Ute Holst – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 12 Dec 2022 11:03:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Der Weihnachtsbaum https://www.tiefgang.net/der-weihnachtsbaum/ Fri, 09 Dec 2022 23:58:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9572 [...]]]> Unsere Harburger Autorin hat wieder zum Federkeil gegriffen und beschert uns aus gutem Anlass eine schöne Weihnachtsgeschichte …

Von Ute Holst

„Aua“, ein schreckliches Geräusch ertönt in meiner unmittelbaren Nähe und sofort spüre ich diesen fürchterlichen Schmerz. „Hilfe, warum hilft mir denn keiner?“, mit einem verzweifelten Schrei stürze ich zu Boden.

„Da haben sie sich aber einen besonders schönen Baum ausgesucht“, höre ich eine mir bekannte Männerstimme sagen. „Ja, wir haben auch lange gesucht“, antwortet eine Frau.

Schon packen mich zwei kräftige Hände und zerren mich grob an meiner Spitze in die Höhe. Dann stößt der Mann mich mit meinem abgesägten Stamm auf den Boden, dass meine Zweige nur so zittern. Dabei entfernt er auch noch einige trockene Grashalme und ein verlassenes Vogelnest.

Nachdem er mich eine Weile getragen hat, zieht er mich durch eine Art großen Trichter, wodurch meine Zweige eng an meinen Stamm gedrückt werden. Das geht alles blitzschnell und als ich wieder aus dieser Röhre herauskomme, stecke ich in einem Netz wie in einem Korsett. Die Menschen wechseln noch ein paar Worte und verabschieden sich, indem sie sich „Frohe Weihnachten“ wünschen.

In diesem Jahr hat es also mich erwischt. Jahrelang ist es mir gelungen, mich klein und unscheinbar zu machen. Aber vor einigen Wochen kam ein Mann und hat ein rotes Band an meiner Spitze befestigt. Auch einige meiner Nachbarn hat er gekennzeichnet. Stolz erzählte mir der Baum neben mir, dass er sich freue, nun endlich auch auserwählt zu sein. Er könne es gar nicht abwarten in ein von Menschen bewohntes Haus zu kommen. Dort würde er mit bunten Kugeln und mit Kerzen geschmückt werden und in leuchtende Kinderaugen sehen.

Ich frage mich, woher er das alles wissen will. Für mich war es immer eine Freude, wenn die Sonne mich mit ihren Strahlen wärmte oder der Regen mich erfrischte. Mir gefiel es auch, wenn der Wind durch meine Zweige streifte und die Vögel, die in mir Schutz gesucht hatten, ihre Federn aufplusterten, um sich vor der Kälte zu schützen. Im Sommer tanzten Schmetterlinge um mich herum, als wollten sie Fangen spielen. Wenn Ameisen oder Käfer an meinem Stamm nach oben in die Spitze krabbelten, kitzelten ihre Beinchen an meiner Rinde. Wenn ein Hase mich mit seinem weichen Fell berührte, lief mir ein wohliger Schauer durch meine Jahresringe.

Im Winter, wenn sich Schneeflocken auf meinen Zweigen türmten und die Sonnenstrahlen sie wie kleine Diamanten glitzern ließen, hatte ich das Gefühl besonders schön zu sein. Konnte da eine menschliche Behausung überhaupt mithalten?

All diese Gedanken änderten nichts mehr, nun war mein Schicksal besiegelt, mein Leben würde als Weihnachtsbaum enden.

Schließlich war es so weit, mein Stamm wurde in einen Ständer gezwängt und ich wurde mit Kerzen und bunten Anhängern geschmückt. Nicht nur Glaskugeln in unterschiedlichen Farben, sondern auch eine Gurke und sogar eine Klo-Rolle aus farbigem Glas wurden an meinen Zweigen befestigt.

„Warum denn ausgerechnet eine Klo-Rolle?“, hörte ich eine verärgerte Männerstimme. „Na ja, schließlich grassiert immer noch Corona! Hast du denn gar keinen Humor?“, erwidert seine Frau. „Hast du vergessen, dass es wochenlang kein Toilettenpapier zu kaufen gab?“ „Du hast doch einen Knall, deswegen hängt man sich doch nicht so ein Ding in den Weihnachtsbaum“, empört sich der Ehemann.

„Und ich sage das Ding bleibt dran“, antwortet die Frau mit energischer Stimme. Gleich darauf wird die Zimmertür mit einem lauten Knall ins Schloss geworfen. Die Hausherrin geht ein paar Schritte zurück und betrachtet mich mit Wohlwollen. Dann holt sie einen großen Korb voller Geschenke und legt sie rund um meinen Stamm. „Da werden die Kinder Augen machen“, flüstert sie voller Begeisterung, während sie die letzten Päckchen dekoriert und ablegt.

Als auch sie das Zimmer verlässt, bin ich allein und denke zurück an mein schönes Leben in der Natur. Aufgeregte Stimmen reißen mich aus meinen Gedanken. Vier Erwachsene und zwei Kinder sind im Raum und betrachten mich voller Bewunderung. „Oma, wieso kommt der Weihnachtsmann immer gerade dann, wenn wir nicht zuhause sind?“, fragt das kleine Mädchen. „Der Weihnachtsmann muss so viele Kinder besuchen, dass er es gar nicht schafft alle persönlich zu treffen“, mischt sich der Großvater ein. „Ist doch egal“, ruft der Junge, „Hauptsache es gibt viele Geschenke.“

Mit diesen Worten stürzt er sich auf die Gaben und reißt mich dabei fast um. „Nicht so wild“, schreit der Vater, „du siehst doch, dass wir echte Kerzen haben und nicht diesen Elektroschrott!“

„Du hast mal wieder den Eimer mit Wasser vergessen“, ereifert sich seine Frau und verlässt wütend das Zimmer. „Nun beruhigt euch doch, es ist doch nichts passiert“, besänftigt die Großmutter. „Außerdem müssen erst die Gedichte aufgesagt werden, bevor die Bescherung beginnen kann.“

Mit beleidigtem Gesicht zieht sich der Junge zurück: „Ich kann kein Gedicht“, knurrt er mürrisch. „Dann gibt es eben auch keine Geschenke“, meldet sich energisch der Vater zu Wort.

Inzwischen ist die Mutter mit dem gefüllten Wassereimer zurück und blickt von einem zu anderen: „Was ist denn jetzt los?“, fragt sie beunruhigt. „Dein Sohn weigert sich ein Gedicht aufzusagen“, reagiert der Ehemann gereizt.

„Ach, jetzt ist es also mal wieder mein Sohn“, die Mutter stemmt die Hände in die Hüften und schaut ihren Mann zornig an. „Das ist ja mal wieder typisch!“

„Nun beruhigt euch doch“, mischt sich der Opa ein, „Weihnachten soll doch das Fest der Liebe sein.“

„Du immer mit deinen frommen Sprüchen“, zischt ihn sein Schwiegersohn an. „Dann feiert Weihnachten doch allein. Ich gehe jetzt in die Kneipe und werde mich besaufen“, mit diesen Worten verlässt er den Raum und knallt die Tür hinter sich zu.

Erschrocken sehen die Kinder sich an und ihre Mutter bricht in Tränen aus.

Keiner hat mehr Augen für mich, den Schmuck und die Kerzen.

Und das sollen fröhliche Weihnachten sein?

]]>
„Yesterday“ https://www.tiefgang.net/yesterday/ Fri, 08 Jul 2022 22:19:54 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9198 [...]]]> Die Harburger Autorin Ute Holst bekam im Frühjahr eine Einladung zu einem Schreibwettbewerb. Das Thema war „Y“. Ja, nur der Buchstabe „Y“.

von Ute Holst

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt Karla sich die Ohren zu. Ihr Nachbar, ein ausgesprochener Beatles-Fan, hatte seine Stereoanlage mal wieder voll aufgedreht.

Diese Lautstärke machte Karla zum wiederholten Mal bewusst, wie gut sie es bis vor ein paar Wochen noch gehabt hatte.

Sie hatte in einem schönen Einzelhaus gelebt, zu dem ein gepflegter Garten gehörte.

Der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die Augen. Nun wohnte sie in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in einem hellhörigen Neubau.

„Wie konnte ich nur so dumm sein?“, schoss es ihr durch den Kopf. „Warum habe ich nicht gemerkt welches schreckliche Spiel der Mann mit mir getrieben hat?“

Voller Verzweiflung nahm sie einen breiten Ledergürtel und schlug damit auf ein Sofakissen ein, wobei sie ihren Tränen freien Lauf ließ und laut vor sich hin schimpfte.

Diesen Rat hatte ihr ihre Freundin Beate gegeben, die gerade eine Psychotherapie hinter sich hatte. Beate hatte ihr geraten, sich ebenfalls einen Therapeuten zu suchen, aber darin sah Karla keinen Sinn. Ihr Haus war weg, sie hatte es verloren.

„Yesterday“, ihrem Nachbarn verdankte sie diesen Ohrwurm, den sie nun stundenlang nicht wieder loswerden würde. Angestrengt überlegte sie, wie es dazu hatte kommen können. Was war denn bloß passiert?

In der Hoffnung, auf andere Gedanken zu kommen, zog sie ihre Schuhe und eine leichte Jacke an und verließ ihre Wohnung, um einen Spaziergang zu machen. An der frischen Luft ließ sie die Ereignisse der vergangenen Monate Revue passieren.

In ihrem Beruf war Karla sehr erfolgreich gewesen und hatte immer gut verdient. Dann war ihr langjähriger Lebensgefährte unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Nach diesem Verlust kam die Einsamkeit.

Da Karla beruflich immer sehr eingespannt gewesen war, hatte sie es versäumt, sich um private Kontakte und um ein soziales Netzwerk zu kümmern. So hatte sie ihre Abende und Wochenenden häufig damit verbracht im Internet zu surfen. Dabei war sie auf eine Online-Kontaktbörse gestoßen, die ihr Interesse geweckt hatte. Die gutaussehenden Männer und deren beeindruckende Lebensläufe hatten ihr imponiert. Einer der Männer, Peter, hatte es ihr besonders angetan, und sie konnte kaum glauben was er über sich berichtete. Peter gab an, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Vom Alter her passte er zu ihr, seine Hobbys gefielen ihr und seine Interessen stimmten zum großen Teil mit ihren überein. Dass er im Ausland lebte, aber zu einem Ortswechsel bereit wäre, oder mit einer zu ihm passenden Frau in seinem Land leben wollte, machte ihn in Karlas Augen noch sympathischer.

Nachdem Karla eine Nacht darüber geschlafen hatte, stand ihr Entschluss fest.

Mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern schrieb sie Peter eine Nachricht und schickte ihm ein Foto von sich.

Noch am selben Abend hatte sie eine Antwort von ihm. Peter bedankte sich für ihr Schreiben und gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass eine so schöne Frau auf ihn aufmerksam geworden war und ihn kennenlernen wollte. Peter schrieb ihr, dass er abwechselnd in New York und in York (Australien) lebte und arbeitete. Gerne würde er Karla in Deutschland besuchen, um sich persönlich ein Bild von ihr und ihren Lebensumständen zu machen. Überglücklich machte Karla Fotos von ihrem Haus und ihrem Garten, die sie Peter umgehend schickte. Die Antwort kam prompt, er schrieb, er könne es gar nicht abwarten sie in ihrem kleinen Paradies zu besuchen. Sofort schlug Karla einen Termin vor und begann mit den Planungen.

Voller Vorfreude startete sie jeden Morgen ihren Computer, um sich an seinen Mails zu erfreuen. Ungeduldig erwartete sie Peters Anruf um die Mittagszeit und war aufgeregt, wenn er sich am Abend nicht zur gewohnten Zeit meldete. Der Austausch mit ihm war für sie zu einem wichtigen Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Viel zu lange hatte sie auf eine persönliche Ansprache und liebevolle Komplimente verzichten müssen.

Peter, der die Einladung Karla zu besuchen angenommen hatte, musste sie aus geschäftlichen Gründen wenige Tage vor dem vereinbarten Treffen absagen.

So ging es einige Male und Karla wollte den Kontakt schon abbrechen, als er ihr ein Foto von einer großen Yacht schickte. Peter teilte ihr mit, dass sein Schiff im Hafen von Mykonos liege und er sie dort sehnsüchtig erwarte.

Karlas Herz hüpfte vor Freude und sie begann mit den Reisevorbereitungen.

Eine Woche vor ihrer Abreise kam eine dringende Nachricht von Peter. Er konnte seine Einladung leider nicht aufrechterhalten. In einem seiner Werke hätte es einen schlimmen Unfall gegeben, der einen immensen Schaden verursacht hätte. „Ich weiß nicht ein noch aus“, schrieb er, „finanziell bin ich völlig ruiniert.“ Karla war außer sich vor Sorge, der Mann, der immer wieder betonte wie sehr er sie liebte, war in finanziellen Nöten. Den Gedanken konnte sie nicht ertragen. Sie erkundigte sich bei ihm um welche Summe es sich handelte und nahm bei ihrer Bank eine Hypothek auf ihr Haus auf. Dass das Geld persönlich und in bar von einem Boten abgeholt werden sollte, gab ihr nicht zu denken. Im Gegenteil, noch zweimal übergab sie einem Abgesandten größere Summen Bargeld.

Als Peter erneut um finanzielle Unterstützung wegen einer angeblichen Steuernachzahlung bat, wurde Karla misstrauisch und verweigerte eine weitere Zahlung. Sie teilte ihm mit, dass ihre Bank nicht bereit sei, ihr einen weiteren Kredit zu geben.

Was dann folgte, schockierte sie zutiefst. Der Mann, der sie angeblich liebte und ihr eine Heirat in Aussicht gestellt hatte, beschimpfte sie geizig und unmenschlich zu sein. Er drohte sogar damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie ihm das Geld nicht geben würde.

In ihren Mails bat Karla ihn um Verständnis und flehte ihn an, sich zu seiner Liebe zu bekennen.

Sie hat nie wieder etwas von Peter gehört. Seine E-Mail-Adresse und sein Profil auf der Seite der Online-Kontaktbörse waren gelöscht worden.

Da Karla die Zinsen für die Hypotheken nicht mehr bezahlen konnte, wurde ihr Haus zwangs-

versteigert.

Durch Veröffentlichungen in der Presse erfuhr Karla, dass ihre Geschichte kein Einzelfall war.

Sie erfuhr, dass die Männer sich fremder Identitäten bedienten, die sie zuvor im Internet gestohlen hatten. Die betroffenen Personen ahnten nichts von diesem Betrug. Laut Polizei handelte es sich um Männer und Frauen, die ihren Opfern Verliebtheit vorgaukeln, um finanzielle Zuwendung zu erreichen. Die einsamen Menschen überhäuften sie mit Aufmerksamkeiten wie täglichen Mails, Anrufen und Schmeicheleien, um sie emotional an sich zu binden. Nicht selten würde auch um Kopien von Ausweispapieren gebeten, um angeblich ein gemeinsames Konto zu eröffnen. Mit den dadurch erhaltenen Daten wären die Betrüger in der Lage Ausweisdokumente zu fälschen.

Auch durch Seiten, auf denen Spiele wie z.B. „Scrabble“ gespielt werden, sei es zu Kontakt-aufnahmen gekommen. Durch die Wahl der benutzten Worte könnten die Betrüger erkennen, ob es sich um eine ältere Peron handelt. Junge Menschen benutzten einen anderen Wortschatz. Außerdem gingen die Kriminellen davon aus, dass bei jungen Leuten nur in seltenen Fällen viel Geld zu holen sei. Die Polizei bezeichnete dieses Vorgehen als modernen Heiratsschwindel. Die Ermittler seien aber machtlos, weil die Täter vom Ausland aus, agierten.

Das war ein Schock für Karla, sie schämte sich für ihre Naivität.

Der Beatles-Song „Yesterday“ erinnerte sie jedes Mal daran, was für ein schönes Leben sie in der Vergangenheit gehabt hatte und wie leichtfertig sie es aufgegeben hatte.

 

]]>
Einsamkeit https://www.tiefgang.net/einsamkeit/ Fri, 29 Oct 2021 22:39:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8547 [...]]]> In der letzten Zeit rückt das Thema Einsamkeit stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Forscher haben herausgefunden, dass Einsamkeit krank macht.

von Ute Holst

Sie verkürzt die Lebenszeit stärker als Rauchen, Krebs oder Alkoholkonsum. Die meisten Menschen schämen sich zuzugeben, dass sie einsam sind. Besonders an den Wochenenden und Feiertagen leiden sie darunter allein zu sein und nicht selten kommt es zu Suiziden.

Ältere Menschen haben nach dem Tod des Partners oft keinen Ansprechpartner mehr. Häufig haben sie sich schon vorher zurückgezogen und bestehende Kontakte vernachlässigt.

In Berlin gibt es das „Silbernetz“, eine Hotline gegen Einsamkeit im Alter. „Silbernetz e.V.“ ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und ist jeden Tag erreichbar. Die Gespräche mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern sind anonym, vertraulich und kostenfrei. Einige Anrufer nutzen dieses Gesprächsangebot regelmäßig, andere nur selten. Es gibt auch Menschen, die 20 Minuten am Telefon schweigen und nur von Zeit zu Zeit fragen: „Bist du noch da?“.

Aber nicht nur im Alter ist Einsamkeit ein Problem. Bei den jungen Menschen sind es die 16 bis 24jährigen die am häufigsten betroffen sind. Viele von ihnen treffen ihre vermeintlichen Freunde in den Social Media Kanälen. Was ihnen fehlt sind reale Freunde für verlässlichen Austausch, statt oberflächliche Kontakte im Netz.

Sie plagen sich mit Selbstzweifeln und entwickeln häufig Depressionen, weil Vertrauen fehlt und auch körperliche Nähe nicht stattfindet.

Durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie wurde diese Situation noch verschärft. Sportveranstaltungen und Konzerte fanden nicht statt, Fitnessstudios, Kinos usw. mussten geschlossen bleiben.

Zu unser aller Erleichterung entspannt sich die Lage inzwischen und Beziehungen können wiederbelebt werden. Sport im Verein ist wieder möglich und soziale Verbundenheit kann wieder gelebt werden. Nun heißt es sich zu öffnen und Schwächen bei sich selbst und anderen zu akzeptieren. Einladungen zu gemeinsamen Unternehmungen, z. B. Spaziergänge oder Fahrgemeinschaften zu kulturellen Ereignissen sind gute Gelegenheiten wieder miteinander in Kontakt zu kommen.

Einsamkeit ist aber nicht zu verwechseln mit Alleinsein.

Zeitweise allein zu sein bietet die Chance, sein eigenes Leben zu überdenken, zu sich selbst zu finden und kreative Gedanken zu sammeln. In einem stressigen Alltag kann Alleinsein als willkommene Pause und damit als Luxus empfunden werden.

Jeder Mensch sollte ehrlich zu sich selbst sein und herausfinden, was für sie, für ihn gut und richtig ist.

Nicht jeder Versuch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, wird auf Anhieb gelingen. Oft kostet es Überwindung nach einer Enttäuschung einen neuen Versuch zu starten. Und es braucht Zeit um eine vertrauensvolle Basis zu schaffen.

Aber im Volksmund heißt es nicht umsonst: „Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“

Also, Kopf hoch und raus aus der Einsamkeit – es lohnt sich.

]]>
Auch der Herbst hat schöne Tage https://www.tiefgang.net/auch-der-herbst-hat-schoene-tage/ Fri, 01 Oct 2021 22:03:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8447 [...]]]> Die Natur verändert ständig ihr Erscheinungsbild. Sonne, Wolken, Regen und Wind wechseln sich ab, sie sorgen für Wärme, saubere Luft und frische Farben.

Von Ute Holst

All das geschieht ohne menschliches Zutun, die Natur hat ihren ganz eigenen Rhythmus.

Wir Menschen sehen staunend zu, wie sich im Frühjahr die Blütenknospen öffnen und die Blätter sich entfalten. Die Vögel bauen Nester und brüten ihre Eier aus. In der gesamten Tierwelt werden Junge geboren und großgezogen.

Der Sommer erfreut uns mit seiner großen Farbenpracht in Parks und Gärten und nicht selten auch am Wegesrand. Eine Fülle von Beeren und Früchten begeistert unseren Gaumen und wir genießen die langen Tage und die warmen Nächte.

Doch, ehe wir uns versehen, werden die Tage schon wieder kürzer und die Temperaturen sinken. Die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Die Bäume werfen ihre Früchte ab und das Laub färbt sich bunt und erstrahlt in wunderschönen Gelb- und Rottönen.

Glänzende braune Kastanien liegen am Boden und laden dazu ein aufgehoben und mitgenommen zu werden. Ihre glatte Schale fühlt sich schön an und schmeichelt den Händen. Beeren in leuchtenden Farben und Hagebutten bieten sich den Vögeln als Nahrung an. Eichhörnchen sammeln und vergraben emsig Nüsse und Eicheln als Wintervorrat. Im nächsten Frühling wird es wieder viele Schösslinge geben; denn nicht alle Früchte werden wieder gefunden.

In den Spinnweben, die kunstvoll in Büschen und Sträuchern gewoben wurden, haben sich viele kleine Tautropfen verfangen. In der aufgehenden Sonne glitzern sie wie winzige Diamanten. Die Luft ist kühl und lässt die noch am Baum verbliebenen Blätter leise rauschen. Es ist nicht zu übersehen, der Herbst ist da.

Doch er hat auch ein anderes Gesicht. Zuweilen kommt er mit Sturm daher und rüttelt an Dächern und Bäumen. Mit starken Böen treibt er uns vor sich her oder stemmt sich uns entgegen. Nicht selten peitscht er uns dicke Regentropfen ins Gesicht und zerrt an unserer Kleidung. Schon so mancher Regenschirm ist ihm zum Opfer gefallen.

An windstillen Tagen breitet sich oft Nebel aus, dessen Schwaden die Landschaft in ein geheimnisvolles Grau hüllen und uns die Sicht nehmen. Dann ist Vorsicht geboten, ebenso wie auf feuchten Wegen und Straßen, auf denen das nasse Laub schnell zur Rutschpartie werden kann.

Auch bei uns Menschen finden ständig Veränderungen statt. Wir kommen als hilflose Säuglinge auf die Welt und entwickeln uns nach und nach zu Erwachsenen. Manchmal fühlen wir uns vom Leben ungerecht behandelt, aber es gibt kein unbeschwertes Dasein.

Der Volksmund drückt es mit folgenden Worten aus: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“

Mit zunehmendem Alter sprechen wir vom Herbst des Lebens. Zu dieser Zeit haben wir Höhen und Tiefen erlebt und Kanten haben sich abgeschliffen. Wir bekommen wieder mehr Freiheit zurück und können uns um unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse kümmern.

Unsere Lebenserfahrung ermöglicht es uns viele Ereignisse gelassener zu sehen und zu erleben. Wir haben gelernt, dass sich eine vermeintliche Katastrophe als unverhoffte Chance entpuppen kann. Auf schwierige Zeiten folgen auch wieder fröhliche und unbeschwerte Tage.

Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Niemand kann die Beschaffenheit des vor ihm liegenden Weges vorhersehen. Er mag zeitweise steinig sein, aber sicher findet sich auch die eine oder andere schöne Blüte am Wegesrand.

So wie es im Meer Wellenberge, Wellentäler und überschäumende Wellenbrecher gibt, so gibt es auch im menschlichen Leben verschiedene Phasen mit Höhen und Tiefen.

Mag sein, dass wir körperlich und geistig nicht mehr so fit sind wie in jungen Jahren. Doch wir sollten immer daran denken, ob in der Natur oder auch im menschlichen Leben, auch der Herbst hat schöne Tage.02

]]>
„Muss das so sein, oder geht das auch anders?“ https://www.tiefgang.net/muss-das-so-sein-oder-geht-das-auch-anders/ Fri, 23 Jul 2021 22:39:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8229 [...]]]> Donnerstag am Nachmittag, es klingelt an meiner Haustür. Als ich öffne steht mir ein Mann in einem knallgrünen Poloshirt gegenüber und nennt einen Namen, mit dem ich nicht sofort etwas anfangen kann.

Von Ute Holst

Auf meine Frage: „Was soll das heißen?“, grinst er mich merkwürdig an und antwortet: „Wir sind Ihr Energieversorger“. Er schaut auf sein Tablett und erwähnt beiläufig, dass er unsere Gas-leitung überprüfen müsste.

Ich fühle mich überrumpelt, lasse mich aber auf einen Termin in der darauffolgenden Woche ein. Schließlich geht es um unsere Sicherheit.

Später plagen mich Zweifel, schließlich habe ich in den letzten Jahren schon mehrere merkwürdige Situationen erlebt.

Am nächsten Morgen treffe ich meine Nachbarin und erkundige mich, ob auch bei ihr die Leitung überprüft werden soll. Sie verneint und ich rufe die Service-Nummer des Unternehmens an, um mir Klarheit zu verschaffen. Die Frau am Telefon ist empört, dass ich mir nicht den Ausweis des Mannes habe zeigen lassen. Sie ist der Meinung, dass ich ein Foto davon hätte machen müssen. Schließlich einigen wir uns darauf, dass es heute eine Leichtigkeit ist einen Ausweis zu fälschen. Unter meiner Adresse kann sie keinen Auftrag finden und äußert die Vermutung, dass es sich um einen Ganoven gehandelt haben könnte. Schließlich erklärt sie sich bereit sich zu erkundigen. Als Gegenleistung verlangt sie von mir meine Mobilfunknummer und die E-Mail-Adresse. Als ich mich weigere ihr meine Daten zu geben, reagiert sie verärgert, aber ich bleibe standhaft.

Nachdem ich 4 ½ Stunden vergeblich auf eine Rückmeldung gewartet habe, rufe ich erneut an. Eine andere Mitarbeiterin ist am Telefon, auch sie kann mir keine Angaben machen. Sie verweist mich an die Servicestelle, die für den Netzbetrieb zuständig ist. Dort erreiche ich aber niemanden mehr, es ist schließlich Freitag.

Am Montag rufe ich die genannte Nummer an und höre zu meinem großen Erstaunen, dass sich jemand mit „Hallo“ meldet. Ungläubig frage ich nach, mit wem ich denn spreche. Entspannt gibt sich der Mann als Mitarbeiter des Energieversorgers zu erkennen.

Ich kann es nicht glauben, Auszubildende lernen schon in den ersten Tagen, wie sie sich korrekt am Telefon zu melden haben. Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ist seiner Stimme nach schon lange kein Auszubildender mehr, er müsste also wissen das er sich mit dem Namen seiner Firma und seinem eigenen Namen zu melden hat.

Ich schildere den Grund meines Anrufs und werde darauf hingewiesen, dass an der Straße ein blau/weißer LKW gestanden haben muss. Auf die Idee, dass die Straße nicht von jedem Haus aus einsehbar ist, kommt er nicht. Er erklärt mir, dass die Leitungen alle 12 Jahre überprüft werden müssen. Warum hat mir die Mitarbeiterin am Telefon diese Information vorenthalten? In meinen Vertragsunterlagen müssen doch auch die entsprechenden Daten, wie lange der Anschluss schon besteht, vorhanden sein.

Dass sein Kollege kein orangefarbenes Messgerät dabeigehabt hatte erklärt er so, dass er das wohl zu dem Zeitpunkt im Auto vergessen hatte.

Wir einigen uns darauf, dass sein Kollege sich telefonisch mit mir in Verbindung setzt, da er sowieso gerade in meiner Straße unterwegs ist.

Wenige Minuten später ruft der Mann mich an und bestätigt den vereinbarten Termin. Ich spreche ihn auf sein Versäumnis, mir seinen Ausweis zu zeigen, an. Empört bekomme ich zur Antwort, dass sein Ausweis gut sichtbar an seiner Hose befestigt gewesen sei. Da platzt mir der Kragen und ich versichere ihm lautstark, dass es nicht meine Art ist Männern in den Schritt zu schauen. Nun ist er beleidigt und versichert, dass der Ausweis nicht an seinem Gürtel befestigt gewesen wäre.

Am Tag der Prüfung erscheint ein anderer Mitarbeiter des Unternehmens, er trägt eine Latzhose und an einem Träger baumelt gut sichtbar sein Ausweis. Ich erinnere mich aber ganz genau, dass der Mann, der eine Woche vorher bei mir geklingelt hat, keine Latzhose getragen hat. Außerdem hätte er sich mir gegenüber unaufgefordert ausweisen müssen.

Die Prüfung der Gasleitung hat ergeben, dass alles in Ordnung ist.

Der Service lässt jedoch sehr zu wünschen übrig und ich frage mich „Muss das so sein, oder geht es auch anders?“

]]>
„Lang, lang ist’s her“ https://www.tiefgang.net/lang-lang-ists-her/ Fri, 02 Jul 2021 22:03:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8158 [...]]]> „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ Mit einem knarrenden Geräusch werden die Verschlüsse geöffnet und der Deckel des Koffers quietscht als er angehoben wird.

Von Ute Holst

Viele Jahre hatte ich auf dem Dachboden verbracht, ich war in Vergessenheit geraten. Erst nach dem Tod meiner ehemaligen Besitzerin wurde ich aus meinem Dornröschenschlaf geweckt.

Der junge Mann, er war der Neffe der Frau und gleichzeitig Alleinerbe des Hauses, überlegte lange was er mit mir anfangen sollte. Ich gefiel ihm, aber er wollte eine Weltreise machen und dafür brauchte er viel Geld. Also beschloss er, das Haus und auch mich zu verkaufen.

Schon mehrfach hatte er mich in Kleinanzeigen und sogar bei Antiquitätenhändlern angeboten. Auch auf verschiedenen Flohmärkten hatte er es versucht, aber immer ohne Erfolg. Niemand wollte die geforderte Summe zahlen. Also hatte er einen neuen Versuch gestartet.

Ein kalter Wind rüttelt an meiner empfindlichen Walze und bläst durch meine runden Tasten. Erschrocken versuche ich herauszufinden wo ich bin und was das alles zu bedeuten hat.

Ich sehe viele Menschen, die vorbei schlendern, die angebotenen Dinge betrachten und sich darüber unterhalten. Ob ich hier und heute einen neuen Besitzer finde? Gerne würde ich auf meine alten Tage noch ein wenig Wertschätzung erfahren und könnte bei liebevoller Pflege bestimmt auch noch gute Dienste leisten. Ein tiefer Seufzer entringt sich meiner Kehle, gerade habe ich noch so schön geträumt. „Hat denn heute kein Mensch mehr Respekt vor dem Alter?“, überlege ich mürrisch. Der Mensch, dem ich seit einiger Zeit gehöre, streichelt mich sanft mit einem Staubwedel aus bunten weichen Federn. Dann nimmt er den Deckel ganz herunter und dreht mich auf einem Tisch, so dass die Flohmarktbesucher mich besser anschauen können. „Geht das schon wieder los“, überlege ich missmutig. Aus Erfahrung weiß ich, dass mich wieder viele Besucher anfassen werden. Das Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht berühren“, interessiert sie nicht im Geringsten.

Am schlimmsten sind die Kinder mit ihren dreckigen Fingern. Wenn ich könnte, würde ich laut schreien, wenn wieder so ein verwöhnter Dreikäsehoch auf mich zu rennt. Erst kürzlich hatte ich ein besonders schreckliches Erlebnis, da kommt so ein vorlauter Bengel mit einem Eis in der Hand, und reisst sich von seinem Großvaters los. „Opa schau mal, da sind ja Buchstaben drauf. Was ist das für ein Gerät, Opa?“ Der Alte kommt mit schlurfenden Schritten näher und rückt seine Brille zurecht: „Das ist eine Schreibmaschine, mein Junge.“ Ungläubig sieht das Kind seinen Großvater mit weit aufgerissenen Augen an und fragt: „Und was macht man damit?“ „Damit hat man früher Briefe geschrieben“, gibt der Mann Auskunft. „Das hier ist sogar eine ganz besondere Schreibmaschine. Schau mal, die steht in einem Koffer und der hat auch noch einen Deckel.“ Mit der rechten Hand weist er auf den Kofferdeckel, der etwas abseits liegt. „So konnte man die Maschine mitnehmen, wenn man jemanden besucht hat oder auf Reisen ging.“ Der Junge stemmt die Hände in die Hüften und ruft empört aus: „Aber Opa, dafür gibt es doch Laptops, weißt du das denn nicht?“ Nachdenklich runzelt der Mann die Stirn und antwortet: „Weißt Du, mein Lieber, diese Maschine ist sozusagen der Opa von Deinem Laptop.“ Erstaunt reißt der Junge die Augen auf und seine Wangen röten sich vor Aufregung: „Ich dachte immer, dass nur Menschen Großeltern haben können.“ „Im Grunde hast Du schon recht, bei Maschinen spricht man von Vorläufern oder früheren Modellen“, entgegnet der alte Mann.

Beeindruckt habe ich dem Gespräch der beiden gelauscht, bis der kleine Mensch plötzlich wie wild, mit seinen vom Eis verklebten Fingern, auf meinen Tasten herumhackt.

Endlich mischt sich mein Besitzer ein: „Können Sie denn nicht lesen?“, fährt er den Alten an, „Da steht: Bitte nicht berühren! Das ist eine sehr alte, wertvolle Schreibmaschine und kein Kinderspielzeug!“

Eine Entschuldigung murmelnd zerrt der Mann seinen schreienden Enkel vom Tisch weg und verschwindet eilig mit ihm im Gewühl der Besucher. Vorsichtig reinigt mein Besitzer die verschmutzten Buchstaben und schimpft vor sich hin über die Rücksichtslosigkeit der Menschen. Als er vorsichtig über mein Gehäuse streicht, beruhige auch ich mich wieder. Inzwischen hat sich die Sonne durch die Wolken gekämpft und wärmt mich mit ihren Strahlen.

Langsam gleite ich zurück in meinen Traum aus Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Damals, ja damals gehörte ich einer schönen jungen Frau und jedes Jahr haben wir die Sommer im Süden, in Rom oder Barcelona, verbracht. Am Tage war ich in der Regel allein, aber am Abend war sie nur für mich da. Dann hat sie mich mit auf die Terrasse des Hotels oder mit an den Strand genommen und ein Glas Rotwein getrunken.

Während sie mit leichtem Druck auf meine Tasten ihren Text geschrieben hat, hat sie in sich hinein gelächelt und manchmal eine schöne Melodie gesummt. Erst sehr spät am Abend hat sie den Koffer mit einem leisen Klicken geschlossen und mich wieder in unser Hotelzimmer getragen. „Ach, was waren das für schöne Zeiten – lang, lang ist’s her.“ Mit einem wohligen Seufzer, die vorbeiziehenden Menschen nicht beachtend, widme ich mich wieder meinen schönen Erinnerungen.

]]>
„Du verstehst mich nicht…..“ https://www.tiefgang.net/du-verstehst-mich-nicht/ Fri, 30 Apr 2021 22:37:35 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7866 [...]]]> „Du verstehst mich einfach nicht“, oder „Ich habe das Gefühl, Du willst mich nicht verstehen.“

Diese oder ähnliche Sätze haben wir mit Sicherheit alle schon einmal gehört. Aber ist das wirklich so einfach, oder was steckt dahinter?

von Ute Holst

Nach 20-jährigen Forschungen wurde der US-amerikanische Neurobiologe R.W. Sperry im Jahr 1981 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Er erhielt den Preis für seine Arbeit über die unterschiedlichen Aufgabenverteilungen der beiden Gehirnhälften. Durch umfangreiche Untersuchungen fand Sperry heraus, dass das Großhirn des Menschen immer in Aktion ist. Unabhängig davon, ob er selbst aktiv ist, ob er schläft, liest, zuhört, fernsieht oder einfach grübelt.

Aber beide Gehirnhälften dienen unterschiedlichen Funktionen. Mit der linksseitigen Großhirnhälfte werden Daten und Sprachen gespeichert. Sie arbeitet logisch, bewertet Sachverhalte, misst die Zeit und kombiniert Fakten. All das geschieht unter Ausschluss emotionaler und phantasievoller Kräfte. Im Linkshirn liegen die wesentlichen Zentren für die Beherrschung der Sprache und des Lesens. Selbst Auto- und Fahrradfahren, handwerkliche Fähigkeiten oder mechanische Abläufe werden über das Linkshirn gesteuert.

Mit dem rechtsliegenden Hirnzentrum sind die visuellen Wahrnehmungsfunktionen verbunden. Hier werden alle Bilder registriert, die mit dem Auge aufgefangen werden. Aus der rechten Gehirnhälfte melden sich auch unsere Gefühle. Zeitweises Wohlbefinden oder Unwohlsein, Vorlieben, Antipathien, Inspirationen u.v.m. werden hier zu wahrnehmbaren Informationen verarbeitet. Immer wenn das Gefühl dominiert, tritt ausschließlich die rechte Gehirnhälfte in Aktion.

Beide Gehirnhälften sind über einen dicken Nervenstrang, das Corpus callosum, miteinander verbunden. So wird auf diesem Wege das Faktenwissen mit dem kreativ-emotionalen Bereich gekoppelt und umgekehrt. Nur bei wenigen Menschen sind beide Zentren gleich stark ausgeprägt.

Eine typische Linkshirn-Vorherrschaft zeigen Akademiker, Ingenieure, Juristen, Wirtschaftler und Naturwissenschaftler. Ihre Fähigkeit sich sprachlich gut ausdrücken zu können, ihre überzeugende Logik und ihre große Sachkenntnis verleiht ihnen eine starke Überzeugungskraft. So gelangen sie oft in leitende Positionen. Viele männliche Führungskräfte weisen eine linksseitige Gehirndominanz auf. Bei Künstlern wie Musikern, Malern und Literaten, Journalisten, aber auch Erfindern und Krankenschwestern, ist die rechte Gehirnhälfte richtungweisend.

Bei weiblichen Führungskräften nimmt in der Regel das rechtsseitige Zentrum die ideenspendenden Funktionen wahr. Mit Bildern sorgt es für den nötigen Überblick und ordnet allem Erlebten seinen speziellen Gefühlswert zu. Durch die Verbindung des Corpus callosum erfolgt dann die emotionale Verknüpfung mit Daten und Fakten, also eine Verbindung der rechtsseitigen und der linksseitigen Funktionen.

Es spricht vieles dafür, dass sich die Dominanz im Laufe unseres Lebens ändern kann. Kinder z. B. benutzen vorwiegend ihre rechte Gehirnhälfte. Sie entwickeln zuerst kreative Fähigkeiten, bei denen sie ihre Phantasie einsetzen können wie beim Spielen, Singen und Malen. Aber sie können auch stillsitzen, wenn sie in ihrem bunten Bilderbuch blättern, oder sich im Fernsehen einen spannenden Film ansehen. Es ist die Bilderwelt, die sie fesselt. Mit dem Schuleintritt verliert das Rechtshirn seine Vorherrschaft. Jetzt geht es ans Rechnen und Buchstabieren. Die Entwicklung linksliegender Gehirnfunktionen wird nun gefördert.

Dies setzt sich in der Schul- und Ausbildungszeit fort. Wer in diesen Jahren ganz den schulischen Einflüssen unterliegt und den kreativ-emotionalen Bereich vernachlässigt, wird als Erwachsener wahrscheinlich unter einer Unterentwicklung des Rechtshirns oder einer Dominanz des Linkshirns leiden.

Die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn auf unterschiedliche Weise funktioniert, kann uns helfen, unseren Mitmenschen gegenüber toleranter zu sein und ihnen nicht zu unterstellen, dass sie uns nicht verstehen wollen.

]]>
Die zehn Jahreszeiten der Natur https://www.tiefgang.net/die-zehn-jahreszeiten-der-natur/ Fri, 19 Mar 2021 23:48:34 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7731 [...]]]> In der Natur gibt es nicht nur vier, sondern zehn Jahreszeiten. Das haben Antje große Feldhaus und  Britta Ruge nun konstatiert und in Bild und Wort gebracht …

von Ute Holst

Diese Jahreszeiten werden von markanten Phänomenen, den sogenannten Zeigerpflanzen, bestimmt. Alle Pflanzen entwickeln sich je nach Region unterschiedlich. Das Wetter und das Klima bestimmen den Zeitpunkt der Entwicklung, wie Keimung, Blüte und die Reifung der Früchte. Die ersten Schneeglöckchen läuten den Vorfrühling ein und die Haselblüte beginnt. Wegen ihrer frühen Blütezeit liefern die Salweiden mit ihrem Nektar und ihrem Pollen wichtige Energie für die Honigbienen.

Im Erstfrühling beginnt die Forsythie zu blühen. Im Vollfrühling springen die Knospen der Apfelblüten auf und die Blätter entfalten sich. Die Holunderblüte zeigt sich im Frühsommer, eine bunte Blütenpracht breitet sich auf den Wiesen aus und das Korn gedeiht auf den Feldern. Die Bauern fahren die erste Heuernte ein. Im Hochsommer erblühen die Linden und die Johannisbeeren werden reif. Die ersten Äpfel, auch Klaräpfel genannt, reifen im Spätsommer. Die Heide steht in voller Blüte und das Getreide wird geerntet. Holunderbeeren und viele Apfelsorten werden im Frühherbst reif. Im Herbst werden die Kartoffeln geerntet und die Laubfärbung setzt ein. Spätherbst: Die Bäume werfen ihre Blätter ab, die Natur bereitet sich auf den Winter vor.  Die Apfelbäume verlieren ihre Blätter und zeigen damit den Beginn des Winters an.

Der phänologische Kalender informiert über den immer wiederkehrenden Jahreszyklus häufig vorkommender Pflanzen. Etwa 1250 phänologische Beobachter arbeiten ehrenamtlich für den Deutschen Wetterdienst. Mehrmals in der Woche sind sie mit Lupe, Stift und Papier unterwegs. Sie suchen immer die gleichen Stellen und Pflanzen auf, um die Entwicklungen wie Blattentfaltung, Beginn der Blüte und die Fruchtentwicklung zu dokumentieren. Auch auf das Eintreffen der Zugvögel wird geachtet. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, den Bauern möglichen Schädlingsbefall der Pflanzen zu melden, damit die etwas dagegen unternehmen können, um ihre Ernte zu retten. Vorhersagen zum Pollenflug sind für Allergiker ebenso wichtig wie der optimale Zeitpunkt für Ernten für die Landwirte.

Alle gesammelten Daten werden an den Deutschen Wetterdienst übermittelt und werden auch für Studien der Wissenschaft zum Thema Klimawandel verwendet. Mein phänologischer Gartenkalender ist unterteilt in Blumengarten und Küchengarten und enthält Hinweise zum Säen, Pflanzen, Düngen, Schützen und Schneiden. Außerdem gibt es Tipps, was wir für die Bienen tun können. Unter der Überschrift: „Was noch zu tun ist“ wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass der Herbstputz im Staudenbeet nicht nötig ist. Die Pflanzenreste, Laub und tote Stängel bieten einen Unterschlupf für Insekten im Winter. Darunter befinden sich auch Nützlinge, die für die Pflanzen von Vorteil sind, weil sie sich im Frühling über die ersten Blattläuse hermachen.

Hinweise dazu, wann die beste Zeit ist, um Samen zu sammeln sind ebenso in dem Kalender zu finden wie der Tipp, Brennnesseln und andere wilde Kräuter zu sammeln, um sie zu Jauche zu verarbeiten. Pflanzenjauche ist ein sehr guter Naturdünger. Die Autoren weisen auch darauf hin, wann empfindliche Pflanzen vor Frost geschützt werden müssen und wie Pflanzen und Blumen behandelt werden sollten, die im Haus überwintert haben. In der Mitte des Kalenders befindet sich ein Aussaatkalender für den Gemüsegarten. Diese Seite ist sehr übersichtlich und mit zahlreichen farbigen Illustrationen gestaltet.

Für mich hat sich die Anschaffung eines phänologischen Kalenders gelohnt.

Antje große Feldhaus und  Britta Ruge: Phänologischer Gartenkalender; ISBN-Nr. lautet: 978 – 3 -00 – 064394 -1

 

]]>
Das Internet – Segen oder Fluch? https://www.tiefgang.net/das-internet-segen-oder-fluch/ Sun, 03 Jan 2021 12:16:04 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7515 [...]]]> Ein Leben ohne Internet? Für viele nicht vorstellbar. Autorin Ute Holst aber rät, nicht selbst ins Netz zu gehen …

von Ute Holst

Viele Menschen können sich ein Leben ohne Internet gar nicht mehr vorstellen. Es gehört zu ihrem Alltag einfach dazu. Die Vielfalt der dort angebotenen Informationen ist unvorstellbar groß. So gibt es z. B. Rat und Hilfe bei medizinischen Fragen, zu Kunst und Kultur, zu Kontakt mit den Behörden und deren Öffnungszeiten. Auch Haushaltstipps, Koch- und Backrezepte oder Preisvergleiche für die unterschiedlichsten Produkte werden angeboten. Online-Banking ist selbstverständlich auch möglich.

Die Auswahl an Reisezielen ist unbegrenzt. Details zu Hotels oder anderen Unterkünften, Möglichkeiten der Anreise und die voraussichtlichen Klimabedingungen zum Zeitpunkt der Reise können im Voraus recherchiert werden. Auch Mietwagen oder Ausflüge können schon vor Reiseantritt gebucht werden. Ferienhäuser oder Ferienwohnungen sind ebenfalls im Angebot. Doch hier lauert Gefahr. Nicht selten sind die angebotenen Immobilien gar nicht im Besitz der Person, die das Inserat aufgegeben hat. Die vermeintlichen Vermieter können aber nicht ausfindig gemacht werden, weil die entsprechenden Internetseiten in der Zwischenzeit gelöscht worden sind. Auch bei Einkäufen, bei denen Vorkasse verlangt wird, ist Vorsicht geboten. In vielen Fällen warten die Käufer vergebens auf die Lieferung der bestellten Waren. Da die Angebotsseiten meistens sehr gut gefälscht sind, ist der Betrug für den Interessenten bei der Bestellung nicht erkennbar.

Große Online-Händler sichern die kostenlose Rücknahme der Produkte zu, die die Verbraucher aus den verschiedensten Gründen nicht behalten wollen. Gerne bestellen Kunden Produkte in unterschiedlichen Größen oder Farben, weil die Rücksendung ja so schön problemlos ist. Die zurückgeschickten Waren werden in der Regel vernichtet, trotzdem sie nie benutzt oder getragen wurden. Dieses Verhalten erfordert viel Verpackungsmaterial und oft lange Transportwege. Es schafft zwar Arbeitsplätze bei den Versandhändlern und den Zustellern, aber die Belastung für die Umwelt durch die Abgase der Lieferfahrzeuge ist nicht unerheblich. Außerdem gehen dadurch Arbeitsplätze in den Einzelhandels-geschäften verloren. Es hat sich auch herausgestellt, dass die angegebenen Bewertungen (Anzahl der Sterne) nicht den wahren Beurteilungen entsprechen, sondern gegen Bezahlung vergeben wurden.

Suchmaschinen stellen eine große Hilfe für Schüler, Lehrer und Studenten dar, die sie für ihre tägliche Arbeit nutzen. Aber mit Hilfe der Maschinen ist es auch gelungen Menschen zu überführen, die fremdes geistiges Eigentum als ihr eigenes ausgegeben haben. Das hat nicht selten zu Konsequenzen in deren Arbeitsleben geführt.

Die Medien bieten uns immer wieder an, im Internet auch weitere Informationen zu ihrer Berichterstattung zu nutzen. Mehrmals am Tag hören wir den Hinweis: „Weitere Details zu diesem Thema finden sie auf unserer Homepage. Klicken sie einfach mal rein.“ Diese Aufforderung mag gut gemeint sein, aber sie entpuppt sich häufig als „Zeiträuber“. So wird man ständig auf neue Seiten aufmerksam gemacht, die man dringend besuchen sollte. Folgt man dieser Einladung, vergeht die Zeit ohne etwas wirklich Wichtiges erfahren oder gemacht zu haben.

Ist es tatsächlich notwendig zu wissen welcher Promi frisch verliebt ist oder wer sich gerade von wem getrennt hat?

Ist es nicht sinnvoller sich um die Menschen im persönlichen Umfeld zu kümmern?

Kürzlich gab es zwei Reportagen im Fernsehen, die sich mit Partnersuche im Internet beschäftigt haben.

An Bahnhöfen oder Litfaßsäulen sehen wir häufig die Werbung mit dem Versprechen, dass sich alle paar Minuten ein Mensch auf einer dieser Online-Plattformen verliebt. Eine Reporterin hat als Mitarbeiterin in einer dieser Partnervermittlungen gearbeitet und darüber berichtet. Es war erschreckend zu erfahren, wie mit der Einsamkeit und den Sehnsüchten der Menschen Geschäfte gemacht werden. Zu Beginn der Zusammenarbeit wird für jeden Interessenten ein umfassendes Profil angelegt. Dieses wird mit jedem Kontakt weitergeführt. Damit ist sichergestellt, dass jeder Mitarbeiter, der zufällig mit dem erwartungsvollen Interessenten in Kontakt kommt, immer auf dem neuesten Stand ist. So werden z.B. Details zu früheren Chats nachgefragt und Schmeicheleien bis hin zu Liebeserklärungen verfasst. Persönliche Treffen werden in Aussicht gestellt und unter fadenscheinigen Gründen kurzfristig wieder abgesagt. Der Kunde wird immer wieder vertröstet und mit leeren Versprechungen bei der Stange gehalten. Droht er mit Kündigung schaltet sich der Vorgesetzte des Mitarbeiters ein und setzt diesen unter Druck, um die Beendigung des Vertragsverhältnisses abzuwenden. Und die Abonnenten zahlen weiterhin, ohne den ersehnten Partner jemals zu treffen. Der Bitte um eine Stellungnahme des Agenturinhabers zu diesem Bericht wurde nicht entsprochen. An seiner Stelle, erschien ein Rechtsanwalt und eine Polizeistreife stand in Sichtweite.

Dann gibt es auch noch die Dating-Portale, in denen sich vorwiegend Männer mit den Fotos und Daten fremder Menschen vorstellen. Oft geben sie vor, Akademiker zu sein und haben ihren Wohnsitz im Ausland, was die Überprüfung ihrer Angaben erschwert. Schnell sind sie mit Versprechungen und Liebeserklärungen zur Hand. Zugesagte Treffen werden unter fadenscheinigen Vorwänden immer wieder verschoben. Die Männer verstehen es sehr gut, die angeblich so heiß geliebten Frauen fortwährend zu vertrösten. Dann geben sie an, plötzlich unverschuldet in finanzielle Schwierigkeiten geraten zu sein und bitten die Auserwählte um Hilfe. Viele Frauen sind empfänglich für solche Geschichten. Aus Furcht den Mann zu verlieren, geben sie ihr anfängliches Misstrauen auf und erklären sich zur Zahlung bereit, um ihr Glück nicht aufs Spiel zu setzen. Der angebliche Partner ist jedoch nicht in der Lage das Geld selbst abzuholen und schickt einen Boten, oft einen angeblichen Diplomaten. Ist das Geld übergeben, wird der Kontakt von Seiten des Mannes sofort abgebrochen. Auf diese Weise haben schon viele Frauen größere Summen verloren. Die Enttäuschung und die Scham auf einen Betrüger herein gefallen zu sein ist groß. Die Polizei ist in der Regel machtlos, weil die Täter meistens im Ausland sitzen und ihre wahre Identität nicht zu ermitteln ist.

Es sollte aber auch erwähnt werden, dass das Internet auch große Vorteile hat. So können Kontakte auch über große Distanzen und sogar über Ländergrenzen hinweg gepflegt werden. Seeleute, die viele Monate auf den Weltmeeren unterwegs sind, haben so die Möglichkeit mit ihren Familien zu telefonieren. Partner oder Familienangehörige, die in entfernten Gegenden leben, können sich per Skype austauschen. Urlaubsfotos ersetzen heute die Ansichtskarten aus früheren Zeiten. Sogar die heimische Tageszeitung kann an jedem Ort der Welt gelesen werden. Es ist leicht soziale Kontakte zu pflegen, wenn persönliche Treffen nicht möglich sind.

So bietet das Internet gleichermaßen Chancen und Gefahren. Jeder Mensch sollte gründlich prüfen was für sie / für ihn gut und wichtig ist und welche persönlichen Daten auf keinen Fall ins Netz gehören.

 

]]>
Adventskalender https://www.tiefgang.net/adventskalender/ Fri, 20 Nov 2020 23:44:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7402 [...]]]> Der Adventskalender – für viele Kinder und teilweise auch Erwachsene ist er aus der Vorweihnachtszeit gar nicht mehr wegzudenken.

 

von Ute Holst

Der Vorläufer des Adventskalenders war eine Zählhilfe und ein Zeitmesser für Kinder, der Adventskranz.

Der erste Adventskranz wurde 1839 von dem Theologen J.-H. Wichern gebastelt. Er arbeitete im Rauhen Haus, einem Waisenhaus in Hamburg. In der Vorweihnachtzeit fragten die Kinder ihn immer wieder, wann denn nun endlich Weihnachten sei. Darum bastelte er eine Art Weihnachts-Kalender. Er nahm ein Wagenrad und befestigte darauf so viele Kerzen, wie es Tage vom 1. Advent bis zum Heiligen Abend waren. Den Kranz hängte er im Betsaal auf, er hatte 20 kleine rote und vier dicke weiße Kerzen. An jedem Werktag wurde eine kleine Kerze und am Sonntag eine große angezündet. So wussten die Kinder immer, wie viele Tage sie  noch bis Weihnachten warten mussten.

Den ersten selbstgemachten Adventskalender gab es vermutlich im Jahr 1851. Die ersten Formen kamen aus dem protestantischen Umfeld. So hängten Familien nach und nach 24 Bilder an die Wand. Eine andere Variante war, dass 24 Kreidestriche an die Tür oder an die Wand gemalt wurden, von denen die Kinder jeden Tag einen Strich wegwischen durften.

Als ich ein Kind war, hatten meine Schwester und ich einen Adventskalender aus Papier. Jeden Tag durften wir ein Türchen öffnen und weil wir ihn uns teilen mussten, gab es regelmäßig Streit darüber, wer wann an der Reihe war. Hinter jedem Türchen fanden wir ein bunt gemaltes Bild, über das wir uns sehr gefreut haben.  Später bekamen wir einen Kalender, der mit Schokolade gefüllt war und es gab Streit um die Süßigkeiten.

Heute ist alles anders. Schon lange vor Beginn der Adventszeit sind die Geschäfte und die Buchläden voll mit Adventskalendern. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die häufigsten sind die mit Schokolade oder Pralinen. Auch die mit 24 verschiedenen Biersorten sind nichts Besonderes mehr. Es gibt jedoch auch spezielle Exemplare für Paare mit Spielzeug für besondere Stunden.

Für Senioren und Kleinkinder ab neun Monaten gibt es ebenso Kalender wie eigens für Frauen, die Düfte oder andere Dinge für die Schönheit enthalten. In einem Katalog habe ich ein Modell entdeckt, das eine Anleitung zum Bau eines Roboters enthält. Außerdem gibt es welche, die mit verschiedenen Salzen oder Gewürzmischungen gefüllt sind. Ein Discounter wirbt mit Kalendern, die verschiedene Soßen, Honig- oder Senfsorten enthalten. Daneben gibt es auch welche mit unterschiedlichen Kaffee- oder Teesorten.

Adventskalender mit Fotos von Hamburg, Berlin oder Dresden können auch käuflich erworben werden. Im Internet gibt es viele verschiedene Arten von Adventskalendern zum Vorlesen oder für Autoren. Sogar Hörbücher mit Geschichten über Engel sind zu haben. Dazu gibt es viele Ideen und Anleitungen zum selber basteln.

Im letzten Jahr hat mir eine Freundin einen ganz besonderen Kalender geschenkt. Darin sind Bilder und kurze Geschichten, die zum Nachdenken anregen. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Sie erzählte mir, dass sie und ihr Mann sich einen Adventskalender teilen. Jeder packt zwölf kleine Päckchen und sie legen vorher fest, wer an welchem Tag eines der Geschenke öffnen darf. Die beiden machen sich viele Gedanken darüber, woran der Andere Freude haben könnte. So hat meine Freundin z.B. Eintrittskarten für das „Museum der Illusionen“ verschenkt. Für die beiden müssen die Geschenke nicht teuer sein. Viel wichtiger ist für sie, dass sie gemeinsam schöne Stunden verbringen können. Das finde ich einfach großartig, dass sie sich nach 25 Ehejahren noch so viele Gedanken um ihren Partner machen.

Besonders schön finde ich auch die lebendigen Adventskalender, wenn Fenster geschmückt und beleuchtet werden. Nachbarn und andere Leute aus der Gemeinde treffen sich bei Einbruch der Dunkelheit und singen gemeinsam Lieder. Manchmal werden auch Geschichten vorgelesen oder erzählt und es gibt heiße Getränke und Schmalzbrote für die Besucher. Das ist eine schöne Möglichkeit seine Nachbarn und andere Mitbewohner besser kennen zu lernen. So fällt es leichter das ganze Jahr über mit den Menschen Kontakt zu halten, sich gegenseitig zu unterstützen oder einfach nur mal miteinander zu sprechen. Möglich, dass so mancher Streit vermieden werden kann oder sogar Freundschaften geschlossen werden.

Solche Begegnungen sind in diesem Jahr leider nicht möglich, aber zum Glück gibt es in jedem Jahr wieder Advent. Der Volksmund sagt: „Vorfreude ist die schönste Freude“. So bleibt uns immer noch die Hoffnung und die Vorfreude auf persönliche Treffen im nächsten Jahr.

]]>