Professor Rainer Moritz verabschiedet sich vom Hamburger Literaturhaus

Eine Ära geht, eine Neue beginnt

Wird auch im Ruhestand Bücher lesen: Rainer Moritz (Foto: Gunter Glücklich / Literaturhaus Hamburg)

Ein Abend des Abschieds und des Neubeginns lag in der Luft des altehrwürdigen Hamburger Literaturhauses. Gedämpftes Stimmengewirr erfüllte die Räume, während sich Weggefährtinnen und Weggefährten versammelten, um Professor Rainer Moritz zu ehren. Nach zwei Jahrzehnten an der Spitze dieser wichtigen Institution der Literaturvermittlung tritt er nun in den Ruhestand.

Draußen vor dem stuckverzierten Gebäude an der Schwanenwik wehte am vergangenen Freitag (25.4.)  eine milde Frühlingsbrise, drinnen blickte man zurück auf eine Ära, die das literarische Leben der Hansestadt maßgeblich prägte. „Ich schätze Rainer Moritz als einen ungemein kompetenten, phantasievollen und engagierten Literaturwissenschaftler, -kritiker und -vermittler“, würdigte Kultursenator Dr. Carsten Brosda in seiner Ansprache. Seine Worte fanden Widerhall in den vielen nickenden Köpfen im Publikum.

Wer Rainer Moritz in den vergangenen Jahren bei einer seiner zahlreichen Veranstaltungen im Literaturhaus erlebt hat, weiß um seine Leidenschaft. Ob es um Marcel Proust ging, dessen Gesellschaft er als Vizepräsident verbunden ist, oder um die überraschende Vielfalt des deutschen Schlagers – Moritz gelang es stets, Brücken zu bauen und ein breites Publikum für die Literatur zu begeistern. „Mit Leidenschaft für die Literatur und großer Freude an der grenzenlosen Bandbreite der Kultur, von Proust bis zum deutschen Schlager, hat er das Literaturhaus für die ganze Stadt geöffnet“, so Brosda treffend.

Der gebürtige Heilbronner kam 2005 nach Hamburg und übernahm die Leitung des Literaturhauses. Zuvor hatte er bereits in der Verlagslandschaft wichtige Akzente gesetzt, unter anderem als Programmchef bei Reclam Leipzig und als Programm-Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe in Hamburg. Seine Expertise und sein untrügliches Gespür für literarische Entwicklungen machten ihn schnell zu einer zentralen Figur.

„Er hat sehr viel für die Lesekultur und das literarische Leben in Hamburg und für das Literaturhaus getan“, betonte der Kultursenator. Und in der Tat: Unter Moritz‘ Ägide erlebte das Literaturhaus eine Blütezeit. Viel beachtete Veranstaltungsreihen wurden ins Leben gerufen, die nicht nur ein Fachpublikum anzogen. Auch der Kinder- und Jugendkultur sowie dem Comic schenkte er eine größere Bühne, ein Engagement, das in der oft traditionsverhafteten Literaturszene nicht selbstverständlich war.

Neben seiner Tätigkeit als Leiter des Literaturhauses wirkte Professor Moritz in zahlreichen Jurys überregionaler Literaturpreise mit und prägte mit seinen Buchempfehlungen auf NDR Kultur und bei öffentlichen Veranstaltungen die literarische Diskussion weit über die Stadtgrenzen hinaus. Nicht zu vergessen sein eigenes umfangreiches wissenschaftliches und belletristisches Werk sowie seine Rolle als Literaturkritiker.

Nun also der Abschied. „Nun geht eine Ära zu Ende, aber Rainer Moritz hinterlässt ein bestens bestelltes Haus“, resümierte Dr. Brosda. Und tatsächlich blickt das Literaturhaus mit Zuversicht in die Zukunft. Bereits zum 1. Mai übernimmt Dr. Antje Flemming die Leitung. Die langjährige Literaturreferentin der Behörde für Kultur und Medien gilt als bestens vernetzt im deutschsprachigen Literaturbetrieb. „Mit Antje Flemming folgt eine ausgewiesene Expertin des Literaturbetriebes, die mit ihrem großen Engagement und ihrer ansteckenden Begeisterung für die Literatur das Haus und die Literatur in Hamburg prägen wird“, zeigte sich der Senator optimistisch.

Die Hamburger Literaturszene wird Antje Flemming am 7. Mai mit einem öffentlichen Überraschungsabend im Literaturhaus willkommen heißen. Doch an diesem Abend galt die Aufmerksamkeit erst einmal Professor Rainer Moritz. Ein leiser Wehmut lag in der Luft, vermischt mit Dankbarkeit für sein unermüdliches Engagement. Eine Ära geht zu Ende, aber der Same, den Rainer Moritz in diesen 20 Jahren gesät hat, wird in der literarischen Landschaft Hamburgs weiter blühen.

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