Kunstverein zeigt Svetlana Mijić im Harburger Bahnhof

„Poetik des Sammelns“

In den Vitrinen des Harburger Bahnhofs ausgestellt: Werke von Svetlana Mijić

Am Freitag (14.1.2022) eröffnete die vierte Ausstellung in den von Cake&Cash kuratierten Vitrinen am Harburger Bahnhof. Sie  zeigt Arbeiten von der Künstlerin Svetlana Mijić.

Ihre künstlerische Praxis ist nicht darauf aus zu schöpfen – vielmehr interessiert sie das Sammeln und Sortieren. In einem Gespräch sagte sie einmal: „One is made out of two, I think – nicht anders herum.“ Und so entwickelt sie stetig neu eine Poetik des Sammelns und Fragmentierens. Wie alle Ausstellungen dieser Reihe, setzt auch Mijić sich mit der Thematik der Selbstverwirklichung auseinander; ihren Zugang bildet die Identität als Transit. Es geht darum, Komplexität zuzulassen, sie nicht nur zu ertragen, sondern wohlmeinend zu umarmen. Nicht darum, sie beherrschen zu wollen, sondern sich in ihre Nebenschauplätze zu versenken, dort ins Träumen zu geraten. Doch sie verliert sich dort nicht, im Gegenteil. In den Vitrinen am Gleis nähert sich die Künstlerin ihrem persönlichen Transit auf drei Weisen, in einer offen gedachten Form des Archivs. Sie hat sich drei sehr konkrete Gegenstände gesucht, um sie so zu einem Bild werden zu lassen, dass wir eingeladen sind, uns auf unserem kleinsten gemeinsamen Nenner zu begegnen: der Flüchtigkeit unserer Identität.

Das Knabbern von Sonnenblumenkernen bezeichnet Mijić als „einen Begleiter meiner Existenz“. Es ist eine soziale Praxis und zugleich ein Symbol kollektiven Wartens. Wo Sonnenblumenkerne geknabbert werden, ist man miteinander, wird Stress abgebaut, sich gelangweilt oder beschäftigt. Aber all diesen Zuständen ist gemein, dass wir uns dabei in einer Schwebe befinden, in Erwartung auf eine Ankunft, irgendwo. Mijić begegnet den Sonnenblumenkernen in Form von kleinen Häufchen auf dem Boden; als hätten die Menschen Spuren gelegt, um einen vergänglichen Abdruck ihrer Existenz zu hinterlassen. Oder suchen sie einfach den Weg nach Hause?
Ein Gegenstand, der die Fragmente all der Geschichten unserer Identität in sich aufnimmt, in sich komprimiert, ist für die Künstlerin die „Red-Blue-White-Bag“: eine große, günstig verarbeitete, im Karomuster aus rotem, blauem und weißem Plastik gewebte Tragetasche mit Reisverschluss. Jede Sprache und Kultur scheint ihre eigene Bezeichnung für diese Tasche zu haben; im Serbischen heißt sie „krmača“, das heißt übersetzt „die Sau“. Sie nimmt alles in sich auf, wird ein schwerer Leib, der mit körperlicher Anstrengung getragen werden muss – wohin auch immer. Durchdrungen von den verschiedensten Prozessen kultureller Aneignung scheint sie herrlich ambivalent. Mijić zerlegt die Tasche in ihre Einzelteile, spannt sie ein und erzeugt damit eine resonante Oberfläche, die uns ihr Verwoben-Sein zur Schau stellt.
Die Summe Svetlana Mijićs Bewegungen hat sie an irgendeinem Punkt nach Deutschland gebracht. Mit ihrem dritten Gegenstand teilt sie mit uns, wie sie sich den Zugang zur deutschen Sprache und Kultur erarbeitet hat. In Dokumenten, die sie uns zeigt, ist sie immer wieder damit konfrontiert, sich selbst zu kontextualisieren, aber auch mit dem kulturellen Subtext, der stets versucht wurde ihr zuzutragen.

Svetlana Mijić wurde im 1992 in Serbien geboren. Nach dem Abitur zog sie nach Deutschland, um Kunst an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach zu studieren. Sie arbeitet multimedial und hauptsächlich konzeptuell – meistens mit gesammeltem, oft gefundenem Material, kombiniert mit eigenen Erinnerungen und Erfahrungen. Die Flüchtigkeit der Zeit ist dabei ein wiederkehrendes Thema, was in einen Drang des ständigen Dokumentierens resultiert. Emanzipation und die Suche nach der eigenen Identität sind zentrale Forschungsgegenstände ihrer Arbeit.
Ihre Arbeiten waren bis jetzt u.a. in den Opelvillen (Rüsselsheim), Museum Angewandte Kunst (Frankfurt) und der Photon Galery (Ljubljana) zu sehen, sowie in anderen Solo-und Gruppenausstellungen.

Ausstellung: 15. Januar — 27. Februar 2022 in den Vitrinen im Fernzugbahnhof Harburg, Hannoversche Str. 85, 21079 Hamburg; kvhbf.de

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