„Yesterday“

Foto: Momentmal/pixabay

Die Harburger Autorin Ute Holst bekam im Frühjahr eine Einladung zu einem Schreibwettbewerb. Das Thema war „Y“. Ja, nur der Buchstabe „Y“.

von Ute Holst

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt Karla sich die Ohren zu. Ihr Nachbar, ein ausgesprochener Beatles-Fan, hatte seine Stereoanlage mal wieder voll aufgedreht.

Diese Lautstärke machte Karla zum wiederholten Mal bewusst, wie gut sie es bis vor ein paar Wochen noch gehabt hatte.

Sie hatte in einem schönen Einzelhaus gelebt, zu dem ein gepflegter Garten gehörte.

Der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die Augen. Nun wohnte sie in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in einem hellhörigen Neubau.

„Wie konnte ich nur so dumm sein?“, schoss es ihr durch den Kopf. „Warum habe ich nicht gemerkt welches schreckliche Spiel der Mann mit mir getrieben hat?“

Voller Verzweiflung nahm sie einen breiten Ledergürtel und schlug damit auf ein Sofakissen ein, wobei sie ihren Tränen freien Lauf ließ und laut vor sich hin schimpfte.

Diesen Rat hatte ihr ihre Freundin Beate gegeben, die gerade eine Psychotherapie hinter sich hatte. Beate hatte ihr geraten, sich ebenfalls einen Therapeuten zu suchen, aber darin sah Karla keinen Sinn. Ihr Haus war weg, sie hatte es verloren.

„Yesterday“, ihrem Nachbarn verdankte sie diesen Ohrwurm, den sie nun stundenlang nicht wieder loswerden würde. Angestrengt überlegte sie, wie es dazu hatte kommen können. Was war denn bloß passiert?

In der Hoffnung, auf andere Gedanken zu kommen, zog sie ihre Schuhe und eine leichte Jacke an und verließ ihre Wohnung, um einen Spaziergang zu machen. An der frischen Luft ließ sie die Ereignisse der vergangenen Monate Revue passieren.

In ihrem Beruf war Karla sehr erfolgreich gewesen und hatte immer gut verdient. Dann war ihr langjähriger Lebensgefährte unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Nach diesem Verlust kam die Einsamkeit.

Da Karla beruflich immer sehr eingespannt gewesen war, hatte sie es versäumt, sich um private Kontakte und um ein soziales Netzwerk zu kümmern. So hatte sie ihre Abende und Wochenenden häufig damit verbracht im Internet zu surfen. Dabei war sie auf eine Online-Kontaktbörse gestoßen, die ihr Interesse geweckt hatte. Die gutaussehenden Männer und deren beeindruckende Lebensläufe hatten ihr imponiert. Einer der Männer, Peter, hatte es ihr besonders angetan, und sie konnte kaum glauben was er über sich berichtete. Peter gab an, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Vom Alter her passte er zu ihr, seine Hobbys gefielen ihr und seine Interessen stimmten zum großen Teil mit ihren überein. Dass er im Ausland lebte, aber zu einem Ortswechsel bereit wäre, oder mit einer zu ihm passenden Frau in seinem Land leben wollte, machte ihn in Karlas Augen noch sympathischer.

Nachdem Karla eine Nacht darüber geschlafen hatte, stand ihr Entschluss fest.

Mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern schrieb sie Peter eine Nachricht und schickte ihm ein Foto von sich.

Noch am selben Abend hatte sie eine Antwort von ihm. Peter bedankte sich für ihr Schreiben und gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass eine so schöne Frau auf ihn aufmerksam geworden war und ihn kennenlernen wollte. Peter schrieb ihr, dass er abwechselnd in New York und in York (Australien) lebte und arbeitete. Gerne würde er Karla in Deutschland besuchen, um sich persönlich ein Bild von ihr und ihren Lebensumständen zu machen. Überglücklich machte Karla Fotos von ihrem Haus und ihrem Garten, die sie Peter umgehend schickte. Die Antwort kam prompt, er schrieb, er könne es gar nicht abwarten sie in ihrem kleinen Paradies zu besuchen. Sofort schlug Karla einen Termin vor und begann mit den Planungen.

Voller Vorfreude startete sie jeden Morgen ihren Computer, um sich an seinen Mails zu erfreuen. Ungeduldig erwartete sie Peters Anruf um die Mittagszeit und war aufgeregt, wenn er sich am Abend nicht zur gewohnten Zeit meldete. Der Austausch mit ihm war für sie zu einem wichtigen Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Viel zu lange hatte sie auf eine persönliche Ansprache und liebevolle Komplimente verzichten müssen.

Peter, der die Einladung Karla zu besuchen angenommen hatte, musste sie aus geschäftlichen Gründen wenige Tage vor dem vereinbarten Treffen absagen.

So ging es einige Male und Karla wollte den Kontakt schon abbrechen, als er ihr ein Foto von einer großen Yacht schickte. Peter teilte ihr mit, dass sein Schiff im Hafen von Mykonos liege und er sie dort sehnsüchtig erwarte.

Karlas Herz hüpfte vor Freude und sie begann mit den Reisevorbereitungen.

Eine Woche vor ihrer Abreise kam eine dringende Nachricht von Peter. Er konnte seine Einladung leider nicht aufrechterhalten. In einem seiner Werke hätte es einen schlimmen Unfall gegeben, der einen immensen Schaden verursacht hätte. „Ich weiß nicht ein noch aus“, schrieb er, „finanziell bin ich völlig ruiniert.“ Karla war außer sich vor Sorge, der Mann, der immer wieder betonte wie sehr er sie liebte, war in finanziellen Nöten. Den Gedanken konnte sie nicht ertragen. Sie erkundigte sich bei ihm um welche Summe es sich handelte und nahm bei ihrer Bank eine Hypothek auf ihr Haus auf. Dass das Geld persönlich und in bar von einem Boten abgeholt werden sollte, gab ihr nicht zu denken. Im Gegenteil, noch zweimal übergab sie einem Abgesandten größere Summen Bargeld.

Als Peter erneut um finanzielle Unterstützung wegen einer angeblichen Steuernachzahlung bat, wurde Karla misstrauisch und verweigerte eine weitere Zahlung. Sie teilte ihm mit, dass ihre Bank nicht bereit sei, ihr einen weiteren Kredit zu geben.

Was dann folgte, schockierte sie zutiefst. Der Mann, der sie angeblich liebte und ihr eine Heirat in Aussicht gestellt hatte, beschimpfte sie geizig und unmenschlich zu sein. Er drohte sogar damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie ihm das Geld nicht geben würde.

In ihren Mails bat Karla ihn um Verständnis und flehte ihn an, sich zu seiner Liebe zu bekennen.

Sie hat nie wieder etwas von Peter gehört. Seine E-Mail-Adresse und sein Profil auf der Seite der Online-Kontaktbörse waren gelöscht worden.

Da Karla die Zinsen für die Hypotheken nicht mehr bezahlen konnte, wurde ihr Haus zwangs-

versteigert.

Durch Veröffentlichungen in der Presse erfuhr Karla, dass ihre Geschichte kein Einzelfall war.

Sie erfuhr, dass die Männer sich fremder Identitäten bedienten, die sie zuvor im Internet gestohlen hatten. Die betroffenen Personen ahnten nichts von diesem Betrug. Laut Polizei handelte es sich um Männer und Frauen, die ihren Opfern Verliebtheit vorgaukeln, um finanzielle Zuwendung zu erreichen. Die einsamen Menschen überhäuften sie mit Aufmerksamkeiten wie täglichen Mails, Anrufen und Schmeicheleien, um sie emotional an sich zu binden. Nicht selten würde auch um Kopien von Ausweispapieren gebeten, um angeblich ein gemeinsames Konto zu eröffnen. Mit den dadurch erhaltenen Daten wären die Betrüger in der Lage Ausweisdokumente zu fälschen.

Auch durch Seiten, auf denen Spiele wie z.B. „Scrabble“ gespielt werden, sei es zu Kontakt-aufnahmen gekommen. Durch die Wahl der benutzten Worte könnten die Betrüger erkennen, ob es sich um eine ältere Peron handelt. Junge Menschen benutzten einen anderen Wortschatz. Außerdem gingen die Kriminellen davon aus, dass bei jungen Leuten nur in seltenen Fällen viel Geld zu holen sei. Die Polizei bezeichnete dieses Vorgehen als modernen Heiratsschwindel. Die Ermittler seien aber machtlos, weil die Täter vom Ausland aus, agierten.

Das war ein Schock für Karla, sie schämte sich für ihre Naivität.

Der Beatles-Song „Yesterday“ erinnerte sie jedes Mal daran, was für ein schönes Leben sie in der Vergangenheit gehabt hatte und wie leichtfertig sie es aufgegeben hatte.

 

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