Hamburger Firma bietet jetzt eine ökologische Variante der Toilettenhäuschen

„Ich bin mal kurz kompostieren!“

Plastik und Chemie sind schon Mist genug. Der Rest ist Kompost. Ökojen beim Kunstfest in Buxtehude.

Bei einem Festival aufs Klo zu müssen, kann widerlich sein. Zwei Jungs aus Hamburg bieten nun Holz statt Plastik und Bio statt Chemie. Und das fühlt sich sogar richtig gut an …

Es ist ein ausnahmsweise warmer Sommertag im August und in Buxtehude ist Kunstfest. Adrettes Publikum schlendert zwischen den Kunstständen umher. Man plaudert, genießt ein Glas Wein oder sinniert über das Bild vor Augen. Am Fleth auf einmal staune ich: drei wahrlich schön anzusehende Holzhäuschen rücken in mein Blickfeld. Keine Kunststände, kein Imbiss – nein: Klosetts. „Na da schau her“, denke ich. „Selbst die Dixi-Klos haben sie nett eingepackt.“ Von wegen! Auch innen alles aus Holz. Das ist doch mal eine Hausnummer. Kaum reingeblickt, schon im Test. Urinal und Abfluss aus Metall, sonst alles aus Holz. Accessoires: Klopapier aber auch Sägemehl. Daneben ein Schild: statt Wasser einfach Sägemehl drauf und gut.

Schnell wird klar: hier vollzieht man nicht das gemeinhin als „Stuhlgang“ bezeichnete Ritual. Nein. Modern und politisch korrekt „kompostiert“ man hier. So zu lesen an den „Ökojen“ – aus Öko und Koje. So nennen sie sich. Außen dann ein Spültisch – ebenso aus Holz. Das Wasser zum Handreinigen pumpt man mit dem Fuß.

Einladende Innenansicht (Fotos (5): Ökoje)

„Geht doch!“, denke ich. Und wir alle kennen dieses erleichternde Glücksgefühl das einen durchfährt, wenn man merkt: „das wurde aber auch Zeit, dass da mal jemand drauf kommt!“

Ich muss gestehen, dass ich als Mann nicht sonderlich hohe Ansprüche an das übliche Urinieren bei solchen Stadtfesten stelle. Frau wollte ich allerdings auch nie sein.

Nun also haben sich endlich Leute aufgemacht, Publikum und Veranstalter in einem der häufigen wenn auch nebensächlichen Eventthemen zu verwöhnen.

Harmonische Außenansicht

 

 

 

 

 

 

 

Die Fakten:

Die ökologischen Toiletten benötigen kein Wasser, keine Chemie, keinen Strom und werden ohne Anschluss an die Kanalisation genutzt. Die vermeintlichen Abfälle werden durch natürliche Kompostierung zu Humuserde und schließen so den Nährstoffkreislauf. In der Konzipierung der Ökotoiletten steht wirklich die Benutzerfreundlichkeit an oberer Stelle. Ein Lüftungsrohr und die Zugabe von Holzspänen sorgen für Geruchsneutralisierung. Das ausgeklügelte Konzept im Innenraum setzt Maßstäbe in Hygiene und Gemütlichkeit. Oder anders gesagt: da kann man es aushalten. Man kann sie mieten – wie man es von den Plastik-Schwestern kennt. Oder auch kaufen.

„Durch die Verwendung nur bester Holzmaterialien überzeugen unsere Produkte in Robustheit und halten bei ordnungsgemäßer Pflege ein Leben lang. Gern konzipieren wir auch individuelle Lösungen speziell für Ihren Gebrauch“, ist zudem auf der website zu lesen.

Aber wie und wann kam die Idee auf?

Ich frage nach bei Julian Smitter, neben Christian Liese einer der Firmengründer aus Hamburg und zuständig fürs Marketing, PR und Nachfragen wie von mir.

 „Die Idee schwirrte uns bereits längere Zeit im Kopf herum. Im Sommer 2010 besuchten wir ein alternatives Musikfestival in Portugal. Dort wurden den Besuchern größtenteils Komposttoiletten zur Verfügung gestellt. Die Toiletten waren recht funktional und einfach gebaut, dennoch bereits um einiges angenehmer als die klassischen Chemietoiletten. Wir haben uns damals die Frage gestellt: ‚Warum nutzen nicht alle Veranstaltungen Komposttoiletten als mobile Sanitäranlagen?‘“

Die „Macher“: Julian Smitter und Christian Liese (v.l.)

Und in der Tat – die ´Ökojen` sind hell und im ganzen Wirken und Nutzen eine echte Überraschung. Man muss sie ja nicht gleich beim immer nassen Hurricane-Festival in Scheeßel oder in Wacken einsetzen. Aber Veranstalter mit „gehobenem Publikum“ wie etwa bei einem Wein- oder Nachbarschaftsfest sind gut beraten, sich mit diesen ´Ökojen` allein wegen ihrer Nutzerfreundlichkeit zu befassen.

Selbst dem Künstler Andreas Slominski glückte 2016 nur bedingt, den Plastikhäuschen eine Ästhetik abzuringen. (Foto: deramag.de)

„Als Christian und ich Anfang 2016 eine längere Zeit gemeinsam in Indonesien reisen waren, haben wir den Entschluss gefasst, das Projekt ÖKOJE zu starten. Die grundsätzliche Idee ist nachhaltige Sanitärsysteme in ansprechender Art zu entwickeln und dadurch bekannter machen“, so Smitter weiter. Und jetzt kommt der Bonus-Punkt oben drauf. Denn wo genau geht denn der „Mist“ danach hin?

„Aus den vermeintlichen Abfällen, die normalerweise mit viel Wasser weggespült und aufwendig mit Chemie gereinigt werden müssen, werden durch die Ökotoilette nutzbare Nährstoffe. Die Hinterlassenschaften sind vollständig kompostierbar und werden zu nährstoffreicher Humuserde. Der natürliche Kreislauf wird so aufrechterhalten.“ 

Fürs Händewaschen pumpt man mit dem Fuß den Wassertank.

Kurzum: was wir von Rindviechern als „Gülle“ nutzen, können wir fortan auch mit uns selbst verwerten.

Ganz günstig ist der Bio-Stuhlgang allerdings nicht. „Der direkte Preisvergleich zur klassischen Plastik-Chemietoilette hinkt etwas, da unsere Toiletten neben der Umweltfreundlichkeit auch in puncto Benutzerfreundlichkeit viel anspruchsvoller sind. Dennoch würde ich schätzen, dass eine ÖKOJE für ca. 30% mehr zu haben ist“, so Julian Smitter. Die herkömmlichen werben mit Preisen ab etwa 30,- € je „Örtchen“ am Tag. Allerdings sind immer auch Anlieferung und Abholung einzukalkulieren. Alles Kosten, die zum einen sich bei Events nicht verhindern lassen. Aber wenn sie schon notwendig sind, ist der Aufpreis samt Aha-Erlebnis und Dankbarkeit der Besucher mehr als eine Kalkulation wert.

Und? Wird es angenommen? „Unsere derzeitigen Kunden sind Veranstalter von kleinen bis mittelgroßen temporären Events, die die Wichtigkeit von benutzerfreundlichen Toiletten verstehen und ihre Veranstaltungen ökologisch sinnvoll aufbauen wollen. Unsere Erfahrung zeigt, dass äußerst viele Veranstalter eine große Affinität zur nachhaltigen Eventkultur mitbringen und auch bereit sind, dafür etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen. Sobald die Toiletten einmal gemietet bzw. genutzt wurden, ist die Resonanz durchweg positiv.“

Fazit: liebe Veranstalter, die nächste Open-Air-Saison kommt und dann wird es Zeit, mal einen echten Komposthaufen zu setzen!

Weiterführende Links: www.oekoje.de, facebook.com/oekoje und pinterest.com/oekojetoilet

Oder einfach den Beitrag von „Buten un Binnen“ schauen …

 

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