Nachdem der Hamburger Süden literarisch fulminant in den März gestartet ist, zieht das Programm der 11. SuedLese in der zweiten Woche das Tempo spürbar an.
Wer glaubte, die Region hätte ihr Pulver schon verschossen, wird eines Besseren belehrt. Vom 9. bis 15. März verwandeln sich Bankfilialen, Kneipen und Speicher in Orte, an denen die großen Fragen unserer Zeit verhandelt werden – und das mit einer Energie, die ansteckend wirkt.
Der März im Hamburger Süden nimmt Fahrt auf, und wie! Wenn die 11. SuedLese in ihre zweite Woche geht, wird schnell klar: Dieses Festival ist kein braves Vorlesestündchen, sondern eine pulsierende Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft. Vom 9. bis 15. März verwandelt sich die Region in ein Labor der Worte, in dem etablierte Stimmen und mutige Neulinge zeigen, was Literatur heute leisten kann – sie rüttelt wach, sie verbindet und sie macht verdammt viel Spaß.
Gleich zum Wochenstart am Montag (9.3., 17 Uhr) beweist die SuedLese ihren Sinn für besondere Orte. In der Neugrabener Haspa-Filiale präsentiert Stephan Funke mit (K)ein perfektes Verbrechen einen Hamburg-Krimi, der tief in die Abgründe von Medienrummel und Ermittlungsarbeit blickt. Dass ein Krimi in einer Bank stattfindet, hat eine ganz eigene Ironie, die perfekt zum unkonventionellen Geist des Festivals passt. Fast zeitgleich (17.30 Uhr) öffnet im Treffpunkt HH-Süd die Schreibwerkstatt Darf ich bitten? ihre Türen. Es ist dieser inklusive Ansatz, den ich an der SuedLese so liebe: Hier wird nicht nur konsumiert, sondern jede*r ist eingeladen, die eigene Schreibkraft zu entdecken.
Ein echtes Highlight für alle, die das Ungefilterte suchen, ist das Open Mic am Mittwoch (11.3., 19 Uhr) im Kulturwohnzimmer. Alltagspoesie und Tagebuchlesungen – das ist Literatur in ihrer intimsten Form. Es erfordert Mut, das Private öffentlich zu machen, und genau dieser Mut wird hier mit einer neugierigen und wertschätzenden Atmosphäre belohnt
Ein besonderes Augenmerk liegt in dieser Woche auf den Stimmen, die den Finger in die Wunden der Gesellschaft legen. Ein echtes Highlight erwartet uns am Donnerstag (12.3., 19.30 Uhr) in der Bücherhalle Harburg. Michel Abdollahi, der Mann für die klaren Worte und den scharfen Blick, präsentiert sein Werk Es ist unser Land. Es ist eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir in diesem Land zusammenleben wollen. Abdollahi bringt eine Präsenz mit, die den Raum sofort elektrisiert, und fordert uns heraus, unsere eigenen Positionen zu überdenken – neugierig, kritisch und absolut notwendig.

Wer es noch eine Spur kantiger mag, sollte am Freitagabend (13.3., 20 Uhr) ins Treffpunkthaus Heimfeld pilgern. Kristjan Knall gastiert dort mit seinem Buch Heldenhass. Knall steht für das, was man bei der SuedLese gern den Punk in der Literatur nennt. Es ist eine Abrechnung mit falschen Vorbildern und gesellschaftlicher Bequemlichkeit. Dass solche radikalen Texte in einer so geerdeten Szene wie in Heimfeld ihren Platz finden, beweist einmal mehr die Relevanz dieses Festivals. Es ist Literatur, die wehtut und genau deshalb so wichtig ist. Diese Energie setzt sich am gleichen Ort am Samstagabend (14.3., 20 Uhr) beim Low Budget Poetry Slam fort – ein Format, das von der Spontaneität und der Begeisterungsfähigkeit seiner Teilnehmer*innen lebt.
Doch die SuedLese wäre nicht das Kinderzimmer der Literatur, wenn sie nicht auch den ganz frischen Stimmen eine Bühne bieten würde. Der Sonntag (15.3.) gehört schließlich den Verwandlungen und Entdeckungen. Während Franziska Biermann im Elbdeich e.V. (16 Uhr) Kinder ab 8 Jahren in die skurrile Welt von Rabbit Boy entführt, dürfen wir uns um 17 Uhr im Speicher am Kaufhauskanal auf ein literarisches Ausrufezeichen freuen. Rina Schmeller stellt im Speicher am Kaufhauskanal ihren Debütroman Co vor. Dank der Unterstützung der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS liegt dieses Jahr ja ein besonderer Fokus auf diesen ersten Büchern. Schmeller erzählt mit einer beeindruckenden rhythmischen Klarheit von der schmerzhaften Befreiung aus einer Co-Abhängigkeit. Dass diese intime Geschichte in der historischen Atmosphäre des Speichers im Binnenhafen erzählt wird, verspricht einen dieser Gänsehautmomente, für die wir das Festival so lieben.
Ob beim Krimi in der Bankfiliale am Montag oder dem interaktiven Zeichenspaß für Kinder mit Franziska Biermann am Sonntag – die zweite Woche der SuedLese zeigt uns, dass Kultur kein Luxusgut ist, sondern der Stoff, aus dem unsere Gemeinschaft gewebt wird.
Die Termine im Überblick:
Mo., 09. März, 17 Uhr: Stephan Funke – (K)ein perfektes Verbrechen, Haspa Neugraben, Neugrabener Bahnhofstraße 2, 21149 Hamburg; Eintritt: 5 Euro
Mo., 09. März, 17.30 Uhr: Schreibwerkstatt: Darf ich bitten? – Für ALLE, Treffpunkt HH-Süd, Knoopstraße 1, 21073 Hamburg; Eintritt: frei
Mi., 11. März, 19 Uhr: Open Mic: Alltagspoesie & Tagebuchlesung, Kulturwohnzimmer, Resedaweg 2, 21077 Hamburg; Eintritt: frei
Do., 12. März, 19.30 Uhr: Michel Abdollahi – Es ist unser Land, Bücherhalle Harburg, Eddelbüttelstraße 47, 21073 Hamburg; Eintritt: 12 Euro
Fr., 13. März, 20 Uhr: Kristjan Knall – Heldenhass, Treffpunkthaus Heimfeld, Friedrich-Naumann-Straße 9, 21075 Hamburg; Eintritt: Spende erwünscht
Sa., 14. März, 20 Uhr: Low Budget Poetry Slam, Treffpunkthaus Heimfeld, Friedrich-Naumann-Straße 9, 21075 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht
So., 15. März, 12 Uhr: Anke Wistinghausen – Der Zauber des Anfangs (Workshop), VHS Harburg, Carrée Altona, 21073 Hamburg; Eintritt: 26,40 Euro (Anmeldung erforderlich)
So., 15. März, 16 Uhr: awsLiteratur aktuell – Geschichten im Fluss, Alles wird schön e.V., Friedrich-Naumann-Straße 27, 21075 Hamburg; Eintritt: frei – Hutspende erwünscht
So., 15. März, 16 Uhr: Franziska Biermann – Rabbit Boy (für Kinder ab 8 Jahren), elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht
So., 15. März, 17 Uhr: DEBÜT: Rina Schmeller – Co, Speicher am Kaufhauskanal, Blohmstraße 22, 21079 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht
