Hey ihr Lieben,
diese Woche habe ich Post bekommen, die mich sehr gefreut, aber auch zum Nachdenken gebracht hat. Sie kommt nicht von einem Jugendlichen, sondern von einem Lehrer, Meinhard D., der unsere Kolumne liest. Er schreibt: „Lieber Herr Dr. Sommer, […] Als Lehrer beschäftigen mich diese Themen auch. Allerdings vermisse ich, dass zwar immer über die Rechte für jede und jeden in unserer Demokratie geredet wird. Aber auf der anderen Seite gibt es zu jedem Recht auch eine Pflicht. Wie steht es hiermit?“
Wow. Danke, Meinhard! Dieser Einwurf war wirklich überfällig. Er trifft einen Nerv unserer Zeit. Wir lieben es, über unsere Rechte zu sprechen: Recht auf freie Meinung, Recht auf Party, Recht auf Datenschutz, Recht auf Bildung. Das fühlt sich gut an, das ist Empowerment.
Aber wenn das Wort Pflicht fällt, verdrehen viele die Augen. Pflicht klingt nach Hausaufgaben, nach Aufräumen, nach Zwang. Aber die unbequeme Wahrheit ist: Ohne Pflichten funktioniert der ganze Laden namens Demokratie nicht.
Stell dir unsere Gesellschaft wie eine riesige Wohngemeinschaft vor.
Die Rechte sind das coole Zeug: Du darfst den großen Fernseher benutzen, du hast dein eigenes Zimmer, du darfst mitentscheiden, welche Pizza bestellt wird.
Die Pflichten sind der uncoole Teil: Du musst den Abwasch machen, du musst deinen Anteil zur Miete beisteuern und du darfst nachts um 3 Uhr nicht Schlagzeug spielen, wenn die anderen schlafen wollen.
Wenn in der WG alle nur ihre Rechte nutzen, aber keiner seine Pflichten erfüllt, stapelt sich das Geschirr, der Strom wird abgestellt und irgendwann zieht jeder genervt aus. Die WG kollabiert. Genauso ist es mit der Demokratie.
Der „Deal“ des Grundgesetzes
Unser Grundgesetz ist im Grunde ein Vertrag zwischen uns allen. Es gibt kein Recht, ohne dass damit eine Verantwortung einhergeht. Hier sind ein paar Beispiele, wie Rechte und Pflichten untrennbar zusammenhängen:
1. Das Recht: Meinungsfreiheit (Artikel 5)
Das ist eines unserer höchsten Güter. Du darfst sagen, was du denkst, auch wenn es unbequem ist.
Die Pflicht: Du musst aushalten, dass andere dir widersprechen (Toleranz). Und du hast die Pflicht, dieses Recht nicht zu missbrauchen, um andere zu beleidigen, zu bedrohen oder Hass zu verbreiten. Deine Meinungsfreiheit endet dort, wo die Würde des anderen beginnt.
2. Das Recht: Freie Entfaltung (Artikel 2)
Du kannst dein Leben leben, wie du willst. Deinen Style, deinen Job, deine Hobbys wählen.
Die Pflicht: Du musst die Gesetze befolgen, die wir uns gemeinsam gegeben haben. Und du hast die absolute Pflicht, die körperliche und seelische Unversehrtheit aller anderen zu respektieren. Du darfst niemanden verletzen, nur weil es dir gerade passt.
3. Das Recht: Staatliche Leistungen
Wir erwarten gute Schulen, sichere Straßen, eine Feuerwehr, die kommt, wenn es brennt, und Hilfe, wenn wir arbeitslos werden.
Die Pflicht: Das alles muss bezahlt werden. Unsere Pflicht ist es, Steuern und Abgaben zu zahlen. Und manchmal sogar, dem Staat persönlich zu dienen – sei es als Schöffe bei Gericht oder, wie wir neulich diskutiert haben, vielleicht sogar im Wehr- oder Ersatzdienst, wenn die Sicherheit bedroht ist.
Die wichtigste Pflicht: Nicht egal sein!
Die größte Gefahr für die Demokratie sind nicht die Leute, die laut dagegen sind, sondern die Leute, denen alles egal ist. Die nur die Vorteile genießen, aber nichts zurückgeben.
Wir haben eine Bringschuld gegenüber der Demokratie.
- Die Pflicht, sich zu informieren, statt Fake News zu glauben.
- Die Pflicht, wählen zu gehen, statt andere entscheiden zu lassen.
- Die Pflicht, den Mund aufzumachen, wenn Unrecht geschieht.
Also: Danke an Lehrer Meinhard D. für den wichtigen Hinweis! Rechte sind der Motor der Demokratie, aber Pflichten sind der Treibstoff. Wenn wir wollen, dass die Fahrt weitergeht, müssen wir alle ab und zu tanken – auch wenn es keinen Spaß macht und Geld kostet. Nur zu fordern, ohne zu liefern, funktioniert auf Dauer nicht.
Euer Dr. Sommer der Demokratie

Ob Aufklärung über populistische Parolen, Hintergrundwissen zu den Grundrechten oder Hilfe bei politischen Fragen: Dr. Sommer der Demokratie ist für dich da! Schreib ihm mit Betreff an „Dr. Sommer der Demokratie“ an tiefgang@sued-kultur.de
