Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Essen auf Rädern

Essen und Kultur - ein Augenschmaus! (Foto: S. Alphonso)

Ich heiße Sophie und ich bin Denkerin.
Ich denke etwas angewidert: Es isst. Eine Unsitte breitet sich aus: Essen im Bus. Ob Döner, Pizza oder Chicken Nuggets mit Ketup und Majo – Hauptsache mit den Händen. Ich gehöre wohl zu einer aussterbenden Art mit meiner altmodischen Vorstellung von einem Esstisch, an dem man Platz nimmt, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Ein bisschen kann ich diejenigen natürlich verstehen, die zuhause nicht kochen: sie möchten nicht, dass ihr Essen kalt wird. Und im Sitzen ist es gemütlicher, als an der Bushaltestelle stehenzubleiben.
Trotzdem tu ich mich schwer mit dieser neuen Esskultur. Immer mehr Eltern speisen gemeinsam mit ihren Kindern im Bus. Ich fragte mal nach und ließ auch durchblicken, dass ich das ein wenig unappetitlich finde. Wieso? Nun ja, ich dachte wegen der fettigen Finger, die dann alles Mögliche anfassen, Haltestangen beispielsweise. Aber ich hatte falsch gedacht, denn die angesprochene Mutter meinte, sie würde sich nicht festhalten und ihre Tochter auch nicht, die wäre dafür zu klein.
Ich vermute, sie sähe auch kein Problem darin, die Füße hochzulegen. „Die Schuhe sind sauber“, hörte ich sie im Geiste meine imaginären Widerworte abwehren.
Eigentlich sollte ich mich längst daran gewöhnt haben, dass viele Fahrgäste eine Position einnehmen, als wären sie alleine im Bus. Besonders beliebt bei denen: Stehplätze, die den Weg für andere versperren und Sitzblockaden. Und der neueste Trend eben Essecken.
Bin ich eine Schlafmütze, wenn ich diesen Kulturwandel lieber verpennen würde? Dann könnte ich mich einfach hinlegen und umdrehen, um unzivilisiertes Verhalten nicht mit ansehen zu müssen.

(28. Jan. 2017, SZ)

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