Das Phänomen des Kinos zeichnet sich dadurch aus, dass es Räume transformiert. Eine unscheinbare Straßenecke wird durch die richtige Kameraführung zum Schauplatz existenzieller Dramen, ein historisches Rathaus zum Epizentrum bürokratischer Satire.
Man muss für diese Metamorphosen nicht zwingend nach Los Angeles blicken. Manchmal genügt ein Blick in die niedersächsische Nachbarschaft, genauer gesagt nach Winsen an der Luhe. Die dortige Kulisse diente über Jahrzehnte hinweg als verlässliches Fundament für das deutsche Zelluloid, oft in enger Symbiose mit den legendären Ateliers im nahegelegenen Bendestorf, dem einstigen Hollywood der Heide.
Die historische Tiefenschärfe dieser filmischen Aneignung reicht zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit. Während das zerstörte Hamburg kaum Kulissen für bürgerliche Idyllen bot, fand die Junge Film-Union unter Rolf Meyer im unversehrten Winsen eine Architektur, die sich ideal für das Kino der Trümmerära instrumentalisieren ließ. Ein herausragendes Beispiel dieser Epoche ist die Produktion Diese Nacht vergess’ ich nie aus den Jahren 1948/49, inszeniert von Johannes Meyer. Es war die Geburtsstunde einer Ästhetik, die das Provinziell-Vertraute in den Dienst der kollektiven Verdrängung und des sanften Neubeginns stellte. Der Subtext dieser Filme war eindeutig: Die Sehnsucht nach einer intakten Welt, projiziert auf echte Fassaden, die den Zuschauer*innen eine Kontinuität vorgaukelten, die es in der Realität längst nicht mehr gab.
Die Evolution des Winsener Beitrags zur Filmgeschichte liest sich wie eine Chronik des bundesdeutschen Geschmacks. Auf die pastorale Heiterkeit von Das fröhliche Dorf (1955) folgte Jahrzehnte später die Dekonstruktion ebendieser norddeutschen Idylle. Wenn die Verfilmung von Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse (2008) die Tristesse der regionalen Provinzbühnen seziert, fungiert das Winsener Umland nicht mehr als Sehnsuchtsort, sondern als klaustrophobischer Resonanzraum einer verfehlten Jugend. Das Mise-en-scène hat sich grundlegend gewandelt: Vom staunenden Eskapismus der fünfziger Jahre hin zum ironischen, fast schmerzhaften Realismus der Gegenwart. Selbst das Fernsehen in Form des Tatorts nutzte die Stadt wiederholt, um das Verbrechen hinter den gepflegten Vorgärten zu inszenieren.
Diese vielschichtigen filmischen Schichten der Stadtlandschaft werden nun im Rahmen einer historisch-topografischen Spurensuche freigelegt. Das Museum im Marstall veranstaltet am 31. Mai einen rund zweistündigen Rundgang unter dem programmatischen Titel Winnywood: Filmstadt Winsen. Geführt von Martin Raulf, einem profunden Kenner der lokalen Historie, verspricht dieser Spaziergang eine dialektische Gegenüberstellung von filmischer Fiktion und städtischer Realität. Die Teilnehmenden werden mit Anekdoten und Hintergrundberichten konfrontiert, die zeigen, wie sehr die vermeintliche Peripherie die deutsche Medienlandschaft geprägt hat. Es ist die seltene Gelegenheit, die visuelle Ästhetik vertrauter Orte neu zu dechiffrieren.
Der Rundgang beginnt um 14.30 Uhr direkt am Museum im Marstall und fokussiert sich auf die filmischen Schauplätze innerhalb der Innenstadt. Für das weitere Umland wird den Teilnehmenden entsprechendes Kartenmaterial an die Hand gegeben. Für kulturinteressierte Bürger*innen bietet sich hier ein lohnender Blick hinter die Kulissen der eigenen Regionalgeschichte, der die Wechselwirkung zwischen filmischem Medium und erlebter Wirklichkeit greifbar macht. Karten für diese filmhistorische Zeitreise sind im Vorverkauf beim Museum erhältlich.
Termin: 31. Mai, 14.30 – 16.30 Uhr: „Winnywood: Filmstadt Winsen“ – ein Rundgang zu Drehorten in Winsen | Museum im Marstall, Schloßplatz 11, 21423 Winsen (Luhe), www.museum-im-marstall.de
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