Dr. Sommer der Demokratie antwortet:

Epstein: Wenn die Mächtigen lachen und das Recht weint

(Illustration: Bundesz. f. pol. Bildg.)

Hey ihr Lieben,

heute müssen wir über ein Thema reden, das weh tut. Das wütend macht. Und das bei vielen von euch – und ehrlich gesagt auch bei mir – für ein Gefühl absoluter Ohnmacht sorgt.

Es geht um die Nachrichten, die immer wieder hochkochen, wenn es um den Fall des toten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein geht. Da tauchen Namen auf von Prinzen, Präsidenten, Milliardären. Die absolute Weltelite. Und es entsteht das Bild eines jahrelangen, systematischen Missbrauchs von jungen Frauen, gedeckt durch Geld und Macht.

Dazu passt eine Nachricht, die die Stimmung vieler junger Menschen perfekt einfängt: „Lieber Dr. Sommer, ich werde so wütend, wenn ich diese Berichte über Epstein und die ganzen Promis lese. Wir lernen in der Schule was über Menschenrechte und Gleichheit. Aber es wirkt so, als ob einige Mächtige auf der Welt darüber einfach nur lachen, weil für sie Gesetze nicht gelten. Kann das wirklich sein? Und können wir ‚Normalos‘ denn gar nichts dagegen tun?“

Diese Frage trifft den wundesten Punkt unserer Demokratie. Es ist die Frage danach, ob das alles hier nur ein Spiel ist, bei dem die Regeln nur für die gelten, die sich keinen VIP-Ausgang kaufen können.

Lass uns Tacheles reden über Macht, Recht und die bittere Realität.

Die zwei Welten: Das Versprechen vs. Die Realität

Zum einen ist das Fundament jeder Demokratie – auch unserer in Deutschland – ein ganz einfaches Versprechen: Vor dem Gesetz sind alle gleich. Egal ob du Bürgergeld beziehst oder Milliardärin bist, egal ob du Praktikant bist oder Kanzler. Wenn du ein Verbrechen begehst, wirst du bestraft. Punkt. Das ist der Deal.

Zum anderen zeigt der Fall Epstein (und nicht nur der) auf brutale Weise, dass es eine Parallelwelt gibt. Eine Welt, in der Menschen so viel Geld und Einfluss haben, dass sie sich ihre eigene Realität schaffen.

  • Sie haben Anwälte, die Prozesse jahrzehntelang verschleppen können.
  • Sie haben Freunde in der Politik, die Ermittlungen behindern.
  • Sie nutzen ihren Reichtum, um Opfer zum Schweigen zu bringen (das nennt man „Silencing“).

Was uns so wütend macht, ist nicht nur der Missbrauch an den Frauen selbst. Es ist die Arroganz der Macht. Das Gefühl, dass diese Leute dachten, sie seien unantastbar. Das ist ein direkter Angriff auf die Idee der Menschenrechte.

Warum das auch für unsere Demokratie in Deutschland gefährlich ist

Du könntest sagen: „Das ist doch alles in den USA passiert.“ Ja, aber das Gift wirkt auch hier.

Wenn wir das Gefühl bekommen, dass „die da oben“ sowieso machen, was sie wollen, dann stirbt das Vertrauen. Dann denken wir: Wozu wählen gehen? Wozu Regeln einhalten? Dieser Zynismus ist das, was Demokratiefeinde wollen. Sie wollen, dass wir glauben, das System sei sowieso kaputt.

Außerdem müssen wir ehrlich sein: Auch in Deutschland gibt es Machtmissbrauch. Auch hier schützt Geld manchmal vor Strafe (denk an Deals bei Steuerhinterziehung). Der Fall Epstein ist wie ein gigantisches Brennglas, das uns zeigt, was passiert, wenn man Macht nicht kontrolliert.

Kann es sein, dass sie darüber lachen? Ja, lange Zeit konnten sie das.

Können wir gar nichts tun? Doch. Aber es ist schwer.

Die Tatsache, dass wir jetzt darüber reden, dass die Dokumente veröffentlicht werden, dass Namen genannt werden – das ist ein Fortschritt. Das System der Vertuschung hat Risse bekommen. Das passierte nicht von alleine, sondern durch mutige Opfer, die nicht geschwiegen haben, und durch hartnäckige Journalist*innen.

Was können wir tun?

  1. Die Wut nutzen, nicht im Zynismus ertrinken: Es ist okay, wütend zu sein. Aber lass dir nicht einreden, dass alle Politiker*innen korrupt sind oder Demokratie sinnlos ist. Das hilft nur den Tätern.
  2. Investigativen Journalismus unterstützen: Ohne Pressefreiheit würden solche Skandale nie ans Licht kommen. Gute Journalist*innen sind die natürliche Polizei der Superreichen.
  3. Hinschauen im eigenen Land: Demokratie bedeutet, den Mächtigen hier bei uns ständig auf die Finger zu schauen. Wir brauchen strenge Regeln gegen Lobbyismus, faire Steuersysteme und eine Justiz, die sich nicht einschüchtern lässt.

Kurz um: Der Fall Epstein zeigt die hässlichste Fratze von Macht. Er ist ein Beweis dafür, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kein Zustand sind, den man einmal erreicht und dann hat man Ruhe. Es ist ein ständiger Kampf. Ein Kampf dafür, dass das Recht des Stärkeren nicht über die Stärke des Rechts siegt. Dieser Kampf ist mühsam, oft frustrierend, aber er ist das Einzige, was wir haben.

Bleibt wütend, aber bleibt demokratisch.

Euer Dr. Sommer der Demokratie

Ob Aufklärung über populistische Parolen, Hintergrundwissen zu den Grundrechten oder Hilfe bei politischen Fragen: Dr. Sommer der Demokratie ist für dich da! Schreib ihm mit Betreff an „Dr. Sommer der Demokratie“ an tiefgang@sued-kultur.de

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