Ein Gespenst geht um in Harburg – das Gespenst der verpassten Möglichkeiten.
Seit der Schließung des Karstadt-Hauses klafft eine Wunde im Herzen des Stadtteils, ein leerstehender Gigant, der mehr sein könnte als nur eine Erinnerung an vergangene Konsumzeiten. Längst kursieren lebendige Visionen für eine kulturelle Wiederbelebung: Theaterbühnen, die sich entfalten, Kinoleinwände, die Geschichten erzählen, Literatur, die zum Austausch einlädt, Tanz, der den Beton zum Beben bringt, Musik, die die Stille durchbricht, und Kunst, die neue Perspektiven eröffnet. Ein pulsierendes Zentrum für Kultur, mitten in Harburg.
Doch die Realität scheint diesen Träumen einen kalten Wind entgegenzublasen. Die Fraktion der Linken in Harburg hatte dringende Fragen zur geplanten Zwischennutzung des ehemaligen Karstadt-Gebäudes an die Finanzbehörde gerichtet (Drs. 22-0561.01) – und die Antworten, die kamen, scheinen mehr Nebel zu werfen als Licht ins Dunkel. „Die Antwort der Finanzbehörde offenbart eine bemerkenswerte Intransparenz und lässt ein schlüssiges Konzept zur kostendeckenden Nutzung schmerzlich vermissen“, konstatiert die Partei.
Ein Kernproblem kristallisiert sich heraus: die Betriebskosten. Bereits Ende 2024 räumte die Sprinkenhof GmbH im Stadtentwicklungsausschuss ein, diese noch nicht zu kennen. Und die aktuelle Stellungnahme der Finanzbehörde? Sie schweigt sich weiterhin aus. Ohne eine klare Kalkulationsbasis aber, so argumentieren Kritiker, gleicht die mögliche Kostenumlage für potenzielle Zwischennutzer einem Blindflug.
Simon Dhemija, der kulturpolitische Sprecher der Linksfraktion Harburg, spitzt die Problematik zu: „Denn die pauschale Aussage, dass die Betriebskosten von der Anzahl und Art der Nutzungseinheiten abhängen, ist irreführend. Die explizite Frage nach der separaten Steuerung von Lüftungs-, Heizungs- und Wasseranlagen wird nämlich negativ beantwortet. Oder anders gesagt: man stellt Karstadt an oder aus.“ Diese „Alles-oder-Nichts“-Strategie in Bezug auf die Gebäudetechnik aber, so Dhemija, schränkt die Flexibilität und Wirtschaftlichkeit einer Teilnutzung erheblich ein. „Eigentlich müsste der Tenor lauten: umso mehr Fläche genutzt wird, um so effizienter!“
Auch die Kostenumlage für bereits erfolgte, temporäre Nutzungen wie des Museums oder den Flohmarkt Anfang März bleibt im Dunkeln. Statt detaillierter Abrechnungen werden lediglich „pauschale Vereinbarungen“ erwähnt, was eine nachvollziehbare Kostenverteilung unmöglich macht. Ebenso wenig wird transparent, welche Einnahmen durch diese Zwischennutzungen generiert wurden. Einblicke in die Wirtschaftlichkeit? Fehlanzeige.
Besonders brisant erscheint die Weigerung, den Berechnungsmodus für zukünftige Zwischennutzer offenzulegen. Die pauschale Verweisung auf „jeweilige Verträge“ und die Vereinbarung von „Pauschalen“ nährt den Verdacht, dass hier Intransparenz Methode hat. Eine nachvollziehbare Grundlage für eine faire Kostenbeteiligung? Scheint Mangelware.
Die abschließende Begründung der Finanzbehörde, aus Gründen des „Betriebs- und Geschäftsgeheimnisses“ von weiteren Informationen abzusehen, wirkt angesichts der Bedeutung einer öffentlichen Immobilie und dem Wunsch nach einer lebendigen kulturellen Zwischennutzung wenig stichhaltig. Hier geht es schließlich nicht um Wettbewerbsvorteile eines privaten Unternehmens, sondern um die Gestaltung öffentlichen Raumes und die Förderung kultureller Vielfalt.
Das Fazit der Linken fällt entsprechend deutlich aus: „Die Antwort der Finanzbehörde wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.“ Die fehlende Transparenz bei den Betriebskosten, die unklaren Umlageschlüssel und die Weigerung, zukünftige Berechnungsmodelle zu erläutern, deuten entweder auf ein anhaltendes Fehlen belastbarer Daten oder gar auf ein mangelndes, durchdachtes Konzept für eine kostendeckende Zwischennutzung hin.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Bleibt zu hoffen, dass in den zuständigen Behörden doch noch ein Umdenken stattfindet, dass die Chance erkannt wird, das ehemalige Karstadt-Gebäude in Harburg in einen pulsierenden Ort der Kultur zu verwandeln. Denn eine lebendige Innenstadt braucht mehr als nur Handel – sie braucht Orte der Begegnung, der Inspiration und der kulturellen Teilhabe. Harburg hätte es verdient, dass die Geister des leerstehenden Kaufhauses endlich einer lebendigen, kulturellen Zukunft weichen.
