werde in diesen letzten Stunden für Dich darum beten, dass Du Dir dieses Vertrauen zu Gott Dein ganzes Leben erhalten möchtest. Sei meinetwegen nicht traurig, wenn Du kannst, und jedenfalls unbesorgt. Ich fühle im wahrsten Sinne göttliche Ruhe in mir und sterbe ohne Angst in der Hoffnung auf Gottes Vergebung, die mir freilich bitter notwendig ist, bedenke ich, in wie schwerer Weise ich mich an ihm, unserer lieben Mutti, Dir und Eileen [Marie-Luise Jahn] – von anderen Nahen zu schweigen – versündigt habe. Der evangelische Anstaltspfarrer, Dr. Alt, wird mir das Abendmahl reichen. Auch Dich bitte ich nun zum Schluss, Du möchtest mir meine häufige Lieblosigkeit gegen Dich, meinen Egoismus, vor allem meinen maßlosen Man­gel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe. Lebe wohl, mein Liebes. Nochmals empfehle ich Dich in die Hände Gottes. Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden.
Dein Dich liebender Bruder Hans“

Hans Leipelt starb am 29. Januar 1945 auf demselben Schafott im Gefängnis München-Stadelheim, auf dem vor ihm die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der „Weißen Rose“ hingerichtet worden waren.

Nach ihm wurden in München und Hamburg in den Nachkriegsjahren zwei Straßen benannt. Sein Name ist auch auf den Gedenktafeln im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität in München und im Foyer des Auditoriums Maximum der Hamburger Universität zu finden. 1995 erhielt die Staatliche Fachoberschule Donauwörth den Beinamen „Hans-Leipelt-Schule“, und seit Juli 2000 trägt ein Seminarraum im Neubau der Fakultät für Chemie und Pharmazie in München den Namen Hans Leipelts. Für Hans Leipelt wurden drei Stolpersteine verlegt, der dritte am 22.4.2010 vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg in der Edmund-Siemers-Allee 1.

Zudem halten zahlreiche Gedenktafeln die Erinnerung an Hans Leipelt wach: am Eingang der Stadtteilschule Wilhelmsburg in der Rotenhäuser Straße 67 in Wilhelmsburg, am ehemaligen Wohnhaus der Familie Leipelt in der Vogteistraße 23 in Rönneburg, im Harburger Rathaus, am „Weiße Rose“-Mahnmal in Ham­burg-Volksdorf und am Gebäude der einstigen Buchhandlung Anneliese Tuchel in der Hamburger Innenstadt am Jungfernstieg 50, einem damaligen Treff des Hamburger Zweiges der Weißen Rose. Sie erinnern auch an das Schicksal seiner Mutter.
Hermine Baron, geb. Löw, geb. am 15.9.1866 in ˇCerná Hora, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, gestorben am 22.1.1943
Hans Leipelt, geb. am 18.7.1921 in Wien, hingerichtet am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim

© Klaus Möller; www.gedenken-in-harburg.de

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

stolpersteine-hamburg.de

Quellen: 1; 2 (V 1/184); 4; 5; 8; Heyl (Hrsg.): Harburger Opfer; StaH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 131225 Bade-Leipelt, Maria; Heyl, Synagoge; Diercks, Gedenkbuch ,Kola-Fu‘; diverse Gespräche des Verfassers mit Marie-Luise Schultze-Jahn, Maria Bade-Leipelt und Christine Croy, geb. Baron.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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Aus der Vergangenheit für die Zukunft https://www.tiefgang.net/aus-der-vergangenheit-fuer-die-zukunft/ Sat, 06 May 2017 06:00:30 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1033 [...]]]> Erinnerungen sind nicht immer schön. Aber sie sind nötig, um das Morgen zu gestalten. Erst recht wie bei der Initiative „Gedenken in Harburg“. Auch 2017 ist noch viel geplant …

Vor gut 15 Jahren startete das Projekt „Stolpersteine“ in Hamburg. An den Wohnorten ehemaliger Opfer werden seither goldene Steine mit Namen, Geburtsdatum und oft Zeitpunkt der Deportation sowie Ort desselbigen in den Boden eingelassen und so „stolpert“ man beim Gang durch die Straßen regelmäßig überNamen und Biographien unserer Geschichte. Diese Initiative gründete 1995  der Kölner Künstler Gunter Demnig. Mit seinem Projekt erinnert er so durch die Gedenksteine europaweit an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor deren früheren Wohnorten – seit 2002 auch in Hamburg. Die Anzahl der Stolpersteine in Hamburg beläuft sich bereits auf mehr als : 5200!

Bei der Recherche nach Opferdaten wurde überwiegend auf im Staatsarchiv Hamburg vorhandene Kopien von Deportationslisten zurückgegriffen. Hierin fanden sich jedoch grundsätzlich nur die letzten Wohnadressen – also Wohnungen, die zumal den jüdischen Opfern sehr häufig zwangsweise zugewiesen wurden. Dies hat zunächst dazu geführt, dass vor den ehemaligen so genannten ‚Judenhäusern’ eine Häufung von Stolpersteinen anzufinden war, während dort, wo die Opfer ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt hatten, kein Stolperstein auf ihre Verfolgung und Ermordung hinwies.

Foto: Initiative Gedenken in Harburg

Ab etwa 2004 griff man dann auch auf Anschriften aus der Kultussteuerkartei der früheren jüdischen Gemeinden in Hamburg und ergänzend auf alte Adressbücher zurück. Dies machte es möglich, Adressen ausfindig zu machen, an denen diese Opfer ohne Drangsalierung bis Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gelebt haben. Nach Mitte der 30er Jahre wurden in diesen Unterlagen häufig Anschriften vorgefunden, an denen die Verfolgten nur noch zur Untermiete gelebt haben oder es waren Häuser von jüdischen Wohnstiften sowie Gebäude der jüdischen Gemeinde in Hamburg, in die sie aufgrund behördlicher Anordnung einquartiert wurden.

Eine der heutigen selbst gestellten Aufgaben der Initiative Gedenken in Harburg ist es, die jährlichen Harburger Gedenktage zu organisieren. Sie finden jedes Jahr um den 9. November, den Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, statt und werden mit vielfältigen Veranstaltungen begangen. Neben Ausstellungen werden Vortrags- und Filmabende, Lesungen, öffentliche Zeitzeugengespräche oder Exkursionen angeboten. Auch Publikationen bringt die Initiative heraus. So wurden mehr als 180 Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg an Männer, Frauen und Kinder, die in der NS-Zeit von den Nationalsozialisten aus der `Volksgemeinschaft´ausgeschlossen und ermordet worden, dokumentiert und die Geschichte hinter diesen `Mini-Denkmalen´ in mühevoller Kleinarbeit erforscht und als Buch herausgegeben.

Günther, Markert, Meyer u. Möller: Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg, Hamburg 2012. Preis: 3,– €

 

Aber die Gedenkarbeit ist noch viel umfangreicher. Die Initiative, die sich überkonfessionell und unabhängig versteht, über sich selbst: „Wir, die Initiative Gedenken in Harburg, stellen uns der Aufgabe, die Geschichte des Nationalsozialismus im Stadtteil zu beleuchten. Wir wollen nicht nur das geschehene Unrecht vorbehaltlos aufzeigen, sondern auch der Harburger Opfer des NS-Regimes gedenken. Dabei gilt es, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Lebendige Erinnerungskultur

Mit unserer ehrenamtlichen Arbeit möchten wir in Harburg eine lebendige Erinnerungskultur verankern und so das Bewusstsein für die Demokratie stärken. Unsere Initiative ist dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost angegliedert. Sie wird vom Bezirksamt Harburg und der Harburger Bezirksversammlung unterstützt.

Gespräche mit Zeitzeugen sind aus naheliegenden Gründen immer seltener geworden. Daher war es uns eine besondere Ehre und Freude, gleich zwei von ihnen begrüßen und zu verschiedenen Veranstaltungen begleiten zu dürfen: Hana Weingarten und Eva Smolková-Keulemansová.“

Noch 2017 plant die Initiative eine größere Zahl von Harburger Kulturträgern an der Gestaltung der Gedenktage zu beteiligen. Die Koordinatorin dieser Neugestaltung der Gedenktage obliegt Katja Hertz-Eichenrode:

„Im November 2017 werden die Harburger Gedenktage in einer neuen Form stattfinden.

Alle Harburger Schulen, Religionsgemeinschaften, Kultureinrichtungen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Organisationen und Vereine sind eingeladen, sich mit Beiträgen und Veranstaltungen an den Harburger Gedenktagen zu beteiligen, sie zu gestalten und zu bereichern. Die Harburger Gedenktageerinnern an die Opfer und die Verfolgten des Nationalsozialismus  – mit dem Fokus auf Akteure und Ereignisse im Bezirk Harburg. Dabei ist das Gedenken an die Pogromnacht in Harburg, bei der am 10. November

1938 der jüdische Friedhof am Schwarzenberg geschändet und die Harburger Synagoge verwüstet wurden, ein fester Bestandteil der Harburger Gedenktage. Das Motto Erinnern für die Zukunft zeigt, dass die Harburger Gedenktage sowohl in die Vergangenheit wie auch auf die Gegenwart und in die Zukunft schauen. Extremismus, Diskriminierung und Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Krieg, Selbstbehauptung und Widerstand sind auch aktuelle Themen. Mit dem Wissen um und aus der Verantwortung für die deutsche Vergangenheit beziehen die Harburger Gedenktage Stellung in der heutigen Zeit. Die Harburger Gedenktage stellen sich der Herausforderung, neue Formen des Erinnerns und des Gedenkens zu entwerfen und zu erproben. Die Harburger Gedenktage sind eine Veranstaltung aller Generationen!

Schulklassen und Jugendgruppen sind besonders aufgerufen, sich an den Harburger Gedenktagen zu beteiligen und Ergebnisse von Projekten oder AGs vorzustellen!

Viele Veranstaltungsformate sind denkbar:

  •  Vorträge und (Podiums-) Diskussionen
  • Filmvorführungen, Theateraufführungen
  • Stadtrundgänge und -rundfahrten
  • Ausstellungen (Fotos, Bilder, Objekte, von Laien und Profis…)
  • Konzerte (Chor, Klassik, Liedermacher, Rock, Jazz….)
  • Gottesdienste, Andachten, Meditationen
  • Zeitzeugengespräche
  • Sportveranstaltungen
  • Lesungen, Buchvorstellungen (Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher, Romane,…)
  • interkulturelle Begegnungen Ideen und Fragen gerne an gedenktage(at)gedenken-in-harburg.de

Auch wir wollen das Gedenken künftig unterstützen und werden hier regelmäßig Biografien ehemaliger Harburger*innen vorstellen und Sie über diese Geschichte an die Orte dieser Menschen und die „Stolpersteine führen. Denn es waren Menschen unter uns. Sie sind nicht einfach verschwunden. Sie sind deportiert und häufig umgebracht worden. Zur Zeit sind allein für Harburg 217 Namen (!) in der Datenbank erfasst – und die Suche geht weiter!

Zur Website der Initiative mit Terminen, weiteren Informationen und Buchtiteln: gedenken-in-harburg.de

Zum Stolperstein-Künstler Gunter Demnig finden sich Informationen auf seiner website: www.gunterdemnig.de 

Die Aktion „Stolpersteine“ selbst finden Sie unter der website: www.stolpersteine-hamburg.de.

(05. Mai 2017, hl)

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