Krankheit als Bild

Wenn ein Symptom ein Tier wäre? Ulrike Hinrichs

Kunst und Körper sprechen dieselbe Sprache. Wir können die Sprache des Körpers mit der Kunst übersetzen, um Krankheiten besser zu verstehen. Neben der immer vorrangig wichtigen ärztlichen Behandlung kann der unterstützende kreative Ausdruck zu ganz neuen Perspektiven führen.

von Ulrike Hinrichs

Das Gehirn verwandelt Psychologie in Biologie, beschreibt es der Neurowissenschaftler und Arzt, Prof. Joachim Bauer. Psychische Störungen und Prozesse finden im Körper einen Ausdruck, wenn sie im sprachlosen Raum gefangen sind. Neben den so genannten „holy seven“, den typischen psychosomatischen Erkrankungen, die sich durch Körpersymptome zeigen gibt es somatoforme Störungen, bei denen keine körperliche Ursache für die Beschwerden zu finden sind. Bei den Konversionsstörungen wird ein psychischer Konflikt in ein körperliches Symptom konvertiert. Das sind klassischerweise Symptome mit Symbol, Ausdrucks- oder Aufforderungscharakter. Der Körper „übernimmt“ das Problem, die Psyche wird entlastet.

Hier kommt nun die Kunst als Übersetzungshilfe ins Spiel. Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der zwei Grundformen des Denkens unterscheidet, beschreibt das schnelle assoziative Denken im Gegensatz zum langsamen rationalen Denken. Die Ethnologin Dr. Kessler spricht vom wilden Denken, das eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervorbringt. In diesem Sinne sind Kunst und Körper Ausdrucksformen dieses schnellen wilden Denkens. Um das wilde Denken zu erwecken, wechseln wir von der analytischen Sprache unseres Verstandes (linke Hirnhälfte) auf die Bildsprache unserer fühlenden Seite (rechte Hirnhälfte). Unsere bildhafte Sprache liebt Mythen, Märchen und Geschichten, Kunst und Musik, eben alles was wir fühlen können und uns im Herzen berührt. Wenn ich von Kunst rede, meine ich den kreativen Ausdruck, der jenseits von gesellschaftlichen Bewertungskriterien zu finden ist.

Kunst und die Kraft zur Imagination sind ein evolutionärer Jackpot. Kunst und Körper mit ihren Ausdrucks- und Wahrnehmungsformen präsentieren uns ihre Geheimnisse, wenn wir die metaphorische Sprache entschlüsseln lernen. Um Körpersymptome zu übersetzen, können wir die Erkrankung in ein Symbol wandeln. Besonders eignen sich Tiere.

In einem Fall aus meiner Praxis litt die Klientin an einer Neurodermitis, einer chronischen Hauterkrankung. An den betroffenen Stellen lassen sich Ekzeme finden, die sehr starken Juckreiz auslösen. Häufig zeigen sich die Ekzeme an Armbeugen und Kniekehlen, im Hals- und Gesichtsbereich aber auch an den Händen. Der Juckreiz variiert je nach Körperstelle, Tageszeit und subjektiver Belastung. Erlösung erfährt der Betroffene durchs Kratzen. Das führt zu einem Teufelskreis aus unerträglichem Juckreiz und einem Kratzen, das die Symptome dann noch verschlimmert.

Symptome im Zusammenhang mit der Haut, die als Berührungs- und Schnittpunkt zur Außenwelt dient, weisen auf das Thema Grenzen. Die Haut bringt uns in Kontakt mit anderen in der Welt. Über sie erleben wir Beziehung, Berührung und Zärtlichkeit. Wenn wir uns Neurodermitis auf einer Symbolebene anschauen, dann scheint der  Organismus bereit für eine Revolte. Die Seele juckt, es brennt lichterloh. Unterdrückte Aggressionen suchen sich brutal ihren Weg.

Die Übersetzung der Sprache des Körpers folgte in diesem Beispielfall durch die Wandlung des Symptoms in ein Tier. Tiere sind archetypische Symbole, auch als solche bringen sie wertvolle Informationen. Schon die Lebensweise, das Beziehungsverhalten und die Stärken und Schwächen der Tiere können oft Problemlösung andeuten. Krafttierzuschreibungen aus der schamanischen Tradition helfen ebenfalls weiter. Sie zeigen die lichte kraftvolle Seite des Schattenthemas.

Oft berichten die Klienten, dass das Bild im Kopf in der Umsetzung auf dem Papier nochmal ganz anders aussieht. Bereits diese Transformationsprozesse, vom Symptom zum Symbol, vom Symbol zum Kunstwerk, schaffen einen Perspektivwechsel. Im Kunstwerk zeigen sich dann oft noch überraschende neue Impulse. Durch freies Assoziieren im Gegensatz zum bewertenden Interpretieren können wir das wilde Denken erwecken. Mir kamen beim Krokodil unter anderem folgende Assoziationen:

„Nach außen glänzt und blitzt das Reptil mit seinen goldenen Pailletten auf dem Körperpanzer. Die alte weise Dame hat sich schick gemacht mit pinken Fingernägeln. Auch die Augen mit schwarzgefärbten Wimpern wirken weiblich verführerisch. Mit letzter Kraft versucht es Aufmerksamkeit zu ziehen mit dem imposanten Schuppenpanzer. Aber all das Schöne und Glitzernde erlischt unter der Schwere und Kraftlosigkeit. Ich höre es sagen: Ich kann nicht mehr. Halte mich, hab mich lieb. Aber auch: lasst mich doch alle mal in Ruhe.“

Die Gedanken berührten die Klienten sehr, da das Thema für sie passte. Meine Erfahrung ist, dass wir über den kreativen Ausdruck in Resonanz mit dahinter liegenden Themen gehen.

Das kurz skizierte Beispiel soll nur ein kleiner Appetitmacher sein, wie die Kunst als Sprache funktioniert. Mehr Beispielfälle zu „Krankheit als Bild“:  loesungskunst.wordpress.com

 

 

 

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