
Zwischen Teheran und Hamburg: Wenn man den Raum betritt, den Termeh Yaghoubi mit ihrer Kunst öffnet, spürt man sofort dieses feine, elektrische Knistern zwischen Ankommen und Verlorensein. Nun stellt sie in Harburg aus.
Die 1989 in Teheran geborene Künstlerin, die sich über ihre Malerei, Grafik und Lyrik eine neue Existenz erkämpft hat, malt keine gefälligen Landschaften. Sie kartiert die Geographie des Inneren. „Ich hinterfrage den Zustand der Identität auf individueller, kollektiver und biologischer Ebene“, beschreibt Yaghoubi den Kern ihrer Arbeit. Ihre Leinwände sind Schauplätze eines unerbittlichen Ringens: Überlieferte Zeichen ihrer iranischen Heimat verschmelzen mit den abrupten Brüchen des Exils zu einer visuellen Wucht, die niemanden unberührt lässt.
Unter dem programmatischen Titel Second Skin verdichtet sich Yaghoubis aktuelles Schaffen nun in einer abschließenden Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof zu einer eindringlichen Materialschlacht der Gefühle. Nach gefeierten Stationen – etwa im Frühjahr in der Kunstklinik Eppendorf, wo ihre mehrfachen Serien bereits das Publikum in den Bann zogen – zeigt sich im September im Hamburger Süden die ganze Reife dieses Prozesses. Ihre Bilder funktionieren wie eine epidermale Membran: Sie atmen, sie schmerzen, sie zeigen die Narben von Migration und politischer Repression. Es ist jene kompromisslose Ehrlichkeit, die den schnellen, energischen Stil der Künstlerin auszeichnet. Hier wird Malerei zur physischen Notwendigkeit, zu einer zweiten Haut, die den Schmerz des Verlassenseins aushält und in pure, widerständige Schönheit transformiert.
Dass Yaghoubi diese radikale künstlerische Handschrift in Hamburg ungehindert entfalten kann, ist keineswegs selbstverständlich, sondern das Resultat einer solidarischen Kulturpolitik. Getragen vom INTRO-Förderprogramm der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, haben vor allem der Verein Künstler zu Gast in Harburg und der Kunstverein Harburger Bahnhof einen geschützten Raum geschaffen. Sie beweisen, dass die Hansestadt mehr sein kann als nur ein administrativer Transitort: Sie wird zum echten Exil für die Kunst. Harburg etabliert sich damit einmal mehr als lebendiger Außenposten für internationale, widerständige Stimmen, die den globalen Diskurs bereichern.
Wenn sich vom 11.-20. September nun die Türen für das große Finale von Second Skin im Kunstverein Harburger Bahnhof (über Fernzuggleis 3+4) öffnen, schließt sich ein Kreis aus Residenz, Schmerz und kreativer Selbstermächtigung. Es ist eine der dringendsten Ausstellungen dieses Herbstes – nahbar, politisch und von einer elektrisierenden ästhetischen Dringlichkeit.
Termeh Yaghoubi – Second Skin (Finale Werkschau der Residenz)
Kunstverein Harburger Bahnhof, Im Fernbahnhof über Gleis 3/4, Hannoversche Straße 85, 21079 Hamburg
Die Ausstellung läuft vom 11.-20. September. Informationen zu Öffnungszeiten und Eintritt finden Sie direkt auf der Website des Kunstvereins unter www.kvhbf.de.
auf Tiefgang dazu auch: „Ein Exil für die Kunst“ (26.07.2025) und Wer werden wir? (10.02.2026)
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