„Du verstehst mich nicht…..“

Foto: Ute Holst

„Du verstehst mich einfach nicht“, oder „Ich habe das Gefühl, Du willst mich nicht verstehen.“

Diese oder ähnliche Sätze haben wir mit Sicherheit alle schon einmal gehört. Aber ist das wirklich so einfach, oder was steckt dahinter?

von Ute Holst

Nach 20-jährigen Forschungen wurde der US-amerikanische Neurobiologe R.W. Sperry im Jahr 1981 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Er erhielt den Preis für seine Arbeit über die unterschiedlichen Aufgabenverteilungen der beiden Gehirnhälften. Durch umfangreiche Untersuchungen fand Sperry heraus, dass das Großhirn des Menschen immer in Aktion ist. Unabhängig davon, ob er selbst aktiv ist, ob er schläft, liest, zuhört, fernsieht oder einfach grübelt.

Aber beide Gehirnhälften dienen unterschiedlichen Funktionen. Mit der linksseitigen Großhirnhälfte werden Daten und Sprachen gespeichert. Sie arbeitet logisch, bewertet Sachverhalte, misst die Zeit und kombiniert Fakten. All das geschieht unter Ausschluss emotionaler und phantasievoller Kräfte. Im Linkshirn liegen die wesentlichen Zentren für die Beherrschung der Sprache und des Lesens. Selbst Auto- und Fahrradfahren, handwerkliche Fähigkeiten oder mechanische Abläufe werden über das Linkshirn gesteuert.

Mit dem rechtsliegenden Hirnzentrum sind die visuellen Wahrnehmungsfunktionen verbunden. Hier werden alle Bilder registriert, die mit dem Auge aufgefangen werden. Aus der rechten Gehirnhälfte melden sich auch unsere Gefühle. Zeitweises Wohlbefinden oder Unwohlsein, Vorlieben, Antipathien, Inspirationen u.v.m. werden hier zu wahrnehmbaren Informationen verarbeitet. Immer wenn das Gefühl dominiert, tritt ausschließlich die rechte Gehirnhälfte in Aktion.

Beide Gehirnhälften sind über einen dicken Nervenstrang, das Corpus callosum, miteinander verbunden. So wird auf diesem Wege das Faktenwissen mit dem kreativ-emotionalen Bereich gekoppelt und umgekehrt. Nur bei wenigen Menschen sind beide Zentren gleich stark ausgeprägt.

Eine typische Linkshirn-Vorherrschaft zeigen Akademiker, Ingenieure, Juristen, Wirtschaftler und Naturwissenschaftler. Ihre Fähigkeit sich sprachlich gut ausdrücken zu können, ihre überzeugende Logik und ihre große Sachkenntnis verleiht ihnen eine starke Überzeugungskraft. So gelangen sie oft in leitende Positionen. Viele männliche Führungskräfte weisen eine linksseitige Gehirndominanz auf. Bei Künstlern wie Musikern, Malern und Literaten, Journalisten, aber auch Erfindern und Krankenschwestern, ist die rechte Gehirnhälfte richtungweisend.

Bei weiblichen Führungskräften nimmt in der Regel das rechtsseitige Zentrum die ideenspendenden Funktionen wahr. Mit Bildern sorgt es für den nötigen Überblick und ordnet allem Erlebten seinen speziellen Gefühlswert zu. Durch die Verbindung des Corpus callosum erfolgt dann die emotionale Verknüpfung mit Daten und Fakten, also eine Verbindung der rechtsseitigen und der linksseitigen Funktionen.

Es spricht vieles dafür, dass sich die Dominanz im Laufe unseres Lebens ändern kann. Kinder z. B. benutzen vorwiegend ihre rechte Gehirnhälfte. Sie entwickeln zuerst kreative Fähigkeiten, bei denen sie ihre Phantasie einsetzen können wie beim Spielen, Singen und Malen. Aber sie können auch stillsitzen, wenn sie in ihrem bunten Bilderbuch blättern, oder sich im Fernsehen einen spannenden Film ansehen. Es ist die Bilderwelt, die sie fesselt. Mit dem Schuleintritt verliert das Rechtshirn seine Vorherrschaft. Jetzt geht es ans Rechnen und Buchstabieren. Die Entwicklung linksliegender Gehirnfunktionen wird nun gefördert.

Dies setzt sich in der Schul- und Ausbildungszeit fort. Wer in diesen Jahren ganz den schulischen Einflüssen unterliegt und den kreativ-emotionalen Bereich vernachlässigt, wird als Erwachsener wahrscheinlich unter einer Unterentwicklung des Rechtshirns oder einer Dominanz des Linkshirns leiden.

Die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn auf unterschiedliche Weise funktioniert, kann uns helfen, unseren Mitmenschen gegenüber toleranter zu sein und ihnen nicht zu unterstellen, dass sie uns nicht verstehen wollen.

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