Die „Literaturwochen HEIMATEN“ in Buxtehude beleuchten im Oktober und November die drängende Frage nach dem Ort, an dem unser Herz verankert ist – jenseits aller Grenzen.
In einer Zeit, in der das Gefühl der Vertrautheit zum kostbarsten Gut geworden ist, gewinnt der Begriff Heimat eine neue, vielschichtige Bedeutung. Es ist nicht länger nur das Fleckchen Erde, auf dem man geboren wurde, sondern eine fließende Ansammlung von Orten, Sprachen und Beziehungen. Genau diese zeitgemäße Perspektive würdigen die „Literaturwochen HEIMATEN“ der Stadtbibliothek Buxtehude in Kooperation mit dem Heimat- und Geschichtsverein: Sie stellen den Begriff bewusst in den Plural und eröffnen damit einen Dialog über die Wurzeln, die wir pflegen, und die, die wir neu schlagen.
Drei Lesungen im Oktober und November laden das Publikum ein, den traditionellen Heimatbegriff zu verlassen und sich auf eine intellektuelle und emotionale Reise zu begeben.
Den Auftakt macht die Autorin Gertrude von Holdt mit „Auf hoher See – Geschichten zwischen Ebbe und Flut“. Sie ist einer breiten Öffentlichkeit als „Halligpastorin“ von der Hallig Hooge bekannt, doch ihre Wurzeln reichen tiefer – bis in die stürmische Welt der Seefahrt.
Von Holdt erzählt mit einem entwaffnenden Augenzwinkern von ihrer Kapitäns-Verwandtschaft, von kantigen Seeleuten und dem unerschütterlichen Mut, den es einst als junge Frau brauchte, um auf einem Schiff anzuheuern. Die Autorin, die erst mit 61 Jahren zur Seelsorgerin auf jener Hallig wurde, die sie schon aus Kindertagen kannte, beschreibt das Meer als ihr Element, das „brüllend, spiegelblank, verlockend, unendlich, abweisend, aber nie beängstigend“ sein kann. Sie ist die Chronistin einer Existenz, die zwischen hohem Seegang und den ruhigen Momenten des Ankommens in der Kombüse pendelt. Von Holdt verkörpert damit eine Heimat, die weniger an Landstriche als an die Kraft des Wassers und die Gemeinschaft der Küstenmenschen gebunden ist. Zusätzlich liest sie aus ihrem ersten Bestseller Die Halligpastorin – Geschichten zwischen Himmel und Nordsee.
8. November: Die Brückenbauer zwischen Rotenburg und Damaskus
Der wohl aktuellste Blick auf den pluralen Heimatbegriff kommt von Samer Tannous und Gerd Hachmöller. In „Bleibt ein Syrer in Rotenburg (Wümme) – Angekommen in meiner deutschen Heimat“ zeichnen der syrische Dozent und heutige Französischlehrer Samer Tannous und der deutsche Integrationsbeauftragte Gerd Hachmöller ein humorvolles, aber tiefgründiges Bild einer gelingenden Migration.
Seit zehn Jahren lebt Tannous in Deutschland und hat die „manchmal eigenwilligen Facetten“ seiner neuen Heimat lieben gelernt. Das Buch, das auf einer erfolgreichen SPIEGEL-Kolumne basiert, beleuchtet mit Witz und Wärme die Missverständnisse und Eigenheiten beider Kulturen – von arabischer Unpünktlichkeit bis hin zum deutschen Kult um den Schulabschluss. Die Frage, die Tannous nach dem Sturz des Diktators Assad umtreibt, ist zutiefst existentiell: Ist er noch „ein Syrer“ oder bereits ein „Deutscher mit syrischen Wurzeln“? Ihre Lesung ist eine Plauderei über Freundschaft und die „stille Kraft“ der Familie, die beweist, dass Heimat dort entsteht, wo man sich gegenseitig mit Herz und Humor begegnet.
15. November: Musik in der Fremde
Der Abschluss der Reihe wendet sich einem tragischen, aber kulturell hoch relevanten Kapitel der Geschichte zu: der Exilserfahrung. Michael Haas, Senior Researcher des Exilarte Zentrum der Universität Wien und Spezialist für „Musik in der Fremde“, präsentiert „Die Musik der Fremde. Komponisten im Exil“.
Haas beleuchtet die bewegenden Schicksale jüdischer Komponisten, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten – darunter Größen wie Erich Wolfgang Korngold (der in Hollywood eine neue Karriere fand) und Kurt Weill. Das Buch, das von der Financial Times als „Bestes Buch des Jahres 2023“ ausgezeichnet wurde, zeigt mit großer Eleganz die inneren Konflikte der Künstler*innen. Die Flucht, oft nur eine Frage des Vermögens, führte nicht nur zum Verlust des Heimatlandes, sondern auch zu einer drastischen Veränderung ihrer Musik und in vielen Fällen zu einer Neuentdeckung der jüdischen Identität in der Fremde. Haas’ Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und zeigt, wie Musik – selbst in der Isolation – ein letztes Gefühl von Heimat bewahren kann.
Die „Literaturwochen HEIMATEN“ in der Stadtbibliothek Buxtehude sind mehr als nur Lesungen. Sie sind eine literarische Vermessung der Gegenwart, die uns lehrt: Heimat ist ein lebenslanger Prozess, der in der Mehrzahl gedacht werden muss.
Tickets (12 Euro) sind in der Stadtbibliothek, online unter tickets.vibus.de oder an der Abendkasse erhältlich.
Stadtbibliothek Buxtehude, Fischerstraße 2, 21614 Buxtehude
31. Oktober, 8. November und 15. November, jeweils 19 Uhr | Kontakt: Tel. 0 41 61 – 99 90 60 oder stadtbibliothek@stadt.buxtehude.de
