Rat für Kulturelle Bildung hat Studie zur Entwicklung von Kindern vorgelegt:

Vererbte Horizonte

Der Hunger nach kultureller Bildung ist keine Frage der Zeit, wie nun eine Studie zeigt. (Foto: Der Specht.de)

Mehr Geld, mehr Kultur für Kinder – so könnte die Formel lauten, die Ergebnis einer nun veröffentlichten Studie ist.

Neu ist die Erkenntnis nicht, aber der „Rat für Kulturelle Bildung“ wollte es dennoch einmal schriftlich haben und beauftragte das „Institut für Demoskopie Allensbach“ mit einer Studie. Die Repräsentativität kann bei 664 Befragten zwar angezweifelt werden. Nimmt man es aber lediglich als abzusehende Tendenz, sind Schlüsse aus dieser durchaus ziehbar. Der Rat für Kulturelle Bildung fasst die Ergebnisse des „Eltern/Kinder/Kulturelle Bildung –Horizont 2017“, so der sperrige Titel, wie folgt zusammen:

„Die Ergebnisse stützen sich auf die Befragung von insgesamt 664 Eltern. Eltern sehen Kulturelle Bildung als wichtige Grundlage für den Lebenserfolg ihrer Kinder an. Das betrifft die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch den späteren Beruf. Auch stuft die übergroße Mehrheit der Mütter und Väter gemeinsame kulturelle Aktivitäten als förderlich für den Zusammenhalt der Familie ein. Die Mehrheit von ihnen schätzt ihre Kinder als kulturinteressiert ein und unterstützt diese durch gemeinsame Aktivitäten oder Fahrdienste zu außerschulischen Kulturangeboten. Diese guten Nachrichten täuschen aber nicht darüber hinweg, dass Kinder aus bildungsferneren und zumeist finanziell schlechter gestellten Familien oftmals eine gravierend andere Lage zu Hause vorfinden. In besonderer Weise gilt dies für Kinder von Alleinerziehenden.  

Hohe Bildung – mehr Kultur

89 Prozent der Eltern sind grundsätzlich an Kultur interessiert. 37 Prozent  haben an diesem Thema sogar ein besonders hohes Interesse. Mit Blick auf die Zukunft ihrer Kinder sagen über 90 Prozent der Mütter und Väter, Aktivitäten wie Malen, Theater spielen, Musik machen, Tanzen oder Texte schreiben seien wichtig bis sehr wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder. Auf die Frage, ob kulturelle Aktivitäten auch als Vorbereitung auf den späteren Berufsweg wichtig seien, antworten über 70 Prozent mit Ja. Die Bedeutung Kultureller Bildung für den Lebenserfolg ihrer Kinder formulieren Mütter und Väter mit höherem Bildungsgrad dabei signifikant häufiger als Eltern mit niedrigerem Abschluss.

Mit vielen Kulturbereichen beschäftigen sich Kinder auch eigenständig deutlich häufiger, wenn ihre Eltern sich sehr für Kultur interessieren. Das trifft vor allem auf die klassischen Kunstformen zu. Auch gemeinsame kulturelle Aktivitäten hängen stark vom kulturellen Engagement der Eltern ab. Überdeutlich zeigt sich der Zusammenhang zwischen den Interessen und Aktivitäten der Eltern und Kinder im Bereich der Musik: Mütter und Väter, die mindestens einmal im Monat ein Instrument spielen, musizieren zu 83 Prozent auch gemeinsam mit ihren Kindern. Wenn die Eltern hingegen gar kein Instrument spielen, ist auch nur ein gutes Viertel der Kinder musikalisch aktiv. 

„Sozioökonomischer Einfluss“

Der diesen und den nachfolgenden Befunden maßgeblich zugrunde liegende Faktor ist der des Bildungshintergrundes. In signifikantem Maße gaben Familien aus besseren ökonomischen Verhältnissen an, über einen höheren Bildungsabschluss zu verfügen. Diese bildungsnäheren Eltern legen deutlich mehr Wert auf Grundwissen im Bereich der Kultur und messen sowohl kulturellen Angeboten als auch Angeboten aus den Bereichen von Naturwissenschaften und Technik (allgemeine Bildungsaspiration) größere Bedeutung zu als Eltern mit geringerem Bildungsabschluss. Das Maß des Zusammenhanges mit dem Bildungshintergrund ist dabei in den allermeisten Fällen stärker als das mit dem Haushaltsnettoeinkommen, wenngleich auch dessen Einfluss signifikant ist und mit dem des Bildungshintergrundes einhergeht (sozioökonomischer Einfluss). 

Frage der kulturellen Unterstützung

Ein Drittel der befragten Eltern traut sich eher nicht oder sogar überhaupt nicht zu, die eigenen Kinder gut zu unterstützen, wenn sie im künstlerischen Bereich etwas lernen möchten. Eltern mit mittlerem oder einfachem Abschluss trauen sich dies in signifikanter Weise deutlich weniger zu. Überhaupt nur ein Viertel von ihnen ist voll und ganz überzeugt, dass sie ihren Kindern ausreichend helfen können. Indes führt dies bei ihnen nicht zu einem größeren Interesse daran, dass ihre Kinder außerhalb von Kita und Schule an angeleiteten Kulturangeboten teilnehmen, im Gegenteil: Eltern mit niedrigerem Bildungsabschluss sind daran unterdurchschnittlich interessiert. In Konsequenz haben ihre Kinder während der letzten zwölf Monate auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit an solchen Angeboten teilgenommen: Lediglich 37 Prozent von ihnen bestätigen dies, unter den Müttern und Vätern mit Studium sagen dies hingegen 59 Prozent. 

Zugang zu Kultureller Bildung

Allgemein zeigt „Eltern/Kinder/Kulturelle Bildung. Horizont 2017“ deutlich, dass Eltern in sozioökonomisch schlechter gestellten Haushalten ein wesentlich geringeres Interesse daran haben, dass ihre Kinder außerhalb von Kita und Schule an Angeboten zu Kunst, Musik, Tanz und Theater teilnehmen. Zudem beschäftigen sie sich erkennbar seltener gemeinsam kulturell mit ihren Kindern. Als Folge ist auch das Interesse ihrer Kinder an Kulturaktivitäten erheblich schwächer. Nimmt man die Befunde der Studie „Jugend/Kunst/Erfahrung. Horizont 2015“ des Rates für Kulturelle Bildung über den Einfluss von Lehrern, Peer-Groups und weiteren Akteuren auf das Kulturinteresse von Jugendlichen hinzu, so wird klar, dass der curriculare Bereich vor allem für Kinder aus bildungsferneren, finanziell schwächeren Familien der entscheidende Ort ist, um kulturelle Interessen zu entdecken oder weiterzuentwickeln. 

Lage Alleinerziehender dramatisch

Alleinerziehende beurteilen die Situation in ihrer Familie vielfach anders als  Familien mit zwei Erziehenden: So äußern sie ein geringeres Interesse an Kultur als andere Eltern (-11 Prozentpunkte) und finden ein Grundwissen im Bereich Kultur weniger wichtig (-12). Sie zeigen zudem ein signifikant geringeres Interesse daran, dass ihre Kinder an angeleiteten Angeboten in den Bereichen Kunst, Musik, Tanz und Theater teilnehmen. Auch stufen sie kulturelle Aktivitäten im Vergleich zu anderen Eltern tendenziell häufiger als weniger oder gar nicht wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder ein (-10). Etwas geringer ausgeprägt ist diese Differenz bei der Frage, ob sie Kulturaktivitäten als Vorbereitung für den späteren Beruf ihrer Kinder wichtig finden (-7).Auch in finanzieller Hinsicht ist die Lage in Familien von Alleinerziehenden angespannter: Drei Viertel der Alleinerziehenden können sich Kulturangebote nur eingeschränkt oder gar nicht leisten; unter gemeinsam Erziehenden sagen das 37 Prozent. Noch größer ist der Unterschied bei der Frage, ob sie für Kulturangebote der Kinder anderswo sparen müssen oder sie diese gar nicht finanzieren können (73 vs. 32 Prozent).  

Bildung stärkt Zusammenhalt

Nach Ansicht von knapp 80 Prozent der befragten Eltern stärken kulturelle Aktivitäten den familiären Zusammenhalt. Mütter wie Väter sehen das ähnlich und Eltern jüngerer Kinder tendenziell etwas stärker als Eltern von älteren Kindern. Welcher Stellenwert gemeinsamen kulturellen Aktivitäten beigemessen wird, hängt erneut davon ab, inwieweit man sich selbst für Kultur interessiert. Dies wiederum ist eine Frage des eigenen Bildungshintergrunds und des ökonomischen Status. Entsprechend stimmen sehr viele (94 Prozent) der ausgeprägt an Kultur interessierten Eltern der Aussage zu, Kultur stärke den familiären Zusammenhalt. Hingegen bejahen nur 36 Prozent der eingeschränkt oder gar nicht an Kultur Interessierten dies.  

Zeitmangel ist es nicht

Eine Mehrheit der Befragten wünscht sich mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen: etwa Ausflüge in den Zoo, Kinobesuche (zusammen 58 Prozent). Auch gemeinsame Sportaktivitäten kommen vielen zu kurz (46 Prozent). Nimmt man den Kinobesuch aus, folgen Aktivitäten der Kulturellen Bildung erst auf Platz sieben (Musikveranstaltungen besuchen: 22 Prozent). Der Wunsch, gemeinsam mit der Familie mehr zu unternehmen, ist dabei in Familien mit zwei voll Berufstätigen nicht stärker ausgeprägt als in Familien mit einem Partner in Teilzeit oder zu Hause. Ausschlaggebend dafür, wie stark Zeit für gemeinsame Aktivitäten im kulturellen Bereich vermisst wird, ist der Stellenwert, den die Befragten Kultur insgesamt beimessen.  

Das MINT-Interesse der Eltern

Dass sich ihre Kinder mit Kultur beschäftigen, hat für Eltern im Hinblick auf die persönliche Entwicklung der Kinder einen fast so hohen Stellenwert wie Aktivitäten im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT): 91 vs. 96 Prozent. Auch hier zeigt sich die Tendenz, dass diese Aktivitäten umso relevanter für die kindliche Entwicklung eingeschätzt werden, je höher der Bildungsgrad der Eltern ist. Während 60 Prozent der Mütter und Väter mit Studium kulturelle Aktivitäten sehr wichtig für die kindliche Entwicklung finden, ist das unter Eltern mit einfacher Schulbildung nur bei 32 Prozent so. Ähnlich groß ist der Unterschied bei der Frage im Bereich MINT: 61 Prozent der Akademiker halten diese Bereiche für sehr wichtig. Von den Müttern und Vätern, die höchstens einen Hauptschulabschluss besitzen, sagen dies 44 Prozent.

Fragt man Eltern nach der Bedeutung beider Bereiche für die berufliche Zukunft ihrer Kinder, heben diese MINT indes in signifikanter Weise hervor (+20 Prozentpunkte). Noch ausgeprägter fällt dieser Unterschied in Familien mit geringerem sozioökonomischen Status aus (+24). Bei Akademikern beträgt diese Differenz lediglich zwölf Prozent.

Empfehlungen:

Kulturelle Bildung – so zeigt es diese Studie – ist nach Ansicht vieler Eltern ein wichtiges Mittel für Kinder, um die eigene Persönlichkeit herauszubilden. Auch gilt sie einer großen Mehrheit der Mütter und Väter als Grundlage ihrer Kinder für das spätere Berufsleben. Kulturelle Bildung ist mithin eine bedeutsame Chance, den eigenen Lebensweg erfolgreich zu gestalten. Jedoch unterscheiden sich die Voraussetzungen dazu in den Familien stark: Für Kinder aus ökonomisch und soziokulturell schlechter ausgestatteten Familien sind die vorschulischen Angebote in den Krippen und Kindertagesstätten sowie der schulische Unterricht in den künstlerischen Fächern und Bereichen die mit Abstand größte, in nicht wenigen Fällen sogar einzige Chance, ein eigenes Kulturinteresse zu entwickeln oder dieses zu erweitern.

Die Wahrung der Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen im kulturellen Bereich ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der auch im Rahmen des Artikels 72, Absatz 2, Grundgesetz über „die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ zu betrachten ist. Vor diesem Hintergrund richtet der Rat für Kulturelle Bildung sechs kultur- und bildungspolitische Empfehlungen an die Politik in Bund, Ländern und Kommunen sowie an die verantwortlichen Akteure der Zivilgesellschaft.“

(ELTERN/KINDER/KULTURELLE BILDUNG.- HORIZONT 2017 – Studie: Eine Repräsentativbefragung von Eltern zur Bedeutung und Praxis Kultureller Bildung. Durchführung: Institut für Demoskopie Allensbach (IfD), initiiert vom Rat für Kulturelle Bildung)

Die Studie zum herunterladen gibt es hier: Eltern_Kinder_Kulturelle_Bildung_Studie

Quelle: rat-kulturelle-bildung.de

Related Post

Druckansicht    

Facebook Kommentare