Im DIALOG mit Harald Finke

Interaktivitäten

Während des sprachlichen Dialogs (siehe unten) entstand auch dieser bildliche Dialog zwischen Harald Finke und Sonja Alphonso.

In den Räumen des Kulturvereins Alles wird schön e. V. wurden bei der Vernissage zur Ausstellung „Dialog… Zeichnungen“ die Resultate eines interaktiven Konzeptes besichtigt und besprochen. Harald Finke erläuterte den Prozess …

Ein Prozess, bei dem Künstler abwechselnd an einem Werk arbeiteten und worin die Herausforderung bei einem solchen Dialog mit anderen Mitteln als der Sprache besteht. Die Parallele zur verbalen Kommunikation: die Auseinandersetzung mit dem Ansatz des Gegenübers. Zuhören, sich einlassen auf die Sicht einer anderen Person, anknüpfen an neue Bedingungen. Das hat eine Konfrontation mit den eigenen Vorstellungen und dem Umgang mit fremden Einflüssen zur Folge. Ein spannender Prozess, an dessen Ende die Abbildungen vielschichtiger Kooperationen stehen. Aktiv beteiligt an dem Kunstprojekt waren Harald A. Finke, Irmgard Gottschlich, Jürgen Havlik, Peter N. Heikenwälder, Claudia Hoffmann, Carl-Walter Kottnik, Daniela Köster, Michael Schmidt und Antje Schönau.

Zwischen den Künstlern und Besuchern fand am Abend der Ausstellungseröffnung ein reger Austausch statt. Die Bilder hängen noch bis zum 20. Juli in der Friedrich-Naumann-Str. 27 in 21075 HH-Heimfeld.

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Hallo Harald,

gerade schreibe ich etwas über die Ausstellung und möchte das Thema Dialog direkt aufgreifen, um mit dir durch mehrtägigen Schriftwechsel ins Gespräch zu kommen.

Dieses Interview soll sich an den Ansatz des Konzeptes anlehnen.

Lass´ uns per Mail in einen Dialog treten, eigene Akzente setzen und Bezug zueinander nehmen. Ich bin neugierig sowohl auf streitbare Auseinandersetzung als auch Konsens.

Vielleicht können wir parallel dazu an einem digitalen Bild arbeiten… (du zuerst)

 

Meine Einleitung:

Wenn ich es richtig verstanden habe, bist du der Initiator des Projektes – oder täusche ich mich aufgrund deiner persönlichen Präsenz – oder liegt das an meiner Wahrnehmung?

Man spricht manchmal davon, dass jemand ein Macher ist. Wie siehst du dich selber in dieser Hinsicht?

Mir stellt sich am Rande die Frage, wo die Linie zwischen Selbstwirksamkeit und Dominanz verläuft?

 

Wenn du Interesse an diesem Dialog hast, lass´ uns diese Mail hin und her schicken.

Viele Grüße, Sonja

 

Liebe Sonja,
erst einmal Danke für das Interesse und Deinen Vorschlag so ein elektrisches Interview zu machen, um parallel dazu auch noch den Versuch der dialogischen Zeichnung zu unternehmen. Prima, finde ich sehr schön. Machen wir.
Liebe Grüße, Harald

(Anm.: Er hat seine Antworten direkt hinter meine Fragen gesetzt)

Wenn ich es richtig verstanden habe, bist du der Initiator des Projektes – oder täusche ich mich aufgrund deiner persönlichen Präsenz – oder liegt das an meiner Wahrnehmung?

Deine Annahme ist richtig. Ich bin der Initiator der Ausstellung „Dialog-Zeichnungen“. Da ich seit sehr langer Zeit am Dialogmotiv arbeite – 1976 fand eine erste Ausstellung in der Arbeitsgalerie vor Ort in Hamburg statt und hatte den Titel „Monologmotiv, Dialogmotiv“ als Gegenüberstellung. Dort wurden schon Dialogzeichnungen ausgestellt, die vor Ort während der Ausstellung entstanden.

Man spricht manchmal davon, dass jemand ein Macher ist. Wie siehst du dich selber in dieser Hinsicht?

Gegen den Begriff ist nichts einzuwenden, wenn vom Umsetzen einer Idee die Sprache ist. Ich würde sagen, eine Idee zu haben und sie dann auch möglichst vernünftig umzusetzen, ist schon eins meiner Prinzipien.

Mir stellt sich am Rande die Frage, wo die Linie zwischen Selbstwirksamkeit und Dominanz verläuft?

Das bekomme ich schwer zusammen. Den Begriff Selbstwirksamkeit habe ich noch nie bewusst gelesen oder benutzt. Stell mir darunter eine Art hermetisches Perpetuum mobile vor.
Andererseits ist das ja, wenn das hier kein Intelligenztest sein soll, eine Frage in Richtung – ist nicht Alles irgendwie letztendlich selbstwirksam? vom Elementarteilchen bis hin zum ganzen Universum? Keine Ahnung, muss ich länger drüber nachdenken. Dominanz ist dagegen einfach. Der Begriff war immer im Zusammenhang mit der Dialogmotivarbeit ein wichtiger Faktor, der mir sehr bewusst war und den ich zu umgehen versuchte. „Mit dialogischen Zeichenformen entwickle ich so etwas wie ein dialogisches Prinzip. Dem anderen wird nichts vorgemacht. Er kann gleichermaßen wie ich wirken und seine Phantasie, seine Erlebnisse und seine Fähigkeiten in die Zeichnung miteinbringen. Nur so kann das Motiv des Dialogs, nämlich sich dem anderen mitzuteilen, mit ihm zu teilen, auch wirklich zum Tragen kommen. Denn das macht den Hauptteil meines Kunstbegriffs aus, da für mich das Kunstwerk Zeichen für Verständigungswunsch ist – und dieses Zeichen kann ich nicht einseitig meinen… „ schrieb ich 1982 unter dem Titel „Dialogmotiv – Dialogversuch“ in einem ausführlicheren Artikel in den Züricher  Kunst Nachrichten.

Fein, gleich zu Anfang muss ich mich neu ausrichten, denn ich habe offenbar gleich drei Ansätze gehabt, auf die du eingegangen bist.

Ich werde mir vor allem deine letzte Antwort durch den Kopf gehen lassen und dann wieder schreiben.

Bildnerisch habe ich schon mal weiterentwickelt.

Mal sehen, wie sich das Interview später am besten abbilden lässt…

Du hörst/liest von mir.

Bis dann, Grüße Sonja

 

hallo sonja, hier der nächste schritt. lgh

(in den Anhängen findet der zeichnerische Dialog statt)

Damit das Gespräch beim Nachlesen flüssiger wird, werde ich bei der Fortsetzung auf die Ansprache verzichten und direkt in den Dialog gehen. Würde vorschlagen, du handhabst das genauso.

Den Begriff Selbstwirksamkeit habe ich im Sinne von Handlungsspielraum gemeint.

Gut, das verstehe ich. Handlungsspielraum ist natürlich leichter in der Anwendung.

Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass ich selber mitgestalten kann, wenn ich mich aktiv einbringe, als in Passivität verharre. Eigene Impulse setzen und sich Freiraum schaffen, führt zu mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Wenn man dabei die Grenzen anderer nicht respektiert, kann der gute Ansatz kippen.

Wenn wir jetzt wieder vom Dialogischen sprechen, dann kann eine gewisse Passivität jedoch auch zur Empathie führen, die bei einem wirklich funktionierenden dialogischen Austausch von großer Wichtigkeit ist. Denn Aktivität in Richtung Assoziation zu entwickeln während das Gegenüber spricht, ist nicht unbedingt zuträglich. Wichtig ist der tatsächliche Einfühlungsversuch in das, was das Gegenüber äußert. Erst wenn verstanden wird, was gegenüber geäußert wird, kann geantwortet werden mit dem, was verstanden wurde und daraus im Zuhörer sich entwickelt (hat) – vielleicht an neuen Grundsatzfragen oder auch Ideen. Die eigenständigen Impulse sind sicherlich Teil der Entfaltungsmöglichkeit. Ja.

Du erklärst, dass du dir des Dominanzfaktors bewusst bist und ihn mit dem Dialogprinzip zu umgehen versuchst. Dem anderen würde nichts vorgemacht… Diesen letzten Satz verstehe ich nicht. Alles andere ist klar – und es spricht mich an.

Genau, Respekt ist für mich in diesem Zusammenhang gesehen, der Dialogversuch – soll heißen, das Sichzurücknehmen und wirklich zuhören.
Also jemandem-nichts-vormachen ist natürlich ein wenig aus der Luft gegriffen. Steckt eine Menge an Frust und Bedenken dahinter. Damit sind die frühen Erfahrungen gemeint, die man so macht, wenn man Bilder, Skulpturen, Installationen hervorbringt und zu spüren bekommt, dass die Bildsprache doch etwas zu verquer aus dem Wirren des eigenen Inneren herauskommt und das Monologmotiv der Werke auf Dauer einem zu wenig zu sein scheint. Da kommt man auf die Idee, den passiven Dialog zwischen Rezipienten und dem Bild an der Wand, in einen aktiven zu verwandeln. Heißt, der Rezipient wird gefragt, ob er sich vorstellen kann, in einen direkten und aktiven Dialog zu treten beim Bildherstellen. Vielleicht gibt es da bei Dir ja schon erste Einsichten durch unser Tätigwerden im dialogischen Zeichnen?

Ich persönlich finde dieses Zusammenwirken ganz großartig. Vor allem das Bildnerische ist sehr anregend!

Den schriftsprachlichen Austausch finde ich auch interessant, aber es ist die größere Herausforderung. Ähnlich wie in einem Gespräch kommen Aspekte auf, auf die sich die jeweils andere Person beziehen möchte. Das hat oft zur Folge, dass man den anderen entweder unterbricht oder vergisst, was man beisteuern wollte.

Dadurch, dass du deine Bemerkungen in meinen Text einschiebst, bleibt für mich zwar der Bezug sichtbar, aber für einen potentiellen Leser gerät mein Text etwas aus den Fugen.

Denn es fehlt daraufhin der Bezug zu deiner Anmerkung. Verstehst du, was ich meine?

Zu dumm, jetzt bringe ich dich bestimmt erneut in Versuchung, auf das oben Geschriebene zu reagieren, dabei wollte ich eigentlich noch etwas anderes ansprechen… Aber weißt du was? Ich lasse das jetzt und versuche stattdessen, mir den Punkt zu merken (nochmal auf die Entwicklung hin zum Dialogischen zu sprechen zu kommen).

versteh nur ansatzweise was Du andeuten willst.

Phase zwei: Reduktion

Nach dem Motto „weniger ist mehr“ für mehr Wechselwirkung in Theorie und Praxis.

okay – was soll oder was kann ich jetzt tun? außer in Versuchung zu kommen zu antworten?

Sollst du.

Ich selber will nicht immer so viel vom Stapel lassen (nehme manchmal durchaus viel Raum ein).

Durch Reduktion ist mehr Dialog im Sinne von Hin und Her möglich.

Ich hänge in diese Mail mal ein paar Fragen rein, die du vielleicht für ein Interview mit TIEFGANG beantworten magst.

Wollen wir unser Bild so lassen oder kommt da noch was von dir?

Die Fragen

Worum ging es dir bei dem Kunstprojekt?

Übergeordnet  ist das Dialogische das Ziel. Heißt, mich interessiert was Menschen im bildnerischen Bereich hervorbringen, wenn sie  dazu angeregt werden, miteinander austauschend zu zeichnen oder zu malen.

Würdest du sagen, es ist eher ergebnis- oder prozessorientiert?

Das Ergebnis ist natürlich wichtig bei diesem Projekt, nur ist der Prozess, die jeweilige Phase der Zusammenarbeit, das Antworten auf das soeben Erhaltene, das Verschicken an die Partnerin, den Partner,  das alles scheint fast wichtiger, denn der Prozess lässt im Detail ja erst das Dialogische erleben.

Wie kam es konkret zu den Kooperationen, d. h. an welche Personen hast du dich gewendet und was waren Kriterien dabei?

Mir war es von Anfang an nicht spannend genug monologisch Bilder herzustellen und anschließend die Betrachter mit ihnen allein zu lassen, so dass sie sozusagen einen passiven Dialog mit dem Werk beginnen mussten, wenn sie sich darauf einließen.
Mich interessierte mehr ein aktiver Dialog des Rezipienten oder Besuchers und kam dann ganz einfach auf die Idee, in einem leeren Galerieraum doch die Ausstellung mit den Besuchern selbst herzustellen. Das heißt, ich überzeugte die Besucher, dass sie selbst Kunst machen können. Das geschah damals 1976 das erste Mal.

Ich erinnere mich an eine Aussage, die du während der Vernissage zitiertest, man müsse im Dialog sein Selbst töten… Kannst du das noch einmal erläutern?

Ja, das stammt von Dieter Brüll aus „Der Anthroposophische Sozialimpuls“. Dort beschreibt er unter anderem den idealen Dialog und skizziert dabei ein Bild, das den Zuhörer sich soweit zurücknehmen lässt und sein inneres Gerede und Assoziieren einfach auszusetzen, damit er wirklich und tatsächlich geöffnet ist für das, was sein Gesprächspartner momentan äußert. Er versucht eine größtmögliche Einfühlsamkeit zu entwickeln.

Menschen verspüren meiner Erfahrung nach oft den Drang, sich mitzuteilen und überfahren dabei durchaus andere mit dem eigenen Ego. Statt echtem Austausch wird das Gegenüber dann leider zum Stichwortgeber, damit jemand seine Vorstellung durchzusetzen versucht. Was denkst du, ist der Grund dafür, dass es uns scheinbar schwer fällt, wirklich aufeinander einzugehen?

Wie schon angedeutet, das Sichzurücknehmen ist schwierig. Doch wenn man es schafft seinen inneren Dauerdialog einmal abzutöten und dem Gegenüber einmal wirklich zuzuhören, dann merkt man schon was alles anderes passiert.

Als wir unser kleines Experiment machten und im Sinne des dialogischen Austauschs ein Bild hin und her schickten, fand ich das ausgesprochen anregend. Dabei reflektierte ich auch mein eigenes Verhalten in diesem Zusammenhang.

Ist es aus deiner Sicht eine Frage des Intro- bzw. Extrovertiertseins, ob Menschen sich profilieren wollen?

Das ist eine sehr weitreichende Frage. Es läuft eigentlich immer auf dieselben Themen hinaus: Verständigungsversuch, Dialogversuch. Um ursprüngliche Formen zu betrachten, die nicht so dekadent wie unsere gesellschaftlichen Strukturen daherkommen, muss man immer wieder zu den indigenen Völkern schauen, denn dort sieht man die reineren Formen. Da geht es vornehmlich um gemeinschaftliches Vorgehen und das keineswegs unbewusst oder dumpf vor sich hin vegetierend, sondern dort ist eine Kreativität zu entdecken, von der wir uns schöne Scheiben abschneiden könnten. Begriffe wie Intro- oder Extrovertiertsein haben die garnicht in ihrem Wortschatz und brauchen sie auch nicht.

Je mehr Raum ich einnehme, desto schwieriger wird es für andere, sich einzubringen. Ist es also eine Frage der Disziplin, sich nicht zu viel herauszunehmen? Oder ist jeder Mensch selbst dafür verantwortlich, sich Freiheit einzuräumen?

Kunst muss auch Sichzurücknehmen sein, damit der andere geben kann – irgendwie ein Ausspruch, den ich vor Jahrzehnten wichtig fand und auch heute noch.

Ich bin überzeugt, guter Austausch lebt von der Balance zwischen Aktion und Resonanz. Wenn ich es richtig erinnere, ging deinem „Dialog Zeichnungen“ etwas voraus, was du als Künstler als Monolog empfunden/ bezeichnet hast.

Nachdem ich dieses neue Konzept kennenlernen durfte, bin ich überzeugt davon, dass es großes Potential für intensive Begegnung hat, mit sich selbst und anderen. Ich bedanke mich für die Erfahrung und dieses Interview!

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