Der kulturelle Rückblick 2025: Jan-März

Planeten, Theater, Literatur

Das ehemalige Karstadtgebäude war und ist 2025 ein Dauerthema in Harburg. (Foto: S. Schnell)

Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

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