Das Finanzamt. Allein der Name lässt bei vielen die Stirn in Falten legen. Es geht aber auch anders.
Ein Ort des Papierkrams, der Paragraphen, des unerbittlichen Geldflusses vom Bürger zum Staat. Doch was, wenn wir die Mauern, die unsere Steuerangelegenheiten beherbergen, einmal anders betrachten? Nicht als schlichte Bürobauten, sondern als Zeitzeugen, als architektonische Kleinode, die von Epochen, Stilen und sogar vom Geist ihrer Erbauer erzählen? Genau diese ungewöhnliche Perspektive bietet das Museum im Marstall in Winsen an diesem Sonntag, dem 29. Juni, mit einer besonderen Führung.
Winsen an der Luhe, eine Stadt, die für ihr charmantes Wasserschloss und ihre idyllische Elbmarsch bekannt ist, birgt ein architektonisches Juwel, das den wenigsten in seiner vollen Pracht bewusst ist: das Winsener Finanzamt. Erbaut in den Jahren 1928/1929, gilt es als das qualitätsvollste Bauwerk seiner Zeit in Winsen. Ein Vergleich, der aufhorchen lässt, wird dabei immer wieder gezogen: Es sei vergleichbar mit den großen Klinkerbauwerken jener Ära, allen voran dem berühmten Hamburger Chilehaus.
Backsteinexpressionismus: Poesie in Klinker
Der Hamburger Architekt Fritz Höger schuf mit dem Chilehaus ein ikonisches Werk des Backsteinexpressionismus, einer Stilrichtung, die in den 1920er Jahren weite Teile Norddeutschlands prägte. Gebäude in Hamburg, Bremen, Lübeck und eben auch Winsen zeugen von dieser Schaffensperiode, in der Klinker nicht nur als Baustoff, sondern als Ausdrucksmittel für Dynamik, Struktur und sogar Emotionen diente. Die kantigen Formen, die spielerischen Details, die oft wellenförmigen oder spitz zulaufenden Elemente – all das verleiht diesen Bauten eine unverwechselbare Ästhetik.
Beim Rundgang durch das Winsener Finanzamt, geleitet von dessen Leiterin Frau Pina-Mertens und Prof. Dr. Rolf Wiese vom Museum im Marstall, erschließt sich die Geschichte und die spannende Vorgeschichte dieses Bauwerks. Es ist eine Reise nicht nur durch die Architektur, sondern auch durch die Zeiten. Denn Steuern zu zahlen hat, wie wir erfahren werden, eine erstaunlich lange Tradition. Schon Karl der Große führte um 800 n. Chr. das Zehntrecht ein, ein System, das sich über ein Jahrtausend hielt, bis Preußen um 1800 die einheitliche Einkommensteuer etablierte. Doch im Fokus dieses Nachmittags steht die Kunst am Bau, die Haptik des Materials, die Formensprache, die das Gebäude zu einem Ausdruck seiner Zeit macht.
Hinter den Kulissen des Alltäglichen
Für musikalisch oder kunsthistorisch Interessierte bietet diese Führung einen reizvollen Kontrast zum Üblichen. Es ist die Entdeckung des Besonderen im vermeintlich Alltäglichen. Wer kennt nicht das Gefühl, an einem Gebäude vorbeizugehen, dessen Fassade man tausendmal gesehen hat, ohne jemals seine Geschichte, seine Bedeutung, seine architektonischen Finessen zu ergründen? Das Winsener Finanzamt ist ein solcher Ort, der bei näherer Betrachtung seine Geheimnisse preisgibt und die Neugier auf die Baugeschichte Norddeutschlands weckt.
Die Backsteinarchitektur des Expressionismus ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Ziegeln. Sie ist ein Echo der Aufbruchstimmung nach dem Ersten Weltkrieg, ein Ausdruck des Gestaltungswillens einer Epoche, die sich von Historismus und Ornamentik löste und nach einer neuen, expressiven Formensprache suchte. Das Winsener Finanzamt ist ein kleines, aber feines Beispiel dafür, wie diese Ideen auch in kleineren Städten Niederschlag fanden und dort bis heute ihre Wirkung entfalten.
Die Führung am Sonntag, den 29. Juni, von 14.30 bis 16.00 Uhr, verspricht einen Blick hinter die Fassade – nicht nur die des Gebäudes, sondern auch die unserer eigenen Wahrnehmung. Treffpunkt ist die Eingangstür des Finanzamtes am Von-Somnitz-Ring 6. Für nur 3 Euro (Kinder bis 18 Jahre und Mitglieder des Heimat- und Museumsvereins Winsen (Luhe) und Umgebung e.V. frei) bietet sich die Gelegenheit, ein Stück Bau- und Kulturgeschichte hautnah zu erleben und das „Chilehaus“ Winsens in einem völlig neuen Licht zu sehen. Eine charmante Einladung, die uns daran erinnert, dass selbst die unscheinbarsten Gebäude Geschichten zu erzählen haben, wenn wir nur bereit sind, ihnen zuzuhören.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.museum-im-marstall.de.
