Es gibt Orte, die wie geschaffen sind für die Entschleunigung, und der Buxtehuder Marschtorzwinger gehört zweifellos dazu.
Wenn sich ab dem 1. März die schweren Türen für die Ausstellung UM:DRUCK öffnen, begegnen wir dort einer Kunstform, die in unserer flüchtigen, digitalen Gegenwart fast wie ein anarchistischer Akt wirkt: der analogen Druckkunst. Die Künstler*innen Heike Küster und Britta Lange laden zu einem Dialog ein, der zeigt, dass zwischen Tradition und Inspiration ein unendlicher Raum für moderne Erzählungen liegt.
Wer sich auf das Werk von Heike Küster einlässt, spürt sofort die Erfahrung von über drei Jahrzehnten intensiver Auseinandersetzung mit dem Holzschnitt. Es ist ein Handwerk, das keine Fehler verzeiht und gerade deshalb eine so beeindruckende Klarheit ausstrahlt. Küster beherrscht das Spiel mit mehrfarbigen Druckplatten meisterhaft. In ihren seriellen Prozessen entstehen vielschichtige Bildwelten, die weit über das rein Grafische hinausgehen. Ihre Arbeiten besitzen eine rhythmische Präzision, die fast schon musikalisch wirkt. Doch hinter der formalen Strenge verbirgt sich eine erzählerische Tiefe, die oft von einem feinen, hintergründigen Humor durchblitzt wird. Es ist diese Mischung aus handwerklicher Unbeugsamkeit und geistiger Leichtigkeit, die ihre Position so kraftvoll macht.
Einen ganz anderen, beinahe lyrischen Weg schlägt Britta Lange ein. Für sie ist der Druckprozess ein bewusster Rückzug aus der Beschleunigung unserer Zeit. Ihre Inspiration findet sie im Unscheinbaren: in Alltagssituationen, in der Tiefe von Gedichten oder der Symbolik von Märchen. Geprägt von der ästhetischen Sprache der Illustrationen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, überführt sie diese Einflüsse in eine zeitgenössische Bildsprache. Lange ist eine Grenzgängerin zwischen den Techniken. Ob Radierung, Linolschnitt oder die flüchtige Monotypie – sie nutzt die Vielfalt der analogen Verfahren, um Vertrautes neu zu rahmen. Ihre Arbeiten sind Einladungen zum genauen Hinsehen, kleine Fenster in Welten, die uns eigentlich bekannt vorkommen und uns doch überraschen.
Ein internationaler Dialog im Zwinger
Besonders spannend wird UM:DRUCK durch die Integration eines internationalen Netzwerks. Eine Ausstellung in der Ausstellung zeigt Mini-Prints aus einem Open-Print-Exchange-Projekt. Hier trifft die lokale, norddeutsche Druckszene auf globale Impulse. Dieser Kontrast unterstreicht die Relevanz der Druckkunst als universelle Sprache, die über Grenzen hinweg funktioniert. Es ist ein kluger kuratorischer Schachzug, der den historischen Mauern des Marschtorzwingers eine kosmopolitische Note verleiht.
Die Ausstellung ist kein reines Seh-Erlebnis, sondern versteht sich als lebendiger Ort des Austauschs. Zur Eröffnung am 28. Februar wird Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt den Rahmen bereiten, während Christoph Goritz vom Verein der Kunstfreunde für Wilhelmshaven in die Materie einführt. Musikalisch wird der Abend durch den Loop Artist Uwe Kamrad begleitet – ein passender Kontrast, der zeigt, wie moderne Technik und traditionelles Handwerk harmonieren können.
Ein echtes Highlight für alle Neugierigen bietet der 15. März, der bundesweite Tag der Druckkunst. Hier wird der Marschtorzwinger zum Labor: Mit Vorführungen und Mitmachaktionen können Besucher*innen die physische Kraft und die Faszination der Druckerpresse selbst erleben. Für diejenigen, die tiefer eintauchen wollen, bieten die Workshops Ende März die Gelegenheit, eigene Mini-Prints im Hoch- und Tiefdruck zu gestalten.
UM:DRUCK ist mehr als eine Werkschau zweier profilierter Künstler*innen. Es ist ein Plädoyer für das Haptische, das Durchdachte und das Beständige. In Buxtehude wird im Frühjahr 2026 deutlich: Die Druckkunst ist nicht altmodisch – sie ist die wohl ehrlichste Form, der Welt eine Form zu geben.
Ausstellung UM:DRUCK | Eröffnung: Sa., 28. Feb., 15 Uhr
vom 1. März bis 5. April 2026 | Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude
Di–Fr 15–18 Uhr, Sa–So 11–18 Uhr | Eintritt frei
