Ein Rückblick auf die 11. SuedLese Literaturtage:

Ein Fest der vollen Häuser

Debütantin Anja Sietz bei der 1. Ladies Crime Night in Buxtehude (Foto: Mörderische Schwestern)

Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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