TONALi Festival feiert sein 15-jähriges Bestehen:

Der Klang der Zukunft

Bringt wieder jede Menge musikalische Überraschungen mit sich: das 15. TONALI-Festival 2025 (Foto: Swanhild Kruckelmann)

Das TONALi Festival feiert 2025 ein bemerkenswertes 15-jähriges Bestehen – und tut dies nicht mit einem nostalgischen Rückblick, sondern mit einem forschen Blick nach vorn.

Vom 27. Juni bis 4. Juli verwandelt sich Hamburg in ein Klanglabor, in dem die klassische Musik nicht nur zelebriert, sondern radikal neu gedacht und mit den brennenden Fragen unserer Zeit verknüpft wird. Im Zentrum steht die ambitionierte „Soziale Symphonie“ – ein mutiges Unterfangen, das weit über konventionelle Konzertformate hinausgeht und das kreative Potenzial Hamburgs als „Kunstschutzgebiet“ entfaltet.

Jenseits des Konzertsaals: Risiko, Wurzeln und Rhythmen des Alltags

Schon die Eröffnung am 27. Juni in der Kulturkirche Altona unter dem Titel „Risiko“ gibt die Richtung vor. Gemeinsam mit „Rhapsody in School“ – ebenfalls ein Jubilar mit 20 Jahren – wird nicht nur auf lange Essenstafeln und Glückskekse gesetzt, sondern auf die Frage: Wie viel Wagemut braucht die Zukunft der Klassik? Hier treffen prominente Künstler*innen und Alumnis beider Initiativen aufeinander, um in einem intimen Rahmen von Klang und Haltung die Grenzen des Genres auszuloten. Es ist ein Auftakt, der verdeutlicht: TONALi will nicht nur unterhalten, sondern provozieren, verbinden und zum Nachdenken anregen.

Die musikalische Bandbreite des Festivals ist bemerkenswert und spiegelt die TONALi-Philosophie wider, Klassik aus ihrem Elfenbeinturm zu holen und in den Alltag der Menschen zu tragen. So präsentiert die performative Oper „Secret life of Roots – die unsichtbaren Verbindungen in Eimsbüttel“ am 28. Juni im Zeppelin Theater eine faszinierende Melange aus Barockmusik, zeitgenössischer Performance und Tanz. Hier werden die verborgenen Netzwerke eines Stadtteils durch Klänge ergründet, mit Mitwirkenden wie Viola, Klavier, Mezzosopran und Tanz – und vor allem mit Schüler*innen der Ida-Ehre-Schule. Es ist die Verankerung in der Nachbarschaft, die hier musikalisch greifbar wird.

Am selben Abend wagt das preisgekrönte Trio Echo im TONALi SAAL ein Latenight-Konzert, das die Ohren öffnet: Saxophon, Akkordeon und Kontrabass interpretieren Werke von José Manuel López López und Maja S. K. Ratkje. Ihre Musik, oft von gesellschaftlichen Themen inspiriert, wird in komplexen Klangstrukturen reflektiert und wirft die drängende Frage auf: „Wie klingt unsere Zeit?“ Ein mutiges Experimentierfeld für Hörer*innen, die bereit sind, sich auf unerwartete Klangwelten einzulassen.

Interaktive Klangwelten: Von Einkaufswagen bis zum Grindelviertel

Die Quartierskonzerte sind ein Markenzeichen von TONALi und demonstrieren die Idee des „Kunstschutzgebiets“ in ihrer reinsten Form. „Klingende Zeit – Stimmen aus dem Grindelviertel“ am 29. Juni im MARKK Museum verbindet Klassik und elektronische Musik, Tanz und gesprochenes Wort mit traditionellen jüdischen Melodien. Stimmen aus dem Viertel selbst fließen ein und schaffen eine interaktive Performance – eine Hommage an Geschichte und Vielfalt, die durch gemeinschaftliches Gestalten lebt.

Besonders innovativ klingt „Symphony of a Shopping Cart“ am 30. Juni im TONALi SAAL. Hier beeinflusst das Publikum durch das Bewegen von Einkaufswagen die Musik. Eine spielerische, aber tiefgründige Auseinandersetzung mit Barockmusik, elektronischen Klängen und alltäglichen Geschichten – ein Konzert, das die Grenzen zwischen Bühne und Zuhörerschaft aufhebt. Gleiches gilt für „GARDEN OF LUNGS — Bring your plant friend“ am 2. Juli im LICHTHOF Theater, wo Besucher*innen ihre Lieblingspflanzen mitbringen und eine Bühne gestalten, die klassische Musik, elektronische Klänge und vokale Improvisation in eine Atmosphäre zwischen Wohnzimmer und Gewächshaus verwandelt.

Tiefer gehen: Menschliche Geschichten und gesellschaftliche Impulse

TONALi scheut sich nicht, auch ernste und hochaktuelle Themen musikalisch zu beleuchten. Das Quartierskonzert „Alter(n)!“ am 30. Juni im Kreativhaus Eimsbüttel vereint Musik mit persönlichen Geschichten und Fragen zum Thema Alter. Sängerin Marlene Unterfenger, Pianist Georg Kjurdian, Schüler*innen der Helmuth Hübener Schule und Anwohnende gestalten gemeinsam ein berührendes Erlebnis, das Vielfalt und Gemeinschaft im Stadtteil feiert.

Ein weiteres Highlight ist „MORGEN – Ein Traum“ am 1. Juli im TONALi SAAL. Dieses immersive Konzert- und Filmformat verbindet Richard Strauss’ Liederzyklus Op. 27 mit atmosphärischen Filmbildern, Lyrik und einem offenen Dialog. Konzipiert von Charlotte Schetelich, schafft es ein tiefgehendes Erlebnis über Liebe, Leben und Zukunft – ein musikalisch-philosophischer Raum, der zum Nachsinnen einlädt.

Und mit „funky brain“ am 3. Juli im TONALi SAAL wird ein ganz besonderes, wichtiges Anliegen aufgegriffen: das Bewusstsein für ADHS zu schaffen. Dieses interdisziplinäre Konzertformat verbindet klassische Musik (Werke von Schumann, Debussy und Glass) mit der Lebensrealität von Menschen mit ADHS. Das Publikum ist aktiv beteiligt – sei es beim Bühnenaufbau, durch flexible Sitzmöglichkeiten oder sensorische Optionen wie Ohrstöpsel. Musik als Mittel zur Aufklärung und zum offenen Austausch – ein starkes Statement.

Die Zukunft der Klassik: Visionen und Partizipation

Das Festival bietet auch Denkwerkstätten und Zukunftsszenarien. „Klassik 2040“ am 30. Juni im TONALi Seminarraum lädt dazu ein, gemeinsam mit führenden Kulturakteur*innen langfristige Strategien für die Klassikbranche in Hamburg zu entwickeln. Diese Foresight-Prozesse sind essenziell, um die Klassik nicht nur zu bewahren, sondern zukunftsfähig zu gestalten.

Den Höhepunkt bildet die zweite „Soziale Symphonie“ am 4. Juli in der Elbphilharmonie – ein multimediales Erlebnis mit Musik, Tanz und intensiver Publikumsbeteiligung. Zwölf TONALi-Musiker*innen, der Hamburger Knabenchor, Jugendliche und Anwohnende vereinen sich zu einem lebendigen Klangbild Hamburgs. Kultursenator Dr. Carsten Brosda wird eine Festrede halten, und der TONALi Award „Mut zur Utopie“ wird an Franziska Ritter und Christian Siegmund von 1:1 CONCERTS verliehen – eine Würdigung für jene, die sich trauen, neue Wege zu gehen.

Mit dem „Walk zur Elbphilharmonie“ im Vorfeld des Abschlusskonzerts, bei dem Teilnehmende ein Gratis-Ticket erhalten und gemeinsam mit Musiker*innen zur Elphi ziehen, wird die Idee der Partizipation und des gemeinsamen Erlebnisses bis zum letzten Moment gelebt.

TONALi 2025 ist mehr als nur ein Festival. Es ist eine Bewegung, die klassische Musik aus ihrem angestammten Kontext löst und in neue, oft überraschende Zusammenhänge stellt. Es ist ein Plädoyer für Mut, Vielfalt und Gemeinschaft. Für alle, die die transformative Kraft der Musik erleben möchten, jenseits starrer Konventionen und mit einem tiefen Blick in die gesellschaftliche Relevanz von Kunst, ist das TONALi Festival 2025 ein absolutes Muss. Es verspricht nicht nur klangliche Innovationen, sondern auch einen Blick auf das, wie Klassik in einer sich ständig wandelnden Welt relevant bleiben kann: indem sie Risiko eingeht, Fragen stellt und vor allem – Menschlichkeit und Gemeinschaft in den Mittelpunkt rückt.

Das gesamte Programm hier: www.tonali.de

 

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