Wenn Political correctness zur Ideologie wird

Superheldin - Kreativer Begegnungsraum für Hochbetagte

Es ist richtig und wichtig, dass wir in unserer Sprache darauf achten, andere nicht zu diskriminieren. Das Herz sollte dabei allerdings nicht auf der Strecke bleiben.

von Ulrike Hinrichs

Ich bin Mitglied einer facebook Gruppe in der sich Kunsttherapeut*innen austauschen. Eine Teilnehmerin bat die Gruppe um eine Idee für die Arbeit mit Geflüchteten. Ich stellte ein Praxisbeispiel aus meiner Gruppe mit Menschen im letzten Lebensabschnitt vor. Ich nannte sie in meinem Kommentar ahnungs- und arglos „Die Alten“, auch weil sich die Malgruppe selbst so nennt. Wir hatten erst im November 2021 auf dem Harburger Kulturtag eine Ausstellung unter dem Titel „Alt war gestern“. Unter anderem hatten die Teilnehmer*innen ein Bild mit Apfelbäumen als gemeinsame Collage erschaffen. Der von der Gruppe vorgeschlagene Titel  lautete liebevoll „Zusammen sind wir Altes Land“.

Bisher wurde ich noch nicht von der Sprachpolizei angehalten. Ich achte auf meine Worte. Worte schaffen Bilder, schließen ein oder aus. Daher ist die Wahl der Worte für eine Gemeinschaft, in der alle dazugehören, wichtig.

Nun aber wurde ich heimtückisch erwischt und wegen Diskriminierung gerügt. O-Ton: Der Begriff „Alte“ ist diskriminierend, hieß es in einem Kommentar der „Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit und Kreativitätsförderung“.

Diese Rückmeldung motivierte mich, sowohl die Fakten zu beleuchten, als auch die Herzen zu befragen. Ich darf vorwegnehmen, die Rüge ist sowohl rechtlich als auch sprachlich falsch. Zudem unterminiert sie Herz und Seele.

Die spröden Fakten: Als ehemalige Anwältin bin ich gut vertraut mit dem Antidiskriminierungsgesetz und den Grundrechten. Die Grundrechte sind eines meiner Steckenpferde. Um meine Reputation zu unterstreichen, darf ich darauf hinweisen, dass ich im Kontext der Grundrechte bereits Fachbücher und Schulbücher veröffentlicht haben (z.B. Unsere Tochter nimmt nicht am Schwimmunterricht teil, Verlag an der Ruhr).

Aus rechtlicher Sicht darf niemand wegen seines Alters diskriminiert werden. Und das ist gut und richtig. Auch darf man nicht über „die Alten“ wie Objekte sprechen. Die Definition der WHO lau­tet: „Altersdiskriminierung liegt vor, wenn das Alter benutzt wird, um Menschen auf eine Art zu kate­go­risieren und einzuteilen, die zu Schaden, Nachteilen und Ungerechtigkeiten führt und die Solidarität zwischen Generationen untergräbt.“

Die Altersfeindlichkeit oder auch Altersdiskriminierung beschreibt also die Ausgrenzung sowie die Herabwürdigung von Menschen eines gewissen Alters. Das Wort „alt“ oder „Die Alten“ allein sagt darüber gar nichts aus. Es geht um den feindlichen, ausgrenzenden Kontext. Man kann aber nicht von einer Diskriminierung sprechen, wenn sich eine Malgruppe von rund zehn Menschen um die 90 Jahre liebevoll selbst so bezeichnet, wie man sie dann auch nennt. Auch kann man einzelne Menschen und Gruppen so betiteln, wie es die deutsche Sprache vorsieht, wenn man sie damit nicht herabwürdigend ausgrenzt. Wer alt ist darf als alt bezeichnet werden. Wer Kind ist, darf als jung bezeichnet werden.

Nun kann man sich allerdings fragen, ab wann man zu den Alten gehört. Vielleicht bin ich das mit 57 Jahren auch schon? Fragen wir die Koryphäe, Frau Dr. Adelheid Kuhlmey, Leiterin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité und wissenschaftliche Direktorin des Charité-Centrums für Human- und Gesundheitswissenschaften: „Ab wann ist überhaupt jemand alt? Biologisch definieren wir, dass ein Mensch alt ist, wenn die Hälfte seiner Geburtskohorte bereits verstorben ist. Daran sehen Sie, dass heute weder die 60- noch die 70-Jährigen alt in diesem Sinne sind. Bei heutiger Lebenserwartungssituation kann, der Definition folgend, ein Mensch als alt bezeichnet werden, wenn er über dem 80. Lebensjahr ist.“

Auch nach dieser gerontologischen Definition sind die von mir betreuten Menschen, alle um die 90 Jahre und darüber, alt.

Allein die Fakten mögen unsere Herzen nicht beruhigen. Fakten bleiben im Gehirn hängen und versickern. Das Herz rebelliert. Daher noch etwas Fühliges zum Abschluss. Die Teilnehmer*innen des „Kreativen Begegnungsraum für Hochbetagte“, der Woche für Woche dem späten Leben einen kreativen Schub verpasst, haben nichts dagegen, dass man sie „Die Alten“ nennt. Ich habe heute extra nochmal nachgefragt. Im Gegenteil, sie nennen sich mit viel Herz und Liebe selbst so, darauf habe ich schon beim Faktencheck hingewiesen.

Wer Wörter verbieten will, die mit Liebe und Seele aufgefüllt sind, hat das Thema Antidiskriminierung nicht verstanden.

Es grüßen die Alten und ich. Ulrike Hinrichs 2022

 

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