SuedKulturler gegen die kulturelle Abstinenz (7)

Ulrike Burbach: Der Stadttänzer

Foto: Egils Mednis / Pixabay

Kann man in dieser fragmentierten, von Technologie bestimmten Zeit noch Geschichten erzählen?

Vielleicht sind sie nötiger denn je, meint Autorin Ulrike Burbach. Denn Geschichten sind zutiefst verwoben mit unserer Erfahrung und Identität und haben deshalb eine verbindende Wirkung. Zumal diese Großstadt Geschichten von einem absurden, existentialistischen Gefühl geprägt sind. Aus der Sicht der Existenzphilosophie ist der Mensch zur Freiheit verurteilt und muss sich seinen Sinn selbst suchen. Dabei kann uns unsere Freiheit in bizarre, uneindeutige Situationen führen, in denen wir uns schwer zurechtfinden: so wie ein arbeitsloser Tänzer, der in einer Art Gewahrsamsanstalt landet …

Von Ulrike Burbach

 

Wieder einmal sitzt einer von ihnen vor mir.

Dieser hier ist klein, sehr blass, wirkt aber durchtrainiert. Vor Allem seine Blässe fällt mir auf, sie scheint noch betont zu werden durch den dunkelroten Kapuzenpullover, den er trägt und die noch rotere Trainungshose. Seine nackten Füße stecken in ausgelatschten Sandalen und ich bin sofort fasziniert von ihnen, ich habe noch nie solche Füße gesehen: sie erscheinen mir wie modelliert, als hätte ein Bildhauer an ihnen gearbeitet.

Er räuspert sich, es klingt fast, als ob er auf den Zweck unserer Zusammenkunft aufmerksam machen will und sofort hebe ich gehorsam meinen Blick und sehe in sein ansprechendes Gesicht mit klugen, grauen Augen. Mit einem Mund, der, obwohl er noch geschlossen ist, von einer außergewöhnlichen Beharrlichkeit und Stärke zu sprechen scheint.

Aber ich bemerke auch, wie erschöpft er ist und biete ihm etwas zu trinken an. Er wählt Tee.

Ich muss die Getränke bestellen und während wir auf sie warten, wird er langsam ungeduldig. Mit nervösen Bewegungen wirft er sich auf dem Stuhl herum; natürlich, seine Lage ist alles andere als angenehm, deswegen sitzt er hier ja vor mir.

Endlich kommen die Getränke, sein Tee und für mich als passionierte Kaffeetrinkerin kommt nur das Eine infrage, dann beginne ich das Gespräch.

„Herr Kortimer, Sie wissen, warum Sie hier sind?“

Er begehrt sofort auf, als hätte ich in etwas Wundes gestochen. Eine winzige Röte schießt in sein Gesicht und er antwortet in scharfem Tonfall.

„Nein, das weiß ich nicht! Ich habe nichts getan!“

„Nun, das sehen wir etwas anders“, sage ich und werfe noch mal einen Blick in seine Akte. „Hier steht etwas von der Erregung öffentlichen Ärgernisses und Hausfriedensbruch. Vom unerlaubten Abspielen von…“

„Quatsch!“, fällt er mir ins Wort. „Alles Blödsinn! Ich war in einer Notlage. Und die Leute, die mir zugesehen haben, waren begeistert!“

„Das mag sein“, räume ich ein, „trotzdem ist nicht erlaubt, was Sie getan haben. Sie haben sich und Andere damit in große Gefahr gebracht.“

Wahrscheinlich denkt er von mir, dass ich ihm die üblichen Vorhaltungen mache, während ich bloß meine Rolle spiele, damit die Dinge möglichst schnell uhd reibungslos weitergehen können wie gewohnt. Aber er täuscht sich. Es gibt keine Rolle. Ich bin irritiert. Fasziniert. Und das kommt in meinem Beruf nicht so oft vor. Vom ersten Augenblick unserer Begegnung an teilt mir ein bislang unbekannter Bereich in meinem Inneren mit, dass er nicht so ist wie die anderen Kerle, die in regelmäßigen Abständen in genau diesem zellenartigen Raum vor mir sitzen, damit ich ein Gutachten über sie schreibe. Den anderen Insassen hier scheint oft etwas in ihrer Persönlichkeit verlorengegangen zu sein oder sie haben es nie besessen. Aber der hier hat etwas zuviel. Zuviel von was?

„Nein“, sagt er mit fester Stimme, „Sie irren.“

„Wie können Sie da so sicher sein?“, frage ich zurück.

„Ich kann das nicht erklären. Ich weiß es einfach.“

Und von diesem Zeitpunkt an schweigt er, als seien alle weiteren Erklärungen überflüssig. So müssen wir unsere erste gemeinsame Stunde an dieser Stelle beenden.

Als ich ihn das nächste Mal wiedertreffe, genau in demselben Raum, sieht der junge Mann fast ein wenig schmaler aus. Wie kann das sein? Isst er nicht genug? Ist es der Stress, sich hier in dieser Einrichtung zu befinden?

Er zittert fast. Als er nach seiner Tasse greift – diesmal habe ich die Getränke sofort bestellt – stößt er die seine um.

„Herr Kortimer, was ist los mit Ihnen? Sind Sie nervös? Geht es Ihnen nicht gut?“

Auf meine Fragen hin zuckt er bloß mit den Schultern. Nein, er ist immer noch nicht gesprächsbereit. Dabei wäre das so wichtig für ihn. Ich bestelle einen neuen Tee, die Tasse kommt zusammen mit einem Wischlappen, er soll die Lache aufputzen. Noch immer zittern seine Hände, als er die Aufgabe erledigt.

„Nehmen Sie Drogen?“

Er bricht in ein verächtliches Lachen aus.

„Drogen? Nee. Konnte ich mir nie leisten.“

Immerhin hat er geantwortet. Aber was genau meint er damit, „es sich nicht leisten zu können“? Bezog sich dieser Satz nur auf seine Finanzen? In seiner Akte steht, er lebe von Grundsicherung, besaß also bestimmt keinen Cent zuviel, als man ihn aufgriff.

„Mir fällt auf, dass Sie ständig in Bewegung sind. Dass Sie kaum stillsitzen können. Woran liegt das?“

„Zuwenig körperliche Betätigung“, antwortet er knapp.

„Zu wenig? Wie meinen Sie das? Es gibt doch auch hier Sportangebote.“

Er lehnt sich lässig zurück.

„Du lieber Himmel! Zweimal die Woche ganze zwei Stunden! Das ist doch so gut wie nichts!“

Mir kommt das nicht so sonderlich wenig vor; ich wünschte, ich würde es zweimal pro Woche zum Sport schaffen. Aber offensichtlich ist er mehr gewohnt. Woher rührt das? Mir kommt eine Idee.

„Waren Sie vielleicht vorher bei der Bundeswehr?“

Sein Gelächter klingt geradezu hysterisch.

„Bundeswehr?! Hahaha! Würde mir nicht im Traum einfallen, mit einer Knarre durch die Gegend zu laufen und Leute auf Befehl abzuschießen.“

Mag sein, dass sein Bild von der Bundeswehr etwas einseitig ist, aber im Grunde verstehe ich ihn, es war eine dumme Frage von mir. Zwar scheint er sehr kräftig zu sein, jedoch ist er ganz bestimmt keine Kampfmaschine. Was also hat es dann mit seiner Kraft auf sich?

„Mögen Sie mir verraten, warum Sie so viel Sport brauchen?“

Sein Blick leuchtet auf.

„Sport? Ich habe keinen Sport gemacht.“

Langsam werde ich sauer. Was soll das denn heißen? Kann er nicht mal ein bisschen auskunftsfreudiger sein? Als hätte er meine Gedanken gelesen, wiederholt er hartnäckig:

„Ich habe keinen Sport gemacht. Ich habe getanzt.“

Plötzlich beginnen mir die Dinge einzuleuchten. Natürlich, deshalb sein auf besondere Art so muskulöser Körper, seine ausdrucksvollen Füße.

„Sie meinen…Sie haben richtig professionell getanzt? Und dass der Tanz kein Sport ist?“

„Genau das meine ich.“

Ein Tänzer? So Jemanden hatten wir an diesem Ort noch nie, kein Tänzer hat je vor mir gesessen. Hier landeten in der Regel Jungs mit einem geringen oder gar keinem Schulabschluss, die irgendeine Berufsausbildung angefangen und wieder abgebrochen hatten, deren Familienverhältnisse meist mehr als traurig aussahen. Nur einmal in meiner ganzen Zeit war tatsächlich ein Abiturient unter ihnen gewesen.

Von Tänzern aber verstand ich nichts, sie waren für mich ein komplett unvermessenes Neuland. So saßen wir von einem Moment auf den anderen schweigend da, einander mit neuen Augen betrachtend. Ein grauer Tisch aus Kunststoff stand zwischen uns, zerkratzt, die eine Ecke voller undefinierbarer Flecken. Auch der Raum um uns her wirkte nicht viel anheimelnder in seiner kahlen, nüchternen Zweckmäßigkeit. Für Jemanden, der ein wenig Fantasie besaß, so wie dieser junge Mann mir gegenüber, musste dieses düstere Zimmer schrecklich sein, oder? Diente es ihm in seiner Leere vielleicht als Leinwand?

„Welchen Schulabschluss haben Sie?“

Das hatte ich natürlich in seiner Akte nachgelesen, aber ich wollte, dass er mir seinen ganzen Werdegang erzählte. Von Anfang an.

„Realschule.“

„Und dann?“

„Amsterdam.“

„Was?“

„Ich bin nach Amsterdam gegangen. An eine Schule für Tänzer. Sie haben mich dort genommen. War nämlich nicht so einfach, man musste eine Aufnahmeprüfung machen. In Deutschland hat das nicht geklappt, aber in Amsterdam haben sie mich genommen.“

„So, Amsterdam. Wie alt waren Sie denn da?“

„Siebzehn.“

„Und was haben Ihre Eltern dazu gesagt?“

„Welche Eltern?“

„Damit wollen Sie wohl sagen, Sie hatten keine mehr?“

„Genau das. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, er hat sich wohl schon vor meiner Geburt aus dem Staub gemacht. Das jedenfalls hat mir meine Mutter so erzählt. Für sie war es wohl auch nur eine kurze Affaire, denn sie war Tänzerin in einer hochrangigen Kompanie. Eigentlich hatte sie für eine Familie gar keine Zeit. Als sie mich bekam, hat sie zwangsläufig kürzergetreten in ihrem Beruf. Später dann hat sie keinen Einstieg mehr gefunden. Da hat sie sich umgebracht.“

Ich sehe, wie sein Körper wiederum in heftige Bewegung gerät, seine Hände fahren hierhin und dorthin auf dem grauen Tisch, von ihm herunter und wieder hinauf. Auch seine Füße stehen nicht mehr still.

„Und trotz des Schicksals Ihrer Mutter haben Sie denselben Beruf gewählt?“

Plötzlich ist er wieder ruhig. Sein Blick wandert nach innen.

„Ja, das ist sicher schwer zu verstehen. Ich habe bei meiner Oma gelebt. Ich war schon immer viel bei meiner Oma, die extra aus einer anderen Stadt hierhergezogen ist, denn meine Mutter hatte, auch als sie noch lebte, wegen ihres Trainings nie sehr viel Zeit für mich. Man kann als Tänzer sein Training nämlich nicht lange aufgeben, wenn man irgendwo noch eine Chance haben will.“

Er seufzt.

„Mit meiner Oma kam ich ganz gut klar. Aber sie war eben auch schon alt. Als ich nach Amsterdam ging, war sie schon so alt, dass sie sich nicht mehr richtig um mich kümmern konnte. Da fand ich es besser, zu gehen.“

Das verstand ich. Nicht schon wieder bei Jemandem sein, der nicht richtig für einen sorgen konnte oder wollte. Besser, das hinter sich zu lassen. Aber warum ausgerechnet dieser Beruf, der schon die eigene Mutter unglücklich gemacht hatte?

„Das werden Sie nicht begreifen“, wiederholte er. Es klang verstockt, ablehnend, fast aggressiv.

„Warum nicht? Versuchen Sie`s doch.“

Und dann brach es aus ihm heraus:

„Jemand, der den ganzen Tag hinter seinem Schreibtisch hockt, der nur irgendwelche Formulare ausfüllt und Papiere bekritzelt. Der die Zeit damit totschlägt, in anderer Leute Leben herumzuwühlen.

Der begreift das nie! NIE!!“

Sein Tonfall hatte sich immer mehr gesteigert, die letzten Worte hatte er in höchster Erregung hinausgeschrien. An dieser Stelle hatte ihn seine Erinnerungen überwältigt und ich wusste, dass er jetzt zu aufgewühlt war, um ein weiteres vernünftiges Wort zu sagen. Für heute war es genug. Deshalb schloss ich das Gespräch nun ab und verabschiedete mich von ihm. In Kopfhöhe war ein Fenster angebracht, durch welches einige Sonnenstrahlen fielen, als ich das nächste Mal zu ihm kam. Sie erhellten die graue Zweckmäßigkeit unseres Treffpunktes und bewirkten ein wenig mehr Freundlichkeit, ließen aber gleichzeitig weitere trostlose Einzelheiten erkennen: den abgenutzten Boden etwa oder die tanzenden Staubkörner, die von der mangelhaften Pflege dieses Raumes zeugten.

Auch mein Schützling erschien mir bei dieser Gala – Beleuchtung noch plastischer. Heute trug er ein enges, kurzärmeliges Shirt und die Muskeln seiner Arme und seines Oberkörpers sprachen ihre eigene Sprache.

„Ich nehme an, Sie vermissen Ihr Training.“

Er sah überrascht auf und ich bemerkte, dass ich mit meiner Frage ins Schwarze getroffen hatte. Es stand ihm geradezu ins Gesicht geschrieben.

„Ich werde veranlassen, dass Ihnen ein Trainingsraum zur Verfügung gestellt wird, wenn Ihnen das was nützt.“

Ich nippte an meinem Kaffee, der Anstaltskaffee war immer nur lauwarm, aber ich brauchte ihn trotzdem, um meine Stunden hier zu überstehen. Außerhalb der Anstalt arbeitete ich als Psychologin in einer eigenen Praxis, aber ich wurde häufig als Gutachterin für einer der Insassen hier angefordert. Da das auffällige Verhalten bei Jugendlichen langsam überhandnahm, hatte die Stadt solche Heime eingerichtet, um frühzeitiger eingreifen zu können und weitere Schäden zu verhindern. In dieser Einrichtung lebten männliche Jungerwachsene, deren zukünftige Entwicklung zweifelhaft erschien. Und jedesmal, wenn sich Unklarheiten ergaben über die Dauer eines Verbleibs, den psychischen Zustand eines Internierten, dann sollte meine Beurteilung helfen, die Zukunftschancen dieser Person besser einzuschätzen.

Mir machte meine Arbeit als Psychologin Spaß, auch die als Gutachterin, aber sie war oft ebenso anspruchsvoll wie anstrengend. Mein Tänzer hier vor mir zählte vielleicht sogar zu den minderschweren Fällen – nur narzisstisch gestört aufgrund schwieriger Familienverhältnisse, gestörte Impulskontrolle usw. – aber gerade deswegen war es besonders wichtig, seine sozialen, emotionalen und auch finanziellen Hintergründe zu erforschen, denn er besaß gewiss gute Voraussetzungen für einen nicht allzu langen Aufenthalt hier. Was man nicht von jedem der Insassen behaupten konnte; manchmal war es durchaus besser, sei für eine längere Zeit dazubehalten. Mein Vorschlag elektrisierte ihn sichtlich. Seine beständigen, fahrigen Bewegungen wirkten plötzlich koordinierter und zielgerichteter.

„Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass Ihr Trainingsraum so schön sein wird wie die, die Sie vielleicht gewohnt sind. Auch können wir keinen Tanzlehrer für Sie engagieren. Aber der Raum wird groß genug sein und auch über eine Musikanlage verfügen..“

Ich hatte da schon einen passenden Ort im Kopf; da, wo manchmal für diejenigen, die sich gerade im Haus aufhielten, etwas Partyähnliches stattfand.

„Trauen Sie sich zu, dort allein zu trainieren?“

Er nickte. „Das bin ich gewohnt.“

Das wiederum überraschte mich. „Tatsächlich? Bislang hatte ich gedacht, Tänzer trainierten gemeinsam.“

„Ja, oft ist das auch so. Aber in meinem Fall nicht.“

Das klang überraschend hart, ein messerscharfer Tonfall zerschnitt die Luft zwischen uns und

machte mir deutlich, dass ich auf etwas Entscheidendes gestoßen war.

„Was ist in Ihrem Fall anders?“, hake ich nach.

„Ach, alles!“, wehrt er plötzlich ab, sein Blick verschließt sich, er kreuzt die Arme vor der muskulösen Brust, seine Beine beginnen wieder ihre ziellose Aktivität.

„Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mir helfen“, gab ich zu bedenken.

Doch er hatte den Kopf abgewandt und starrte auf die Tür. Ein paar Tage lang hatte ich anderweitig zu tun bis ich mich zum nächsten Gespräch mit ihm aufmachte. Natürlich standen uns nicht eine unbegrenzte Anzahl solcher Gesprächsstunden zur Verfügung, die Stadt wollte schließlich gleichzeitig sparen. Deshalb mussten wir jetzt langsam zur Sache kommen. Er wirkte ruhiger als die ersten Male, an denen ich ihn besucht hatte. Erneut saßen wir uns an dem grauen Tisch gegenüber, vor ihm stand der obligatorische Tee, ich trank meinen Kaffee.

„Wie kommen Sie mit dem Trainingsraum zurecht?“

„Gut.“

Eine gewohnt knappe Antwort, aber ich hatte ganz kurz in seinen Augen etwas aufblitzen sehen, einen kleinen leuchtenden Punkt, einen Funken Hoffnung. Es war nicht ganz einfach gewesen, die Leitung dieser Einrichtung von dem Ansinnen zu überzeugen, aber ganz offenbar hatte dieser Vorstoß gelohnt.

„Erzählen Sie mir bitte ein bisschen mehr.“

„Was gibt es da zu erzählen?“

„Ganz einfach! Ich schreibe ein Gutachten über Sie, wie Ihnen wohl bekannt sein dürfte. Wie das ausfallen wird, hängt ganz entscheidend von Ihrer Mitarbeit ab. Und davon wiederum hängt ab, wieviel Zeit Sie hier drinnen verbringen und wie Ihre Möglichkeiten nach Ihrer Rückkehr aussehen werden. Außerdem bedenken Sie bitte, dass wir hier mit einer bestimmten Zeitvorgabe arbeiten und wenn Sie Ihre Chance zum Gespräch vertun, wird es so schnell keine neue geben.“

Bei diesen klaren Worten zuckte er zusammen. Dann gab er sich einen Ruck.

„Zum Teufel! Was wollen Sie wissen?“

„Sie kommen mit Ihrem Solo – Training anscheinend gut zurecht. Ist das nicht ungewöhnlich?“

Er machte eine Handbewegung, die offenbar ein Abwägen ausdrücken sollte.

„Wahrscheinlich. Ich weiß es nicht so genau. Jedenfalls kenne ich niemanden, der sonst alleine trainiert. Aber ich habe den Kontakt zu anderen Tänzern ziemlich verloren.“

Das erstaunte mich, hier schien in einem ungewöhnlichen Leben noch eine besondere Situation vorzuliegen.

„Warum haben Sie keine Kontakte mehr? Warum?“

Wieder dieses beharrliche Schweigen. Ich nahm in dieser Zeit einen Schluck von der lauwarmen, braunen Brühe und schwor mir, das nächste Mal endlich eigenen Kaffee mitzubringen.

„Was ist passiert?“

Meine Stimme klang hart und klar. Und dann kam endlich seine Geschichte. Jedenfalls ein Anfang davon.

„Ich…äh, nach meiner Ausbildung in Amsterdam…ich habe da die Abschlussprüfung nur knapp bestanden, sie…äh, sagten, dass mein Körper, also nicht so…so geeignet wäre zum Tanzen, dass ich nicht genügend Kraft entwickelt hätte und ich es deshalb wohl schwer haben würde in diesem Beruf…“

Seine Stimme war immer leiser geworden.

„Und? Haben Sie anschließend ein Engagement bekommen?“

„Äh…nein – das war es ja! Ich habe mich immer wieder bemüht, mich immer wieder beworben. In der halben Welt war ich deswegen unterwegs. Habe als Aushilfskellner gearbeitet, um diese ganze Reiserei bezahlen zu können. Meine Oma hat mich unterstützt bis sie gestorben ist. Als sie starb, musste ich wieder nach Deutschland zurück. Es war schrecklich, sie war jetzt tot und in der letzten Zeit, als es ihr schon so schlecht ging, konnte ich sie gar nicht mehr besuchen. Aber was hätte ich denn tun sollen? Was denn?!“, schrie er plötzlich seine ganze Verzweiflung heraus. Ich unterbrach ihn nicht

„Mit dem Tanzen kann man nicht so einfach aufhören!

Wenn Sie ein halbes Jahr lang keine Gutachten schreiben, verlieren Sie nicht gleich all Ihre Fähigkeiten, die Sie sich erworben haben. Aber ein halbes Jahr ohne Tanz? Ende im Gelände! Deshalb konnte ich nicht einfach dableiben bei meiner Oma. Ich musste doch auch an mich denken!“

Sein Ausbruch hatte mich erschüttert, tatsächlich konnte ich nur knapp meine gewohnte Distanz wahren. Ich sah, wie seine Hände zitterten, als er die Teetasse aufnahm, ich sah, wie die Flüssigkeit an den Rändern hochschwappte. Meine Finger bebten ebenfalls, ich hielt sie unter dem Tisch.

„Ihre Oma ist gestorben. Wie ging es dann weiter?“

„Ich hatte eben keine weiteren Angehörigen. Meine Eltern sind tot bzw verschwunden. Kann sein, dass mein Vater irgendwo noch lebt. Aber was sollte ich mit ihm, er hat sich nie für mich interessiert und er war kein Thema bei uns, solange meine Mutter noch lebte. Ich habe mir, ehrlich gesagt, auch nie Gedanken um ihn gemacht. Meine Heimat war der Tanz, schon immer war es so gewesen.“

„Wann haben Sie angefangen zu tanzen?“

„Oh – als Kind schon. Wie gesagt, meine Mutter war Tänzerin, sie hat mich mitgenommen zu verschiedenen Tanzveranstaltungen. Das war für mich nichts Ungewöhnliches, sondern Teil meines Lebens. Erst später habe ich begriffen, dass das für die meisten Menschen ganz anders ist, dass sie gar keinen Zugang zum Tanz haben. Ich jedenfalls habe mich im Theater immer sehr wohlgefühlt. Dann habe ich meine Mutter mal bei Gelegenheit gefragt, ob ich auch Tanzunterricht haben könnte. Sie hat sich natürlich gefreut, dass mich das interessiert, für sie war das etwas ganz Selbstverständliches.“

„Da hat Ihre Mutter also noch gelebt?“

„Ja, natürlich. Das mit dem Selbstmord kam erst später, da war ich schon etwas älter. Warum nur hat sie das getan?! Es war furchtbar! Furchtbar!…“

Mühsam rang er nach seiner Fassung.

„Sie haben aber trotzdem weitergetanzt.“

Er begann sich zu räkeln, Arme und Beine auszustrecken, als wollte er sich von einer unerträglichen Spannung befreien. Da bekam ich einen Eindruck davon, wie beweglich er war, wie grazil und ausdrucksvoll, selbst, wenn er nicht tanzte. In diesem Augenblick beeindruckte er mich sehr und ich begann zu begreifen, welches Kraftzentrum der Tanz in seinem Leben darstellte und dass man diesen jungen Mann nicht einfach in einen anderen Arbeitsbereich umpflanzen konnte, ohne seine Wurzeln zu zerstören.

„Ja“, sagte er dann, „ich habe weitergetanzt. Es mag merkwürdig klingen, aber ich glaube, dass der Tanz für mich etwas ganz Anderes ist, als er für meine Mutter war. Sie war tatsächlich so etwas wie eine Ballerina, klein und zart und doch mit einem kraftvollen Körper beschenkt. Sie liebte vor Allem die alten Märchenballette mit ihrer zuckersüßen Ästhetik. Das gefiel ihr. Die unerwartete, ungewollte Schwangerschaft mit mir war für sie eine Katastrophe, ein Dilemma. Sie hätte aber niemals abgetrieben, das kam für sie nicht infrage. Ihr war das passiert und nun musste sie damit zurechtkommen. Doch hatte sich ihr Körper während der Schwangerschaft verändert. Nur sie selbst konnte sich nicht verändern.

Ich verstand ihre unbedingte Liebe zum Tanz. Das ist etwas ganz Wunderbares, immer wieder Einmaliges, das müssen Sie mir glauben. Und etwas ganz Anderes, ein völliger Gegensatz zu dieser funktionalen, technischen Welt, in der wir sonst leben, mit all ihrer Mechanik, Oberflächlichkeit und Austauschbarkeit. Wer wirklich tanzt, der sieht in eine andere Welt.“

An dieser Stelle legte er eine Pause in seinen Bericht ein, als ob er einen Moment von seiner Anstrengung verschnaufen müsste. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann sprach er weiter.

„Ich habe eine andere Auffassung vom Tanz als meine Mutter. Für mich ist er sehr viel dynamischer und expressiver, ein Aufschrei, eine Explosion von Energie. Und das sage ich, obwohl man mir mangelnde Kraft bescheinigt hat. Aber inzwischen weiß ich es besser. Lange genug habe ich mit meinem eigenen Tanz experimentiert.“

Ich sehe auf meine Uhr, die Stunde ist vorbei, wir müssen das Gespräch ein anderes Mal fortsetzen. Aber das Eis scheint nun gebrochen.

Seine Geschichte beginnt jetzt, mich auch in meiner Freizeit zu beschäftigen, und ich fange an, mir Bücher über den Tanz zu besorgen. So etwas ist mir während meiner gesamten Arbeitszeit noch nicht passiert; bisher habe ich es immer verstanden, so viel Abstand zu meinen Klienten zu bewahren, wie nötig.

Zu meiner nächsten Verabredung mit ihm gehe ich mit einem Kopf, der mit Wörtern und Bildern vom Tanz vollgestopft ist. Doch er erscheint gar nicht und lässt mir durch Jemanden vom Betreuungspersonal ausrichten, er sähe in weiteren Gesprächen keinen Sinn. Alles Wesentliche habe er bereits mitgeteilt und im Übrigen sähe er wenig Veranlassung zu der Hoffnung, er käme bald frei. Auch sein Training hier in der Anstalt empfände er als sinnlos.

Gebrochenes Eis? Ich seufze laut. Warum ist seine Motivation jetzt so völlig zusammengebrochen? Warum überwiegt seine gewaltig Hoffnungslosigkeit? Vertraut er mir nicht genug?

Oder ist hier in der Anstalt etwas geschehen, etwas Besonderes, das ihn aus der Bahn geworfen hat? Ich erkundige mich diesbezüglich beim Personal, doch die wissen (angeblich) nichts.

Da sitze ich nach einer Viertelstunde noch immer an dem grauen Tisch allein, warte und bitte den Betreuer, ihm das auszurichten. Eine weitere Viertelstunde vergeht, in der absolut nichts passiert. Nicht mal der Betreuer erscheint wieder. Schließlich habe ich genug, erhebe mich und verlasse das Heim.

„Jetzt haben wir ein Mal weniger zur Verfügung! Warum um alles in der Welt haben Sie die letzte Stunde verweigert?“

Ich schreie fast, höre ich verwundert. Wo bleibt mein professionelles Verhalten? Bin ich deshalb so aufgeregt, weil mein großes Engagement an der Wand vor mir zu zerschellen droht? Aber immerhin ist er diesmal erschienen. Wenn auch nicht gerade in bester Verfassung.

„Hat doch alles keinen Sinn!“, mault er. Heute wirkt er ungepflegter, nachlässiger gekleidet, die Haare strähnig. Wieder diese fahrigen Bewegungen.

„Hat es hier Ärger gegeben?“

„Nee.“

Vielleicht hatte das Wachpersonal beim letzten Mal doch die Wahrheit gesagt. Mir dämmert inzwischen, dass der junge Mann möglicherweise auf direktestem Wege eine Depression ansteuert. Denn er arbeitet sich gerade zu seinen Schatten vor, die sein Leben so verdüstern. Ich hielte es für das Beste, wenn er auf seine Düsternis einen Blick werfen könnte mit meiner Hilfe – das würde ihm den Rücken stärken. Buchstäblich.

Plötzlich hörte ich mich sagen: „Ich habe mir gestern Fotos von Tänzern angesehen. Ich muss sagen, so langsam beginne Ihre Leidenschaft für den Tanz zu verstehen. Es ist eine unglaubliche Energie, die euch Tänzer beseelt. Sie dürfen ganz bestimmt stolz auf sich sein..“

Jetzt hebt er endlich den Kopf und ich sehe in seine müden Augen. Vielleicht kann er auch nicht schlafen.

„Ich meine das sehr ernst. Mit dieser Energie in Ihrem Leben werden Sie nicht aufgeben.“

Er scheint überrascht von meinen Worten. Möglicherweise sogar berührt.

„Wie meinen Sie das?“, fragt er vorsichtig.

„Ich meine, dass Sie hier ganz sicher nicht bleiben werden. Dass Sie die Kraft aufbringen werden, in die Welt zurückzugehen und dort Ihr Leben zu leben.“

Mit seinen beweglichen Händen fährt er auf dem Tisch herum.

„Naja, das klingt ja wirklich toll“, meint er in resigniertem Tonfall. „Aber was soll ich damit anfangen in dieser Welt? Keine Kompanie nimmt mich, ich fliege schon immer gleich in den Vorrunden raus. Es ist einfach nicht auszuhalten!“

„Tun Sie auf keinen Fall das, was Ihre Mutter getan hat!“

„Ja, das sagt sich so leicht. Manchmal empfinde ich ihre Tat wie einen schwarzen Sog, ein entsetzlich tiefes, schwarzes Loch, in das ich eingesaugt werden soll. Manchmal scheint es fast stärker zu sein als ich.“

„Nein, es ist nicht stärker. Tanzen Sie! Denken Sie an den Tanz!“

„Aber wie kann ich das denn, wenn mich keiner haben will?“

Damit endet diese Stunde. Sofort steht er auf und geht hinaus, kaum, dass ich mich von ihm verabschieden kann. Bevor ich die Anstalt verlasse, schreibe ich einen Vermerk, damit die Betreuung ihn besonders im Auge behält.

„Wieviele Stunden habe ich noch?“

Das ist das Erste, was er mich beim nächsten Mal fragt.

„Ich habe mir das überlegt“, sage ich, „ich werde eine Verlängerung für Sie beantragen.“

Das scheint ihn zu beruhigen.

„Wenn Sie gut mitarbeiten“, schiebe ich hinterher.

Aber ich sehe, dass es ihm wirklich nicht gutgeht. Violette Schatten liegen um seine Augen, außerdem scheint er weiter abgenommen zu haben. Er klagt, dass er nicht richtig schlafen könne, dass ihn Albträume plagten, in denen er seiner Mutter begegne, die versuche, ihn in ihren Abgrund zu locken.

„Dies ist die Verbindung zu Ihrer Mutter“, sage ich, „aber Sie werden eine andere finden. Halten Sie durch! Ich werde veranlassen, dass man Ihnen abends etwas zur Beruhigung gibt.“

Trotz all dieser besorgniserregenden Schwierigkeiten glaube ich, dass er auf einem guten Weg unterwegs ist. Auch, wenn es für ihn im Augenblick schwer ist, Fuß vor Fuß zu setzen.

„Das letzte Mal sprachen wir darüber, dass Sie kein Engagement finden“, versuche ich anzuknüpfen.

„Was glauben Sie, woran liegt das eigentlich?“

Er zuckt mit den Schultern. So hoch ist das Zucken, dass die Schultern einen Moment lang fast neben seinen Ohren landen.

„Irgendeine Idee müssen Sie doch haben.“

Er wirkt furchtbar niedergeschlagen. „Es gibt immer welche, die besser sind, jünger, hübscher, mit mehr Erfahrung…es gibt so viele von ihnen“, seufzt er.

„Ist das nicht frustrierend?“ Dieser Eindruck ist förmlich mit Händen zu greifen. Instinktiv wende ich mich von ihm ab und meinen Kaffee zu. Der Becher ist gerade leer. Wie üblich habe ich vergessen, meinen eigenen Kaffee mitzubringen und ärgere mich entsetzlich. Dabei nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, dass es mir gelungen ist, ihn zu überraschen.

„Na, was glauben Sie wohl? Es war einfach grauenvoll! Schließlich hatte ich auch kein Geld mehr.“

Für ihn kommt noch ein Becher Tee, über den er jetzt herfällt, als habe er seit Tagen nichts mehr getrunken. Dann fährt er mit seinem Bericht fort.

„Irgendwann hatte ich genug von diesem ganzen Stress. Ich zweifelte daran, dass ich überhaupt irgendetwas konnte. Ich zweifelten an Allem.“

Ich sah ihn mitfühlend an. „Das muss eine schlimme Zeit für Sie gewesen sein.“

„Ja, sehr schlimm. Es war einfach schrecklich, ein Albtraum! Meine Oma starb und ich beschloss, wieder nach Hause zu gehen. Nach ihrem Tod war ich immerhin rechtmäßiger Eigentümer ihrer Wohnung. Ich zog dort also wieder ein, das fiel mir auch nicht gerade leicht, das kann ich Ihnen versichern. Ich musste einen Neuanfang machen und das auch noch ganz allein.“

„Hatten Sie denn niemanden, der zu Ihnen gehörte?“, frage ich leise.

„Zu mir gehört!“ Sein sarkastischer Tonfall ist nicht zu überhören.

„Eine Freundin habe ich nicht, wenn Sie das meinen. Und selbst mit meinen Kumpels ist es nicht so einfach. Ich entspreche nicht ganz dem üblichen Bild, nicht dem, was Männer sonst so machen: Fußball und Kraftsport interessieren mich überhaupt nicht. Glücklicherweise gab es trotzdem immer ein paar, die mich so nehmen konnten, wie ich nun mal bin. Aber mehr als eine Handvoll sind es wirklich nie gewesen. Manchmal kam ich mir vor, als stammte ich vom Mars. Mit Tanz kann niemand was anfangen. Oft hieß es, mach doch was Anderes, wenn es mit dem Tanzen nicht klappt.“

Obwohl ich die Antwort bereits kenne, frage ich noch einmal nach:

„Und das kam für Sie nicht infrage?“

„NEIN! Never! Meine Mutter mag er umgebracht haben, aber mir rettet er das Leben! Ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn ich nicht mehr tanzen könnte. Ich tanze, weil ich lebe, so schauts aus.“

„Komisch“, sagt er dann nach einer kleinen Pause, „bei Ihnen habe ich nie das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich glaube, Sie sind der erste Mensch in meinem Leben, bei dem mir so etwas passiert.“

Ein schöneres Geschenk hätte er mir nicht machen können. Gleich am Eingang empfängt mich einer der Betreuer mit dem Hinweis, dass mein Klient heute nicht im Besuchsraum zu finden sei, sondern in seinem Trainingsraum, der ihm vom Haus aus zur Verfügung gestellt wurde. Der Mann bringt mich dorthin. Der Raum liegt im Keller, wir steigen Treppen hinunter bis wir in einen Gang kommen, in dem Heizungsrohre an der Decke entlanglaufen. Neonlicht brennt. Es ist kein ansprechender Ort, aber als wir den Trainingsraum betreten, bemerke ich, dass er für seine Zwecke durchaus geeignet ist.

Zum ersten Mal sehe ich ihn in Bewegung. Die Musik läuft, es ist irgendwas Technoartiges, ein hämmernder Rhythmus, darüber liegt sehr viel Elektronik. Ich finde, dass diese Musik einen großartigen Kontrast bietet zu dem, was ich von meinem Tänzer sehe: kleine, feine Tanzbewegungen, immer wieder angehalten und unterbrochen, es wirkt eigenartig, wie zeitlich verzerrt.

„So haben wir ihn auch gefunden, da auf dem Dach, als Jemand die Polizei deswegen gerufen hatte“, erinnert sich der Betreuer. Dann fragt er, ob wir unsere Sitzung hier abhalten wollen. Als ich nicke, verschwindet er.

Herr Kortimer stellt die Musik aus und setzt sich auf den Boden. Sein Gesicht ist schweißnass, er greift zu einem Handtuch, das in Reichweite liegt und trocknet sich ab. Währenddessen hole ich mir einen Hocker, der in einer Ecke steht.

„Toll!“, sage ich als ich sitze. „Ich verstehe zwar nicht viel von Tanz, trotzdem sah es für mich ganz toll aus.“

„Danke“, antwortet er, „das habe ich mir selbst beigebracht.“

Ich sehe in sein Gesicht. Er wirkt heute gelöster, entspannter und sieht auch nicht so müde aus. Vermutlich tun die Beruhigungsmittel ihren Dienst.

„Erzählen Sie.“

Während ich versuche, es mir auf dem Hocker gemütlich zu machen, beginnt er einen weiteren Bericht. „Naja, das mit den Engagements klappte ja nicht und als ich zurück in Omas Wohnung war, musste ich mir überlegen, wie es weitergehen sollte. Ich nahm dann wieder einen Kellnerjob an, mit dem hatte ich schließlich Erfahrung. Man verdient keine Reichtümer damit, aber es langte, wenn ich sparsam lebte. Schließlich musste ich ja keine Miete zahlen.

Also kellnerte ich am Abend und tagsüber hatte ich frei. Was sollte ich mit diesen Tagen tun? Wie sollte ich mit dem Tanz weitermachen? Lohnte sich das überhaupt noch? Nachdem ich mir immer wieder hatte anhören müssen, dass aus mir nichts werden könnte?“

Eine Pause entstand, er sah sich in dem Kellerraum um, als fände sich die Lösung seiner Probleme dort in irgendeiner Ecke. Ich ließ ihm Zeit, wartete aber auf die Fortsetzung.

Heute saßen wir auf dem Trockenen. Hier unten wurden keine Getränke hingeliefert.

„Omas Wohnung ist nicht ganz klein, ich meine, nicht für eine Person. Ich habe das Wohnzimmer ausgeräumt, die Möbel waren eh voll schrecklich. So entstand Platz. Und dort habe ich angefangen. Ich habe mir einen großen Spiegel besorgt und aufgestellt. Jeden Tag habe ich mich darin angesehen, wie ich mich bewegte. Welche Wirkung das hatte. Zu welcher Musik.

Anfangs dachte ich, das hat überhaupt keinen Sinn, was ich da mache. Total daneben! Aber trotzdem habe ich aus irgendeinem Grund nicht mehr aufgehört und im Laufe der Zeit merkte ich, dass ich vorankam und so wurde diese ganze Sache dann höchst spannend.“

„Und das haben Sie jeden Tag ganz allein für sich selbst gemacht?“

Mir bleibt fast der Mund offenstehen. Was für Ausdauer und eine Disziplin! Welche Motivation! Das war in etwa so, als wenn ich mir nach meinem Psychologie – Studium ganz allein ein psychotherapeutisches Setting hätte aneignen müssen ohne Garantie auf Erfolg. Oder Geld. Naja, war es nicht tatsächlich auch ein bisschen so gewesen?

Plötzlich wird die Tür aufgerissen und eine Putzkolonne erscheint.

„Tut uns leid, dass wir unterbrechen müssen, aber sonst kommen wir mit unserem Plan nicht durch. Und auf dem steht, dass dieser Raum jetzt dran ist.“

Seufzend erhebe ich mich. Der Hocker ist mit der Zeit auch nicht bequehmer geworden. Herr Kortimer nimmt sein Handtuch, deutet einen Abschiedsgruß an und ist verschwunden. Mich wundert seine Hast. Dann verlasse ich die Anstalt und fahre noch einmal in meine Praxis.

Endlich kann ich diesen langen Arbeitstag abschließen. Als ich erschöpft nach Hause komme, klingelt das Telefon. Am Apparat ist die Anstaltsleitung, die mir mitteilt, dass mein Tänzer an diesem Nachmittag einen Ausbruchsversuch unternommen hat. Sie nennen mir die Uhrzeit, es muss kurz nach dem Ende unseres Gesprächs im Trainingsraum gewesen sein. Offenbar ist er abgehauen, weil die Stunde wegen der Unterbrechung durch die Putzkolonne früher zuende war und er unbeaufsichtigt von den Betreuern gewesen ist.

Man fragt mich, was für einen Eindruck ich von ihm zu diesem Zeitpunkt hatte. Aber ersteinmal möchte ich wissen, wo er sich jetzt aufhält. Im Hause, ist die Antwort. Er sei nicht weit gekommen, man habe ihn aufgegriffen bei seinem Versuch, über die Mauer der Anlage zu klettern. Den Hörer in der Hand und noch im Mantel muss ich mich erstmal setzen.

„Herr Kortimer machte einen sehr günstigen Eindruck auf mich und das nicht nur heute“, sage ich.

„Er ist außergewöhnlich motiviert und zielstrebig auf seinem einmal eingeschlagenen Weg. In meiner Gegenwart habe ich ihn nie aggressiv erlebt. Aber bislang hat er es recht schwer gehabt. Noch kenne ich nicht seine ganze Geschichte, aber er scheint mir eher wenig Veranlassung zu bieten, ihn dauerhafter zu internieren.“

„Sie glauben nicht, dass er gefährlich ist? Oder selbst gefährdet?“

„Seine möglichen Selbstmordabsichten kann ich noch nicht richtig einschätzen. Aber eine Gefährdung für Andere? Das halte ich für ziemlich ausgeschlossen.“, resümiere ich.

„Meinen Sie nicht, dass er noch einen weiteren Fluchtversuch unternehmen wird?“

„Nein, das denke ich nicht“, antworte ich, obwohl ich das natürlich nicht ausschließen kann und lege auf. Warum habe ich nicht ganz wahrheitsgemäß geantwortet? Mir ist, als arbeitete auch ich konsequent auf ein Ziel zu, nicht nur der Stadttänzer. Tage später lege ich in meiner Wohnung eine kurze Pause ein, um endlich einen ordentlichen Kaffee zu kochen. Gerade bin ich aus meiner Praxis gekommen und auf einem weiteren Weg in die Anstalt, da ist mir der Kaffee soeben noch rechtzeitig eingefallen. Mit der Thermosflasche unterm Arm erscheine ich auf die letzte Minute, Herr Kortimer erwartet mich tatsächlich schon. Ich bin überrascht.

„Seit diesem Ausbruchsversuch überwachen die mich ständig hier!“, klagt er als Erstes, kaum, dass ich in der Tür erschienen bin. „Das geht mir total auf die Nerven! Was soll der Scheiß? Was um Himmels Willen habe ich eigentlich getan?!“

„Das wissen Sie doch wohl selbst am besten.“

Ich biete ihm von meinen selbstgebrauten Getränk an, er entscheidet sich tatsächlich gegen seinen Tee und probiert eine Tasse. Es scheint ihm zu schmecken.

„Sie wurden auf einem Hausdach aufgegriffen bevor man sie hierherbrachte. Man kann nicht so einfach auf Dächern herumspazieren, das ist Ihnen bestimmt klar, oder? Und es war nicht zum ersten Mal!“

„Ich bin da nicht herumspaziert, wie Sie es auszudrücken belieben. Ich habe dort getanzt. Hoch über der Stadt.“

„Ja, deswegen nennt man Sie den Stadttänzer“, sage ich leise.

„Jetzt habe ich also einen Namen“, sagt er genauso leise.

„Den haben Sie. Ja, Sie haben inzwischen einen Namen.“

Ich sehe zu ihm, wie er da thront, mir gegenüber in seinem roten Kapuzenpullover. Heute sitzen wir wieder in dem üblichen Besprechungsraum. Ja, er ist Jemand, er strahlt etwas aus, er will etwas. Er verfolgt ein Ziel, dem er sich mit Leib und Seele verschrieben hat. Auch, wenn es schwer zu erreichen ist.

„Erzählen Sie mir davon“, bitte ich ihn. „Erzählen Sie mir davon, wie Sie auf die Idee gekommen sind, auf den Dächern zu tanzen.“

„Ich bin schwindelfrei“, sagt er und sieht mich an.

Schwindelfrei. Welche Freiheit muss das sein; mir wird schon in kleinsten Höhen schwindelig. Ich weiß, dass ich mich mit seiner körperlichen Energie und Spannkraft in keinster Weise messen kann, das wäre nicht mal in meiner Jugend möglich gewesen. Trotzdem weiß ich: auch ich bin ein Jemand für ihn, er verlässt sich auf mich.

„Schon als Kind konnte ich – zum großen Entsetzen meiner Mutter und eines noch größeren meiner Oma – in die höchsten Höhen klettern ohne Angst zu haben. Ich habe mich immer über die anderen Kinder gewundert, die sich so etwas nicht trauten. Diese Fertigkeit blieb mir bis heute erhalten und sie war mir bei meiner Tanzausbildung immer wieder von Nutzen. Es gab nämlich ein Fach „Akrobatik“ , in dem gewagte Sprünge und Klettereien geprobt wurden.“

Für einen Augenblick verstummte er, dann folgte ein Seufzer. „Daran habe ich mich erinnert, als es mir so schlecht ging, als ich nicht wusste, was ich tun sollte und verzweifelt nach einer Lösung suchte.“

„Und das war die Lösung?“

„Ja, das war sie. Ich wollte einen Raum für mich, in dem ich mich zeigen konnte, ich wollte ein Publikum…“

Wieder wurde er still, die Stille breitete sich aus wie Ringe im Wasser, die nach allen Richtungen auseinanderstreben. In diesem Schweigen hallten seine Worte nach. Heutzutage schreien alle nach Aufmerksamkeit, fiel mir ein, oft werden dazu die absurdesten Methoden benutzt. Aber bei ihm schien mir der Grund tiefer zu liegen, er schien echter, dringender, existenzieller zu sein.

In diesem Moment wünschte ich mir sehnlichst, etwas für ihn tun, ihm irgendwie weiterhelfen zu können. Doch welche Möglichkeiten standen mir dafür offen? Eigentlich nur eine Einzige, nämlich die, mich für seine Freiheit einzusetzen. Aus irgendeinem Grund war ich davon überzeugt, nur so in seinem Sinne handeln zu können, obwohl ich immer noch nicht genau wusste, wofür er diese Freiheit verwenden würde.

Wir schwiegen weiterhin, als kämen wir mit Worten auf einmal nicht mehr vorwärts. Bis ich ihn dann fragte, wie er die Unternehmen auf den Dächern genau geplant hätte.

„Da innerhalb der Stadt nichts möglich war, nahm ich mir den Platz über der Stadt. Nachdem mir die Idee gekommen war, begann ich durch die Straßen zu laufen, um ein geeignetes Dach zu finden. Zu steil durfte es nicht sein. Wenn ich ein Passendes ausgemacht hatte, versuchte ich, in das entsprechende Haus zu gelangen. Manchmal stand die Haustür offen, manchmal habe ich irgendwo im Haus geschellt. Immer hat Jemand geöffnet.“

Er grinst lausbübisch, als freute ihn die Erinnerung an seinen Erfindungsreichtum.

„Und dann?“

„Dann? Nun, ich musste natürlich einen Zugang zu dem Dach finden. Durch eine Luke oder so. Und das so, dass sonst Niemand davon etwas mitbekam. Einmal musste ich mich schnell als Hausmeister ausgeben, obwohl ich weder einen Kittel trug noch Werkzeug in der Hand hatte. Glücklicherweise aber wollte es dieser Hausbewohner wohl auch nicht so genau wissen und ist dann weiter. So bin ich durch die Luke geklettert und habe mich auf dem Dach umgesehen. Schornsteine, Antennen – der Platz musste groß und frei genug sein zum Tanzen. Es war eine tolle Perspektive von da oben“, wieder grinst er in seiner Erinnerung“, oft glaubte ich, nur noch die Arme ausbreiten zu müssen, um fliegen zu können. Nur der endlose Himmel über einem. Ich musste mich aber auch umsehen, ob ich mich im Notfall irgendwo verstecken oder über andere Dächer verschwinden könnte, wenn die etwa die Polizei kommt, um mich zu schnappen.“

„Und das hat geklappt?“, frage ich misstrauisch. Solche waghalsigen Jagten quer über die Hausdächer kannte ich bestenfalls aus zweifelhaften Actionfilmen; ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass so etwas, trotz Akrobatik – Ausbildung, in der Realität funktionierte.

„Ja sicher. Die wenigsten Leute wollen über ein Dach klettern, das können Sie mir glauben. Nicht mal Polizisten. Deshalb konnte mich auch so schnell niemand einholen, wenn es tatsächlich mal brenzlig wurde. Es war großartig, wirklich, hat mir einen großen Kick gegeben. Und den hatte ich verdammt nötig.

Die Leute waren begeistert, als sie mich auf den Dächern tanzen sahen. Anfangs hat niemand zu mir hochgesehen, glauben Sie nicht, dass so schnell Jemand in die Höhe guckt.

Irgendwann fing dann aber doch einer damit an und sah zu mir nach oben. Und schließlich blieben immer mehr stehen.“

„Haben Sie Geld für Ihre Auftritte bekommen?“

„Eher nicht. Das war für mich auch erstmal nicht das Wichtigste, es ging mir um das Aufsehen, das ich erregte. Meist kam irgendwann die Polizei, da konnte ich schlecht absteigen und einen Hut rumgehen lassen. Dann wurde es Zeit für mich, meine Vorstellung zu beenden und zu verschwinden.“

Hatte ich ihn vorschnell beurteilt? Zuhause in meinem Sessel drängte sich diese Frage mir plötzlich auf. Bis jetzt hatte ich ihm die Freiheit gewünscht, jeder arbeitende Muskel seines Körpers schien danach zu gieren, schien für Sonne, Luft und Bewegung wie geschaffen. Es war, als hielte man einen Vogel im Käfig, aber vielleicht war er ja gar kein Vogel, sondern einer von diesen verrückten Lemmingen. Die sich notfalls in den nächsten Abgrund stürzten, wenn sie meinten, es ginge nicht mehr weiter. Konnte ich diesen Fall wirklich objektiv beurteilen? Ich mache es mir mit meinen Gutachten grundsätzlich nicht leicht und deshalb wurden bislang die Wenigsten zu einem Bumerang für mich. Es gab nur eine Angelegenheit, in der ich drastisch irrte: der Betreffende wurde mittels meiner Einschätzung auf freien Fuß gesetzt. Dafür hatte ich plädiert, weil er in den Sitzungen mit mir immer wieder Verantwortungsbewusstsein hatte erkennen lassen und sich einsichtig gezeigt hatte. Wenn dies nur eine Masche gewesen war, so hatte ich sie nicht durchschaut. Nachdem er entlassen worden war, brach er als Erstes in eine Bank ein und verletzte dabei zwei Angestellte. Weil er Geld gebraucht hatte, erklärte er, nachdem man ihn wieder gefasst hatte. Diesen Fall hatte ich als Warnung immer vor Augen. Jetzt drängte die Zeit. Ich hatte eine Verlängerung für die Gespräche mit dem Stadttänzer beantragt, sie wurde bewilligt und ist jetzt fast schon wieder abgelaufen. Ich musste nun zu einer Entscheidung kommen.

Am nächsten Tag treffen wir uns bereits wieder. Das Wetter ist heute grau und stürmisch, deshalb fällt ein kaltes Licht in den Besuchsraum und grau trifft es auf den grauen Tisch. Ich schalte die Neonbeleuchtung ein. Jetzt ist es zwar heller, aber das künstliche Licht wirkt keineswegs freundlich. Ich packe die Thermosflasche aus und gemeinsam trinken wir Kaffee.

Neugierig frage ich ihn: „Hatten Sie dort oben eigentlich keine Musik? Als ich Sie hier habe tanzen gesehen, lief doch auch Musik. Wie haben Sie das auf den Dächern gemacht?“

Er stellt seine Tasse ab.

„Zu Anfang habe ich mich nicht getraut, Musik zu verwenden. Es wäre zu auffällig gewesen. Ich musste erstmal selbst sehen, wie ich auf diesem Dach klarkam. Später habe ich dann eine Box mitgenommen. Sie besaß eine Größe, die ich gut auf dem Rücken tragen konnte mit einem Gurt, fast wie bei einem Rucksack. So hatte ich die Hände frei zum Klettern. Ich kam gut damit zurecht.“

„Schildern Sie mir bitte doch mal den gesamten Ablauf. Ich möchte ein Bild davon bekommen, wie so ein Unternehmen abgelaufen ist.“

„Was soll ich da sagen?“

Wieder wird er unruhig, wahrscheinlich möchte er von seinen Aktionen nicht so viel preisgeben, aber das kann ich ihm nicht ersparen.

„Zu welcher Tageszeit sind Sie dort hochgeklettert?“

„Na ja, in der Regel am frühen Abend natürlich. Wer guckt sich schon tagsüber Tanz an? Regnen durfte es selbstverständlich auch nicht, ich konnte das nur bei gutem Wetter machen. Der Winter wäre dafür nicht infrage gekommen.“

„Also sind Sie abends da hoch. Wie ging es dort oben weiter?“

„Wenn ich auf dem Dach war, habe ich meine Box erstmal irgendwo befestigt: an einer Antenne oder einem Schornstein oder so. Über mein Handy konnte ich die passende Musik abspielen. Zuhause hatte ich bereits ein Aufwärmtraining absolviert, sodass ich sofort anfangen konnte. Wenn dann die Musik startete, guckte schnell ein Passant von der Straße zu meinem Dach hoch. Ja, und dann habe ich mit meinen Vorführungen begonnen.“

„Und Sie hatten dabei nie Angst, abzustürzen? Und Andere womöglich mit zu verletzen?“

„Nee, hab ich doch schon erzählt. Wovor sollte ich denn Angst haben? Sie ahnen ja gar nicht, was das für ein Gefühl ist, da hoch oben über der Stadt. Diese Freiheit, wenn ich mich über alles erheben konnte!“

„Wie hat die Polizei Sie eigentlich aufgegriffen, wenn Ihnen niemand über die Dächer folgen konnte?“

„Das steht doch bestimmt in Ihren Akten.“

Er stützt die Ellenbogen auf den Tisch, es erinnert mich an einen aufsässigen Teenager.

„Erzählen Sie es mir trotzdem.“

„Die ersten Male kamen die immer über die Straße, in ihren Autos. Von oben habe ich die ganz klar eher gesehen als die mich. Es war ein Leichtes, mit so viel Vorsprung sich irgendwo zu verstecken. Oder den Fluchtweg zu benutzen, den ich vorher ausgekundschaftet hatte.“

„War es schwer, diese Fluchtwege zu finden?“

„Unterschiedlich. Kletterkünste brauchte es auf jeden Fall. Und Mut natürlich auch. Einmal musste ich über eine größere Lücke springen aufs nächste Dach rüber. Ehrlich gesagt, es hat nur ganz knapp geklappt, aber die Polizei war mir auf den Fersen und so habe ich es eben riskiert.“ Er grinst.

Ich schüttele den Kopf, vermutlich steht mir eine widerwillige Anerkennung ins Gesicht geschrieben. „Aber die wussten dann, wie es lief. Dass sie keine großen Chancen hatten, mich zu erwischen, wenn sie hinter mir herkletterten. Ihnen ist dann etwas Neues eingefallen. Und damit hatte ich nicht gerechnet.“

Jetzt ist die widerwillige Anerkennung in seinem Gesicht zu sehen.

„Was haben sie gemacht?“

„Die sind mit einem Heli aufgekreuzt. Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts. So schnell konnte ich mich gar nicht davonmachen. Die haben sich abgeseilt und schwupp – alles war vorbei. Ich musste  mit denen an einem Seil hoch in die Schraube.“

„Das dürfte Ihnen doch kaum viel ausgemacht haben.“

„Nee, höhenmäßig nicht, wenn Sie das meinen. Aber mit meinen Auftritten war es nun zuende.“

Ich sehe auf meine Uhr, die Stunde ist fast um.

„Ich habe Ihnen alles erzählt“, sagt er zu mir, „Sie wissen jetzt alles. Schreiben Sie nun das Gutachten über mich? Ich halte es hier drin nicht länger aus! Und wird darin stehen, dass Sie wollen, dass ich raus darf? Das haben Sie mir schließlich versprochen.“

„Ja, das habe ich.“

Ernst gucke ich ihn an, da wird sein Blick unsicher, flackernd.

„Aber?“, fragt er.

Die Tür geht auf, jemand vom Betreuungspersonal erscheint, um ihn abzuholen.

„Sie haben es mir versprochen!“, schreit er, als er mit dem Betreuer zusammen den Raum verlassen muss. Nach einer Minute des Abwartens stürze ich den beiden hinterher und sehe sie gerade noch am Ende des Ganges um eine Ecke biegen.

„Haaalt!“, rufe ich so laut ich kann. Meine Schreierei hallt in dem Gang hohl wider. Niemand antwortet, die beiden sind verschwunden.

„Bitte! Noch einen Augenblick! Es ist wichtig“, brülle ich völlig außer Atem und haste dabei um die nächste Ecke. Endlich sehe ich sie da vorn und die Köpfe drehen sich zu mir um. Der Betreuer bleibt mit dem Jungen stehen.

„Nanu? Was ist passiert? Was wollen Sie noch, die Stunde ist um.“

„Ja, ich weiß“, keuche ich, „ich muss das Gutachten jetzt schreiben. Eine wichtige Frage dafür ist noch unbeantwortet.“

Der Mann sieht auf seine Uhr und verzieht das Gesicht.

„Sie hatten wahrhaftig genug Zeit für den da“, er weist auf den Tänzer, „ich lass den nicht aus den Augen, der haut mir sonst wieder ab und ich bin meinen Job los.“

Der Stadttänzer schüttelt sich.

„Ich habe Ihnen alles erzählt“, wiederholt er noch einmal. „Sie müssen das Gutachten jetzt schreiben.“

„Ja“, sage ich, noch immer außer Atem, „darum geht es. Sie haben mir Ihre Situation geschildert, so, dass ich tatsächlich glaube, einen guten Einblick in Ihre Lage gewonnen zu haben. Aber mir ist nicht klar, was Sie tun werden, wenn Sie diese Anstalt verlassen haben. Wie wird es weitergehen mit Ihnen? Wo werden Sie als nächstes tanzen? Werden Sie doch noch in einer Kompanie unterkommen? Oder es erneut auf den Dächern versuchen? Oder werden Sie sich in Ihrer Verzweiflung sogar von Einem in die Tiefe stürzen?“

Er nickt. „Ja, das ist wahr.“

„Wir können Sie nicht länger über der Stadt tanzen lassen: der Stadttänzer muss hinein! Sehen Sie da einen Weg?“

Er gab mir keine Antwort, sondern stand nur da wie eine Salzsäule neben dem Mann vom Betreuungspersonal. Der allerdings wurde zusehends unruhiger. Ich fragte ihn noch einmal:

„Wie soll es mit Ihnen weitergehen? Helfen Sie mir auf die Sprünge.“

Noch immer blieb er mir die Antwort schuldig, obwohl ich jetzt seine innere Spannung sehen konnte, sie fast wie Elektrizität zu knistern hören glaubte. Warum sagte er nichts? Im selben Augenblick wusste ich die Antwort, als hätte er sie ausgesprochen: er kannte seine Zukunft genausowenig wie ich. Es gab keine Lösung. Außer der wohl ziemlich unwahrscheinlichen,

dass er in irgendeiner Kompanie mittanzen könnte.

Dem Betreuer reichte es jetzt.

„Kommen Sie, das hat doch keinen Sinn! Ich bringe jetzt Herrn Kortimer auf sein Zimmer zurück, schließlich habe ich heute auch noch etwas Anderes zu tun.“

Wir verließen einander ohne Abschied.

Am Abend des folgenden Tages saß ich mit einem Glas Rotwein über meinen Papieren. Bis zum Ablauf der nächsten Woche musste das Gutachten fertig sein. Keine weitere Gesprächsstunde stand mehr mit ihm auf dem Plan, denn sie waren alle aufgebraucht worden, einschließlich der Verlängerung. Erst, nachdem ich die Unterlagen eingereicht und die Entscheidung gefallen war, konnten wir uns noch einmal treffen, um darüber zu sprechen. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hatte ein Jugendrichter, unterstützt von einer Jury, die aus dem Betreuungspersonal bestand und einigen Leuten von der Stadtbehörde. Von meinem Gutachten hing viel, aber nicht alles ab, wie sie entscheiden würden.

Während ich da saß, Wein trank und grübelte, fiel mein Blick auf die Zeitung, die neben all den Papieren auf dem Schreibtisch herumlag. Zufällig war die Lokalseite aufgeschlagen und mein Blick blieb an einem Foto hängen. Es zeigte ein Tänzerpaar in einer atemberaubenden Pose: Werbung für einen Ballettabend am hiesigen Theater. Ich konnte nicht anders, ich schaltete den Computer ein und reservierte für mich eine Karte.

Tanz – in welcher Form auch immer – hatte mich nie interessiert. Es war wirklich das allererste Mal, dass ich mir so etwas ansehen wollte. Mit sehr gemischten Gefühlen fuhr ich also an dem besagten Abend ins Theater. Der Fall Kortimer berührte mich so stark, dass er meine bisherigen Widerstände weggesprengt hatte; vielleicht war es meine eigene Kinderlosigkeit, die eine solch starke Reaktion in mir provoziert hatte, denn ich befand mich jetzt in einem Alter, in dem ich einen erwachsenen Sohn hätte haben können. Vielleicht aber war es auch meine eigene, ziemlich brave Jugend gewesen, weit davon entfernt, etwas wirklich zu wagen wie der Stadttänzer, und die jetzt in eine immer größere Entfernung rückte….Vielleicht war es seine physische Präsenz, die ich noch nie bei Jemandem so intensiv erlebt und der ich nichts entgegenzusetzen hatte…

Nein, ich war nicht verliebt, um Himmels Willen, das hätte gerade noch gefehlt – ich war mir ganz sicher, dass sich die Dinge nicht so verhielten. Im Grunde war die Faszination, die von ihm ausging, nicht wirklich erklärlich; ich nahm an, dass ich sie durchstehen musste wie eine Erkältung. Es würde vorbeigehen. Aber noch steckte ich mittendrin. Ich saß auf meinem Sitz und der Vorhang ging in die Höhe. Und dann kam der Anruf.

Eigentlich war es mein freier Tag und ich nicht gerade davon begeistert, dass ich ihn wenigstens zum Teil opfern sollte. Der Stadttänzer bestand darauf, mich zu sehen. Ich überlegte hin und her. Natürlich hätte ich mich weigern können, vielleicht sogar sollen, denn unsere gemeinsamen Gesprächsstunden waren längst verbraucht, und ich hatte das Gutachten fast fertig, aber noch nicht abgeschickt. Trotz all meiner psychologischen Erfahrungen aber war es mir nicht möglich, ihn abzuweisen. Auch war ich zu neugierig, was in ihm vor sich ging.

Rein formal gesehen stattete ich ihm also einen Privatbesuch ab, als ich mich zur Einrichtung aufmachte. Die Tür ging auf, Herr Kortimer trat ein, während ich schon an meinem üblichen Platz in dem grauen Besprechungsraum saß und sofort fiel mir auf, dass er geradezu verjüngt wirkte. Obwohl er eine solche Veränderung in seinem Alter noch gar nicht nötig hatte. Er strahlte jetzt, so hatte ich ihn noch nie erlebt, er bewegte sich sicher und mir war, als sei ein Schmetterling aus seinem Kokon gekrochen.

„Toll, dass Sie tatsächlich gekommen sind.“

Er reichte mir eine Hand.

„Schon gut, ich sehe, dass es wichtig ist.“

Unvermittelt stand mir der Theaterabend vor Augen. Da öffnete sich die Tür erneut, diesmal kamt, ebenfalls in Begleitung eines Betreuers, eine junge Frau herein. Neugierig warf ich einen Blick auf sie. Sie war eher klein, schmal und mochte etwa in seinem Alter sein. Mir war sofort klar, dass sie ein Paar waren und sie schienen mir gut zusammenzupassen: sie wirkte unkonventionell in ihrer bunten Hose und dem Tuch, das sie um ihre Dreadlocks gebunden hatte. Mit ihrem klaren und intelligenten Blick bekannte sie sich von Anfang an rückhaltlos zu ihm.

Gemeinsam bewegten sie sich über die Bühne, mal miteinander, mal in einem Abstand zueinander. Ihre Bewegungen waren gleitend, fließend, so als schwämmen sie durch den Raum. Am meisten beeindruckte es mich, wenn sie ineinandersanken, es war, als habe die Schwerkraft aufgehört zu existieren.

„Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte die junge Frau zu mir, „aber ich musste mir erst Klarheit über mich selbst verschaffen.“

Meine Verblüffung konnte ich kaum verhehlen.

„Wann haben Sie sich kennengelernt? Warum haben Sie mir nichts von ihr erzählt?“, wandte ich mich an den Stadttänzer.

„Sie war im Publikum, als ich auf dem Dach tanzte“, erklärte Herr Kortimer. „Und das nicht nur einmal.“

„Ich war völlig fasziniert von seiner Idee.“ Ihr Stimme klang voll und voluminös, „einfach auf dem Dach zu tanzen. Und ja, auch er hat mich fasziniert“, sie lachte zu ihm herüber. „Aber das kam eigentlich erst ein bisschen später.“

Es war eine erschütternde Erfahrung für mich gewesen, diese offene Zurschaustellung von Liebe und Zusammengehörigkeit im Tanz zu erleben. Und doch hatte dieser Demonstration nichts Peinliches angehaftet; ebenso hatte ich ihre Scheu bemerkt, die ängstliche Zurückhaltung.

„Sie war einmal bei mir auf dem Dach“, erzähle der Stadttänzer die Geschichte weiter. „Während sich unten die Leute schon zerstreuten und ich meine Sachen zusammenpackte, weil die Polizei mal wieder anrückte, da kam sie zu mir.“

„Ja, wir haben uns dann gemeinsam hinter diesem großen Fabrikschornstein versteckt, weißt du noch?“, fiel sie lachend ein, „während sich die Bullen nicht so richtig auf das Dach trauten und die Suche schnell aufgegeben haben.“

Sie fassten einander bei der Hand, der Mensch vom Betreuungspersonal schaute großzügig weg, denn eigentlich waren körperliche Berührungen bis auf den Handschlag zur Begrüßung hier verboten.

„Wie entwickelte sich die Geschichte weiter?“, erkundigte ich mich.

„Na ja, er war anfangs ein bisschen zugeknöpft“, sagte das Mädchen.

Das konnte ich mir gut vorstellen. Nach all seinen Erfahrungen fasste der Stadttänzer sicher nicht sofort Vertrauen. Und mir hatte er das Mädchen verschwiegen, solange die Verbindung zwischen ihnen nicht sicher gewesen war.

„Eigentlich besaß ich auch schon einen Freund. Mit dem ist es aber in der letzten Zeit nicht so gut gelaufen. Ich musste das alles erstmal ein bisschen klarkriegen. Und ja – ich studiere Gesang. Das passt doch gut zusammen, Tanz und Gesang, oder nicht?“

Der Schluss hatte mich am stärksten ergriffen. Die Armbewegungen der Tänzerin erinnerten mich an das Flügelschlagen eines Vogels, die ausgebreiteten Flügel wie eine Wache über den Anderen. Für einen Augenblick sah ich in eine andere, leuchtende Welt.

„Wir bleiben zusammen“, sagte die junge Frau ernst. „Ich kümmere mich um ihn. Irgendetwas muss es in dieser Welt für ihn geben, daran glaube ich fest. Er hat mir seinen ganzen Jammer berichtet. Und zusammen können wir es schaffen.“

Doch wie wird das, was ich heute erfahren habe, noch einen Weg in mein Gutachten finden?

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