Altonaer Museum zeigt World Press Photo 2026

Momente des Stillhaltens

Portland Protests zu ICE-Einsätzen 2025 von Fotojournalist Jan Sonnenmair

Journalismus hat es in diesen Tagen schwer. Auch der Fotojournalismus, da doch jeder mit seinem Smartphone die Beliebigkeit der Bilder lediglich durch seinen Datenspeicher begrenzt sieht. Um so besser, wenn es jährlich eine Ausstellung der World Press Stiftung im Altonaer Museum gibt und die Aussage des Fotojournalismus und der Fotodokumentation zu würdigen weiß.

Seit dem 22. Mai und bis zum 15. Juni 2026 ist so auch dieses Jahr im Altonaer Museum eine große Auswahl von Fotos zu sehen, die Geschichten, die die Welt durch Fotografie vom 69. jährlichen World Press Photo Contest prägen und verbinden. Die jährliche Ausstellung präsentiert die Arbeiten der 42 ausgezeichneten Fotograf*innen und bringt Tiefe und Nuancen in unser Verständnis der Komplexität der Welt und hebt den überzeugendsten Fotojournalismus und die dokumentarischste Fotografie des vergangenen Jahres hervor. Die Gewinner*innen des World Press Photo Contest 2026 wurden von einer unabhängigen Jury aus 31 Fachleuten aus der ganzen Welt ausgewählt, die mehr als 57.376 Fotografien von 3.747 Fotograf*innen aus 141 Ländern überprüften. Die preisgekrönten Fotografien aus allen Regionen der Welt gehen dann jedes Jahr in einer Ausstellung auf Wanderschaft und werden in mittlerweile mehr als 100 Städten in fast 50 Ländern Station und auf der ganzen Welt von über einer Million Besucher*innen gesehen. In Hamburg präsentieren die Magazine GEO und stern die Ausstellung seit über 25 Jahren in Hamburg. Und eben im Museum Altona.

Die Themen des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art reichen von der Dokumentation politischer Auseinandersetzungen und kriegerischer Konflikte über die fotografische Schilderung der fortschreitenden Klimakrise bis zu Reportagen aus dem Alltagsleben unterschiedlicher Gesellschaften.

So das Foto von Tyrone Siu, Mitarbeiter und Fotojournalist bei der Agentur Reuters in Hongkong. Als in Tai Po ein Feuer auf einer Wohnanlage 168 Menschenleben forderte und Hongkong seinen tödlichsten Brand seit 1948 erlebte, wurden wir weltweit Zuschauer dieser Katastrophe. Der Fotograf Tyrone Siu traf einen Herrn Wong auf einer nahegelegenen Fußgängerbrücke etwa eine Stunde nach Beginn des Feuers. Herr Wong beobachtete, wie sein Haus in Flammen aufging, und fragte ängstlich, wo denn die Wasserwerfer und Löschfahrzeuge blieben und äußerte seine eh lange Angst vor den Renovierungsmaterialien. Obwohl keine offizielle Ursache gemeldet wurde, stellten Untersuchungen der Hongkonger Behörden später fest, dass starke Winde in Kombination mit dichtem Bambusgerüst, Baunetz und brennbaren Styroporplatten, die für die Fensterisolierung verwendet werden, als tödliche Beschleuniger fungierten, Bewohner im Inneren einsperrten, Notausgangswege blockierten und die anfängliche Reaktion behinderten. Das Feuer, das während der laufenden Renovierungsarbeiten ausbrach, unterstrich langjährige Bedenken hinsichtlich der Brandschutzvorschriften in alternden Hochhäusern.
Mehr als 2.000 Feuerwehrleute aus dem ganzen Gebiet waren an den massiven Rettungsmaßnahmen beteiligt, die durch die Höhe der Wohnanlage und die intensive Hitze erschwert wurden. Die Operation führte zum Tod eines Feuerwehrmanns und zu Verletzungen von 12 anderen. Nach der Katastrophe überprüft die Feuerwehr von Hongkong ihre Sicherheitsprotokolle für Hochhäuser, die sich externen Renovierungen unterzogen haben.

Foto: Tyrone Siu / Reuters

Was wir sehen: ein einziges Bild, das die Geschichte in einen einzigen Moment komprimiert. Ein Bild, das eben alles sagt über Katastrophen, Ängste, Menschen. „Zu keinem Zeitpunkt ist die Notwendigkeit genauer Informationen unerlässlicher, aber gleichzeitig schwieriger zu produzieren. Deshalb müssen wir alle eine freie Presse unterstützen.“ Ein Statement der World Press Stiftung, das alles sagt.

Oder Das Bild „Drone Wars“ von David Guttenfelder.  Guttenfelder ist Fotojournalist für die New York Times mit Sitz in Minneapolis und behandelt thematisch vor allem geopolitische Konflikte, humanitäre Krisen, Umweltfragen oder soziale Ungerechtigkeit. Über eine 30-jährige Karriere hat er über große Weltereignisse von Aufträgen auf der ganzen Welt berichtet.

Drone Wars von David Guttenfelder, The New York Times

So auch über den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Als Russland Anfang 2022 seine umfassende Invasion in der Ukraine startete, dominierten Artillerie, Raketen, Panzer und Grabenkriege das Schlachtfeld. Die ukrainischen Streitkräfte sahen sich einem weitaus größeren und mechanisierteren Militär gegenüber. Ihr Überleben hing und hängt bis heute von der Improvisation ab und prägte eine der bedeutendsten Veränderungen in der modernen Kriegsführung: den Aufstieg des Drohnenkampfes. Hobby-Drohnen werden in ferngesteuerte Waffen umfunktioniert, und massenproduzierte First-Person-View (FPV)-Drohnen werden von Kilometern entfernt mit tödlicher Präzision gesteuert. Das Ergebnis ist ein unerbittliches Drohnen-Wettrüsten mit Russland und der Ukraine, die jetzt Millionen von Drohnen pro Jahr produzieren. Die Technologie wird bereits in Konflikten weltweit repliziert. Weite Gebiete der Ukraine wurden in „Tötungszonen“ verwandelt, in denen Zivilisten angegriffen, vertrieben und oft gefangen sind. Soldaten verbringen die meiste Zeit in unterirdischen Bunkern oder Kellern, die nicht versorgt werden können. Die rasante Weiterentwicklung der Drohnentechnologie übertrifft die internationalen rechtlichen Rahmenbedingungen und wirft tiefgreifende Fragen über Rechenschaftspflicht, Aufsicht und den Schutz des zivilen Lebens auf. Das Foto dokumentiert quasi die gesamte Geschichte der Bemühungen der Ukraine, ihre Drohnenfähigkeiten und die Auswirkungen russischer Drohnenangriffe auf Zivilisten und Soldaten zu verbessern. Die mörderische Kriegsindustrie.

Eine Ausstellung, dessen Besuch sich also jährlich stets aufs Neue lohnt. Die die Kraft aber auch Kunst der Fotografie eben durch ihr Zeigen selbst unterstreicht und neben der visuellen Faszination nachdenklich stimmt.

Bis 15. Juni: Ausstellung World Press Photo Exhibition 2026

Altonaer Museum |Museumstraße 23 |22765 Hamburg | Tel. 040 – 428 135 801

Besuchszeiten: Mo – Mi: 10 – 17 Uhr, Die geschlossen, Do – Fr: 10 – 20 Uhr, Sa – So: 10 – 18 Uhr

Tickets: 8,50 € für Erwachsene, 6 € für Gruppen von mehr als 10, ermäßigt 5 €

Weitere Informationen: www.worldpressphoto.org und www.shmh.de


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