Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?
Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.
Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.
Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.
Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.
Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.
Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.
Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de
