Im Mai kann man erleben, wie Algorithmen tanzen lernen und der Hamburger Süden zum globalen Epizentrum einer Kunstform wird, die Mensch und Maschine auf faszinierende Weise vereint.
Wenn im kommenden Monat internationale Koryphäen der Computermusik von Boston und Shanghai nach Harburg pilgern, verwandelt sich der Binnenhafen in ein digitales Labor. Denn die ICMC (International Computer Music Conference) ist die weltweit bedeutendste Konferenz für Computermusik, findet seit über 50 Jahren statt und kommt dieses Jahr in den Süden Hamburgs.
Wer in diesen Tagen über die Brücken des Harburger Binnenhafens spaziert, spürt schon eine eigentümliche Elektrizität in der Luft. Dort, wo normalerweise rauer Industrie-Charme auf hanseatische Gelassenheit trifft, landet im Mai 2026 ein internationales Schwergewicht. Die ICMC, das weltweit bedeutendste Treffen für die Schnittstelle von Klang und Code, schlägt ihre Zelte südlich der Elbe auf.
Man muss sich das Ausmaß kurz vor Augen führen: In den vergangenen Jahrzehnten residierte diese Konferenz – die man getrost als „Weltmeisterschaft der Computermusik“ bezeichnen kann – in Metropolen wie Boston, Shanghai, Berlin oder Daegu. Dass sie nun in Harburg Station macht, gleicht der Landung eines hochmodernen UFOs inmitten historischer Backsteinspeicher. Plötzlich mischen sich unter die Pendler*innen am Bahnhof internationale Gäste aus aller Welt: Koryphäen der algorithmischen Komposition und Wissenschaftler*innen, die über die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Kunst debattieren.
„Harburg wird im kommenden Mai zu einem internationalen Hub für Musiker*innen, Wissenschaftler*innen und Interessierte“, heißt es in der Mitteilung der Organisator*innen – und wer dann erste Klanginstallationen schon zwischen den Gleisen des Harburger Bahnhofs hört, wird ahnen, dass dies keine Übertreibung ist.
Was ist eigentlich Computermusik?
Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sperrigen Begriff? Wer bei Computermusik nur an stumpfe Techno-Beats oder piepsende Gameboys denkt, greift zu kurz. Die ICMC 2026 widmet sich der hohen Kunst der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Es geht um Musik, die ohne den digitalen Rechenprozess nicht denkbar wäre – aber dennoch tief emotionale und physische Erfahrungen ermöglicht.
Unter dem Motto „Innovation, Translation, Participation“ wird die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Es geht um Instrumente, die allein durch Handbewegungen in der Luft klingen (wie das legendäre Theremin), um VR-Brillen, die uns in begehbare Klangwelten entführen, und um Algorithmen, die in Echtzeit auf die Impulse von Musiker*innen reagieren. Der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Georg Hajdu, betont das Ziel dieser Reise: „Die ICMC soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern die große Öffentlichkeit in die neuesten Entwicklungen in der Computermusik einbeziehen.“ Es ist also auch ein Einladungsschreiben an alle Neugierigen, die wissen wollen, wie die Welt von morgen klingt, wenn wir den Computer als Partner im kreativen Prozess begreifen.
Das Labor am Kai: Das Ligeti Zentrum
Dass die Weltelite der Computermusik nun hier zusammenkommt, ist kein Zufall – und doch fühlt es sich wie ein glücklicher Geniestreich der Stadtplanung an. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ligeti Zentrum, ein interdisziplinäres Laboratorium, das erst vor wenigen Jahren im Veritasspeicher des Harburger Binnenhafens seine Zelte aufgeschlagen hat. In den obersten Etagen, mit bestem Blick über den Hafen bis hin zur Elbphilharmonie, wird hier seitdem an neuen Ideen gefeilt.
Der Namensgeber György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und langjähriger Professor an der Hamburger Musikhochschule, war ein Visionär. Seine Musik – weltbekannt durch Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – suchte stets nach dem technisch Machbaren. Dieser Geist lebt nun in Harburg weiter. Die Ansiedlung des Zentrums war ein strategischer Glücksfall: Es fungiert als Brücke zwischen der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf (UKE ) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) ist hier ein Kraftzentrum entstanden, das Technik nicht ohne Kunst denkt.
„Das Ligeti Zentrum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Disziplinen schmelzen“, beschreibt das Team die Mission auf der Webseite.
Das Programm der Kontraste:
Den feierlichen Auftakt macht am So., 10. Mai 2026 um 19.30 Uhr die Elbphilharmonie (Platz der Deutschen Einheit 4). Im Kleinen Saal zeigt das renommierte Ensemble Resonanz, wie digitale Präzision auf die Wärme von Streichinstrumenten trifft. Das Programm reicht von Alexander Schuberts choreographierter Komposition Scanners bis hin zu Clarence Barlows Klassiker Im Januar am Nil.
Doch nach dem glitzernden Start wendet das digitale UFO über der Elbe und nimmt Kurs auf Harburg. Während die Fachwelt in der Friedrich-Ebert-Halle (Alter Postweg 34) und der TUHH tagt, wird die Hölertwiete (Fußgängerzone, 21073 Hamburg) zum lebendigen Festivalzentrum der Off-ICMC. Hier sickert die Musik förmlich in die Straßen ein.
Highlights zum Miterleben
Das Begleitprogramm macht die digitale Kunst nahbar. Hier eine Auswahl für den Terminkalender:
- So., 10. bis 27. Mai, Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Str. 85): Die Ausstellung Transition | Tension | Potential verwandelt den Übergang zwischen Gleis 3 und 4 in einen Kunstraum.
- Di., 12. Mai, 19.30 Uhr, Kultur Palast Harburg (Rieckhoffstraße 12): Beim Science-Slam Strg+Alt+Musik präsentieren Forscher*innen ihre Arbeit kurzweilig und mit Tempo.
- Mi., 13. Mai, 12 bis 14 Uhr: Ein spezieller Proben- und Konzertbesuch für Familien erlaubt exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
- Mi., 13. Mai, 19.30 Uhr, Stellwerk Hamburg (Hannoversche Straße 85): Der Kontrabassist Florentin Ginot zeigt seine audiovisuelle Performance Disturbance.
- Do., 14. Mai, 16 Uhr, TUHH (Am Irrgarten 3-9): Robert Cole Rizzi lädt zum Klangspaziergang Die Kunst des Zuhörens ein.
- Do., 14. Mai, 18 Uhr, Hölertwiete: Das Körperfunkkollektiv verwandelt die Fußgängerzone mit dem Radioballett Fragment in eine interaktive Tanzzone.
- Do., 14. Mai, 19 Uhr, ehemaliges Karstadt-Gebäude (Herbert-und-Greta-Wehner-Platz): Internationale Kreative Film- & Medien-Highlights beleuchten die Leinwandkunst.
- Fr., 15. Mai, 19.30 Uhr, Ligeti Zentrum (Veritakskai 1): Die experimentelle Lesung Harburg. Das Buch verwebt Texte von Bärbel Wegner mit Klängen von Clara Nebel.
- Fr., 15. Mai, ab 18.30 Uhr, Soundbar (Hölertwiete): Drinks und Jam-Sessions unter dem Motto Sono, ergo sum.
- Sa., 16. Mai, 22 Uhr, Stellwerk (im BHf. HH-Harburg, Hannoversche Str. 85): Die ICMC Closing Night lässt die internationale Woche mit elektronischen Live-Sets ausklingen.
Harburg wird im Mai mal wieder beweisen, dass es weit mehr ist als ein Industriestandort. Es ist der Ort, an dem die Zukunft der Musik programmiert wird. Wer neugierig ist, wie die Welt von morgen klingt, sollte den Sprung über die Elbe nun auch ins Digitale wagen.
Alle Informationen und das vollständige Programm finden Sie unter: icmc2026.ligeti-zentrum.de
