Kunsthaus Stade zeigt Werkschau des (un-)bekannten Harburger Künstlers

Retroperspektive von Heino Jäger

Heino Jaeger - ohne Titel; Sammlung Hofmann

Das  Kunsthaus Stade hat ein Gedenkjahr der besonderen Art eröffnet: bis zum Juni 2022 wird eine Werksschau von dem Harburger Heino Jäger gezeigt.

Ein Mensch hat keinen Schnabel, Köpfe wachsen nicht aus Regenrinnen und selbstverständlich wusste Heino Jaeger auch, dass es nicht „Retroperspektive“ heißt. Sein Werk strotzt vor Ironie und Skurrilität, die bei ihm zumeist in Darstellungen des Alltäglichen zu finden sind. Doch der vermeintliche Humor ist nur eine Lage seines vielschichtigen Werkes, denn Jaegers Kunst erzählt gleichsam von Vereinsamung, Trostlosigkeit und menschlichen Abgründen.

Die Bombardements der Kriegsjahre in Hamburg und Dresden prägen den Lebensbeginn des 1938 in Harburg geborenen Künstlers. Wenige Jahre nach Ende des NS-Regimes nimmt sich der Vater, der als Fotograf ein eigenes Studio in Harburg betreibt, das Leben. Die Mutter arbeitet als Schneiderin und zieht mit bescheidenen Einkünften drei Kinder groß. Jaeger beginnt eine Ausbildung als Stoffmusterzeichner an der Hamburger Landeskunstschule, wo seine Begabung erkannt wird und er nach Abschluss der Lehre ein Kunststudium in der Klasse von Alfred Mahlau aufnehmen kann. Anschließend wird er als wissenschaftlicher und museumspädagogischer Zeichner an verschiedenen norddeutschen Museen tätig. Zwei Jahre lang konzipiert und erstellt er gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Harold Müller das „Panorama der Jahrtausende“, ein raumfüllendes Diorama im damaligen Helms-Museum.

Parallel zum bildnerischen Schaffen entwickelt Jaeger sein sprachkünstlerisches Werk. Mit Bühnenauftritten, Radiobeiträgen sowie einer ersten LP gewinnt er in den 1970er-Jahren an Popularität. Im Anschluss an seine kontrovers diskutierte Präsentation „Ein Maler des Deutschen Reiches stellt in der ehemaligen Reichshauptstadt aus!“, 1972 in Berlin, wird ein Dokumentarfilm über Jaeger gedreht. Auf Ausstellungen folgen Bühnenshows und ein Fernsehauftritt. 1975 unternimmt Jaeger den einjährigen Versuch einer Auswanderung nach Thailand. Zurück in Hamburg werden weitere Schallplatten und die Sendereihe „Dr. Jaeger antwortet“ im Süddeutschen Rundfunk produziert. Parallel dazu treibt Jaeger sein bildnerisches Werk voran, es bleibt der Grundpfeiler seines Schaffens.
Bereits in früher Jugend porträtiert und karikiert Jaeger sein Umfeld oder bringt fantasievolle Szenen aufs Papier. Bis in seine letzten Lebensjahre entstehen Gemälde und Grafiken. Trotz eines selbstverursachten Wohnungsbrandes, bei dem viele Arbeiten vernichtet wurden, sind über 2.000 Werke in zum größten Teil privaten Sammlungen erhalten geblieben.

In realistischem Zeichen- und Malstil führt Jaeger seine Beobachtungen aus. Alte Gebäude, Straßenszenen und Landschaften gibt er nach der Erinnerung, nach Postkarten und Büchern mit Stift oder Pinsel wieder. Viele Schilderungen werden von Jaeger stark inszeniert, um auch die Vergangenheit darin einzubetten: brennende Züge, zerstörte Häuser, Deformationen an Leib und Seele. In den oft überspitzten Darstellungen mit teils mutierten oder technisierten Figuren gibt Jaeger eine von ihm wahrgenommene Wirklichkeit wieder. Er macht seine Visionen eines beschädigten, menschenbesetzten und gleichsam entmenschlichten Miteinanders sichtbar. Die rätselhaft grotesken Veränderungen erinnern an das von Jaeger verehrte Werk Hieronymus Boschs, dessen satirische Sittenmalerei von Fantastik strotzt. Friedvoll hingegen erscheinen seine Landschaften und Gebäude, selbst wenn es darin brennt oder nur Ruinen zu sehen sind.

Zur Biografie hier: www.museen-stade.de

Ausstellung
Die Ausstellung im Kunsthaus Stade widmet Heino Jaeger eine umfassende Retrospektive und präsentiert über 300 Grafiken und Gemälde, die in mehr als 40 Jahren Schaffenszeit entstanden sind. Auf drei Etagen wird seine bildende Kunst vorgestellt, durch Einblicke ins Familienalbum und ausgestellte Dokumente kann die Person entdeckt werden.

Kunsthaus Stade, Wasser West 7, 21682 Stade, Tel. 0 41 41 – 79 773 20
info@museen-stade.de, www.museen-stade.de

Tages-Ticket 8 € | Sozialtarif 4 €; 3 Tages-Ticket 12 € | Sozialtarif 6 €
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei

Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10-17 Uhr; Mi 10-19 Uhr, Sa und So 10-18 Uhr

 

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