Ein Gastbeitrag

Zeit vergeht? Zeit entsteht?

Ulrike Hinrichs: Schnecke

 „Die Zeit ist schnell vergangen“, sagen wir. Aber vergeht die Zeit wirklich oder entsteht sie vielleicht eher? Was Zeit überhaupt ist, stellt auch die Physik vor ungeklärte Fragen.

Von Ulrike Hinrichs

Was ist Zeit? Wir erleben die Zeit als einen beständigen Fluss, der eine Richtung in die Zukunft hat. Uhren suggerieren uns, dass Zeit etwas Absolutes und Regelhaftes ist. Eine Minute hat 60 Sekunden, eine Stunde 60 Minuten. Diese Idee haben wir von Newton gelernt, der uns lehrte, dass die Zeit überall im Universum gleich und ohne Bezug zum äußeren Beobachter ist. Einstein fand heraus, dass die Zeit nur relativ zum Raum existiert. Die Zeit geht langsamer, je höher die Geschwindigkeit oder je stärker das Gravitationsfeld ist. Bei Lichtgeschwindigkeit oder in einem schwarzen Loch vergeht daher nahezu keine Zeit.

In unserem individuellen Alltag wirkt sich die Theorie kaum aus, meinen wir, so dass wir das Vorrücken der Uhrzeiger auf dem Ziffernblatt als Vergehen der Zeit betrachten.

Richard M. Muller, Professor für Physiker an der University of California konstatiert in seinem Buch JETZT. Die Physik der Zeit, dass die Bedeutung der Zeit nur eines von vielen Phänomenen sei, die die Physik noch nicht verstehe. Die Zeit sei flexibel, dehnbar und könne sich sogar umkehren. Diese Effekte seien so stark, dass sie bei der Konstruktion von GPS-Satelliten berücksichtigt würden, so Mueller (S. 25).

Indigene Kulturen haben ein ganz anderes Verständnis von Zeit als wir, welches dem Stand der Wissenschaft näher kommt als unser Zeit-Konstrukt. Die Zeit wird geboren, erfahren und man kann in ihr leben.

Auch eine Fliege hat eine andere Wahrnehmung der Zeit. „Wie wir Menschen die Bewegung des Jetzt, das Fließen der Zeit wahrnehmen, hängt offensichtlich davon ab, wie viele Millisekunden es dauert, bis ein Signal von einem Auge, einem Ohr oder einer Fingerspitze  zum Gehirn gelangt und dort aufgezeichnet, wahrgenommen und erinnert wird. Bei Menschen sind das einige Zehntelsekunden, bei einer Fliege nur wenige Tausendstelsekunden. Das ist der Grund, warum es uns so schwerfällt, eine Fliege zu fangen. Für die Fliege nähert sich die bedrohliche Hand in Zeitlupe …“, schreibt Mueller (S. 19).

Warum sollte mich das alles interessieren, fragen Sie sich vielleicht.

„Der vorderste, expandierende Rand der Zeit ist das, was wir als Jetzt bezeichnen, und der Fluss der Zeit ist die ständige Erschaffung von neuen Jetzts“, beschreibt Muller nahezu poetisch (S. 11).

Macht es für Sie einen Unterschied, ob die Zeit vergeht oder entsteht? Für mich schon. Dem Entstehen von Zeit ist etwas Kreatives, Schöpferisches immanent. Wir können mit dieser Perspektive die Zeit erfahren und in ihr leben, schöpfen, gestalten und kreativ sein.

 

 

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