Aus der Schreibwerkstatt des Sozialkontors: Die Schreibmaschine

„Lang, lang ist’s her“

Foto: Ulf Möller

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“ Mit einem knarrenden Geräusch werden die Verschlüsse geöffnet und der Deckel des Koffers quietscht als er angehoben wird.

Von Ute Holst

Viele Jahre hatte ich auf dem Dachboden verbracht, ich war in Vergessenheit geraten. Erst nach dem Tod meiner ehemaligen Besitzerin wurde ich aus meinem Dornröschenschlaf geweckt.

Der junge Mann, er war der Neffe der Frau und gleichzeitig Alleinerbe des Hauses, überlegte lange was er mit mir anfangen sollte. Ich gefiel ihm, aber er wollte eine Weltreise machen und dafür brauchte er viel Geld. Also beschloss er, das Haus und auch mich zu verkaufen.

Schon mehrfach hatte er mich in Kleinanzeigen und sogar bei Antiquitätenhändlern angeboten. Auch auf verschiedenen Flohmärkten hatte er es versucht, aber immer ohne Erfolg. Niemand wollte die geforderte Summe zahlen. Also hatte er einen neuen Versuch gestartet.

Ein kalter Wind rüttelt an meiner empfindlichen Walze und bläst durch meine runden Tasten. Erschrocken versuche ich herauszufinden wo ich bin und was das alles zu bedeuten hat.

Ich sehe viele Menschen, die vorbei schlendern, die angebotenen Dinge betrachten und sich darüber unterhalten. Ob ich hier und heute einen neuen Besitzer finde? Gerne würde ich auf meine alten Tage noch ein wenig Wertschätzung erfahren und könnte bei liebevoller Pflege bestimmt auch noch gute Dienste leisten. Ein tiefer Seufzer entringt sich meiner Kehle, gerade habe ich noch so schön geträumt. „Hat denn heute kein Mensch mehr Respekt vor dem Alter?“, überlege ich mürrisch. Der Mensch, dem ich seit einiger Zeit gehöre, streichelt mich sanft mit einem Staubwedel aus bunten weichen Federn. Dann nimmt er den Deckel ganz herunter und dreht mich auf einem Tisch, so dass die Flohmarktbesucher mich besser anschauen können. „Geht das schon wieder los“, überlege ich missmutig. Aus Erfahrung weiß ich, dass mich wieder viele Besucher anfassen werden. Das Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht berühren“, interessiert sie nicht im Geringsten.

Am schlimmsten sind die Kinder mit ihren dreckigen Fingern. Wenn ich könnte, würde ich laut schreien, wenn wieder so ein verwöhnter Dreikäsehoch auf mich zu rennt. Erst kürzlich hatte ich ein besonders schreckliches Erlebnis, da kommt so ein vorlauter Bengel mit einem Eis in der Hand, und reisst sich von seinem Großvaters los. „Opa schau mal, da sind ja Buchstaben drauf. Was ist das für ein Gerät, Opa?“ Der Alte kommt mit schlurfenden Schritten näher und rückt seine Brille zurecht: „Das ist eine Schreibmaschine, mein Junge.“ Ungläubig sieht das Kind seinen Großvater mit weit aufgerissenen Augen an und fragt: „Und was macht man damit?“ „Damit hat man früher Briefe geschrieben“, gibt der Mann Auskunft. „Das hier ist sogar eine ganz besondere Schreibmaschine. Schau mal, die steht in einem Koffer und der hat auch noch einen Deckel.“ Mit der rechten Hand weist er auf den Kofferdeckel, der etwas abseits liegt. „So konnte man die Maschine mitnehmen, wenn man jemanden besucht hat oder auf Reisen ging.“ Der Junge stemmt die Hände in die Hüften und ruft empört aus: „Aber Opa, dafür gibt es doch Laptops, weißt du das denn nicht?“ Nachdenklich runzelt der Mann die Stirn und antwortet: „Weißt Du, mein Lieber, diese Maschine ist sozusagen der Opa von Deinem Laptop.“ Erstaunt reißt der Junge die Augen auf und seine Wangen röten sich vor Aufregung: „Ich dachte immer, dass nur Menschen Großeltern haben können.“ „Im Grunde hast Du schon recht, bei Maschinen spricht man von Vorläufern oder früheren Modellen“, entgegnet der alte Mann.

Beeindruckt habe ich dem Gespräch der beiden gelauscht, bis der kleine Mensch plötzlich wie wild, mit seinen vom Eis verklebten Fingern, auf meinen Tasten herumhackt.

Endlich mischt sich mein Besitzer ein: „Können Sie denn nicht lesen?“, fährt er den Alten an, „Da steht: Bitte nicht berühren! Das ist eine sehr alte, wertvolle Schreibmaschine und kein Kinderspielzeug!“

Eine Entschuldigung murmelnd zerrt der Mann seinen schreienden Enkel vom Tisch weg und verschwindet eilig mit ihm im Gewühl der Besucher. Vorsichtig reinigt mein Besitzer die verschmutzten Buchstaben und schimpft vor sich hin über die Rücksichtslosigkeit der Menschen. Als er vorsichtig über mein Gehäuse streicht, beruhige auch ich mich wieder. Inzwischen hat sich die Sonne durch die Wolken gekämpft und wärmt mich mit ihren Strahlen.

Langsam gleite ich zurück in meinen Traum aus Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Damals, ja damals gehörte ich einer schönen jungen Frau und jedes Jahr haben wir die Sommer im Süden, in Rom oder Barcelona, verbracht. Am Tage war ich in der Regel allein, aber am Abend war sie nur für mich da. Dann hat sie mich mit auf die Terrasse des Hotels oder mit an den Strand genommen und ein Glas Rotwein getrunken.

Während sie mit leichtem Druck auf meine Tasten ihren Text geschrieben hat, hat sie in sich hinein gelächelt und manchmal eine schöne Melodie gesummt. Erst sehr spät am Abend hat sie den Koffer mit einem leisen Klicken geschlossen und mich wieder in unser Hotelzimmer getragen. „Ach, was waren das für schöne Zeiten – lang, lang ist’s her.“ Mit einem wohligen Seufzer, die vorbeiziehenden Menschen nicht beachtend, widme ich mich wieder meinen schönen Erinnerungen.

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