Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Neidfaktor

Foto: Toby Parsons / Pixabay

Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Aus gegebenem Anlass denke ich über Dekadenz und in dem Zusammenhang über den sogenannten Neidfaktor nach. 

Ich hatte Urlaub und ließ es mir gut gehen, genoss milde Temperaturen und Meeresblick ,nahm während des Aufenthaltes in fernen Gefilden ca. vier Sterne zu, was umgerechnet etwa zigtausend Kalorien sind, und kurvte eines Tages mit einem Sportwagen durchs Gebirge.

Wer jetzt denkt: “Na, die leistet sich ja ganz schön was…!”, dem kann ich kaum widersprechen. Dabei war es ein vergleichsweise billiger Spaß. Teurer kam mich vielmehr mein schlechtes Gewissen zu stehen, in Sachen Treibstoff-Verbrauch. Denn wegen eines verpassten Fluges verbrannten wir sogar noch mehr Kerosin als geplant, weil wir einen Umweg über Schweden machen mussten. Dort bekam der Begriff Stockholm-Syndrom eine ganz neue Bedeutung, denn wir verliebten uns in den wunderschönen Flughafen und verbrachten dort eine unvergessliche Nacht! Ich frage mich mittlerweile rhetorisch, welches die größere Sünde ist: das Fahren und Fliegen – oder, dass ich mich selbstredend mit einem schlechten Gewissen belaste. Schuldgefühle der Umwelt zuliebe. Dabei würde ich schon gerne zu Fuß in Urlaub gehen, aber was nicht geht, geht nicht. Das mag wie eine billige Entschuldigung klingen, denn schließlich könnte ich ja auch in den Harburger Bergen wandern. Doch dagegen gibt es Einwände von meinem Zweifel, der findet, etwas Sonne Tanken würde mir gut zu Gesicht stehen. Tatsächlich lasse ich mir gelegentlich gerne etwas Glamor und luxuriöses Geglitzer gefallen; zum Beispiel einen Meeresspiegel, der mir mit seinem schönen Schein die Sonnenseite des Lebens zeigt.

Den Mietwagen für einen Tag kann ich gerade eben noch vertreten, denn dafür erklommen wir die restliche Zeit alle Höhen und Täler per pedes, was immerhin auch einen Teil der zusätzlichen Kalorienberge abtrug. Alles in allem viele frische Ansichten für mich. Meinen Zweifel hatte ich zwar stets im Schlepptau, aber er ging die Ferien ganz gemütlich an, was ich erleichtert zur Kenntnis nahm. Zwei Wochen Zeit für die eine oder andere Denkpause.

Allerdings fand ich bisweilen morgens oder abends einen kleinen Denkzettel unterm Kopfkissen, auf dem er diskret eine Notiz hinterlassen hatte: “Denk dran, du wolltest noch dieses rechtzeitig vorbereiten und jenes erledigen…” Wenigstens ist diese Art von Qntreibetei CO2 neutral.

Abschließend erlaube ich mir eine Umfrage: Gibt es Menschen, die mich um mein Gewissen beneiden? Wenn ja, bitte melden! Ich bin jederzeit bereit, den Neidfaktor den Umständen entsprechend gerecht zu teilen.

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