Archäologisches Museum Hamburg hat erste Ergebnisse von der Harburger Schloßstraße

Auf den Spuren des „Weißen Schwans“

Blick auf die Grabung (Foto: AMH)

Das Archäologische Museum Hamburg führt seit Juli 2023 im Bereich der Harburger Schloßstraße eine Ausgrabung auf einem historisch besonders bedeutsamen Areal durch. Jetzt gibt es erste Ergebnisse.

Im 18. Jahrhundert stand an der Ecke Kanalplatz/Harburger Schloßstraße einst das stattliche Gasthaus „Zum Weißen Schwan“, das zu den renommiertesten Hotels in Harburg zählte. Noch bis April 2024 wird hier eine Fläche von 600 Quadratmetern untersucht. Nun stellt das Grabungsteam erste Ergebnisse vor.

Seit dem Sommer ist das Archäologische Museum Hamburg auf der Suche nach der frühen Geschichte der Stadt im Bereich der Harburger Schloßstraße. Mit einem zehnköpfigen Team wird noch bis April 2024 eine Grabungsfläche von etwa 600 Quadratmetern archäologisch untersucht. Bis zu einer Tiefe von 1,30 Meter über NN sind die Archäologen und Archäologinnen bereits vorgedrungen, dabei erfolgte ein Aushub von mehr als 360 Kubikmetern Erdreich. Aufgrund des ganzjährigen Einsatzes, auch bei winterlichen Temperaturen, wurde die Grabungsstelle mit zwei großen Zelten geschützt. Doch der Aufwand hat sich schon jetzt gelohnt: Das Team konnte bereits eine Fülle von neuen Erkenntnissen zur Harburger Siedlungsgeschichte sammeln. Diese sind für die Forschung besonders wichtig, da aus der Zeit des Gasthauses „Zum Weißen Schwan“ nur wenige archivalische Quellen vorliegen. Ziel der Ausgrabung ist es, Siedlungsreste zu erfassen, um die mittelalterliche und neuzeitliche Besiedlungsgeschichte des Areals zu klären.

Das Grundstück an der Ecke Kanalplatz/Harburger Schloßstraße in unmittelbarer Nähe zum alten Rathaus, dem Hafen und der Festung liegt im ältesten Bereich der ehemals selbstständigen Stadt Harburg. Das Archäologische Museum Hamburg hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Grabungen in der Harburger Schloßstraße durchgeführt, doch auf die aktuelle Grabung blicken die Archäologinnen und Archäologen mit besonderer Spannung. Bekannt war bisher nur, dass der Gasthof „Zum Weißen Schwan“ an dieser Stelle von 1819 bis 1965 stand. Einige Harburgerinnen und Harburger haben das jüngste, wohl kurz nach der Franzosenzeit um 1814 errichtete Gebäude des Gasthofs, das bei Bombenangriffen 1943 beschädigt und 1965 schließlich abgebrochen wurde, sicherlich noch vor Augen. Das Grabungsareal entlang der nördlichen Harburger Schloßstraße stellt zudem eine siedlungstopografische Besonderheit dar: Der Straßenverlauf hat sich über 800 Jahre nicht verändert – beste Voraussetzungen die frühe Siedlungsgeschichte Harburgs an dieser Stelle zu erforschen.

Was haben die Archäologinnen und Archäologen bisher gefunden?

Zu den wesentlichen Ergebnissen der aktuellen Grabung gehört der Nachweis von verschiedenen aufeinanderfolgenden Bauphasen, die nun erstmals einen Einblick in die Bebauung des Areals vor der Errichtung des uns bekannten Gasthauses ermöglichen. Bei ihren Recherchen im Vorfeld waren die Archäologinnen und Archäologen in historischen Quellen auf Informationen gestoßen, wonach an dieser Stelle schon früher ein Wirtshaus gestanden haben muss: Bei einer Volkszählung im Jahr 1725 wurde ein gewisser Eberhardt Rönneborg als „Krüger“ – also Gastwirt – angegeben. Tatsächlich bestätigte sich dieser Hinweis bei den Grabungsarbeiten: Im Abraum konnte eine große Menge an Funden von Speise- und Trinkgeschirr festgestellt werden, das vermutlich aus dem Gasthaus stammte. Im weiteren Verlauf stießen die Archäologinnen und Archäologen dann auf die Fundamente des Vorgängerbaus des „Weißen Schwans“, der in den Jahren zwischen 1695 und 1709 errichtet worden sein muss. Die Datierung gelang dabei durch einen archäologischen Glücksfall: Im Bereich der massiven Feldsteinfundamente des Gebäudes fanden sich eine Silbermünze des dänischen Königs Christian V. von 1695 sowie Keramik, vor allem friesische Fayence aus derselben Zeit. Hervorzuheben ist hier besonders ein Fund: Das Fragment eines sogenannten Koppchens, einer henkellosen Tasse aus chinesischem Imari-Porzellan, das in die Kangxi-Ära datiert (1661-1722). Es belegt die weitreichenden Handelsbeziehungen der Stadt, aber auch den Reichtum der hier ansässigen Bürger.

Zu den wichtigsten historischen Fixpunkten einer Stadthistorie zählen oftmals auch Zerstörungsereignisse. Für Harburg sind drei großflächige Brände mit einer nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt überliefert. Die beiden Stadtbrände von 1536 und 1564 konnten als Brandschichten innerhalb der aktuellen Ausgrabung bereits nachgewiesen werden. Es konnte außerdem festgestellt werden, dass das Grundstück zu dieser Zeit in kleine Parzellen unterteilt war. Die Grundstücksgrenzen dieser Parzellen aus dem 16. Jahrhundert sind durch Gräben, Feldsteinfundamente, Schwellbalken und Pfosten deutlich markiert. Im südlich gelegenen Grabungsabschnitt fanden sich zudem Hinweise auf die Anwesenheit verschiedener Handwerksberufe. So wurden Metallschlacken, Lederreste und zahlreiche Spinnwirteln gefunden sowie auch gepflasterte Kochstellen mit Feuergruben und Keramik. „Schon der bis jetzt erreichte Erkenntnisstand ist außerordentlich hoch einzuschätzen und übertrifft unsere Erwartungen“, so Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums und Landesarchäologe von Hamburg. „Die große Bandbreite der archäologischen Spuren und die Anzahl und Qualität der einzelnen Funde belegen die hohe Bedeutung, die der Region seit hunderten von Jahren nicht nur als Siedlungsgebiet, sondern auch als Verkehrsknotenpunkt zukam“, so Weiss.

Die Arbeit der Archäologinnen und Archäologen geht weiter. Mit dem Areal an der Harburger Schloßstraße zählt Harburg schon jetzt zu einer der am besten ergrabenen mittelalterlichen Städte Deutschlands und das Grabungsteam ist gespannt, welche Einblicke in Harburgs Untergrund bis April noch auf sie wartet. „Bei früheren Grabungen sind wir an vielen Stellen auf die bewegte militärische Geschichte Harburgs gestoßen. Diese spiegelt sich oftmals in einem hohen Fundaufkommen in Form von Waffen, Pistolenkugeln, Musketengabeln und Artilleriegeschossen wider. Aber auch mit Gegenständen des täglichen Lebens wie Pilgerzeichen, Schmuck und Tonpfeifen rechnen wir noch“, sagt Grabungsleiter Dr. Martin Eckert.

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