Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Relativitätstheorie

Illustration: Johnny Lindner / Pixabay

Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Heute gibt es einen etwas längeren Beitrag zu lesen, der einem komplexen Thema geschuldet ist.

Ich denke, theoretisch ist alles relativ, vor allem die eigene Sicht auf die Dinge. Im Vergleich schneiden wir mal besser, mal schlechter ab, je nach Bezugsgröße. Beispielsweise wenn ich Auto fahre und dann so ein Angeber mit seiner Protzkarre daherkommt; dann kann ich überheblich denken: „Na, der scheint es ja nötig zu haben, auf großem Fuß zu fahren.“ Wohingegen Radfahrer schon über mich und meine Dreckschleuder den Kopf schütteln mögen.

Mein Maßstab für Umweltbewusstsein und verträglichem Handeln wurde vor einer Weile von Greta Thunberg auf den Kopf gestellt. Ich dachte bis dato bei allem, was ich tat: besser als nichts. Ich wusste, meine Weste ist nicht unschuldig weiß, aber sie kann sich sehen lassen: Erst mit 38 Jahren erwarb ich einen Führerschein und kam bis dahin wunderbar per pedes, mit dem Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B. Inzwischen habe ich ein Auto, auch wenn ich es mir nicht gekauft habe, sondern es mir überlassen wurde, weil es zu schade zum Wegschmeißen ist. Seit etlichen Jahren kaufe ich Joghurt im Glas, Bio-Eier u. a. Produkte, von denen ich mir Vorteile gegenüber der Umwelt verspreche. Ich unterschreibe Petitionen und spende Geld an Organisationen, die m. E. Gutes bewirken. Ich verzichte auf Kosmetik, Coffee-to-go u. a. Dinge, die ich für überflüssig halte. Shoppen ist mir als Freizeitbeschäftigung fremd und ich bin möglichst sparsam im Energieverbrauch. Alles in allem könnte sich meine Bilanz sehen lassen, wenn da nicht Greta wäre.

Denn sie fordert einen radikalen Sinneswandel. Es reicht eben nicht, sein Gewissen zu beruhigen, indem man etwas tut, etwas ist zwar besser als nichts, aber etwas ist trotzdem zu wenig. Greta hat mich beschämt. Sie spricht die schmerzliche Wahrheit aus, die mir nun unter den Nägeln brennt. Ihr mutiger Alleingang, der inzwischen so viele erreicht und mobilisiert hat, ist der Arschtritt, den wir alle brauchen, ein Weckruf des Gewissens, eine schrillende Alarmglocke für die Welt!

Sie rüttelt an meinem Selbstverständnis; Denn um die Liste meiner Taten wahrheitsgemäß zu vervollständigen, muss ich auch eingestehen, dass ich manchen Komfort genieße, der sich nur schwer mit meinem Umweltbewusstsein vereinbaren lässt: Ich gurke von Zeit zu Zeit mit dem Auto herum, um die Natur zu genießen. Ich flog bestimmt schon zehnmal in Urlaub, nicht nur hin, sondern auch zurück. Ich esse Fleisch, das zwar überwiegend Bio

ist, aber trotzdem von Tieren stammt. Und der größte Teil des Verpackungsmülls im gelben Sack kommt von den vielen Süßigkeiten, die ich nasche, obwohl ich weiß, dass das nicht nur für mich nicht gut ist. Und ich kaufe manchmal Dinge, die ich nicht brauche, aber trotzdem haben will.

Mag sein, dass ich nicht die größte Umweltsünderin bin, aber ich fühle mich trotzdem angesprochen und aufgerufen, bei der Kehrtwende im Kopf und im Handeln mitzuwirken. Ich wünsche Greta weiterhin viel Erfolg, denn ihr ist etwas gelungen, was zuvor in dieser Form niemand geschafft hat. Sie ist das personifizierte schlechte Gewissen jener Erwachsenen, die die Verantwortung für Möglichkeiten tragen. Sie sollen ihre Hausaufgaben endlich machen, statt mit dem Finger auf „Schulschwänzer“ zu zeigen. Sie sollen für Gesetze sorgen, die die Gesundheit, die Versorgung und das Klima schützen, statt Lobbyisten und Profitgeiern das Feld zu überlassen. Sie sollen sich einsetzen für unser aller Wohl und nicht für Macht und Geld.

Doch dafür brauchen sie auch den Rückhalt in der Bevölkerung. Ihr Angst, Wählerstimmen zu verlieren, wenn sie unbequeme Maßnahmen ankündigen, ist nicht ganz unbegründet. Denn so ticken wir Menschen: Der schwarze Peter wird gerne weitergeschoben, den ersten Schritt sollen andere machen. Dabei ist Einsicht der erste auf dem Weg zur Besserung. Dies ist mein persönlicher Appell an alle, jene Bewegung zu unterstützen, von der unser aller Überleben abhängt. Wenn sie noch mehr ins Rollen kommt, kann vielleicht doch noch gelingen, woran wir jetzt noch nicht glauben können.

Greta´s Worte wirken. Ich werde sie mir selber zu Herzen nehmen und Taten folgen lassen.

 

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