Neues Fachbuch „Wertewandel in der Kulturellen Bildung“ erschienen:

Neue Welt – neue Bildung?

Foto: DerSpecht.de

In den 70er Jahren war selbstbestimmt „in“. Ist dies aber noch ein Modell für die heutige Zeit? Ein Fach-Buch sucht Antworten.

Werte definieren, wonach wir als Individuen und als Gesellschaft streben – in der Kulturellen Bildung gibt es seit den 1970er Jahren eine Verständigung über Grundprinzipien und Ziele, die weit über die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur stehen: Persönlichkeitsentwicklung, Teilhabe, Partizipation oder das Prinzip der Selbstbildung. Die Selbstbildung etwa steht in einem gewissen Widerspruch zur Vermittlung von Werten. Können wir also überhaupt Werte wie Gleichberechtigung, Kunstfreiheit oder Demokratie im Zuge kultureller Bildungsarbeit vermitteln, wenn wir auf das Prinzip der Selbstbildung setzen? Und wenn wir das Prinzip der Selbstbildung als primär gesetzt betrachten, wie positionieren wir uns gegenüber jungen Zielgruppen, die aufgrund anderer kultureller Hintergründe und Erfahrungen, ein anderes Werteverständnis haben und beispielsweise Gleichberechtigung als Wert ablehnen? Migration, Flucht, Globalisierung, Medialisierung, Alterung der Gesellschaft oder auch soziale Spaltung sind starke Bewegungen, auf die Kulturelle Bildung Antworten finden kann und vielleicht sogar muss. Wie sieht es beispielsweise mit dem Prinzip der Freiwilligkeit in Zeiten des Ausbaus der Ganztagsschulen aus? Wie steht es um die „digitale Transformation“ unserer Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf jugendliche Lebenswelten? Und wie sieht es mit weiteren Veränderungsprozessen wie dem ökonomischem Wachstum und der fortschreitenden sozialen Spaltung aus? Sind dies auch Themen der Kulturellen Bildung? Können solche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse auch Einfluss auf die Konzeption der Kulturellen Bildung haben?

Mitherausgeberin Prof. Dr. Susanne Keuchel

Die Schriftenreihe „Perspektivwechsel Kulturelle Bildung – Fortbildung, Fachdiskurs, Forschung“ greift mit diesem immerhin gut 300 Seiten starkem Buch diese Fragestellungen auf, um notwendige Aktualisierungen der kulturpädagogischen Praxis zu prüfen. Die gestellte Frage nach dem Einfluss wandelnder Werte auf Kulturelle Bildung ist eine weitreichende und sehr grundsätzliche Frage, die nicht nur den Sozial- und Kunstpädagogen betrifft. Ihn aber umso mehr.

Das nun erschienene Buch debattiert zwischen „Instrumentalisierung“ und „Modernisierung“ einige Facetten des gesellschaftlichen Wandels und regt eine Debatte an, ob und inwiefern sich Kulturelle Bildung im Zuge aktueller gesellschaftlicher Transformationen und eines gesellschaftlichen Wertewandels verändert bzw. verändern sollte.

Das erste Kapitel dieses Buchs liefert Fachdiskursbeiträge zum Thema „Wertewandel“. In ihrem einleitenden Beitrag fasst etwa Mitherausgeberin Susanne Keuchel zunächst ganz allgemeine Erkenntnisse zum Stand der Werteforschung zusammen und betrachtet das Wechselspiel von „Zeitgeist“, Werten und normativer Pädagogik. Von den 1970er Jahren zieht sie eine thematische Linie zur Entstehungsgeschichte der Kulturellen Bildung und ihrer Weiterentwicklung bis heute und fragt, ob sich das Feld der Kulturellen Bildung vor diesen Hintergründen neu positionieren und aufstellen muss?

Ein weiterer Beitrag „Kulturelle Bildung und die Krise der freiheitlichen Demokratien“ („Creativity Culture and Education“) nimmt eine gesamteuropäische Perspektive ein. Mit Blick auf den aktuell sich ausbreitenden Rechtspopulismus in Europa wird auch die Frage gestellt, ob und inwiefern Kulturelle Bildung überhaupt einen Beitrag zur Lösung solch grundsätzlicher Probleme zu leisten vermag.

Digitalisierung und „Big Data“ sind weitere Themen wie auch die Selbstökonomisierung Kultureller Bildung. Einen besonderer Fokus liegt dabei auf dem Bereich der allgegenwärtigen „Qualitätssicherung“, der aber eben Inhalte auf Ökonomisierungssemantiken reduziert. Das Konzept der „Lebenskunst“ in einem weiteren Beitrag wird dem regelrecht gegenübergestellt.

Ausstellung „Willkommen im Anthropozän“ (2014 bis 2016). Foto: Deutsches Museum)

Der zweite Teil behandelt die „Forschung und Modellvorhaben“. So etwa die Ausstellung „Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde“, die 2014-2o16  im Deutschen Museum München zukunftsrelevante Themen bearbeitete wie den Klimawandel. Weiteres Thema sind hier aber auch zielgruppenbezogener Förderprogramme wie etwa für „benachteiligte Kindern und Jugendliche“. Der dritte Teil beleuchtet den „Wertewandel in Methodik und Fortbildung“. Beispiele aus dem Bereich der Computerspiele werden beleuchtet, Wertevermittlung über digitale Medien erklärt oder auch die „kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit der nächsten Generationen im Blick.

Ein Buch von und für Profis und die es werden wollen. Aber nicht nur. Die Vielzahl von Autor*innen, Themenbereiche und Forschungsständen gibt nicht nur erweiternde Einblicke in das Thema Kulturelle Bildung. Es zeigt auch manches Dilemma von ihr. Es fehlt zuweilen an klarer Haltung, klarer Positionierung und auch Differenzierung. Und wenn es nicht aus den Reihen der Profis selbst einem Wandel unterzogen wird, wird sie vermutlich viele ihrer durchaus errungen Erfolge selbst der Ökonomisierung ausliefern.

Susanne Keuchel, Viola Kelb (Hg.): Wertewandel in der Kulturellen Bildung

Sept. 2017, 268 Seiten, kart. ISBN 978-3-8376-3813-4, 39,99 €

transcript-verlag.de

Related Post

Druckansicht    

Facebook Kommentare