Hamburgs Kulturbehörde setzt auf Diversität und Teilhabe im Internationalen Kulturaustausch

Eine „Soziale Symphonie“ der Globalisierung

Vielleicht spielt auch die Gruppe Maro Baschepen beim geplanten Muiskfestival der Roma und Sinti. (Foto: PR)

In einer Zeit, in der die globalen Schlagzeilen von Polarisierung und verschärften Konfliktlinien dominiert werden, erhebt die Kunst ihre Stimme – und Hamburgs Kulturbehörde hört genau hin.

Mit einer neu ausgerichteten Förderpolitik für den internationalen Kulturaustausch, die seit August 2024 in Kraft ist, setzt die Hansestadt ein starkes Signal: Kunst und Kultur sind nicht nur ästhetische Ausdrucksformen, sondern auch „Labore kreativer Aushandlungen, Orte des öffentlichen Diskurses und lebendige soziale Praxis“, wie die Jury der Förderkommission treffend formuliert. Für das zweite Halbjahr 2025 wurden nun 18 Projekte mit knapp 177.000 Euro gefördert, von denen ein signifikanter Teil – rund 40.500 Euro – gezielt in Maßnahmen zur Stärkung der kulturellen Teilhabe einer diversen Stadtgesellschaft fließt.

Eine neue Ära der Kulturdiplomatie

Dr. Carsten Brosda, Hamburgs Senator für Kultur und Medien, betont die strategische Neuausrichtung: „Mit der neuen Fördersystematik im Internationalen Kulturaustausch wollen wir die Stadtgesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt ansprechen und fördern daher gezielt auch Maßnahmen zur Stärkung der kulturellen Teilhabe.“ Dieser Ansatz, so scheint es, ist nicht nur gut gemeint, sondern auch gut angenommen. Die hohe Qualität und die spannenden Ansätze der eingereichten Projekte zeugen davon, dass die Kunstschaffenden diese neue Möglichkeit, Diversität als integralen Bestandteil ihrer Arbeit zu denken, begeistert aufgreifen.

Gerade im internationalen Kontext, wo kulturelle Begegnungen oft Brücken bauen und Stereotypen aufbrechen können, ist die Bedeutung von Teilhabe kaum zu überschätzen. Brosda spricht von der Schaffung von „Begegnung, Verständnis und neuen Perspektiven“. Dies ist keine trockene Bürokratiestatistik, sondern ein visionärer Ansatz: Wenn Kunst aktiv dazu beiträgt, unterrepräsentierten Gruppen eine Stimme zu geben und ihre Perspektiven zu integrieren, dann steigert dies nicht nur die künstlerische Qualität, sondern auch die gesellschaftliche Relevanz des gesamten Kulturaustauschs.

Vom Swahili Kulturfestival bis zur Oper der unsichtbaren Verbindungen: Die musikalische Vielfalt der geförderten Projekte

Ein Blick auf die Liste der geförderten Projekte offenbart eine bemerkenswerte thematische und musikalische Bandbreite, die das Herz jeder kulturaffinen Person höherschlagen lassen dürfte:

  • Swahili Records erhält 5.000 Euro plus weitere 5.000 Euro für Teilhabemaßnahmen für das „Swahili Kulturfestival“. Hier verschmelzen afrikanische Klänge mit modernem Ausdruck, fördern den interkulturellen Dialog und machen die reiche Musikkultur Ostafrikas einem breiteren Publikum zugänglich. Dies ist eine direkte Antwort auf die Forderung nach Diversität im Programm und der Ermöglichung von Teilhabe für Communities.
  • Li Kou-Vespers „FRIEDENSSCHRITTE 2.0 – Tanzperformance im Rahmen des Festivals in China“ mit 10.700 Euro zeigt, wie Tanz als universelle Sprache Brücken bauen und in politisch komplexen Kontexten als Ausdruck des Friedens dienen kann. Die Musik wird hier zum Medium einer nonverbalen Diplomatie.
  • M.Bassy mit „Unity in Diversity: Pan-African & Art Practices of Collective Care“ (12.000 Euro plus 2.050 Euro für Teilhabe) verspricht eine künstlerische Auseinandersetzung mit panafrikanischen Perspektiven und kollektiven Fürsorgepraktiken. Man kann gespannt sein, welche Klanglandschaften und performativen Ansätze hier zum Tragen kommen, die sich aus der Verschmelzung traditioneller afrikanischer Musik mit zeitgenössischen Formen ergeben könnten.
  • Das Projekt „SILA / Jardín“ von Lal Karaalioğlu (Pianistin) und Nihan Devecioğlu (Sopranistin), beide aus Istanbul stammend, vereint klassische westliche Musik mit traditioneller türkischer Klangwelt. Ihre musikalische Reise, begleitet von Juan Carlos Buenos Diaz‘ audiovisuellem Tagebuch „Jardín“, verspricht eine berührende Reflexion über Sehnsucht, Ankommen und Selbstfindung. Dies ist ein Paradebeispiel dafür, wie Musik als Medium für persönliche und interkulturelle Narrative genutzt wird und dabei eine tiefe emotionale Resonanz erzeugt.
  • Von einem ganz anderen Kaliber, aber nicht weniger faszinierend, ist „ILLUMERI“ von Magdalena Steinbauer (Oboe), Luisa Gabrisch (Harfe), Robin Woern (Medienkünstler) und Niklas Melcher (Komponist), eine immersive audiovisuelle Uraufführung zum Thema Klimawandel, begleitet von einer Lichtinstallation. Hier wird Musik zu einem sinnlichen Erlebnis, das Kunst und Umweltthemen auf innovative Weise verbindet und das Publikum aktiv in neue Klang- und Bildwelten eintauchen lässt – eine musikalische Mahnung in Zeiten des ökologischen Wandels.
  • Auch das Musikfestival innerhalb der Sinti und Roma Community des Sinti Vereins zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e.V. (10.000 Euro) ist ein wichtiges Zeichen. Es ermöglicht dieser oft marginalisierten Gruppe, ihre reiche musikalische Tradition sichtbar zu machen und zu teilen, wodurch kulturelle Identität gestärkt und Vorurteile abgebaut werden können.

Die Jury: Ein Kompass in bewegten Zeiten

Die Auswahl der Projekte erfolgte durch eine externe Fachjury, deren Zusammensetzung (u.a. Diversitätsentwicklung, freie Künstlerinnen, Tanzkritikerinnen, Museumsleiter*innen) selbst ein Spiegelbild des gewünschten Ansatzes ist. Ihr Kommentar zur Auswahl ist programmatisch: „In politisch bewegten Zeiten, in denen die Polarisierung und Verschärfung gesellschaftlicher Konfliktlinien voranschreiten, wächst Kunst und Kultur eine besondere Rolle zu.“ Die Projekte, so die Jury, zeigten ein starkes Problembewusstsein für globale Fragestellungen und verbänden künstlerische Ansätze innovativ mit Praktiken des sozialen Zusammenhalts.

Die Qualität der ausgewählten Projekte liege in ihrem vielfältigen künstlerischen Zugang zu komplexen gesellschaftlichen Themen wie Diversität, Inklusion, Nachhaltigkeit und transformativer Gerechtigkeit. Dies ist nicht nur eine Förderentscheidung, sondern eine Haltung. Es ist die Überzeugung, dass Kunst in der Lage ist, Räume für Empathie und Dialog zu schaffen, wo politische Debatten oft verstummen.

Ein Blick in die Zukunft

Die neuen Förderrichtlinien und die nun veröffentlichten Projekte belegen, dass Hamburg seinen selbst formulierten Anspruch ernst nimmt. Es geht darum, die kreativen Energien der Stadt zu nutzen, um globale Herausforderungen zu reflektieren und lokale Antworten zu finden. Die geförderten spartenübergreifenden Projekte, oft im direkten Dialog mit internationalen Partnern entstanden, zeigen, dass die Zukunft der Kunst in der Vernetzung liegt – in der Verbindung von hoher künstlerischer Qualität mit Diversitätskompetenz in Programm, Publikum und Personal.

Das zweite Halbjahr 2025 verspricht damit in Hamburg nicht nur eine Fülle spannender kultureller Ereignisse, sondern auch eine Vertiefung der Idee, dass Kultur ein unverzichtbares Werkzeug für gesellschaftlichen Zusammenhalt und globale Verständigung ist. Es ist der Klang einer Zukunft, in der Kunst nicht nur gehört, sondern auch gelebt wird.

 

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