Die neue Spielzeit am Harburger Theater

Bühne des Lebens, Spiegel der Stadt

Comedian Harmonists sind Anfang 2027 zu erleben. (Foto Bo Lahola)

Harburg kann sich glücklich schätzen, nicht nur ein eigenes – sondern eben dieses Harburger Theater zu haben. Denn wenn sich im Herbst der Vorhang hebt, beginnt wieder weit mehr als nur eine neue Spielzeit.

Es ist der Startschuss für eine Saison, die den Anspruch hat, unsere Gegenwart in all ihrer Komplexität zu spiegeln. In einer Zeit, die sich oft rastlos und fragil anfühlt, antwortet das Harburger Theater mit dem, was wir am meisten brauchen: mit Orten der Begegnung, mit Geschichten, die unter die Haut gehen, und mit einem Humor, der befreit, statt nur zu betäuben.

Die kommende Spielzeit 2026/2027 versteht sich als ein lebendiger Dialog zwischen Tradition und Moderne, zwischen lokaler Verwurzelung und globalen Fragen. Intendant Axel Schneider und sein Team haben ein Programm zusammengestellt, das den Mut besitzt, unbequeme Themen – von ethischen Grenzfragen bis hin zur geschichtlichen Verantwortung – in das Zentrum zu stellen. Doch keine Sorge: Neben dieser intellektuellen Tiefe kommt die Leichtigkeit nicht zu kurz. Ob musikalische Hommagen, die direkt ins Herz treffen, oder kabarettistische Sezierungen des alltäglichen Wahnsinns – das Theater lädt uns ein, den Alltag für ein paar Stunden hinter uns zu lassen, um am Ende doch bereichert in ihn zurückzukehren.

Wir können uns also auf eine Spielzeit freuen, die ebenso neugierig wie mutig ist. Hier eine Vorschau auf eine Saison, die das Denken herausfordert, die Lachmuskeln beansprucht und die uns zeigt, dass das Theater vor unserer Haustür der beste Ort ist, um die Welt zu verstehen.

Das politische Theater in Harburg setzt in dieser Spielzeit auf zwei Schwergewichte, die den Finger direkt in die Wunden unserer Zeit legen. Es geht um die großen Fragen von Recht, Wahrheit und menschlicher Schuld – verpackt in eine Form, die niemanden unberührt lässt.

Wenn Ferdinand von Schirachs neues Stück „Sie sagt. Er sagt.“ die Bühne der Hamburger Kammerspiele betritt, ist das mehr als nur eine Aufführung – es ist ein ethisches Experiment für das Publikum (19.02. bis 27.02.2027). Das Stück greift ein gesellschaftliches Dilemma auf, das aktuell so schmerzhaft wie kaum ein zweites ist: Die Unmöglichkeit einer absoluten Wahrheit in Fällen sexualisierter Gewalt, wenn Aussage gegen Aussage steht. Intendant und Regisseur Axel Schneider, der bereits bei „Gott“ bewies, wie man philosophische Grenzfragen inszeniert, wählt hier einen präzisen, kammerspielartigen Ansatz. Die Presse beschreibt den Abend als „aufrüttelnd“ und betont, dass die Urteilsfindung untrennbar mit unseren eigenen gesellschaftlichen Vorurteilen verknüpft ist.

Ferdinand von Schirach, der als ehemaliger Strafverteidiger eine einzigartige Perspektive mitbringt, verweigert in seinen Texten stets die einfache Moral. Sein Ziel ist nicht das Urteil, sondern der Diskurs. Die Zuschauer*innen werden hier zu Schöffen, die ihr eigenes Gerechtigkeitsempfinden permanent hinterfragen müssen. Die Inszenierung ist laut Hamburger Abendblatt eine Fortführung dieses anspruchsvollen, moralischen Theaters, das das Harburger Publikum in den letzten Jahren schätzen gelernt hat.

Den zweiten Ankerpunkt setzt die Uraufführung „Nächstes Jahr Bornplatzsynagoge“ (19.03. bis 27.03.2027). Dieses Stück von Axel Schneider ist ein notwendiger lokaler Reflex auf das jüdische Leben in unserer Stadt. Es erzählt die Geschichte eines Sohnes, der die Lücke im Hamburger Stadtbild – die zerstörte Bornplatzsynagoge – als Symbol einer tiefen gesellschaftlichen Leerstelle begreift.

Dass dieses Stück gerade jetzt, zeitgleich zum Voranschreiten der Pläne für den Wiederaufbau, auf dem Spielplan steht, macht es außergewöhnlich. Die Uraufführung wurde bereits mit minutenlangem Beifall gefeiert, was zeigt, dass auch das Harburger Theater den Nerv der Zeit trifft. Schneider gelingt hier eine Gratwanderung: Er verknüpft das große historische Trauma der Shoah mit der sehr persönlichen, fast intimen Suche eines Einzelnen nach Identität und Glauben in einer Stadt, die ihre Geschichte mal verdrängt, mal mühsam aufgearbeitet hat.

Beide Inszenierungen zeigen gerade in diesen Zeiten deutlich, dass das Theater hier nicht nur unterhalten möchte, sondern auch einen Resonanzraum schaffen. Es ist dieser Mut, sich nicht hinter leichten Stoffen zu verstecken, der das Profil des Hauses in der Spielzeit 2026/2027 so scharf zeichnet.

Musik, Nostalgie und Comedian

Neben intellektueller Schärfe des Gerichtsdramas lädt der Spielplan aber auch zur emotionalen Einkehr ein. Musik ist am Harburger Theater schon längere Zeit weit mehr als eine atmosphärische Untermalung; sie ist ein Schlüssel zur Geschichte, der uns über die Ohren direkt ins Herz führt.

Besonders herausragend in dieser Spielzeit ist die Inszenierung der „Comedian Harmonists“ (09.01. bis 16.01.2027). Die Geschichte des legendären Sextetts ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Vom euphorischen Aufstieg in den Berliner Clubs der 1920er Jahre bis hin zum schmerzhaften Berufsverbot für die drei jüdischen Mitglieder durch das NS-Regime im Jahr 1935.

Was diese Inszenierung so besonders macht, ist das kreative Wagnis: Jan-Christof Scheibe haucht Klassikern wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“ neues Leben ein, indem er sie mit einer Prise modernem Boyband-Feeling versieht. Dass dieses Regie-Debüt ausgerechnet von der Schauspielerin Cornelia Schirmer verantwortet wird, die selbst mit ihrem Duo „Cocodello“ Furore macht, verspricht eine Inszenierung, die genau weiß, wie man die Balance zwischen musikalischer Präzision und emotionaler Wucht hält. Das NDR 90,3 Kulturjournal lobte bereits, dass der Abend „direkt ins Herz“ gehe und am Ende kaum ein Auge trocken bleibe.

Diese musikalische Ader des Theaters zieht sich wie ein roter Faden durch den Spielplan, denn auch die Sonderveranstaltungen setzen auf diese tiefgehende Verbindung von Biografie und Klang:

Nina Simone with Love (31.12.2026): Die Künstlerin Love Newkirk würdigt die Ikone des 20. Jahrhunderts und spannt den Bogen von Jazz und Soul bis hin zu Simones politischem Widerstand gegen Rassismus.

Musik war meine erste Liebe – Eine Hommage an Udo Jürgens (14.02.2027): Eine Hommage an Udo Jürgens, bei der Eric Paisley und Heidrun von Goessel durch das Leben und die Hits des unvergessenen Komponisten führen.

Gustav Peter Wöhler Band (11.04.2027): Mit einer Mischung aus Pop-Klassikern und One-Hit-Wonders feiert die Band ihre 25-jährige Bühnenpräsenz, wobei Wöhler seine Musik stets mit persönlichen Anekdoten verknüpft, die das Publikum regelmäßig zu Standing Ovations bewegen.

Es ist diese Kombination aus musikalischer Virtuosität und der Lust am Storytelling, die diese Spielzeit ausmacht. Musik wird hier zum Vehikel für Lebensgeschichten – mal nostalgisch-beschwingt, mal politisch-kämpferisch, aber immer nahbar und mitreißend.

Comedy und Kabarett mit Tiefgang

Wenn das Lachen im Hals stecken bleibt, um dann in befreiender Ironie zu explodieren, dann sind wir im Bereich Comedy und Kabarett angekommen. Das Programm der Spielzeit 2026/2027 in den Hamburger Kammerspielen und am Harburger Theater beweist, dass Unterhaltung kein Synonym für Flachheit ist.

Foto: Bo Lahola

Der Tatortreiniger – Staffel 2 (29.01. bis 06.02.2027): Mizzi Meyers Kultfigur Schotty kehrt zurück, um in vier neuen Folgen in den Abgründen der menschlichen Existenz zu putzen. Die Episoden sind weit mehr als Comedy: Ob Schotty in einem Maklerbüro für Religionen über das Paradies philosophiert oder einen sadistischen Geschäftsführer in einer Consulting-Firma demaskiert, hier wird das Absurde zum treffenden Gesellschaftskommentar.

Alfons: Le Best Of (15.11.2026): Der „Deutschen liebster Franzose“ seziert mit seinem messerscharfen journalistischen Blick und der unverwechselbaren orangefarbenen Trainingsjacke die deutsche Nachrichtenlage. Alfons widmet sich seiner lebenslangen Mission: Dem Versuch, das Mysterium der Deutschen in freier Wildbahn endlich zu entschlüsseln.

Andreas Rebers: rein geschäftlich: BILANZ (23.01.2027): Rebers liefert tanzbare Kapitalismuskritik und nachhaltige Heiterkeit in einer Republik, die sich selbst gerade etwas verloren hat. Seine wortgewaltige Präsenz erinnert an die Glanzzeiten eines Dieter Hildebrandt oder Gerhard Polt.

Heike Feist: Alle Kassen, auch privat (16.03.2027): In einer furiosen Dreifachrolle verwandelt Feist den Theatersaal in eine Hausarztpraxis, in der Risse im Gesundheitssystem und die Pharmaindustrie gleichermaßen ihr Fett wegkriegen.

Thomas Freitag: Rückzug über die Minen der Ebene (21.04.2027): Mit schauspielerischem Talent setzt Freitag einen Schlusspunkt und entlarvt die menschliche Hybris, die unsere Errungenschaften – von KI bis Reichtum – regelmäßig in Missbrauch verwandelt.

LaLeLu: Urlaub vom Hirn (02.10.2026): Die A-cappella-Comedy-Profis bieten eine therapeutische Auszeit von der digitalen Welt: Zwei Stunden ganz ohne Geräte, Stecker oder Empfang.

Johann König: Heute ein König (26.02.2027): König kombiniert den familiären Irrsinn seines Alltags mit leuchtenden Gedichten und „wahnwitzigen Wortwellen“, die ein regelrechtes Synapsenfeuerwerk beim Publikum auslösen.

Dieses Programm ist ein kräftiges Plädoyer für den Humor als Widerstandskunst. Es sind die Spiegelungen unseres eigenen, oft überlasteten Alltags, die hier – mal mit sanfter Ironie, mal mit beißender Schärfe – in Unterhaltung verwandelt werden.

Das Kinderprogramm

Theater ist ein Abenteuer, das idealerweise schon im Kindesalter beginnt. Das Harburger Theater stellt in der Spielzeit 2026/2027 sicher, dass auch die jüngsten Zuschauer*innen voll auf ihre Kosten kommen – mit Stoffen, die so zeitlos wie liebevoll inszeniert sind.

Michel aus Lönneberga (29.11. bis 20.12.2026): Astrid Lindgrens Klassiker bringt die Abenteuer vom Hof Katthult in Småland auf die Bühne. Die Inszenierung fängt Michels neugierige und aufgeweckte Art ein, bei der trotz bester Absichten – wie etwa dem Versuch, Fleischsuppe aus der Schüssel zu lecken – am Ende meist ein lustiger Schlamassel steht.

Der kleine Rabe Socke – Alles meins (01.12. bis 27.12.2026): Basierend auf den Büchern von Nele Moost und Annet Rudolph, befasst sich dieses Stück mit einem Thema, das alle Kinder kennen: Teilen und Freundschaft. Der Rabe Socke lernt hier auf seine Weise, dass Reichtum an Spielzeug wertlos ist, wenn man niemanden hat, mit dem man ihn teilen kann – eine wichtige Botschaft für das junge Publikum.

Dieses Kinderprogramm setzt auf spiel- und verwandlungsfreudige Ensembles, die komplexe soziale Themen wie Freundschaft, Missgeschicke und das Miteinander in eine mitreißende und komische Form übersetzen.

Die Spielzeit 2026/2027 beweist, dass das Harburger Theater weit mehr als eine Unterhaltungsbühne ist. Es ist ein Ort der Begegnung, der es wagt, große historische Fragen mit den Absurditäten des Alltags zu verweben. Wer neugierig auf eine Theaterarbeit ist, die wachrüttelt, ohne die Leichtigkeit zu verlieren, findet hier ein Programm, das noch lange nachhallt.

Informationen und Karten:

Harburger Theater |Museumsplatz 2 | 21073 Hamburg

Programm & Tickets: online unter www.harburger-theater.de


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