
Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.
Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?
Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.
Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.
Die Stunde der Pioniere
Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.
Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.
Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.
Geld – Macht – Einfluss
Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.
Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.
Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.
Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.
Ungleicher Schweiß des Erfolgs
Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.
Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.
Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.
Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.
Ein Abschluss als Beginn
Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.
Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.
Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.
Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.
Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.
Tiefgang statt Bezahlschranke:
Dir ist dieser Artikel ein paar Euro wert?
Mit einer Spende hilfst du uns, weiterhin unabhängig über die Kulturszene zu berichten:
Konto Kulturspinnerei, GLS Bank, IBAN: DE42 4306 0967 1117 3871 00, Betreff: „Tiefgang“
