2. Kongress der Herero und Nama in Hamburg zeigt Fortschritte

Die Bitte um Vergebung

Lothar von Trotha, hier 1904 in der Mitte sitzend in Keetmanshoop (Bild: Bundesarchiv)

Hamburgs Ruf als globale Handelsstadt hat auch Schattenseiten. Eine liegt im heutigen Namibia. Ein transnationaler Kongress in Hamburg ging nun einen weiteren Schritt, um sich der Geschichte zu stellen.

„Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld“, erklärte Generalleutnant Lothar von Trotha. Zwischen 1904 und 1908 verübten die deutschen Kolonialtruppen dann im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika einen Völkermord an den Volksgruppen der Herero und Nama, mit dessen schwerwiegenden Folgen die Nachfahren der Opfer bis in die Gegenwart hinein konfrontiert sind. Diese waren Thema des zweiten Transnationalen Herero- und Nama-Kongresses, den die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e. V. und die Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg zusammen mit dem zivilgesellschaftlichen Bündnis „Quo Vadis Hamburg“ Anfang April 2018 in Hamburg veranstalteten. Anlässlich des Kongresses lud der Senat dann auch zu einem Empfang ins Hamburger Rathaus, bei dem Senator Dr. Carsten Brosda um Vergebung für den Völkermord an den Ovaherero und Nama bat. „Wir bitten Sie um Vergebung. Wir können nicht rückgängig machen, was passiert ist. Aber wir können nach Versöhnung streben.“ Eine Geste mit Relevanz.

Der gewaltsamen Durchsetzung der deutschen Kolonialherrschaft fielen etwa 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama zum Opfer. Insgesamt starben bis zu 100.000 Menschen; Männer, Frauen und Kinder; die meisten von ihnen ließen die deutschen Truppen elendig in der Wüste verdursten und verhungern. Die Überlebenden wurden enteignet, in Lager interniert, misshandelt, vergewaltigt und zu harter Zwangsarbeit gezwungen. Viele überlebten diese brutale Behandlung nicht. Die Folgen des Genozids sind bis heute in Namibia spür- und sichtbar. Der Völkermord ist ein gesamtgesellschaftliches Trauma, das auch hundert Jahre später psychologisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch nachwirkt.

Beim Kongress standen nun eben damit zusammen hängenden Fragen im Vordergrund: Welche Rolle hat Hamburg beim ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gespielt? Welche Spuren der Kolonialgeschichte finden sich im Stadtraum und was passiert mit den erinnerungspolitischen Leerstellen? Zum zweiten Transnationalen Herero- und Nama-Kongress hatten die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e. V. und die Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg zusammen mit dem zivilgesellschaftlichen Bündnis „Quo Vadis Hamburg“ eingeladen. Erstmalig zu Gast in der Hansestadt war eine Delegation von Vertreterinnen und Vertretern der Herero und Nama, die sich im Rahmen der Konferenz mit diesen und anderen Fragen auseinandersetzten.

Dass Hamburg in der Geschichte des Genozids an den Herero und Nama eine Schlüsselrolle zukommt, steht wissenschaftlich mittlerweile außer Frage. Die Hafenstadt war die koloniale Handelsmetropole des Kaiserreichs. So war es auch die Hamburger Kaufmannschaft, die 1883 – am Vorabend der Berliner West-Afrika-Konferenz (1884/85) – mit einer Denkschrift an den Reichstag appellierte, deutsche Kolonien in Afrika zu errichten. Der damalige Präses der Hamburger Handelskammer Adolph Woermann dominierte mit seiner Deutsch-Ost-Afrika-Linie jahrzehntelang den Linienverkehr nach Ostafrika und führte später auch die Truppentransporte in die Kolonien durch.

Die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte Hamburgs wurde vor rund zwanzig Jahren durch verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen, insbesondere durch das Engagement der Black Communities und People of Color angestoßen. 2014 entschloss sich der Senat, die Aufarbeitung des kolonialen Erbes systematisch anzugehen. Zur Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlage wurde an der Universität Hamburg die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die frühe Globalisierung“ eingerichtet, deren Finanzierung Anfang März von der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung um weitere fünf Jahre verlängert wurde. Die Hamburger Museen haben sich in verschiedenen Ausstellungen und Projekten dem Thema angenommen und auch bei der Kontextualisierung der zahlreichen unkommentierten Kolonialdenkmäler in der Stadt gibt es erste Fortschritte. So wurde jüngst in Jenfeld an der denkmalgeschützten Lettow-Vorbeck-Kaserne eine Informationstafel über General Lothar von Trotha angebracht, die seine Verantwortung an dem Völkermord an den Herero und Nama klar benennt.

Im Rahmen der Tagung gab die Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung zudem bekannt, dass der Hamburger Senat die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die frühe Globalisierung“ für weitere fünf Jahre mit einer Million Euro finanziert. Die zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank erklärte auf einer Pressekonferenz im Beisein von Kultursenator Dr. Carsten Brosda, Universitätspräsident Prof. Dr. Dieter Lenzen und Prof. Dr. Jürgen Zimmerer betonte den national wie international hervorragenden Ruf, den die Forschungsstelle genieße und begründete die Fortsetzung der Finanzierung mit der exzellenten Arbeit, die Jürgen Zimmerer und sein Team in den vergangenen Jahren geleistet hätten und ihrem hervorragenden internationalen Ruf.

Seitens der Beteiligten der Forschungsstelle hieß es, man freue sich über die Wertschätzung unserer Arbeit und das Bekenntnis des Senats, die Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Hamburg fortzusetzen.

Auch die Vertreter*innen der Ovaherero und Nama, sowie die Arbeitsgruppe Quo-Vadis-Hamburg?, Veranstalter*nnen des 2. Transnationalen Ovaherero und Nama Kongresses in Deutschland dankten den Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg für ihre außerordentliche Gastfreundschaft.
Hamburg spiele eine zentrale Rolle im Zuge des transatlantischen Versklavungshandels sowie in der Zeit des europäischen und deutschen Kolonialismus. Daher begrüßten die Beteiligten die Haltung der Hamburger, sich der historischen Verantwortung der Stadt zu stellen.

Insbesondere würdigen wir die offizielle Entschuldigung des Senators für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, für die entscheidende Rolle der Stadt im Völkermord an den Ovaherero und Nama von 1904 bis 1908.
Ebenso schätzen wir die Entschuldigung des Dekans des UKE, Prof. Koch-Grohmus, im Namen seiner Institution, die aus unethischen und rassistischen Gründen die Friedrichsberger Sammlung menschlicher Überreste des Ovaherero und anderer kolonisierter Menschen übernommen hat.
Wir haben zur Kenntnis genommen, dass das Hamburger Museum für Völkerkunde etwa 1700 Objekte und 1000 Fotografien aus dem ehemaligen „Deutschen Südwestafrika“ (Namibia) in seinem Besitz hat. Wir begrüßen die Einrichtung des Forschungszentrums „Hamburgs (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die frühe Globalisierung“ an der Universität Hamburg und ihre Anstrengungen, transnationale Projekte zu ermöglichen.
Wir möchten die Freie und Hansestadt Hamburg ersuchen, ihren Sitz im Bundesrat sowie ihre politischen Einflussmöglichkeiten auf die Bundesregierung zu nutzen, um die Anerkennung des Völkermords an Ovaherero und Nama herbeizuführen. In diesem Zusammenhang möchten wir auch nachdrücklich auf unseren Wusch hinweisen, dass der Ovaherero Paramount Chief Vekuii Rukoro und Gaob Johannes Isaack, Chief der Nama Traditional Authorities Association, das Volk der Ovaherero und der Nama bei allen Verhandlungen über die Frage des Völkermords vertreten.
Wir freuen uns auf eine ehrliche und konstruktive Zusammenarbeit von Ovaherero und Nama einerseits und der Afrikanisch-Schwarzen Community und weiterer zivilgesellschaftlicher Akteure andererseits mit dem Senat. Diese enge Zusammenarbeit in allen Fragen, die das koloniale Erbe Hamburgs betreffen, sehen wir als unverzichtbare Voraussetzung für einen erfolgreichen Prozess zur Dekolonialisierung der Stadt.
Wir, die VertreterInnen von Ovaherero und Nama, sowie die Arbeitsgruppe Quo-Vadis-Hamburg? hoffen sehr, dass die Stadt Hamburg die Zusicherungen des Senats in konkreten Schritten umsetzt.

Weiterführende Links: www.hamburg.de/bkm; Die Welt; kolonialismus.uni-hamburg.de

 

 

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