
Im Herbst blickt die literarische Welt traditionell gespannt nach Hamburg. Denn auch jetzt wieder hat eine unabhängige Jury die Shortlists für das „Buch des Jahres“ und den „Sachbuchpreis der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS“ bekannt gegeben.
Je fünf herausragende Neuerscheinungen konkurrieren um die mit jeweils 8.000 Euro dotierten Auszeichnungen, die Kultursenator Dr. Carsten Brosda am 7. Dezember 2026 im Literaturhaus Hamburg feierlich verleihen wird.
Die diesjährigen Nominierungen erweisen sich als ein faszinierendes Panorama unserer Gegenwart. Sie richten, wie es Senator Brosda treffend formulierte, ein „Brennglas auf unsere Welt, analysieren ebenso gekonnt wie sie zum Mitfühlen anregen“. Auch Prof. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, unterstreicht die gesellschaftliche Relevanz: Gerade in Zeiten grassierender Desinformation seien fundierte Sachbücher ein unverzichtbarer Beitrag zu einer aufgeklärten Debatte und stärken die wehrhafte Demokratie.
Die Nominierten für das „Buch des Jahres“ (Belletristik)
Die Auswahl in der Kategorie Belletristik führt uns durch historische Kulissen, familiäre Ausnahmezustände und gedankliche Parallelwelten.
- Mirko Bonné – Kanzlerkino (Schöffling & Co.): Der in Hamburg lebende Autor legt einen Roman vor, der historische Fakten und Fiktion virtuos verschränkt. Im Zentrum steht ein alternatives, von ost-westlichen Brüchen und späten Einsichten gezeichnetes Deutschland der Wende- und Nachwendezeit, das mit cineastischer Wucht und poetischer Kraft erzählt wird.
- Norbert Gstrein – Im ersten Licht (Hanser): Der preisgekrönte österreichische Schriftsteller schuf einen Roman von brutaler Eleganz. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der den Krieg verherrlicht, weil er ihn nie selbst erleben musste – ein eindringlicher, hochaktueller Beitrag über Schuld, Verantwortung und die Mechanismen des Mitläufertums.
- Nefeli Kavouras – Gelb, auch ein schöner Gedanke (KiWi): Das Romandebüt der 1996 in Bamberg geborenen Autorin widmet sich der schwersten aller Materien – dem Sterben und der Trauer – und bricht sie doch durch eine erstaunliche, fast zärtliche Leichtigkeit auf. Es ist ein berührendes Buch über eine Mutter-Tochter-Beziehung in der Ausnahmesituation des Abschieds.
- Jarka Kubsova – Im Licht des neuen Tages (S. Fischer): Bekannt für ihre präzisen historischen Stoffe, entführt Kubsova ihre Leser*innen tief in den böhmischen Wald. Dort verschränken sich die Schicksale zweier mutiger Frauen zu einer berührenden Reise in den Kampf um weibliche Freiheit.
- Daniel Mellem – Einstein im Bade (Kein & Aber): Mellem versteht es meisterhaft, historische Persönlichkeiten lebendig werden zu lassen und dem intellektuellen Funkenflug vergangener Epochen eine packende literarische Form zu geben.
Die Nominierten für den „Sachbuchpreis der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS“
Das Sachbuch zeigt sich in diesem Jahr von seiner kampf- und diskursfreudigsten Seite: Es geht um Demokratie, Geschichte, Zuwendung und globale Verflechtungen.
- Ruth Hoffmann – Raubzug von rechts. Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht (Goldmann): Eine scharf analytische Bestandsaufnahme darüber, wie demokratische Grundwerte von extremistischer Seite umgedeutet werden, und ein Appell zur Verteidigung unserer offenen Gesellschaft.
- Anne Otto – Die Eleganz der Zuwendung: Über den Wert dessen, was uns verbindet (Nagel & Kimche): Ein kluges, auf Empathie und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzendes Buch über jene feinen Fäden, die uns in einer polarisierten Welt noch miteinander verknüpfen.
- Ursula Schröder – Schutz in Krisenzeiten (Piper): Die Sicherheitsforschung trifft hier auf die drängenden Fragen unserer unmittelbaren Gegenwart und beleuchtet, wie Institutionen und Gemeinschaften Krisen bewältigen können.
- Christian Schüle – Die Jagd nach der Muskatnuss. Aufstieg und Fall der Ostindien-Companie 1602-1798 oder wie im goldenen Zeitalter der Kapitalismus begann (Siedler): Ein fulminanter historischer Bogen, der die Wurzeln des modernen Frühkapitalismus und globaler Ausbeutung messerscharf seziert.
- Volker Ullrich – Hellmuth James von Moltke (C.H. Beck): Der renommierte Historiker widmet sich einer der faszinierendsten Gestalten des zivilen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und zeichnet das Porträt eines Kämpfers für Humanität.
Ein starkes Signal für die Literatur
Die fünfköpfige, hochkarätig besetzte Jury – bestehend aus der Autorin und Buchhändlerin Can Mayaoglu, der Literaturübersetzerin und Vorjahrespreisträgerin Kirsten Gleinig, der Autorin Silke Tobeler, dem Germanisten Prof. Dr. Tobias Kurwinkel sowie der Verlegerin Harriet Dohmeyer – hat eine Auswahl getroffen, die Leseliebhaber*innen garantiert durch die dunkleren Monate tragen wird.
Wer sich selbst in diese Welten vertiefen möchte, hat nun bis Anfang November Zeit, die Shortlists rauf und runter zu lesen, bevor die endgültigen Preisträger gekürt werden. Spannend bleibt es so oder so …
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