Neue Rundgänge am Bismarck-Denkmal

Geschichte, koloniales Erbe und Debatten

Am 2. Juni 1906 zur Enthüllungsfeier des Bismarck-Denkmals (Foto: G. Koppmann & Co. /Museum für Hamburgische Geschichte)

Freie Kulturvermittler*innen werden ab 1. März am Bismarck-Denkmal Rundgänge zur Kolonialgeschichte und Geschichte des Denkmals durchführen. Sie erweitern das Angebot zur Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe.

Dort oben steht er, unübersehbar und tonnenschwer, und blickt über den Hafen, als gehörte ihm die Welt noch immer. Der eiserne Kanzler im Alten Elbpark ist weit mehr als nur ein monumentales Relikt aus Stein und Eisen; er ist ein steingewordenes Spannungsfeld, an dem sich die Geister der Stadt seit Jahrzehnten reiben. Lange Zeit wirkte der Riese wie im Tiefschlaf versunken, ein architektonischer Anachronismus, den man im Vorbeigehen kaum noch wahrnahm. Doch nun regt sich etwas rund um den Sockel. Hamburg beginnt, die Schatten seiner eigenen Geschichte nicht mehr nur zu ignorieren, sondern sie aktiv auszuleuchten.

Ab dem 1. März 2026 wird das Bismarck-Denkmal zum Schauplatz einer neuen Form der Auseinandersetzung. Neun freie Kulturvermittler*innen treten an, um das Schweigen des Monuments zu brechen. Es ist ein Projekt, das tief in das stadtweite Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ eingebettet ist. Wer sich bisher fragte, ob wir die koloniale Dimension unserer Stadtgeschichte schlicht verschlafen haben, findet hier die Antwort in Form eines Erwachens. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so. Es geht um den Dialog, nicht um das Schlusswort.“

Zwei neue Rundgänge, buchbar über den Museumsdienst Hamburg, bieten unterschiedliche Einstiege in dieses komplexe Erbe. Der Rundgang „Geschichte und Perspektiven“ widmet sich in 90 Minuten der Genese des Denkmals seit seiner Einweihung im Jahr 1906. Hier fließen kunsthistorische Expertise, gedenkstättenpädagogische Erfahrung zur NS-Zeit und restauratorisches Fachwissen zusammen. Es ist eine Einladung an alle Hamburger*innen und Besucher*innen, gemeinsam zu diskutieren, welche Rolle eine solche Statue in einer modernen, diversen Demokratie überhaupt noch spielen kann.

Wer tiefer in die dunklen Kapitel eintauchen möchte, sollte sich dem Rundgang „Koloniale Schatten – Das Bismarck-Denkmal im postkolonialen Blick“ anschließen. Hier wird Bismarck nicht nur als Reichsgründer, sondern als zentraler Akteur der deutschen Kolonialpolitik beleuchtet. Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole, die Verflechtungen von Handel, Mission und nackter Gewalt werden hier ebenso thematisiert wie der antikoloniale Widerstand. Es ist ein Blick, der wehtut, weil er die Privilegien und Grausamkeiten der Vergangenheit direkt mit den Rassismusdebatten der Gegenwart verknüpft.

Interessanterweise bleibt das Innere des Denkmals – der im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzbunker umgebaute Sockel – vorerst verschlossen. Sicherheitsprüfungen und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit der dort sichtbaren nationalsozialistischen Symbolik verhindern den Zutritt. Doch gerade dieses Vorenthalten unterstreicht die Schwere der Aufgabe: Geschichte lässt sich nicht einfach konsumieren; sie verlangt nach einem tragfähigen Konzept, bevor man ihre tiefsten Kammern öffnet.

Schon jetzt geben mehrsprachige Informationstafeln am Denkmal erste Hinweise auf die verschiedenen Deutungsschichten. Doch erst das Gespräch, der geführte Diskurs im Alten Elbpark, macht aus dem toten Stein einen lebendigen Lernort. Es ist eine Chance für uns alle, die Augen aufzumachen und sich auf die Socken zu machen – hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was uns geprägt hat. Wer teilnehmen möchte, kann sich ab sofort unter den Links des Museumsdienstes für die 90- oder 120-minütigen Touren anmelden: museumsdienst-hamburg.de.

Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr im Schatten des Riesen verstecken, sondern lernen, sein Erbe kritisch zu lesen.

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