Hamburg setzt auch beim Schauspielhaus auf Kontinuität

Karin Beier bleibt

Karin Beier / Axel Martens

Wenn die Freie und Hansestadt Hamburg eines liebt, dann ist es die behutsame Hand in der Kulturpolitik. Su auch bei Schauspielhausleiterin Karin Beier.

Während anderswo heftig rotiert und experimentiert wird und dies auch teils eingefordert wird, setzt die Elbmetropole an den entscheidenden Schaltstellen auf Beständigkeit. Die jüngste einstimmige Entscheidung des Aufsichtsrates, den Vertrag von Karin Beier als Intendantin des Deutschen Schauspielhauses bis zum 31. Juli 2031 zu verlängern, weist auch hier wieder auf diese Tradition. Beier, die das größte deutsche Sprechtheater seit 2013 leitet und das Haus 2024 völlig zurecht zum „Theater des Jahres“ formte, drückt der Stadt damit für fast zwei Jahrzehnte ihren ästhetischen Stempel auf.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda feiert diesen Schritt in der offiziellen Pressemitteilung als klaren Garant für künstlerische Maßstäbe: „Ich freue mich außerordentlich, dass Karin Beier bis 2031 als Intendantin des Deutschen Schauspielhauses weitermachen wird. Sie zeigt eindringlich, was Theater kann: Mit ihren eigenen Regiearbeiten setzt sie künstlerische Maßstäbe und führt zugleich das ganze Haus mit großer programmatischer Kraft und Klarheit.“ Und unter Beiers Ägide hat sich das Schauspielhaus durchaus zu einem streitbaren, pulsierenden Resonanzraum entwickelt, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Wer den großen Ensemble-Würfen und den gesellschaftlichen Debatten auf dieser Bühne folgt, weiß um den enormen Wert dieser Kontinuität. Und Beier selbst blickt dankbar auf dieses Fundament: „Ich freue mich auf weitere spannende Spielzeiten mit unserem Ensemble und mit all den fantastischen Kolleginnen und Kollegen hier am SchauSpielHaus“, betonte sie anlässlich ihrer Verlängerung.


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Doch bei aller berechtigten Euphorie über das fortwährende künstlerische Niveau lohnt sich ein zweiter, kritischer Blick auf das Hamburger Kulturkartell. Betrachtet man die Intendanzen der großen Leuchttürme im Stadtgebiet, fällt auf: Das Prinzip lautet fast ausnahmslos Verlässlichkeit vor inhaltlicher Neuaufstellung oder Anpassung. Man setzt auf eingespielte, langjährig amtierende Platzhirsche.

Das schützt zwar vor kreativem Schiffbruch, birgt jedoch die Gefahr einer gewissen satt gewordenen Selbstbezogenheit. Schließlich regieren in Hamburgs Kulturlandschaft die Dekaden-Biografien: Amelie Deuflhard prägt das internationale Produktionszentrum Kampnagel bereits seit August 2007. Prof. Dr. Dirk Luckow steht den Deichtorhallen als Intendant seit Oktober 2009 vor. Christoph Lieben-Seutter ist seit 2007 Hausherr der Elbphilharmonie. Und auch andernorts an den großen Häusern setzt die Politik auf dauerhafte Bindungen statt auf Richtungswechsel durch Personalien.

Wo bleiben in dieser langjährigen Liaison zwischen Stadt und etablierten Leitungsfiguren die teils notwendigen Brüche, der zeitgemäße Strukturwandel oder die dringend nötigen diverseren Impulsgeber an den obersten Schaltstellen der Macht? Die Forderung nach frischem Wind, veränderten Perspektiven und jüngeren Führungsmodellen scheint nur dort gehört, wo unliebsame Positionen vertreten werden. Das Hanseatische Hamburg pflegt da seine Kultur-Monolithen, anstatt die Machtstrukturen nach und nach aufzubrechen.

Dennoch: Solange Karin Beier mit ihrer schöpferischen Wucht beweist, dass das Schauspielhaus kein staubiges Museum, sondern ein elektrisierender Kampfplatz der Gegenwart ist, nimmt das Publikum dieses „Weiter so“ dankbar an. Bis 2031 bleibt das Schauspielhaus damit ein Ort, an dem man sich reibt, streitet und wächst. Die Messlatte liegt hoch – vielleicht so hoch, dass man den frischen Wind fast vergisst.

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